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Falsche Zahlen zu Todesfällen durch Influenza und Covid-19 im Umlauf

Auf Facebook kursiert eine Grafik mit angeblichen Zahlen zu Todesfällen durch Influenza in den vergangenen zwei Grippesaisons. Diese werden mit Todeszahlen durch Covid-19 verglichen. Die Botschaft: Durch die Grippe seien in den letzten Jahren viel mehr Menschen gestorben als durch Corona, trotzdem sei die Wirtschaft damals intakt geblieben. 

Der Facebook-Beitrag wurde am 5. September veröffentlicht und bisher rund 900 Mal geteilt. Die auf der Grafik angegebenen Daten sind jedoch falsch, die zu Covid-19 veraltet. Der ganze Vergleich ist zudem irreführend, weil die Zahl der Grippetoten anders erhoben wird als die Coronavirus-Fälle. 

Falsche Daten und eine unbelegte Behauptung

Die Grafik nennt folgende Zahlen:

  1. Influenza 2017 / 2018: 400.000 Erkrankte, 2.800 Todesfälle 
  2. Influenza 2018 / 2019: 150.000 Erkrankte, 1.400 Todesfälle
  3. Corona 2020: 750.000 Tests, 19.612 positiv, 711 Todesfälle

Darunter steht außerdem, es seien jetzt wegen der Corona-Pandemie eine Million Menschen arbeitslos oder in Kurzarbeit, es gebe mehr Suizide und Depressionen. Diese Angaben sind nach Recherchen von CORRECTIV ebenfalls falsch oder unbelegt.

Grippe-Todesfälle werden statistisch geschätzt

Die Zahl der Todesfälle durch Influenza wird in jeder Saison statistisch geschätzt. Das Robert-Koch-Institut präsentiert die Daten in Saisonberichten. Die Zahlen beruhen nicht auf positiven Testergebnissen, sondern auf der sogenannten Exzess-Mortalität. Damit ist die Zahl der zusätzlichen Todesfälle in einem bestimmten Zeitraum gemeint (PDF, Seite 21). „Während hinreichend starker Influenzawellen kann ein Mortalitätsanstieg beobachtet werden, der mehr oder weniger deutlich über die Hintergrundmortalität hinausgeht und der Influenza zugeschrieben wird“, erklärt das RKI. Die Hintergrundmortalität bezeichnet die jeweils erwartete Todesrate ohne den Einfluss von Influenza.

Die statistische Schätzung der Todesfälle sei international üblich, schreibt das RKI weiter.  „Es ist die Erfahrung vieler Länder, dass sich Todesfälle, die der Influenza zuzuschreiben sind, in anderen Todesursachen, wie zum Beispiel Diabetes mellitus, Pneumonie oder Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems verbergen können.“ Die geschätzten Grippe-Todeszahlen liegen also meist weit über den tatsächlich gemeldeten, laborbestätigten Fällen. 

Grafik enthält falsche Angaben zu Todesfällen durch Influenza

Für die Saison 2017 / 2018 wurden laut RKI rund 334.000 laborbestätigte Fälle von Influenza übermittelt (PDF, Seite 33). Die Zahl der Erkrankten lag mutmaßlich viel höher: „Die Zahl der Influenza-bedingten Arztbesuche in der Saison 2017/18 wurde auf rund 9 Millionen geschätzt“, schreibt das RKI (Seite 7). 

Es gab 1.674 Todesfälle mit bestätigter Influenzavirus-Infektion. Die statistische Schätzung geht jedoch von 25.100 Todesfällen aus (PDF, Seite 47). Woher die Zahlen von 400.000 Erkrankten und 2.800 Todesfällen in der Grafik auf Facebook kommen, ist also unklar – sie sind falsch. 

Die Grippewelle 2017 / 2018 sei ungewöhnlich stark gewesen, schreibt das RKI (Seite 7). Die darauffolgende Saison (2018 / 2019) sei weniger schlimm gewesen: Es wurden laut RKI 954 laborbestätigte Grippe-Todesfälle gemeldet. Die Zahl der übermittelten Infektionen lag bei rund 182.000 (PDF, Seite 33). Die geschätzten Todeszahlen aufgrund der Exzess-Mortalität liegen noch nicht vor (PDF, Seite 47). Die Zahl von 150.000 Erkrankten in der Grafik auf Facebook ist also falsch, und für die dort genannten 1.400 Todesfälle gibt es ebenfalls keinen Beleg. 

Coronavirus: Stark veraltete Zahlen zu Tests und Todesfällen 

Zum Coronavirus gibt die Grafik 750.000 Tests an, von denen 19.612 positiv seien. Diese Zahlen ergeben keinen Sinn, denn aktuell werden laut RKI pro Woche in Deutschland mehr als eine Million Tests durchgeführt. Die Zahl von 750.000 Tests wurde in Deutschland schon in der 13. Kalenderwoche, also Mitte März, weit überschritten (PDF, Seite 9).

Aktuell gibt es laut RKI nicht 19.612 positive Testergebnisse in Deutschland, sondern insgesamt 259.428 (Stand 13. September). Die Zahl 19.612 lässt vermuten, dass die Zahlen auf der Grafik von Mitte März stammen. Am 22. März meldete das RKI 18.610 bestätigte Corona-Fälle in Deutschland – am 23. März waren es bereits 22.672 Fälle

Die angebliche Zahl von 711 Todesfällen passt jedoch nicht zu Mitte März – am 23. März zählte das RKI erst 86 Verstorbene

RKI: Aktuell mehr als 9.300 Corona-Tote in Deutschland

Laut aktuellem Stand des RKI sind insgesamt 9.349 Menschen im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion in Deutschland gestorben (Stand 13. September). 

Die Zahlen in der Grafik sind also alle falsch. Ein Vergleich mit den Grippe-Todesfällen ist außerdem schon aufgrund der unterschiedlichen Erhebung der Daten nicht sinnvoll. Wir haben zu diesem Thema bereits einen ausführlichen Faktencheck veröffentlicht.  

Keine Belege für mehr Suizide oder Depressionen während der Corona-Pandemie

In der Grafik heißt es weiter, durch die Corona-Krise seien die Suizide und Depressionen angestiegen. Im Frühjahr gab es tatsächlich Warnungen von Experten diesbezüglich. Dafür, dass dies eingetreten ist, gibt es jedoch bisher keine Belege. 

Die Todesursachen-Statistiken beim Statistischen Bundesamt liegen nur bis 2018 vor. Die Augsburger Allgemeine berichtete Anfang Mai 2020 über Zahlen aus sieben Bundesländern und kam zu dem Schluss, dort seien die Suizid-Fälle nicht gestiegen. Auch in Berlin lässt sich kein Anstieg belegen, wie CORRECTIV bereits für einen Faktencheck recherchierte. 

Keine Million mehr Arbeitslose wegen Corona

Auch dass wegen der Corona-Maßnahmen eine Million Menschen „arbeitslos oder in Kurzarbeit“ seien, wie in der Grafik behauptet wird, stimmt nicht. 

Laut Bundesagentur für Arbeit lag die Zahl der Arbeitnehmer, die Kurzarbeitergeld bekamen, im Juni bei 5,36 Millionen. In den Monaten davor waren es noch etwas mehr gewesen. „Durch die Zahlung von Kurzarbeitergeld bei vorübergehend schwierigen Wirtschaftsbedingungen sollen den Betrieben ihre eingearbeiteten Mitarbeiter und den Arbeitnehmern ihre Arbeitsplätze erhalten werden, um so Arbeitslosigkeit zu vermeiden“, schreibt die Arbeitsagentur dazu (PDF, Seite 9). 

Es gab dennoch einen Anstieg der Arbeitslosigkeit durch die Corona-Krise – allerdings nicht um eine Million Menschen. Die Bundesagentur für Arbeit berechnet den „Corona-Effekt“ auf den Arbeitsmarkt und kommt zu dem Schluss, dass dieser vor allem im April und Mai zu mehr Arbeitslosigkeit führte. Danach wurde der Effekt nach und nach schwächer. „Seit Juli gibt es somit praktisch keinen zusätzlichen erhöhenden Effekt durch Corona. Der Gesamt-Corona-Effekt als Summe der Monate April, Mai, Juni, Juli und August beträgt 637.000.“ (PDF, Seite 12 und 13). 

Es gibt beziehungsweise gab also nach diesen Berechnungen 637.000 mehr Arbeitslose in Deutschland aufgrund der Corona-Krise. Insgesamt waren im August 2020 rund 2,96 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

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Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Fazit: Die Daten in der Grafik sind alle falsch. Weder stimmen die Zahlen zu Influenza, noch die zu Covid-19 oder der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Die Behauptung, durch die Corona-Maßnahmen gebe es mehr Suizide oder Depressionen, ist unbelegt. 

Wenn Sie Depressionen oder suizidale Gedanken haben, bekommen Sie Hilfe zum Beispiel bei der Telefonseelsorge (unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222) oder anderen Beratungsstellen.

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Andreas Kossiski - Oberbürgermeister für Köln