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Künstliche Intelligenz: Glücksmaschinen bauen

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...
Was uns als Naturgesetz erscheint, könnte auch ganz anders sein. – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Wolfgang HasselmannEigentlich weiß niemand so genau, was das sein soll, künstliche Intelligenz. Das ist auch nicht verwunderlich, denn der Begriff „künstlich“ dient hauptsächlich zur Verschleierung all der biologischen, ökonomischen und sozialen Prozesse, die in die vermeintlich künstliche Intelligenz verstrickt sind. Durch den Begriff „künstlich“ werden sie unsichtbar gemacht, als käme der Algorithmus aus dem Nichts: die Arbeiter*innen in den Koltanmienen, die Reinigungskräfte in den Co-Working-Spaces, die Köch*innen in den Kantinen, die Kraftwerke, die Energie für die Serverfarmen produzieren, die Lieferfahrer*innen im Schnee, in der Hitze, in den endlosen Treppenhäusern.
Hinter den immer noch meist männlichen Programmierer-Genies oder Eigentümern gigantischer Tech-Konzerne verschwinden Generationen von unbezahlten und schlecht bezahlten, in der Hierarchie niedriger stehenden Mitarbeiter*innen, Vordenker*innen, Lehrer*innen, Sorge- und Erziehungsarbeiter*innen.
Gegen die Unsichtbarmachung hilft die kollektive Intelligenz, also Theoriearbeit und Praxis der Arbeiter*innenbewegung. Deren Ziel war und ist es, die verschleierten und verschleiernden Produktionsverhältnisse offenzulegen, um sie zu verändern. Algorithmen sind durch und durch geronnene kollektive historische Praxis. Darin gleichen sie dem, was wir „Natur“ nennen, also auch der weiblichen oder männlichen „Natur“ zum Beispiel, die besonders versteinerte Formen der Gewohnheit sind. „Natur“ wird schnell zur Naturgesetzlichkeit und als unveränderlich empfunden. Durch diesen Schein zwingt sie uns, die falschen Beziehungsformen und Produktionsverhältnisse ewig zu wiederholen. Statt wahrzunehmen, dass wir mit jeder Handlung in jedem Moment Veränderung auslösen können, erscheint uns ein immer größerer Teil der Institutionen, Gewohnheiten und Strukturen von Sachzwängen bestimmt.
Der Algorithmus interessiert sich nicht für die Zwangsräumungen, die er auslöst
Ganz ähnlich verhält es sich heute mit der KI und den zunehmend maschinen- bzw. algorithmengesteuerten und in sie verbauten Strukturen alltäglicher Lohnarbeit und vermeintlicher Freizeit. Der Algorithmus tritt der Mehrheit der Menschen, auch aufgrund mangelnder digitaler Alphabetisierung, als undurchschaubares Geflecht von Sachzwängen gegenüber, dem sie ohnmächtig ausgeliefert sind. Auch hier liegt die Machtlosigkeit nicht im Algorithmus selbst, der ja produziert wurde, sondern in der Praxis seiner Produktion und Anwendung in einer auf Profitabilität, Ausbeutung und Effizienz ausgerichteten Gesellschaft. Das Wort „künstlich“ in KI könnte man also auch einfach in „verschleierte Kollektivität/Arbeit“ oder auch „Verhinderung demokratischer Mitbestimmung“ übersetzen.
Stünde KI für das, was sie ist, nämlich kollektive Intelligenz, ließe sie sich nicht so einfach vom Gemeineigentum in Privateigentum überführen oder gegen das Gemeinwohl wenden. Denn der Algorithmus selbst weiß nicht und interessiert sich nicht dafür, was es bedeutet, wenn er als Ergebnis seiner Berechnungen die Zwangsräumung oder Abschiebung unserer Nachbar*innen auslöst. Er verdient daran nichts. „Das steht hier aber so im System, da kann ich jetzt auch nichts mehr machen“ bedeutet, dass hinter dem Automatismus, der vermeintlich aus dem Nichts heraus erzeugt wird, die absurden und menschenfeindlichen Gesetze, Eigentumsverhältnisse und Vertragsbedingungen, auf denen unser Zusammenleben und dadurch auch die Funktionsweise des Algorithmus beruht, immer weniger sichtbar und veränderbar werden.
Der Algorithmus steuert nicht nur, er ist auch selbst im Moment seiner Entwicklung und Weiterentwicklung gesteuert: von den herrschenden gesellschaftlichen Grundannahmen über Nützlichkeit und Nutzlosigkeit, Profitabilität und den Machtstrukturen in seinem zukünftigen Einsatzbereich. Darin gleichen der Algorithmus und die KI allen anderen Arbeitsprodukten, die auf dem Markt gehandelt werden. Die Dinge, die wir produzieren, wie und warum wir sie produzieren und wie sie funktionieren, all das wird von den gesellschaftlichen Strukturen, in die wir verbaut sind, bestimmt und mitproduziert.
Wer benutzt hier wen?
Und umgekehrt: Die so produzierten Dinge und unsere Jobs erhalten diese Strukturen aufrecht und erziehen uns dazu, sie immer wieder zu bestätigen und zu wiederholen. Die Dinge, die Jobs, die Lohnabhängigen: Wir sind alle Produkte. Und am Ende kommt eine App raus, von der wir nicht wissen, ob wir sie benutzen oder sie uns benutzt.
Facebook zum Beispiel wurde entwickelt, um ein Tool zu schaffen, mit dem junge Harvard-Studenten die „Fuckability“ von Frauen in ihrem Umkreis bewerten können. Nicht, um sich gegen die Ungerechtigkeiten diktatorischer Regimes zu organisieren. Die entscheidende Tätigkeit, die Facebook, Instagram und Co. in ihren User*innen auslöst, ist bis heute das judging, die kollektive über klickbare Symbole vermittelte Zuschreibung von Wert auf dem Menschenmarkt. Der Umsatz eines Posts – Shares, Likes, Kommentare, also Aufmerksamkeit und Reichweite – steigt, je abstruser, provokanter oder emotionalisierender der Inhalt ist.
Instagram, so wissen wir spätestens seit der Veröffentlichung der „Facebook Files“, macht vor allem junge Mädchen und Frauen unglücklich, führt insbesondere bei ihnen zu Selbstwahrnehmungs- und Essstörungen sowie Suizidgedanken. Sie werden zu Verkäuferinnen ihrer selbst, ihre Körper zu Waren und sie zu diesen in Beziehung gesetzt. Sie internalisieren, praktizieren und üben sich selbst und anderen den patriarchalen Blick ein. Instagram ist also strukturell frauenfeindlich.
Weil wir im Patriarchat leben, sind am patriarchalen Blick (also an der Frage der Verfügbarkeit von Frauen für Männer) ausgerichtete Algorithmen massentauglich, also profitabel. Und andersherum: Weil der patriarchale Blick profitabel ist, wird er durch Algorithmen reproduziert und stabilisiert. Das ist die große Frage, die sich zumindest all jenen stellt, für die der Status quo unerträglich ist und die mit Walter Benjamin sagen: „Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe“.
Gemeinsam neue Blicke einüben
Wie kommen wir aus diesem Teufelskreis heraus? Die provisorische Antwort lautet: durchs kollektive Infragestellen, Miteinander-Spielen und -Experimentieren, wobei unsere Gemeinsamkeit und Solidarität auf dem Kampf gegen den patriarchalen, sexistischen, rassistischen, autoritären und kapitalistischen Status quo beruhen muss, wenn wir am Ende nicht nur einen noch profitableren Algorithmus entwickeln wollen. Der Wechselwirkungskreis, der uns einzusperren scheint, kann, wenn die gewohnten Praktiken und Beziehungsweisen außer Kraft gesetzt oder experimentell umgebaut werden, neue Wechselwirkungen in Bewegung setzen und Hebelpunkt zum Welt ändern werden.
Das kann aber nur gelingen, wenn wir wirklich miteinander und aneinander neue Gewohnheiten, Blicke und soziale Beziehungen einüben. Oder zusammen zwischenmenschliche Algorithmen und Netzwerke entwickeln, die nicht dem Kriterium der Profitabilität oder den herrschenden Machtstrukturen gehorchen. Stattdessen sollten wir offensiv und schon in der Phase der Entwicklung und Produktion mit ihnen brechen.
Das bedeutet wiederum, dass wir Erfolg und Genuss, ein schönes Leben oder soziale Sicherheit nicht mit der individuellen Anhäufung von Macht oder Geld verwechseln, als würde es nicht für alle reichen. Sondern an einer Welt bauen, in der man – statt sich in Konkurrenz gegeneinander abzusichern – sich in Kooperation miteinander sichert, sich zusammen- und nicht gleichschaltet und im besten Fall glücklich macht. Oder, wie es die Berliner Krankenhausbewegung gerade vorgelebt und vorgekämpft hat, zusammen eine Glücksmaschine baut – aus Organisierung von unten, aus dem Teilen von Wissen und Ressourcen, aus Streik und Solidarität.
Dieser Beitrag erschien zuerst in Missy Magazine 01/2022. Alle Rechte vorbehalten. Luise Meier ist freie Autorin, Theatermacherin, Dramaturgin, Performerin, Studienabbrecherin und Servicekraft, geboren 1985 in Ostberlin.

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Author: Gastbeitrag

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