Es kam die Nachricht, dass vor dem LaGeSo in Berlin sei ein junger Mann vor Kälte gestorben sei; niemand fand sie unwahrscheinlich. Die politische Realität ist zu einem Zerrspiegel ihrer selbst geworden. Wir wandern durch Fußgängerzonen, wo uns bekannte Werbung entgegendröhnt, Güter und Verkauf, aber wir merken, dass sich etwas verändert hat und dass diese Welt nicht mehr nach den Regeln und Normen unserer gewohnten Welt funktioniert. Und das betrifft nicht nur Deutschland.

Der erste Fehler, den man hier machen kann, ist, von der „Flüchtlingskrise“ zu sprechen. Menschen fliehen, kommen ins Land. Sie bringen Kinder, was wir dringend brauchen. Das ist gut. Das muss gut organisiert werden. An der Organisation scheitert die deutsche Politik gewaltig. Das ist schlecht. Aber noch nicht fatal. Sie kosten Geld. Etwa ein Zehntel von dem, was Steuerflüchtlinge kosten. Und langfristig bringen sie Geld, über eine lebendige nächste Generation.

Nein, das hier ist keine Flüchtlingskrise. Es ist eine Wertekrise. Deutschland ist, so sagt man, ein christlich geprägtes Land. Dieses Land lehnt es in weiten Teilen ab, schutzbedürftige Fremde einzulassen. Die gute Nachricht ist: die Menschen, die wirklich rechtsradikal denken, sind eine Minderheit. Sie mag laut in den sozialen Medien sein, aber sie ist eine Minderheit. Die schlechte Nachricht ist: es braucht nicht mehr als eine Minderheit, die rechtsradikal denkt und handelt. Und eine stille Mehrheit, die sie dabei angsterstarrt  beobachtet.

Das ist nur der Beginn unserer Probleme. Wir stehen an einem Abgrund des Wandels. Die Industriegesellschaft wandelt sich in eine Datengesellschaft um. Automatisierung erleichtert uns die Arbeit und wird Vollbeschäftigung unnötig und unmöglich machen. Nationalgrenzen weichen auf und Kompetenzen sind immer häufiger bei supranationalen Gebilden. (Sterben die Nationalstaaten?) Uns steht unmittelbar eine große Wirtschaftskrise bevor. Die Zeit der Konsumgesellschaft ist vorbei. Eine andere Gesellschaft tritt an ihren Platz. Was für eine? Das müssen wir jetzt entscheiden.

Und Menschen fühlen, dass wir am Rande dieser riesigen Veränderung stehen. Das macht sie unsicher und hilflos. Manche – die gebildeteren oder vernünftigeren oder einfach reflektierteren Menschen – äußern ihre Sorge auf Twitter, Facebook, Freunden gegenüber oder in solchen Blogbeiträgen. Bei anderen wird aus der Ohnmacht und dem Gefühl, dass auch die eigene Regierung völlig hilflos ist (was sie in Teilen auch wirklich ist) zu hilfloser Wut und zu Gewalt. Vielleicht hassen sie Fremde nicht einmal. Sie spüren aber, dass sie in 10 Jahren nicht so leben können, wie sie bisher gelebt haben und haben Angst davor und verstehen nicht warum, und siehe da, Flüchtlinge! Menschen, auf die man Dinge projizieren kann.

Mit großer Regelmäßigkeit in der Geschichte passiert es, dass sich durch technologischen Wandel gesellschaftliche Voraussetzungen verändern und das eine Wertedebatte nach sich zieht. Diese Wertedebatte geschieht häufig – weil wir Menschen es nicht wirklich anders können – in Form von Aufständen, Kriegen und Terror. Und überall auf der Welt können wir das jetzt beobachten. Von Russland, wo T-Shirts mit „Das schwule Europa wegbomben“ über den Tresen gehen, über Syrien, wo Daesh meint, den wahren Islam gefunden zu haben, bis Deutschland, wo jemand  aus Angst, dass nordafrikanische Männer alle unsere Frauen schänden werden, einen Brandsatz in ein bewohntes Flüchtlingsheim wirft. Emotion und Gewalt liegen nah bei einander und eine Wertedebatte ist immer sehr emotional.

Es ist in diesem Zusammenhang okay, wenn wir einfach mal offen und öffentlich sagen, dass uns das alles überfordert. Weil es nun mal wahr ist. Und weil Reden darüber hilft. Auch ich habe kein Rezept.

Ich weiß aber: da diese Wertedebatte im Moment klar vor uns steht, müssen wir sie führen. Es hilft nichts anderes. Erschrocken zuzusehen, wie das Böse sie einseitig führt und am Ende für sich entscheidet, ist keine zulässige Option. Gerade die reflektierten Menschen müssen jetzt darum kämpfen, die Mittel dieser Debatte zu bestimmen – in eine zivilisierte Richtung.

Das Böse™ sind dabei nicht Menschen. Es sind die verlockenden Ideen, die versprechen, aus der Ohnmacht zu helfen: der Hass auf Andere. Gewalt. Menschen kann man überzeugen. „Das Böse“ aber muss man bekämpfen.

Wir, die wir davon erschrocken sind, wie rechts unser Land sein kann, müssen selbst aufstehen und kämpfen. Kämpfen über Bildung. Kämpfen über Argumentation. Kämpfen über Aktion.
Denn vergessen wir nicht – nicht nur das Böse ist zurzeit aktiv wie nie. Auch das Gute. 3 Millionen Menschen in Deutschland haben ihre persönliche Zeit und ihr Geld investiert, um ehrenamtlich Geflohenen zu helfen und staatliches Versagen mit der Arbeit ihrer Hände aufzufangen. Und ja, das ist Kampf für Werte.

Das Wichtigste ist, aus der Schreckstarre und der Hilflosigkeit raus zu kommen. Um aus Hilflosigkeit rauszukommen, muss man konkrete Dinge tun. Das hilft am besten. Und es gibt viele Dinge, die jeder einzelne von uns tun kann.

Dazu gehört, aufzuzeigen, wo eigentlich gute Ideen rechts vereinnahmt werden,  damit sich so eine Querfront bildet. Wenn die EMMA anfängt, im Namen des Feminismus gegen Muslime zu hetzen. Wenn plötzlich unter dem Vorwand des Schutzes von Juden Hetze gegen eine andere religiöse Minderheit betrieben wird.

Dazu gehört, rechte Demonstrationen zu blockieren, immer und überall. Denn jede dieser Demonstrationen schürt Verschwörungstheorien über eine angebliche gesteuerte Überfremdung. Jede dieser Demonstrationen lenkt Gefühle der Machtlosigkeit in Hass um. Jede dieser Demonstrationen ist ein impliziter Aufruf zu Gewalt gegen Andersaussehende. Dagegen ist ziviler Ungehorsam mehr als gerechtfertigt.

Dazu gehört, es niemals stehen zu lassen, wenn Bekannte oder Familienmitglieder sich fremdenfeindlich äußern, sondern dem stets mit Argumenten zu widersprechen.

Dem Bösen muss man überall da begegnen, wo es sich zeigt. Vielleicht können wir so nicht die sich auflösende Wirtschaft in den Griff kriegen. Oder den europäischen Rechtsruck morgen aufhalten. Oder die Menschenrechte in der Türkei und Ungarn retten.

Aber wenn die Gesellschaft sich grundlegend ändert, können wir mit vielen kleinen Aktionen überall im Alltag mitbestimmen, in welche Richtung sie sich verändert. Überall, wo sich das manifestiert, was wir fürchten, können wir dem etwas entgegen setzen.

Das wäre ein Anfang.
Es wäre das Richtige.

Quelle: Marina Weisband