[{"@context":"https:\/\/schema.org\/","@type":"NewsArticle","@id":"https:\/\/www.bachhausen.de\/melden-zwecklos-tiktok-ignoriert-desinformation-zur-bundestagswahl\/#NewsArticle","mainEntityOfPage":"https:\/\/www.bachhausen.de\/melden-zwecklos-tiktok-ignoriert-desinformation-zur-bundestagswahl\/","headline":"Melden zwecklos: Tiktok ignoriert Desinformation zur Bundestagswahl","name":"Melden zwecklos: Tiktok ignoriert Desinformation zur Bundestagswahl","description":"Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck \/ Zur Quelle wechseln Wir haben wirklich alles probiert, um Tiktok klarzumachen, wie viel Desinformation auf der Plattform kursiert. 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Aber so richtig interessiert hat es den Tech-Giganten nicht.\u00a0In m\u00fchseliger Kleinstarbeit haben wir mit unserem Tiktok-Konto unsere Faktenchecks auf der Plattform kommentiert, wir haben Videos, die Menschen vor der Wahl manipulieren sollen, gemeldet, nochmal gemeldet und teils ein drittes Mal gemeldet. Aber in den meisten F\u00e4llen blieben die Falschbehauptungen einfach da und breiteten sich ungehindert weiter aus.\u00a0Und das ausgerechnet vor der Bundestagswahl, bei der rund 59 Millionen Menschen entscheiden, wie es f\u00fcr die n\u00e4chsten vier Jahre in Deutschland weitergehen soll. Bei 180 Videos, in denen Falschbehauptungen zur Wahl geteilt wurden, sah Tiktok kein Problem. Sie wurden insgesamt etwa 15 Millionen Mal angezeigt und erhielten etwa eine halbe Million Likes.\u00a0Dabei ist der Fall eigentlich klar, wenn man anschaut, was Tiktok \u00fcber seinen \u201eKampf gegen sch\u00e4dliche Fehlinformationen\u201c schreibt: \u201eUngenaue, irref\u00fchrende oder falsche Inhalte, die einzelnen Menschen oder der Gesellschaft erheblich schaden k\u00f6nnen\u201d seien verboten, gerade wenn etwa das Vertrauen in Wahlen untergraben werden soll. Also w\u00fcrden sie gel\u00f6scht oder eingeschr\u00e4nkt.\u00a0Die Praxis sieht anders aus, wie unser Experiment zeigt. In nur 21 von 201 F\u00e4llen sah Tiktok einen Versto\u00df. Nach einer Presseanfrage wurden weitere Videos eingeschr\u00e4nkt, fast die H\u00e4lfte aber blieb weiterhin unbehelligt. Tiktok verst\u00f6\u00dft mit all dem wohl nicht nur gegen seine eigenen Richtlinien, sondern was den Umgang mit rechtswidriger Falschinformation und deren Meldeweg angeht, mutma\u00dflich auch gegen europ\u00e4isches Recht.Unser Kampf gegen die Windm\u00fchlen der Desinformation auf Tiktok: Bei \u00fcber 200 Videos von Falschbehauptungen, die wir widerlegt haben, kommentierten wir unsere Faktenchecks. Ge\u00f6ffnet wurden die Links kaum. (Quelle: Tiktok; Screenshot, Collage, Schw\u00e4rzung: CORRECTIV.Faktencheck)\u00dcber 200 Tiktok-Videos mit Falschinformationen zur BundestagswahlWir haben 201 Tiktok-Videos gefunden, in denen Falschbehauptungen zur Bundestagswahl vorkommen, zu denen wir bereits Faktenchecks ver\u00f6ffentlicht haben. Darunter: Eine Tabelle, die eine \u201eEntscheidungshilfe\u201c zur Wahl sein soll, und vermeintliche Parteipositionen vergleicht. Der Gro\u00dfteil stellt die Forderungen der Parteien falsch dar. Oder eine Reihe falscher Zitate, zum Beispiel von Saskia Esken oder Friedrich Merz. Oder Fakes, die erwiesenerma\u00dfen Teil einer gro\u00df angelegten Desinformationskampagne sind \u2013 ihre Spuren reichen bis zum russischen Geheimdienst.\u00a0Dazu kommen Falschbehauptungen, die die Wahl als Ganzes in Frage stellen, zum Beispiel Behauptungen \u00fcber fehlerhafte Stimmzettel oder eine erfundene Drohung des Bundespr\u00e4sidenten, die Wahl zu annullieren.Kurzum: Behauptungen, die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler in Deutschland beeinflussen sollen, anders zu w\u00e4hlen \u2013 oder gar nicht zu w\u00e4hlen. Ob sie direkten Einfluss auf Wahlentscheidungen haben, ist nicht messbar, aber sicher ist: Sie sind eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie in Deutschland.Mehr zur Datenanalyse von CORRECTIVWir identifizierten 210 Videos auf Tiktok, die Falschinformationen zur Bundestagswahl enthalten. Der Datensatz umfasst Videos mit Falschinformationen, \u00fcber die CORRECTIV.Faktencheck bis einschlie\u00dflich 7. Februar 2025 berichtete. Neun Videos haben wir im Verlauf der Recherche von der Analyse ausgeschlossen, weil sich die Namen der Tiktok-Profile \u00e4nderten und die Videos dadurch nicht mehr zuzuordnen waren, oder weil eine Meldung aufgrund technischer Probleme nicht m\u00f6glich war.Mithilfe des Tiktok Data Extractors von Apify, einer Online-Plattform aus Prag, die Web-Scraping-L\u00f6sungen anbietet, analysierten wir die Zahl der \u201eGef\u00e4llt mir\u201c-Angaben, Kommentare und Videoaufrufe, um die Reichweite und somit den potenziellen Schaden einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Wir analysierten zudem, ob und wann Videos gel\u00f6scht wurden, w\u00e4hrend wir sie parallel auf verschiedenen Wegen an Tiktok meldeten.\u00a0Tiktoks Urteile \u00fcber die gemeldeten Videos erfassten wir ebenfalls automatisiert mit Apify, einzelne unklare F\u00e4lle korrigierten wir h\u00e4ndisch.Wir testen Tiktoks einfachsten Meldeweg f\u00fcr Falschinformationen zur WahlAlso starteten wir einen Test. Wir haben jedes der Videos mit einem Link zu unserem Faktencheck kommentiert. Au\u00dferdem haben wir sie an Tiktok als \u201eFalschinformation zur Wahl\u201c gemeldet. So, wie es Tiktok seinen Nutzerinnen und Nutzern in den Community-Richtlinien vorschl\u00e4gt. Vier Klicks und ein Video ist gemeldet. Soweit, so einfach. Doch in den meisten F\u00e4llen sah Tiktok keinen Versto\u00df gegen seine Richtlinien.Wir haben etwa 200 Videos als Falschinformation zur Wahl an Tiktok gemeldet. In den meisten F\u00e4llen passierte nach der ersten Meldung nichts. (Quelle: Tiktok; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)Tiktok schreibt selbst: Inhalte, die \u201eFehlinformationen enthalten, die die F\u00e4higkeit eines W\u00e4hlers, eine fundierte Entscheidung zu treffen, beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen\u201c, k\u00f6nnten f\u00fcr die For-You-Page ungeeignet sein. Die For-You-Page ist das Herzst\u00fcck der App: Dort scrollen User durch die Videos, die Tiktok ihnen per Algorithmus vorschl\u00e4gt.\u00a0Von unseren 201 gemeldeten Videos sperrte Tiktok nach dem ersten Melden aber nur zw\u00f6lf f\u00fcr die For-You-Page. Die restlichen Videos bewertete Tiktok mit \u201ekein Versto\u00df\u201c.Erst dachten wir, unser Experiment sei damit beendet. Doch dann stie\u00dfen wir auf die M\u00f6glichkeit, die Videos ein zweites Mal zu melden, also eine Beschwerde gegen Tiktoks Entscheidung einzureichen. Dass es diese M\u00f6glichkeit gibt, verr\u00e4t die Plattform w\u00e4hrend des Meldeprozesses nicht. Auf die Idee muss man selbst kommen.Tiktok sieht nach Meldung nur in den wenigsten F\u00e4llen einen Versto\u00dfWir meldeten die verbliebenen 189 Videos also nochmal. Bei jeder Meldung schickten wir per \u201eWiderspruchserkl\u00e4rung\u201c den Link zu unserem Faktencheck mit. Was daraufhin geschah? Tiktok sperrte f\u00fcnf weitere Videos f\u00fcr die For-You-Page. In vier F\u00e4llen meldete Tiktok einen \u201eVersto\u00df\u201c und gab an, das Video entfernt zu haben. In den meisten F\u00e4llen aber lehnte Tiktok unsere Meldung ab. Und das sogar erstaunlich schnell: In einer Stichprobe von zehn F\u00e4llen dauerte es in neun F\u00e4llen exakt 30 Minuten. Das sieht nach einer automatisierten Bearbeitung aus. Fragen dazu beantwortete uns Tiktok nicht. Dabei setzt der Konzern laut Eigenangabe \u201eeine Kombination aus automatischer \u00dcberpr\u00fcfung und menschlicher Moderation\u201c ein.\u00a0Sowohl nach dem ersten (rot markiert), als auch nach dem zweiten Mal Melden (blau markiert) eines Videos dauert die Bearbeitungszeit von Tiktok auff\u00e4llig oft exakt 30 Minuten (Quelle: Tiktok; Screenshot, Markierungen, Schw\u00e4rzung und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)Wo Tiktok bei unserem Experiment eingreift \u2013 und wo nichtKnapp zwei Wochen, nachdem wir die Falschbehauptungen auf Tiktok auf dem einfachen Weg gemeldet haben, ziehen wir eine ern\u00fcchternde Bilanz: F\u00fcr die For-You-Page gesperrt hat Tiktok insgesamt 17 Videos. Darunter etwa die Falschbehauptung, die Briefwahl sei manipuliert, weil den Stimmzetteln eine Ecke fehlt. (Das ist ganz normal.) Ebenfalls eingeschr\u00e4nkt wurden manche Videos, die eine alte Umfrage als aktuell ausgeben und manche Videos, in denen es hei\u00dft, Bundespr\u00e4sident Steinmeier habe angedroht, die Wahl zu annullieren, wenn die falschen Parteien gewinnen. (Hat er nicht.)Bei nur vier Videos war der Versto\u00df in den Augen von Tiktok so gravierend, dass sie\u00a0gel\u00f6scht wurden. Zwei davon betrafen einen angeblichen Zehn-Punkte-Plan, der falsche und unbelegte Behauptungen \u00fcber den CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz enth\u00e4lt. Wir meldeten insgesamt 72 Videos mit diesem Inhalt. Manchmal ist die Falschbehauptung im Bild zu sehen, manchmal in der Tonspur zu h\u00f6ren. Im Lauf unserer Recherche verschwand die Tonspur, zu welchem Zeitpunkt ist unklar. Doch noch immer kursieren mindestens 19 Videos mit der Falschbehauptung.Im Lauf unserer Recherche verschwand die Tonspur in Videos \u00fcber CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (gelbe Markierung). Darin wurden ihm zahlreiche Falschbehauptungen untergeschoben. Sie kursieren weiterhin auf Tiktok. (Quelle: Tiktok; Screenshot, Markierungen, Schw\u00e4rzungen und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)Doch nicht nur der Zehn-Punkte-Plan ist weiterhin auf Tiktok zu finden, auch eine sogenannte \u201eEntscheidungshilfe\u201c, die haupts\u00e4chlich eine Ansammlung erfundener Parteipositionen ist, zirkuliert auf der Plattform. Ebenso wie ein Vergleich von AfD-Positionen mit verf\u00e4lschten CDU-Positionen und ein Fake-Artikel \u00fcber ein Migrationsabkommen zwischen Deutschland und Kenia, der das Produkt der russischen Desinformationskampagne \u201eStorm-1516\u201c ist.Tiktok bewertet identische Desinformation unterschiedlichEin System dahinter, was Tiktok als problematisch bewertet und was nicht, k\u00f6nnen wir nicht erkennen. So wird zum Beispiel ein Video, in dem behauptet wird, Bundeskanzler Olaf Scholz besitze eine teure Villa in L.A., einmal eingeschr\u00e4nkt, ein identisches Video darf jedoch bleiben. Die angebliche Entscheidungshilfe mit erfundenen Parteipositionen findet Tiktok einmal so schlimm, dass das Video gel\u00f6scht wird, in 20 anderen F\u00e4llen mit derselben Behauptung sieht die Plattform kein Problem.Fast schon absurd unterschiedlich war die Bewertung von drei identischen Falschbehauptungen zu angeblichen AfD- und CDU-Positionen. Einmal wurde das Video eingeschr\u00e4nkt, einmal gesperrt und in einer Handvoll anderer F\u00e4lle durfte das Video uneingeschr\u00e4nkt bleiben.\u00a0Tiktok bewertete unsere Meldungen zu mehreren Videos mit der identischen Falschbehauptung unterschiedlich (Quelle: Tiktok; Screenshot, Markierungen, Schw\u00e4rzungen und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)Wo Tiktok laut Eigenangabe vor Bundestagswahl 2025 eingegriffen hatWir haben Tiktok mit den Ergebnissen unseres Experiments konfrontiert. Antworten darauf, wieso nur die wenigsten der gemeldeten Videos entfernt oder f\u00fcr die For-You-Page eingeschr\u00e4nkt wurden und wieso identische Falschbehauptungen unterschiedlich bewertet wurden, erhielten wir nicht. Stattdessen schreibt der Konzern, Tiktok habe vor der Bundestagswahl \u00fcber 862.000 Inhalte entfernt, darunter auch solche, die gegen Tiktoks Richtlinien \u201ezur Integrit\u00e4t von zivilgesellschaftlichen Prozessen und Wahlen sowie Fehlinformation\u201c versto\u00dfen h\u00e4tten. Tiktok habe \u00fcber 700 Konten entfernt, die sich als Kandidierende der Bundestagswahl sowie Amtsinhabende ausgegeben haben sollen.\u00a0Zudem kann Tiktok nach eigenen Angaben Warnhinweise in Videos einblenden, die von Faktencheck-Organisationen gepr\u00fcft wurden, mit denen Tiktok zusammenarbeitet. Von den Videos in unserem Experiment hatte jedoch kein einziges ein solches Label.Tiktok erkl\u00e4rt au\u00dferdem, Videos, die \u201eerheblichen Schaden\u201c (einschlie\u00dflich der Untergrabung von sozialen Institutionen oder Prozessen) verursachen k\u00f6nnen, zu entfernen. Sei der Schaden \u201em\u00e4\u00dfig\u201c, w\u00fcrden sie den Inhalt f\u00fcr den For-You-Feed einschr\u00e4nken. Auf unsere Frage nach den Videos unseres Experiments behauptet Tiktok, \u201edie meisten\u201c davon seien nicht f\u00fcr die For-You-Page empfohlen, liefert jedoch keine genauen Zahlen oder Belege daf\u00fcr.Tiktoks Kooperation mit Faktencheck-Organisationen und warum wir nicht mitmachenTiktok betreibt nach eigenen Angaben ein \u201eglobales Faktencheck-Programm\u201c, bei dem die Plattform mit 21 Faktencheck-Organisationen zusammenarbeitet. Diese Organisationen sind vom International Fact-Checking Network (IFCN) akkreditiert, erf\u00fcllen also h\u00f6chste Qualit\u00e4tsregeln. Wenn sie im Zuge dieser Kooperation eine Fehlinformation finden, dann werde diese, so schreibt Tiktok, von der Moderation eingeschr\u00e4nkt oder gel\u00f6scht.CORRECTIV.Faktencheck ist derzeit nicht in einer solchen Kooperation mit Tiktok. Die Konditionen, unter denen Tiktok hier mit Faktencheck-Redaktionen zusammenarbeitet, entsprechen nicht unseren journalistischen Qualit\u00e4tsanspr\u00fcchen.Wir sind aber auf andere Weise auf Tiktok aktiv. Erstens teilen wir selbst dort unsere eigenen Videos \u00fcber unsere Arbeit. Zweitens startete etwa das CORRECTIV-Bildungsprojekt Reporterfabrik 2023 eine Medienkompetenz-Kampagne mit Tiktok.Tiktoks Umgang mit rechtswidriger Desinformation k\u00f6nnte gegen europ\u00e4isches Recht versto\u00dfenTiktoks Umgang mit Meldungen k\u00f6nnte in manchen F\u00e4llen sogar rechtswidrig sein. Denn Tiktok verst\u00f6\u00dft laut Fachleuten durch seinen Umgang mit F\u00e4llen von illegaler Desinformation gegen das Gesetz \u00fcber digitale Dienste (Englisch: Digital Services Act, DSA) in der Europ\u00e4ischen Union. Es sieht vor, dass Plattformen auf illegale Inhalte reagieren m\u00fcssen.Chan-jo Jun, Fachanwalt f\u00fcr IT-Recht, hat selbst Erfahrung mit dem Meldesystem von Tiktok. Er meldete das Fake-Konto @anwaltjunn, das sich als er ausgab, mehrfach an Tiktok. Weil die Plattform darauf nicht reagierte, zog Jun vor Gericht und gewann Anfang Februar den Rechtsstreit vor dem Landgericht M\u00fcnchen I. Tiktok darf ein solches Fake-Konto k\u00fcnftig nicht mehr zug\u00e4nglich machen.Zwar ist nicht jede Desinformation illegal, doch Jun erkl\u00e4rt: \u201eWenn ein Zitat falsch untergeschoben wird, ist das eine Verletzung des Pers\u00f6nlichkeitsrechts, eine \u00fcble Nachrede oder eine Verleumdung.\u201c Das sind Straftaten nach dem Strafgesetzbuch.Tiktok muss laut DSA \u201eangemessen\u201c bei rechtswidrigen Inhalten reagierenFake-Zitate sind gleich mehrfach unter den 201 Videos, die wir an Tiktok meldeten: Vor der Bundestagswahl kursiert ein gef\u00e4lschtes Zitat, das der Bundestagsvizepr\u00e4sidentin und Gr\u00fcnen-Politikerin Katrin G\u00f6ring-Eckardt untergeschoben wurde und solche, die der SPD-Chefin Saskia Esken und dem Gr\u00fcnen-Ministerpr\u00e4sidenten Baden-W\u00fcrttembergs Winfried Kretschmann zugeschrieben wurden. Unseres Wissens gibt es dazu keine Verfahren oder Urteile.Laut Jessica Flint, Anw\u00e4ltin in Juns Kanzlei f\u00fcr IT- und Wirtschaftsrecht, schreibt der DSA vor, dass Tiktok bei rechtswidrigen Inhalten \u201eangemessen, das hei\u00dft, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig\u201c reagieren muss, nachdem ein Nutzer einen solchen Inhalt gemeldet hat. F\u00fcr diesen Bearbeitungsanspruch m\u00fcsse die Meldung nicht zwingend von der betroffenen Person stammen. \u201eEs kann eine Reichweiten-Reduktion sein oder eine Sperrung nur in bestimmten Bereichen. Bei einem rechtswidrigen Inhalt, der sogar gegen Strafgesetze verst\u00f6\u00dft, wird man annehmen m\u00fcssen, dass das gel\u00f6scht werden muss\u201c, so Flint.\u00a0Obwohl wir all diese erfundenen Zitate als \u201eFalschinformationen zur Wahl\u201c gemeldet haben, hat Tiktok sie nicht einmal in ihrer Reichweite eingeschr\u00e4nkt, geschweige denn gel\u00f6scht. Nur in einem Fall reagierte Tiktok, allerdings erst nachdem wir eine Presseanfrage stellten. Mehr dazu sp\u00e4ter.Tiktoks Meldesystem \u2013 \u201eeinfach und intuitiv\u201c?Das Gesetz \u00fcber digitale Dienste (DSA, Artikel 16 Absatz 1) verpflichtet Plattformen wie Tiktok, Verfahren bereitzustellen, \u00fcber die Nutzerinnen und Nutzer rechtswidrige Inhalte melden k\u00f6nnen. \u201eDiese Verfahren m\u00fcssen leicht zug\u00e4nglich und benutzerfreundlich sein\u201c, hei\u00dft es.\u00a0Tiktok bietet da gleich mehrere Meldesysteme an: Manche sind \u201eeinfach und intuitiv\u201c \u2013 andere daf\u00fcr DSA-konform \u2013 so formuliert Tiktok das selbst sinngem\u00e4\u00df im europ\u00e4ischen Code of Practice against Disinformation. Den einfachen Meldeweg haben wir zuerst benutzt, passiert ist danach aber nicht viel. Die anderen M\u00f6glichkeiten haben wir erst gefunden, nachdem wir uns tagelang mit Tiktok besch\u00e4ftigt und mit Fachleuten gesprochen haben. F\u00fcr unser Experiment haben wir diese Meldewege nicht genutzt.\u00a0Eine M\u00f6glichkeit sieht zum Beispiel vor, dass man nicht nur den Gesetzesparagrafen kennt, gegen den ein Video mutma\u00dflich verst\u00f6\u00dft, sondern auch eine \u201eMeldungserkl\u00e4rung\u201c abgibt und all das mit seinem b\u00fcrgerlichen Namen unterschreibt. Auf Anfrage nennt Tiktok diesen Meldeweg eine \u201ezus\u00e4tzliche Meldeoption\u201c, um illegale Inhalte zu melden. Dort eingegangene Inhalte w\u00fcrden zun\u00e4chst daraufhin gepr\u00fcft, ob sie gegen Tiktoks eigene Richtlinien versto\u00dfen. Falls ja, w\u00fcrden sie weltweit entfernt. Falls nein, werde gepr\u00fcft, ob die Inhalte gegen die Gesetze des jeweiligen Landes versto\u00dfen \u2013 falls ja, werde der Zugriff auf das Video dort eingeschr\u00e4nkt.Eine andere Meldem\u00f6glichkeit, verlinkt im Impressum, schickt einen auf der Tiktok-Webseite im Kreis. Wer im selben Meldeformular statt \u201eInhaltsversto\u00df\u201c unintuitiv \u201eAnderer\u201c angibt, kann die Meldung immerhin abschicken. Das haben wir einmal gemacht, doch einen Effekt hatte es unserer Beobachtung nach nicht.\u00a0Anw\u00e4ltin Jessica Flint bezeichnet das als \u201ekomplett unintuitiven Meldeweg, bei dem man beinahe f\u00fcr jeden Schritt Insiderwissen ben\u00f6tigt\u201c. Das k\u00f6nne den Vorgaben des DSA zu rechtswidriger Desinfo nicht gerecht werden, so Flint.Tiktok reagiert auf Presseanfrage und bewertet 26 Videos mit Falschinformation neu\u00a0Nachdem wir Tiktok per E-Mail mit unseren gescheiterten Versuchen konfrontierten, passierte noch etwas Eigenartiges: In der Melde\u00fcbersicht in unserem Benutzerkonto waren auf einmal \u00c4nderungen. Manche Videos, die vor unserer Konfrontation nicht als Versto\u00df erachtet wurden, waren pl\u00f6tzlich doch Verst\u00f6\u00dfe. Tiktok hat insgesamt 26 Videos neu bewertet. Darunter ein Dutzend Videos zum angeblichen Zehn-Punkte-Plan von CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz. Die meisten davon sind nicht mehr auf der For-You-Page verf\u00fcgbar, f\u00fcnf wurden gel\u00f6scht. So auch Inhalte, in denen es hei\u00dft, Bundespr\u00e4sident Steinmeier habe angedroht, die Wahl zu annullieren und einen \u00e4hnlichen Fall um Ex-EU-Kommissar Thierry Breton.\u00a0Videos, in denen behauptet wird, Bundeskanzler Olaf Scholz besitze eine teure Villa in L.A., sind teilweise aus unserer Melde\u00fcbersicht verschwunden. Auch auf Tiktok sind sie nicht mehr abrufbar. Weitere Videos wurden gel\u00f6scht, obwohl Tiktok keinen Versto\u00df darin sah. Wer sie l\u00f6schte, ist unklar.Offenbar gab es eine neuerliche \u00dcberpr\u00fcfung, die regul\u00e4ren Nutzerinnen und Nutzern, die keine Presseanfragen stellen k\u00f6nnen, wohl verwehrt w\u00e4re.Und immer noch bleiben laut unserer Datenanalyse fast die H\u00e4lfte der Videos \u00fcbrig, bei denen Tiktok offenbar keine Ma\u00dfnahmen getroffen hat. Tiktok wei\u00df, dass es diese Videos mit Falschinformationen gibt. Tiktok wei\u00df, dass damit versucht wird, Einfluss auf die Zukunft Deutschlands zu nehmen, indem Menschen im Wahlkampf manipuliert werden. Und nicht nur, dass der Konzern es Nutzerinnen und Nutzern erstaunlich schwer macht, darauf hinzuweisen, er ignoriert diese Hinweise in unserem Fall gr\u00f6\u00dftenteils.Trotz unseres Meldemarathons erreichten Videos, die weiterhin mit Falschinformationen auf Tiktok kursieren, insgesamt etwa 7,6 Millionen Views und 180.000 Likes. (Stand: 18. Februar 2025). In vielen F\u00e4llen wohl von Personen, die am kommenden Sonntag ihre Stimme abgeben werden.\u00a0Text und Recherche: Kimberly Nicolaus und Gabriele ScherndlRedaktion: Alice EchtermannFaktencheck: Matthias BauRedigatur: Alice Echtermann, Matthias BauDatenanalyse: Johannes GilleZur Quelle wechselnAuthor: Kimberly Nicolaus"},{"@context":"https:\/\/schema.org\/","@type":"BreadcrumbList","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Melden zwecklos: Tiktok ignoriert Desinformation zur Bundestagswahl","item":"https:\/\/www.bachhausen.de\/melden-zwecklos-tiktok-ignoriert-desinformation-zur-bundestagswahl\/#breadcrumbitem"}]}]