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Mallorca: Nein, Medien haben feiernde Touristen nicht „frei erfunden“

Die Seite Journalistenwatch behauptet, Medien hätten die Berichte über feiernde Touristen auf Mallorca erfunden. Und in einem Video des Deutschland-Kurier suggeriert Youtuber Oliver Flesch ähnliches („Alles Quatsch!“). Es wurde am 16. Juli auf Facebook hochgeladen und mehr als 4.600 Mal geteilt. Der Text von Journalistenwatch wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 800 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Vorwurf, die Medien hätten die Partys erfunden, ist falsch. Hauptsächlich geht es um die Nacht vom 10. auf den 11. Juli. In dieser Freitagnacht sind Videos und Fotos entstanden, die feiernde Touristen in der „Bierstraße“ auf Mallorca zeigen sollen. CORRECTIV konnte für einen anderen Faktencheck bereits mehrere dieser Aufnahmen verifizieren, darunter ein Foto der DPA und ein Instagram-Video

Wir haben die vier zentralen Behauptungen von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch einzeln überprüft. Sie sind größtenteils irreführend.

1. Behauptung: Die Darstellungen „zügellos feiernder Corona-Ignoranten“ sind frei erfunden

Journalistenwatch berichtete am 16. Juli, dass „die Darstellungen zügellos feiernder Corona-Ignoranten offenbar nicht nur überzogen, sondern frei erfunden“ seien. Belegt werden soll dieser Vorwurf mit einem Videokommentar von Schlagersänger Mickie Krause und veralteten Bildern, die in einigen Medien verwendet wurden (CORRECTIV hat darüber berichtet). 

Tatsächlich hat Schlagersänger Mickie Krause am 16. Juli ein Video auf Facebook gepostet und dazu geschrieben: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!“ In dem Video spricht er vor allem über die Ereignisse am Freitag, 10. Juli in Playa de Palma. Mickie Krause bestätigt in seinem Kommentar jedoch, dass einige Touristen auf Mallorca gefeiert haben und dies in einem Video zu sehen ist.

Mickie Krause Mallorca
Schlagersänger Mickie Krause kritisiert in einem Video die Berichterstattung einiger deutscher Medien über Mallorca. (Quelle: Facebook / Screenshot am 22. Juli: CORRECTIV)

Journalistenwatch stellt die Zitate des Schlagersängers so dar, als hätte dieser die Medienberichte als „erfunden“ bezeichnet. Tatsächlich sagt Mickie Krause in seinem Video: „Ja, am Freitag wurde in der Bierstraße gefeiert und es gibt ja dieses berühmt-berüchtigte Video. Aber ich kann nur sagen: Das ist eine Momentaufnahme, sicherlich haben dort die Leute Sicherheitsabstände nicht eingehalten, aber machen wir uns nichts vor, das war wirklich nur eine Momentaufnahme.“

Oliver Flesch war zum Zeitpunkt der Partys nicht in der „Bierstraße“ 

Für den Deutschland-Kurier hat Oliver Flesch ein Video aus Mallorca produziert. Es trägt den Titel: „Ausschweifende Partys auf Mallorca? Alles Quatsch!“ Darin suggeriert er, dass die Medien die Situation auf Mallorca falsch dargestellt hätten. Allerdings sagt er selbst: „Ich lebe ja in Cala Rajada, Cala Rajada ist siebzig Kilometer vom Ballermann entfernt, ich krieg davon also genauso viel oder genauso wenig mit wie ihr in Deutschland.“

Deutschlandkurier Mallorca
Deutschland-Kurier auf Facebook: Oliver Flesch sagt im Video, dass er im mehr als 70 Kilometer entfernten Ort Cala Rajada lebe. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Fotos und Videos einer Nacht zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In den Medienberichten ging es um das Wochenende vom 10. bis 12. Juli: Hunderte Menschen hatten demnach am Freitagabend in einer Straße an der Playa de Palma gefeiert und die Corona-Regeln ignoriert. Darüber hatte zuerst die Mallorca-Zeitung berichtet. 

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. Es gibt ein Pressefoto der Deutschen Presse-Agentur (DPA), das am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen wurde. „So steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der DPA auf Nachfrage von CORRECTIV.

Bierstraße Mallorca
Ein Foto der DPA zeigt die Bierstraße vor dem „Las Palmeras“ am Freitag, 10. Juli. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße“ zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck“ und dem Lokal „Et Dömsche“.

Bierstraße Mallorca Streetview
„Bierstraße“ bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Instagram-Video zeigt Szenen des Abends 

Ein Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und ein Instagram-Video vom 10. Juli zeigen ebenfalls Szenen auf der „Bierstraße“. 

CORRECTIV konnte das Instagram-Video in einem Faktencheck verifizieren. Es wurde laut Quelltext am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr veröffentlicht. Der Sprecher im Video sagt, dass es sich um ein Live-Video handele und es kurz vor der „Sierra Madre“ sei. Die „Sierra Madre“ ist eine tägliches Ritual um 23 Uhr auf der „Bierstraße“, bei dem die Menschen Wunderkerzen anzünden und gemeinsam das gleichnamige Lied singen. Das ist auch am Ende des Videos zu sehen. Ebenfalls mehrfach im Bild: das Lokal „Las Palmeras“.

Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße“. Das Restaurant „Deutsches Eck“ und das Restaurant „Al Faro“ sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras“ befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks“. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Abgleich des Instagram-Videos mit dem Bild der DPA vom 10. Juli bestätigt, dass es sich um Aufnahmen desselben Abends handelt. Mehrfach sind dieselben Personen mit derselben Kleidung zu sehen. Besonders auffällig: eine Frau mit einem roten Top und ein Mann in einem bunt-gemusterten Oberteil. 

Collage Instagram-Video und DPA-Foto
Links oben das Foto der DPA, daneben und darunter sind Screenshots aus dem Instagram-Video zu sehen. (Quelle: DPA und Instagram / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten, sind also nicht – wie behauptet – frei erfunden, sondern stammen aus der „Bierstraße“ (Carrer de Miquel Pellisa). Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder dort aufgenommen wurden. Ein Augenzeuge hat CORRECTIV ebenfalls bestätigt, dass es in der Bar „Las Palmeras“ am 10. Juli voll wurde, aber auch kritisiert, einzelne Medien hätten die Situation „ausgenutzt“ und kurzzeitige Nadelöhre auf der Straße gefilmt. 

Wie viele Verstöße gegen die Corona-Regeln es am Abend des 10. Juli wirklich gab, kann abschließend nicht geklärt werden. Die Mallorca-Zeitung berichtet, dass die Polizei an diesem Abend nicht eingegriffen habe. CORRECTIV hat bei der Polizei Guardia Civil nachgefragt, hat jedoch bisher keine Antwort erhalten. Laut einer Pressemitteilung der Regierung der Balearischen Inseln wurden an jenem Wochenende Inspektionen an zehn Örtlichkeiten in Playa de Palma durchgeführt. Daraus ergaben sich fünf Sanktionsmaßnahmen im Bereich Playa de Palma wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen. 

Fazit: Die Behauptung, dass die Darstellungen von feiernden Touristen auf Mallorca frei erfunden seien, ist falsch. 

2. Behauptung: Die Medien erzählen eine „Mär“ vom „Corona-Hotspot“ Mallorca

Journalistenwatch unterstellt den Medien eine „konzertierte Kampagne“, in der eine „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ erzählt werde. Doch diese „Mär“ gibt es nicht.

Das Gegenteil ist der Fall: In zahlreichen Medienberichten, unter anderem bei T-Online und im Merkur, war zu lesen, dass Mallorca bisher kein „Corona-Hotspot“ sei. „Im Vergleich zum spanischen Festland stehen die Balearen weiterhin gut da“, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 24. Juli 2020.

Gesundheitsexperten forderten Quarantäne und Pflichttests für Mallorca-Urlauber

 Die Berichte von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch sind erschienen, nachdem Gesundheitsexperten angesichts der Bilder von feiernden Mallorca-Urlaubern Quarantäne und Pflichttests für deutsche Mallorca-Rückkehrer gefordert haben. Dies schlug unter anderem der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, vor. „Ein verrückter Urlauber am Ballermann kann doch nicht hinterher seine ganze Community gefährden“, sagte er dem Deutschlandfunk (Audio). Darüber haben auch Medien wie der Spiegel berichtet. Es ging darum, die Gefahr einer zweiten Infektionswelle in Deutschland zu reduzieren. Doch davon, dass Mallorca ein „Corona-Hotspot“ sei, war in den Medienberichten nicht die Rede.

Aktuelle Daten der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut zeigen am 24. Juli insgesamt 2.333 Infektionsfälle auf den Balearen, davon 122 aktive Fälle, die mit PCR-Tests bestätigt worden sind. Regionale Corona-Schwerpunkte in Spanien liegen derzeit auf dem Festland, in Katalonien und Aragón, wie das Auswärtige Amt schreibt. Bisher verläuft die Corona-Pandemie für die Balearischen Inseln eher mild – und so wird es auch in den CORRECTIV bekannten Medienberichten dargestellt.

Fazit: Die „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ gibt es nicht. CORRECTIV ist kein Medienbericht bekannt, in dem Mallorca als „Corona-Hotspot“ bezeichnet wurde.

3. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Deutschland-Kurier-Reporter Oliver Flesch kritisierte die Medien im Text unter seinem Video: Diese hätten berichtet, „auf den Stränden hätten sie dicht an dicht wie Sardinen in der Sonne gebrutzelt“. Bei Journalistenwatch heißt es, dass teilweise Fotos von 2018 verwendet worden seien.  

In Einzelfällen kam es tatsächlich zu Fehlern in der Berichterstattung. CORRECTIV fiel zum Beispiel eine irreführende Zwischenüberschrift im Merkur auf, in der es hieß „Illegale Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’“, obwohl die feiernden Touristen in der „Bierstraße“ gefilmt wurden. Unter anderem von Focus-Online wurde ein Archivbild von einem überfüllten Strand verwendet, das nicht als Archivbild gekennzeichnet wurde. Wir haben bereits einen detaillierten Faktencheck dazu veröffentlicht. 

4. Behauptung: In den Aufnahmen sind keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen

Im Video-Bericht für den Deutschland-Kurier sagt Oliver Flesch, dass auf in den Medien veröffentlichten Bildern keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen seien: „Da war genügend Abstand.“ Er selbst spricht übrigens auch fälschlich von der „Schinkenstraße“ statt von der „Bierstraße“, wo die Bilder tatsächlich herkommen. 

Zum Hintergrund: Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen bereits am Abend des 10. Juli. Sie galt nur dort, wo kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. 

Das bereits erwähnte Instagram-Video vom 10. Juli zeigt jedoch deutlich, dass Mindestabstände auf der „Bierstraße“ teilweise aus Platzgründen nicht eingehalten werden konnten. Gelegentlich standen wartende Gruppen mitten auf der Straße, oder Straßenverkäufer sprachen Touristen an. Dadurch wurde es eng, und einige Gruppen schoben sich teils nah aneinander vorbei. Masken trugen nur wenige Menschen. Hinter dem „Las Palmeras“, dem „Deutschen Eck“ und dem „Et Dömsche“ war die Straße dann wieder leer.  

Menschen auf der Bierstraße Mallorca
Screenshots des Instagram-Videos am 21. Juli 2020: Sie zeigen, dass teilweise die Mindestabstände nicht eingehalten werden. (Quelle: Instagram / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

In seinem Video spricht Oliver Flesch außerdem von einer „erneuten Maskenpflicht“ auf Mallorca und suggeriert, diese sei auf die Partys zurückzuführen. Das ist ebenfalls nicht richtig. Es gab zwar ab dem 13. Juli eine Verschärfung der Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera). Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“.

Fazit: Die Menschen laufen in dem Video teilweise sehr nah aneinander vorbei. Wo im Freien zwei Meter Mindestabstand nicht eingehalten werden konnte, bestand auch am 10. Juli schon Maskenpflicht auf Mallorca.

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Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Vorwürfe von Journalistenwatch und dem Deutschland-Kurier sind größtenteils falsch; die Bilder von feiernden Touristen sind echt. Sie stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. 

Bei dieser Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. 

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