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Digitale Kunst: Demoszene wird Immaterielles Kulturerbe

Die Kultusministerkonferenz hat der Demoszene den Status als Immaterielles Kulturerbe der UNESCO Deutschland verliehen. Dabei handelt es sich um eine Entscheidung von besonderer Bedeutung: Die Demoszene ist die erste digitale Kulturform, die es in das bundesweite Verzeichnis der UNESCO geschafft hat.

Für Peter Martin, den stellvertretenden Pressesprecher der deutschen UNESCO-Kommission, macht die Demoszene die ganze Bandbreite des Immateriellen Kulturerbes deutlich. Er hofft auch auf eine Signalwirkung der Neu-Aufnahme:

Das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes soll die Vielfalt des kulturellen Lebens in Deutschland abbilden. Dazu gehören auch virtuelle Ausdrucksformen, wie wir sie in der Demoszene finden. Mit der Aufnahme in das Verzeichnis wächst das Bewusstsein für diese wichtige Facette gelebter Kultur.

Der „Digitale Kultur e. V.“, Trägerverein hinter dem Aufnahmeantrag für das Verzeichnis, beschreibt die Demoszene auf seiner Website als „international aktive, dezentral organisierte, nicht-kommerzielle Digitalkultur, die sich der Produktion von digitalen audio-visuellen Arbeiten verschrieben hat: Den sogenannten Demos.“

Demos sind computergenerierte Echtzeit-Animationen, die ähnlich wie Musikvideos funktionieren. An den Kompositionen arbeiten in der Regel Teams mit mehreren Mitgliedern, die unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen. Denn die Herstellung von Demos erfordert spezifisches Fachwissen, von Sound- bis Grafikdesign und allgemein viel technischer Fingerfertigkeit im Programmieren.

Screenshot einer Demo von „Farbrausch“. Gezeigt wurde das Demo bei der Demoparty „Breakpoint“ im Jahr 2007.

Über drei Dekaden Demoszene

Die Geschichte der Subkultur beginnt mit dem Cracking von Computerspielen. Die liefen damals noch auf Geräten wie dem Commodore 64, ein 8-Bit-Heimcomputer aus den 80er Jahren. Unter technisch versierten Jugendlichen entwickelten sich regelrechte Wettrennen darum, wer als erstes den Kopierschutz eines neu veröffentlichten Computerspiels entfernen konnte. Die erfolgreichen Cracker:innen setzten ihre Pseudonyme und selbstprogrammierte Effekte vor den Startbildschirm des Spiels, um zu zeigen, wer für den Coup verantwortlich war.

Aus dieser Praxis entwickelte sich über die Jahre eine eigene Kunstform, bei der nicht mehr die Anerkennung für den ersten Crack, sondern die kreative Auseinandersetzung mit der Software die Hauptrolle spielte. Für die Aushebelung des Kopierschutzes war mitunter weniger Geschick erforderlich als für die künstlerische Gestaltung der Intros. Mit der Zeit entstanden so die ersten Demos, die schließlich ganz ohne gecrackte Spiele und per DemoDisks verbreitet wurden.

Bald darauf begann die Community, Demos auf sogenannten „Demopartys“ vorzuführen und sich zu vernetzen. Eine der ältesten noch bestehenden Demopartys in Deutschland ist die seit 1997 stattfindende „Evoke„, die jährlich über 500 Besucher:innen anzieht und vom Verein Digitale Kultur ausgerichtet wird. Die physischen Treffen sind ein wichtiger Bestandteil der Demoszene, da die meisten Demos nur ein einziges Mal und ausschließlich auf Demopartys aufgeführt werden. Die Gewinner werden traditionell vom Publikum über eine demokratische Abstimmung gewählt.

Jahrelange Vorarbeit

Die Idee für die Bewerbung für das Verzeichnis entstand bei einem Treffen von Tobias Kopka und Andreas Lange, den Gründern der Initiative „Demoscene – the Art of Coding„. Zweieinhalb Jahre später kam für den Antrag grünes Licht von offizieller Stelle: „Das Gefühl war fantastisch. Aber gleichzeitig waren wir auch geschockt, dass unsere verrückte Idee am Ende wirklich geklappt hat“, sagte Kopka im Gespräch mit netzpolitik.org. „Eine dezentral und teils anarchisch organisierte Subkultur wie die Demoszene in Beziehung mit staatlichen Akteuren zu setzen, hat viel Vertrauensarbeit gefordert.“

Ein wichtiger Schritt für die Initiative sei laut Kopka, der selbst seit 30 Jahren Teil der Community ist, die Anerkennung der finnischen Demoszene als Immaterielles Kulturerbe im Jahr 2020 gewesen. Aktive Demoszener:innen vieler EU-Staaten, unter anderem aus Polen, Schweiz und Frankreich, bereiten derzeit eigene Anträge für die landeseigenen UNESCO-Kommissionen vor. „In Zukunft ist ein transnationaler Antrag für die Aufnahme ins internationale UNESCO-Kulturerbe geplant, der dem internationalen und dezentralen Charakter der Demoszene gerecht wird“, fügt Kopka hinzu.

In Deutschland mussten die Antragsteller:innen vor der Aufnahme in die Liste für Immaterielles Kulturerbe der UNESCO zuerst eine Reihe von bürokratischen Instanzen durchlaufen. Die Vorauswahl der Bewerbungen trafen die Bundesländer, in denen die Anträge gestellt wurden. Darauf folgte die Prüfung und Empfehlung durch eine unabhängige Expert:innenkommission, die am Schlusspunkt des Verfahrens durch die Kultusministerkonferenz bestätigt werden musste.

Für offene und lebendige Kultur

Im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes befinden sich derzeit 113 Kulturformen. Die Demoszene, die sich unter den 20 Neueinträgen im März befindet, nimmt ab sofort einen Platz zwischen anderen Kulturgütern wie der Deutschen Gebärdensprache oder der Traditionellen Karpfenteichwirtschaft in Bayern ein.

„Die Aufnahme in das Verzeichnis ist zeitlich unbegrenzt, solange die Kulturformen lebendig sind und allen Menschen offenstehen“, betont Peter Martin. Für erfolgreiche Antragsteller:innen gelten nach der Annahme keine expliziten Verbindlichkeiten. Ihre einzige Verpflichtung bestehe darin, die Kulturformen offen und zukunftsfähig zu gestalten. „Wie sie das tun – etwa durch Dokumentation, Forschung oder auch durch Bildungsprojekte – liegt in der Hand der verantwortlichen Gruppen selbst“. Für die Demoszene sollte das kein Problem sein. Sie entwickelt sich seit 30 Jahren beständig fort und wird das laut Tobias Kopka auch in Zukunft tun.

Redaktioneller Hinweis, 24. März: Die ursprüngliche Überschrift des Artikels lautete „Demoszene wird UNESCO-Kulturerbe“. Wir haben die Überschrift zu „Demoszene wird Immaterielles Kulturerbe“ korrigiert und bitten, die Ungenauigkeit zu entschuldigen.


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