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Desinformation auf YouTube: Faktencheck-Organisationen schlagen Alarm

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro verbreitete immer wieder Falschinformationen. Trotzdem darf er weiterhin auf Youtube veröffentlichen. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Cris FagaDiese Woche haben über 80 Faktencheck-Organisation aus der ganzen Welt YouTube-Chefin Susan Wojcicki einen offenen Brief geschickt, um gegen die angeblich mangelhaften Maßnahmen der Videoplattform gegen Desinformation zu protestieren. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie habe YouTube nicht genug gegen die gezielte Verbreitung von Falschinformationen getan. In Konsequenz von YouTubes fehlendem Handeln seien Menschen gestorben und Existenzen ruiniert worden.
Neben den aktuell weitverbreiteten „Spaziergängen“ der Coronaleugner wird dieses Bild auch durch ein Blick auf die deutsche Impfstatistik bestätigt – rund 25 Prozent der Deutschen sind ungeimpft, darunter viele radikalisierte Impfgegner. Daher fordern die Faktenprüfer die Videoplattform auf, ihre Anstrengungen gegen Desinformation endlich zu erhöhen.
YouTube ist eine enorm erfolgreiche, stetig wachsende Videoplattform des Internetriesen Google. Schon 2017 wurden dort eine Milliarde Stunden Videos geschaut – pro Tag. Dank der Plattform ist es potenziell jedem möglich, innerhalb kürzester Zeit Millionen an Menschen zu erreichen. Allerdings wird diese Reichweite immer wieder zweckentfremdet: So werden dort Falschinformationen und Verschwörungstheorien öffentlichkeitswirksam verbreitet. Die Autoren des Briefes erklären, dass die Plattform auf diese Weise maßgeblich zur Entstehung der Querdenker-Gruppierung in Deutschland beigetragen hat. Heute ist die Bewegung international verbreitet.
Außerdem führen die Autoren mehrere destruktive Entwicklungen der vergangenen Jahre an, die aus ihrer Sicht maßgeblich durch die Videoplattform befeuert wurden. Häufig ging es dabei um die Untergrabung demokratischer Strukturen: So verbreiteten sich in den USA Narrative eines vermeintlichen Wahlbetruges. In den Monaten zum 6. Januar 2021 wurden Videos über die angeblich manipulierte US-Präsidentenwahl über 33 Millionen Mal angesehen. Anschließend folgte der Sturm auf das Kapitol – eine Krise, die bis heute Nachwirkungen hat.
Coronaleugner auf einer Demonstration am 18.12.2021 in Stuttgart - Alle Rechte vorbehalten IMAGO
Bisher hat YouTube Inhalte immer dann gelöscht, wenn sie gegen die eigenen Community-Richtlinien verstießen. Laut diesen dürfen auf der Plattform keine Falschinformationen hochgeladen werden. Des Weiteren sind keine irreführenden, sensiblen, gewaltverherrlichenden oder illegale Inhalte erlaubt. Um die aufzuspüren, verwendet YouTube einen Algorithmus, der fragwürdige Inhalte automatisch meldet. Anschließend werden die Videos von Menschen geprüft und bei Bedarf von der Plattform entfernt. Nur 0,4 Prozent aller erfolgreichen Meldungen kommen von echten Nutzern.
Dieses System ist aus Sicht von Expert:innen nicht gründlich genug. Wie Paweł Terpiłowski Chefredakteur der polnischen Faktencheck-Organisation Demagog Association gegenüber netzpolitik.org erklärt, übersieht Youtube immer wieder weitverbreitete Falschbehauptungen. Insbesondere polenspezifische Narrative würden seltener entfernt als solche, die auch im Ausland bekannt seien. Außerdem erfolgten Sperrungen von Kanälen sehr inkonsequent. In Deutschland hat YouTube beispielsweise den Kanal von Russia Today (RT) gesperrt – die amerikanische Version des russischen Propagandasenders ist allerdings weiterhin online. Die Videos des Kanals wurden bis heute circa 3,5 Milliarden Mal angesehen.
In einem Statement gegenüber netzpolitik.org entgegnet YouTube auf die Vorwürfe aus dem Brief, dass die Plattform viel zur Bekämpfung von Desinformation investiert habe. Der Konsum von „grenzwertiger Fehlinformation“, die auf Empfehlungsalgorithmen Youtubes zurückzuführen sei, liege bei deutlich weniger als einem Prozent aller Views auf der Plattform. Nur etwa 0,21 Prozent aller Klicks entfielen auf Inhalte, die später wegen Verletzung der Community-Regeln entfernt würden.
Um diese Angaben Youtubes in Perspektive zu setzen – ausgehend von etwa fünf Milliarden täglichen Klicks im Jahr 2022 wären das pro Tag rund 10,5 Millionen Aufrufe von Videos, die später wegen Verletzung der Richtlinien gelöscht werden.
Wieso Löschen nicht der einzige Weg sein darf
Aber für das einfache Entfernen der Inhalte sprechen sich die Faktenprüfer gar nicht aus. Vielmehr stützen sie sich auf neue Forschungsergebnisse: So erläutern sie, dass das Verknüpfen von Desinformation und faktengeprüften Inhalten effektiver sei als das reine Löschen der Inhalte. Bei konsequenter Sperrung der Videos könnten die Nutzer einfach auf andere, ihnen wohlgesonnene Plattformen ausweichen – auf diesen gäbe es dann oft keine Faktenchecks. Infolgedessen würden einige Betroffene noch weiter in die Welt der Verschwörungsmythen abdriften.
Daher empfehlen die Organisationen die Einblendung geprüfter Informationen bei Videos mit falschen Behauptungen. So könnten irreführende Inhalte in den richtigen Kontext gerückt und falsche Darstellungen korrigiert werden. Bei Wiederholungstätern solle Youtube außerdem deren Reichweite beschränken. Der Algorithmus solle ihre Inhalte nicht mehr automatisch anderen Nutzern weiterempfehlen.
Zudem fordern die Faktenprüfer mehr Transparenz: Über Desinformationskampagnen auf YouTube sollten öffentlich aufgeklärt werden. Auch dies stimmt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur ethischen Vertretbarkeit von Anti-Desinformationsmaßnahmen überein. Diesen zufolge könnte die Aufklärung über Desinformationskampagnen betroffenen Akteuren helfen, sich gegen die einhergehenden Vorwürfe zu wehren.
Hinsichtlich der Vorschläge hoffen die Organisationen auf eine einheitliche Umsetzung der Maßnahmen für alle Regionen und Sprachen. Bisher ist dies kaum der Fall: Wie Eugene Kiely von FactCheck.org gegenüber netzpolitik.org erklärt, gibt es eine Initiative auf der Plattform Google News, um Faktenchecks mehr Reichweite zu verschaffen – diese existiert allerdings nur für wenige Sprachen. Sowohl im Falle des spanischen Pendants Google Noticias als auch im Falle der deutschen und vielen anderen Google-News Versionen würden keine Faktenchecks angezeigt.
Die Autoren des offenen Briefs hoffen, dass Youtube reagiert und die von ihnen geforderten Maßnahmen umsetzt. Bisher hat Susan Wojcicki nicht persönlich auf den Brief reagiert. Engere Zusammenarbeit mit Faktencheck-Organisationen sei YouTube zufolge allerdings geplant.
In einer vorherigen Version des Textes war angegeben, dass die Aussagen der Demagog Association von Marcel Kiełtyka getätigt wurden. Tatsächlich stammen sie von Paweł Terpiłowski.

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Author: Olaf Pallaske

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