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Keine Belege, dass die Covid-19-Impfung unfruchtbar macht

Author: Steffen Kutzner

In verschiedenen FacebookBeiträgen, auf Telegram und in anderen Sozialen Netzwerken werden Videos mit den umstrittenen Medizinern Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi geteilt, in denen diese behaupten, Covid-19-Impfstoffe könnten Frauen unfruchtbar machen. Dafür gibt es jedoch nach unseren Recherchen keine Belege. 

Begründet wird die Behauptung damit, dass die durch die Impfung entstandenen Antikörper angeblich ein menschliches Protein namens Syncytin bekämpfen könnten. Denn das Coronavirus besitze ein ganz ähnliches Protein. Syncytin sei wichtig für die Bildung einer Plazenta. Wenn die Antikörper das körpereigene Syncytin angreifen, hätte das zur Folge, dass sich in der Gebärmutter keine Plazenta bilden könne, was eine Schwangerschaft unmöglich mache. Diese Behauptung wird auch in einem Artikel von Compact vom 4. Dezember erwähnt, der mehr als 1.200 Mal auf Facebook geteilt wurde. 

Weder werden für diese Behauptungen Quellen genannt, noch wird erwähnt, auf welche Covid-19-Impfstoffe sie sich konkret beziehen. Die Beiträge wurden bereits im November veröffentlicht, bevor der erste Impfstoff in der EU Ende Dezember 2020 zugelassen wurde. 

Das Paul-Ehrlich-Institut und mehrere von uns angefragte Wissenschaftler widersprechen: Das körpereigene Syncytin unterscheide sich wesentlich von dem Protein, das im Coronavirus enthalten sei, sodass eine Kreuzreaktion höchst unwahrscheinlich sei. Außerdem müsste dann theoretisch auch jede Frau unfruchtbar sein, die bereits Covid-19 hatte. Darauf gebe es jedoch keine Hinweise. 

Was ist Syncytin?

Dass Syncytin für eine Schwangerschaft notwendig ist, wie Wolfgang Wodarg etwa in diesem Video erklärt (ab Minute 16:00), ist korrekt. Susanne Stöcker, Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) erklärte uns per E-Mail, Syncytin sei ein „Protein, das für die Entwicklung der Plazenta essentiell ist und somit eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Schwangerschaft“. 

Auch Gregor Seliger, leitender Oberarzt der Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe Halle (Saale), erklärte uns telefonisch: „Syncytin ermöglicht die Fusion vieler, vieler Zellen, die dann eine Membran bilden, die den Kreislauf der Mutter von dem des Embryos trennt und nur die wichtigen und ungefährlichen Stoffe durchlässt. Das ist also eine absolute Schlüsselsubstanz für die Kernfunktion der Plazenta.“

Experten halten es für „höchst unwahrscheinlich“, dass nach einer Covid-19-Impfung körpereigenes Syncytin angegriffen werden könnte

Nach bisherigen Erkenntnissen greifen Covid-19-Impfstoffe dieses körpereigene Syncytin nicht an. Dass der Impfstoff das Protein ausschalten könne, sei „höchst, höchst unwahrscheinlich“, sagte Seliger. 

Auch Martin Götte, Biochemiker und Leiter des Forschungslabors der Frauenklinik der Universität Münster, erklärte uns per E-Mail, „dass es aus mehreren Gründen äußerst unwahrscheinlich ist, dass durch eine Corona-Impfung körpereigenes Syncytin zerstört wird“. Einer der Gründe sei, dass Immunzellen, die körpereigenes Syncytin erkennen, bereits bei der Entwicklung des Immunsystems zerstört würden. Außerdem unterscheide sich Syncytin von dem Spike-Protein von SARS-CoV-2-Viren. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Proteinen sei „nach Ansicht vieler Experten nicht ausreichend groß, um eine Immunantwort gegen Syncytin auszulösen“.

Keinerlei Hinweise für Unfruchtbarkeit nach Covid-19-Impfung – oder nach Corona-Infektion

Das bestätigte auch Bettina Bally, stellvertretende Kantonsärztin von Zürich, bei einer Pressekonferenz (Video ab Minute 0:42) am 11. Januar 2021: „Man kann festhalten, dass diese Ähnlichkeit der beiden Proteine zu gering ist, als dass unser Immunsystem sie verwechseln könnte. Es gibt also aktuell keinerlei Hinweise für eine Unfruchtbarkeit nach einer Covid-19-Impfung.“

PEI-Sprecherin Susanne Stöcker wies auch daraufhin, dass es vom logischen Standpunkt aus kaum möglich sei, dass Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu Unfruchtbarkeit führen. Denn diese Antikörper habe man auch dann, wenn man schon einmal mit dem Coronavirus infiziert war, also die Krankheit hatte. „Darauf gibt es bisher aber trotz unzähliger Infektionen weltweit keine Hinweise“, so Stöcker. 

Dasselbe bestätigte auch Martin Götte: „Falls Syncytin durch eine Covid-Impfung zerstört würde, müssten Frauen, die eine Covid-Infektion hinter sich haben, ebenfalls unfruchtbar werden, da sie Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein bilden würden. Es gibt aber keine Belege, die darauf hinweisen.“

Auszug aus der E-Mail-Antwort von Martin Götte, Leiter des Forschungslabors der Frauenklinik der Universität Münster, vom 13. Januar 2020. (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Fazit

Mehrere Wissenschaftler und das Paul-Ehrlich-Institut schätzen die Gefahr, dass die durch die Covid-19-Impfung gebildeten Antikörper das Protein Syncytin angreifen und somit eine Unfruchtbarkeit auslösen könnten, als „höchst unwahrscheinlich“ ein. Das Spike-Protein des Coronavirus sei zu unterschiedlich, als dass Kreuzreaktionen ausgelöst werden könnten. Außerdem müsste jede Frau, die bereits eine Covid-19-Infektion hatte, unfruchtbar sein, wenn die These von Wodarg und Bhakdi zuträfe. Darauf gibts es jedoch bisher keine Hinweise.

Auch andere Wissenschaftler, die in Faktenchecks des Bayerischen Rundfunks oder von AFP zu Wort kamen, kommen übereinstimmend zu dieser Einschätzung.

Wolfgang Wodarg fällt seit Beginn der Pandemie immer wieder mit irreführenden Behauptungen rund um das Coronavirus auf (zum Beispiel hier oder hier). Auch der Mediziner Sucharit Bhakdi verbreitet immer wieder unbelegte oder und irreführende Aussagen (zum Beispiel hier). Er ist Vorsitzender des Vereins „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ (MWGFD e.V), der sich nach Recherchen von CORRECTIV.Faktencheck engagiert, um die Corona-Maßnahmen in Deutschland zu untergraben.

Redigatur: Uschi Jonas, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Erklärung zur Funktion von Syncytin im menschlichen Körper: Link (Englisch)
  • Pressekonferenz zur Impf-Strategie im Kanton Zürich am 11. Januar 2021: Link
Auch ein interessanter Artikel:  Nein, geimpftes Personal der Kinderklinik Mannheim erlitt keine „heftigen Nebenwirkungen“

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