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title: "Ausgerechnet Jens Spahn: Sein Familienglück darf kein Privileg bleiben"
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date: 2026-07-18
modified: 2026-07-18
author: "Dirk Bachhausen"
description: "Dass ich als Kandidat für den Landtag einmal Jens Spahn gegen Rücktrittsforderungen verteidigen würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Doch der Skandal liegt in einer Familienpolitik, die Wohlhabenden im..."
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# Ausgerechnet Jens Spahn: Sein Familienglück darf kein Privileg bleiben

**Dass ich als Kandidat für den Landtag einmal Jens Spahn gegen Rücktrittsforderungen verteidigen würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Doch der Skandal liegt in einer Familienpolitik, die Wohlhabenden im Ausland ermöglicht, was sie allen anderen in Deutschland verweigert.**

Für mich steht Spahn wie kaum ein anderer für eine Politik der Macht, der Netzwerke und des persönlichen Vorteils. Seinen Politikstil, seinen Umgang mit Verantwortung und seine Fähigkeit, sich trotz zahlreicher Kontroversen immer wieder an der Spitze zu halten, habe ich oft scharf kritisiert. Daran ändert sich auch heute nichts.

Aber politische Gegnerschaft entbindet nicht von Fairness. Und in der Debatte um die Geburt seines Sohnes schießt ein Teil der Kritik weit am eigentlichen Problem vorbei.

## Familienglück ist kein Rücktrittsgrund

Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke sind mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden. Dazu kann meine erste Reaktion nur lauten: Herzlichen Glückwunsch.

Ein Kind, das gewollt ist, geliebt wird und in einer Familie aufwächst, die Verantwortung für es übernimmt, ist kein Skandal. Die sexuelle Orientierung der Eltern sagt nichts darüber aus, ob sie gute Eltern sein können. Familie entsteht durch Liebe, Fürsorge und Verlässlichkeit – nicht durch das Geschlecht der Menschen, die diese Verantwortung übernehmen.

Rücktrittsforderungen, die sich unmittelbar an Spahns Weg zur Vaterschaft entzünden, lehne ich deshalb ab. Sein Sohn darf weder zur politischen Waffe noch zum Gegenstand einer moralischen Abrechnung werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es keinen politischen Widerspruch gibt. Im Gegenteil: Dieser Widerspruch ist gewaltig.

Spahn hatte sich als Gesundheitspolitiker gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft ausgesprochen. Auch die CDU hält weiterhin an einem umfassenden Verbot fest und hat diese Position auf ihrem Parteitag im Februar 2026 noch einmal ausdrücklich bestätigt – einschließlich nicht-kommerzieller Modelle. Nun hat ausgerechnet einer ihrer mächtigsten Politiker im Ausland genau den Weg gewählt, den seine Partei Menschen in Deutschland verwehren will.

Das ist politisch unglaubwürdig. Man kann es Doppelmoral nennen. Man kann Spahn vorwerfen, privat von seinen finanziellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, während er politisch keine entsprechenden Möglichkeiten für andere schafft.

Aber ein Rücktritt löst dieses Problem nicht. Er würde keinem einzigen Paar helfen, keinem Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch und keiner queeren Familie. Wahrscheinlich würde er innerhalb der Union sogar diejenigen stärken, die jede Reform grundsätzlich ablehnen.

## Nicht strafbar – aber politisch widersprüchlich

In der aufgeheizten Diskussion ist außerdem eine rechtliche Klarstellung notwendig: Nach der derzeitigen deutschen Rechtslage haben sich Spahn und Funke mit ihrem Vorgehen nicht strafbar gemacht.

In Deutschland werden vor allem medizinische Handlungen zur Herbeiführung einer Leihmutterschaft sowie deren Vermittlung sanktioniert. Die Leihmutter und die Wunscheltern werden dagegen ausdrücklich nicht bestraft. Wer Spahn deshalb pauschal einen Gesetzesbruch vorwirft, stellt die Rechtslage falsch dar.

Der entscheidende Vorwurf ist also kein strafrechtlicher, sondern ein politischer: Spahn hat aufgrund seiner finanziellen Möglichkeiten einen legalen Weg im Ausland genutzt, während die von ihm geführte Union vergleichbare Möglichkeiten in Deutschland weiterhin ausschließt.

Genau darin zeigt sich die soziale Schieflage. Ein Verbot beendet den Kinderwunsch nicht. Es sorgt lediglich dafür, dass wohlhabende Menschen auf teure Angebote im Ausland ausweichen können. Menschen mit durchschnittlichem Einkommen bleibt dieser Weg dagegen faktisch verschlossen.

So entsteht eine Zwei-Klassen-Familienpolitik: Wer über ausreichend Geld, internationale Kontakte und juristische Beratung verfügt, findet eine Lösung. Alle anderen müssen verzichten.

## Leihmutterschaft darf kein unkontrollierter Markt werden

Trotzdem wäre es falsch, die ethischen Probleme der Leihmutterschaft kleinzureden.

Es gibt kein schrankenloses Recht darauf, dass ein anderer Mensch ein Kind für einen austrägt. Frauen dürfen nicht zu verfügbaren Körpern auf einem internationalen Fortpflanzungsmarkt werden. Kinder sind keine Ware. Wirtschaftliche Not darf niemals dazu führen, dass Frauen sich zu einer Schwangerschaft gedrängt sehen.

Gerade deshalb brauchen wir eine ernsthafte politische Debatte und einen strengen gesetzlichen Rahmen – statt eines Verbots, das die Realität lediglich ins Ausland verlagert.

Die von der Bundesregierung eingesetzte Fachkommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin hat 2024 ausdrücklich auf die ethischen, praktischen und rechtlichen Risiken hingewiesen. Sie hielt entweder die Beibehaltung des Verbots oder eine Zulassung nur unter sehr engen Voraussetzungen für vertretbar, beispielsweise bei einem bereits bestehenden engen persönlichen Verhältnis zwischen der austragenden Frau und den Wunscheltern.

Diese Vorsicht ist berechtigt. „Altruistisch“ darf nicht einfach zu einem Etikett werden, hinter dem sich weiterhin kommerzielle Interessen oder sozialer Druck verbergen.

Eine verantwortbare Regelung müsste Gewinne mit Schwangerschaften ausschließen, kommerzielle Vermittlung unterbinden und eine unabhängige medizinische, psychosoziale und juristische Beratung aller Beteiligten gewährleisten. Die austragende Frau müsste umfassend gesundheitlich und sozial abgesichert sein. Ebenso braucht es klare Regeln zur Elternschaft, zum Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und zu möglichen Konflikten während der Schwangerschaft.

Entscheidend ist: Die Selbstbestimmung der austragenden Frau darf niemals hinter dem Kinderwunsch anderer Menschen verschwinden.

## Herr Spahn, machen Sie aus Ihrem Privileg Politik

Jens Spahn steht nun vor einer ungewöhnlichen politischen Chance.

Er könnte versuchen, die Debatte auszusitzen, seine Entscheidung zur reinen Privatsache erklären und danach weiterhin die bisherige CDU-Linie vertreten. Das wäre bequem – und zutiefst unglaubwürdig.

Oder er könnte offen erklären, dass persönliche Erfahrungen seine Sicht verändert haben. Politiker dürfen ihre Meinung ändern. Sie müssen dann allerdings bereit sein, daraus politische Konsequenzen zu ziehen.

Spahn ist nicht irgendein CDU-Mitglied. Er ist Vorsitzender der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag und verfügt über erheblichen Einfluss. Er könnte eine ernsthafte Debatte innerhalb seiner Partei anstoßen. Er könnte für eine streng regulierte, nicht-kommerzielle Leihmutterschaft eintreten. Und er könnte dafür sorgen, dass der Zugang zu moderner Fortpflanzungsmedizin weder von der sexuellen Orientierung noch vom Kontostand abhängt.

Genau das sollte er jetzt tun.

> **Herr Spahn, nutzen Sie Ihr Amt. Kämpfen Sie innerhalb der Union dafür, dass Menschen mit Kinderwunsch nicht länger ins Ausland ausweichen müssen. Sorgen Sie für Rechtssicherheit und für den bestmöglichen Schutz der Frauen, der Kinder und der Wunscheltern.**
>
>
> **Machen Sie aus Ihrem persönlichen Privileg eine fair geregelte Möglichkeit für alle.**
Jens Spahn verdient keinen politischen Freibrief. Seine bisherige Politik darf und muss weiterhin hart kritisiert werden. Aber er und sein Ehemann verdienen Respekt als Eltern. Und Deutschland verdient endlich eine sachliche, moderne und soziale Debatte über Fortpflanzungsmedizin.

**Dass ich Spahn einmal verteidigen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber vielleicht kann er hier tatsächlich einmal etwas Gutes bewirken: nicht für die eigene Karriere, das eigene Netzwerk oder den persönlichen Vorteil – sondern für die Menschen in diesem Land.**