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Linksklick: „Spaß bei der Arbeit“ zahlt keine Miete

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...
Eine freche Stellenausschreibung wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, die mit sich ringt, ihre Mitglieder fair zu bezahlen. Wie kann das sein?
Ab 16 freigegeben. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Future ImageDie Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) sucht Verstärkung beim Sichten von Computerspielen. Sie ist für die Alterseinschränkungen zuständig und dafür muss jemand die neu erscheinenden Titel spielen.
Das Aufgabenfeld der zukünftigen „engagierten SpielesichterInnen“ umschreibt die offizielle Stellenausschreibung so: „Du spielst Computer- und Videospiele, die bei der USK zur Prüfung eingereicht werden und bist damit Teil der technischen und inhaltlichen Vorbereitung des Prüfprozesses eines Spiels.” Dazu gehören jede Menge Aufgaben. Etwa eine “umfassende Sichtung eines Spiels” und “das Verfassen eines schriftlichen Testberichts, der die inhaltlichen Aspekte und jugendschutzrelevanten Faktoren zusammenfasst”. Bei der Präsentation sollen die SichterInnen “einen neutralen Überblick über das Gameplay, technische Funktionalitäten sowie Narration” bieten und dem Prüfgremium für Rückfragen zur Verfügung stehen. Home Office geht leider nicht.
Ein stolzer Aufgabenkatalog für eine wichtige, verantwortungsvolle Aufgabe: Spiele gründlich auf potentiell jugendgefährdende Inhalte abklopfen, ein schriftlicher Test, eine Präsentation vor dem USK-Gremium. Und am Ende mitverantwortlich für das USK-Siegel sein, das bei der Kaufberatung eine große Rolle spielen soll.
Die Entlohnung für diesen Job?
100 Euro pro Spiel.
Das ist eine Katastrophe.
Von Spaß kann man sich nichts kaufen
Weil unsere Gesellschaft in Deutschland noch immer auf dem Leitsatz „über Geld spricht man nicht“ aufbaut, stammt diese Honorauskunft nicht direkt aus der Ausschreibung: Hier heißt es nur „angemessene Aufwandsentschädigung“, eine Floskel ohne Bedeutung. Ein Mitarbeiter der USK aber nennt diesen Honorarsatz auf Twitter, als ihn die ersten irritierten Reaktionen auf die Stellenausschreibung erreichen. Es wirkt selbstbewusst, wie er das Honorar verkündet: einhundert Euro. Für einen Arbeitsaufwand im zweistelligen Stundenbereich. Auf meine offizielle Presseanfrage, ob mir die USK diesen Honorarsatz bestätigen kann, habe ich noch keine Antwort erhalten.

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Es bedarf hoffentlich keiner langen Ausführungen, dass dieser Honorarsatz für die verlangte Arbeit eine Frechheit ist. Eine Frechheit, die sich in den Köpfen der Verantwortlichen wohl nur mit einer Argumentationskette rechtfertigen lässt: „Spielen macht doch eh Spaß und ist keine echte Arbeit.“ Und keine echte Arbeit muss auch nicht angemessen bezahlt werden, so offenbar die Logik.
Für mich als Journalist, der beruflich über Spiele schreibt und spricht, ist diese Annahme ein häufig gehörter Satz. Warum will ich Geld für etwas, das andere Menschen in ihrer Freizeit machen?
Ich kann diese Irritation verstehen, die mir zuletzt während einer Hochzeitsfeier entgegenschlug: Dort standen ein Pilot, eine Lehrerin und ein Schreiner um mich herum – alles „ordentliche Berufe“. Keiner der drei verstand, wie ich mit „Spielen“ wirklich meine Miete zahlen kann.
Wo das Verständnis aufhört
Sie kennen das Medium als Teil ihrer Freizeit oder Kindheit, zum Abschalten, zum Ablenken. Sie nehmen Videospiele nicht als Kulturgut wahr, das ebenso wie Bücher und Filme analysiert und kritisiert werden kann, sie lesen keine investigativen Reportagen über die schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche, sie setzen sich nicht mit Diskussionen über Mikrotransaktionen und Suchtspiralen auseinander, die so viele Menschen finanziell ruinieren. Sie bewegen sich am Rand der Spielkultur und das ist vollkommen in Ordnung. Ich erkläre ihnen gerne, warum meine Arbeit ebenfalls echte Arbeit ist und ein angemessenes Honorar verdient. Dafür habe ich Verständnis.
Die USK aber ist Teil der Spielkultur, sitzt in ihrem Zentrum, weiß um die Wichtigkeit ihrer Arbeit. Trotzdem bietet sie nur 100 Euro Aufwandsentschädigung an, lockt sogar damit, das SichterInnen dann auch früher als alle anderen ersehnte Spiele testen dürfen – als wäre das schon Lohn genug.

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Das verdient Kritik, nicht Verständnis – zumal diese Aufwandsentschädigung nicht nur vollkommen unangemessen für die Arbeit selbst ist. Sie macht diese Arbeit auch unerreichbar für Menschen, die darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen. Ein Job, der den Einstieg in die Spielebranche ermöglicht und die Gelegenheit zur Vernetzung bietet, bleibt so weniger privilegierten Menschen schlichtweg verwehrt.
Symptom für ein altes Problem
Diese Kritik richtet sich aber nicht nur gegen die USK. Ihre Stellenausscheibung ist vielmehr das Symptom eines Problems, das seit Jahren die Spielebranche beherrscht, sowohl auf Seiten der EntwicklerInnen als auch der JournalistInnen. Wichtige Aufgaben, die viele Stunden Arbeitszeit bedeuten, werden immer wieder nicht oder nur schlecht entlohnt, denn „Spaß“ sei ja bereits Bezahlung genug.
So vergütet eine der größten deutschsprachigen Spieleredaktionen seit Jahren freie MitarbeiterInnen für die Erstellung von Komplettlösungen mit Honorarsätzen um die 50 Euro, gelöstes Spiel als Dank obendrauf. Manchmal. Ein offenes Geheimnis in der Branche und eine unverschämte Entlohnung für eine Arbeit, die dutzende Stunden kostet – und für die Redaktion ironischerweise einen wichtigen Baustein im Online-Angebot darstellt.
Unterdessen war das Einstiegsgehalt eines Vollzeitredakteurs mit Berufserfahrung bei einem anderen großen Verlag in Deutschland vor einigen Jahren gerade einmal so Mindestlohn, unbezahlte Überstunden ohne Freizeitausgleich wurden trotzdem erwartet. Und QualitätsprüferInnen kleiner Entwicklerteams arbeiten gratis, weil sie das Spiel weit vor allen anderen „genießen“ dürfen.
Beispiele dieser Art gibt es viele. Das ist, ich wiederhole mich, eine Katastrophe – und eine große Ironie: Seit Jahren ringt die Branche darum, als wichtige Industrie ernst genommen zu werden, Spiele als Kulturgut hochzuhalten und auf Augenhöhe mit der Politik zu verhandeln. Wie aber soll dieser Anspruch zur Realität werden, wenn genau diese Branche in Teilen nicht einmal sich selbst ernst nimmt – und ihre Mitglieder behandelt, als würde „Spaß bei der Arbeit“ genügen, um die Miete am Ende des Monats zu bezahlen.

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Author: Dom Schott

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