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Mit Kubicki beerdigt die FDP ihr eigenes Versprechen

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Die Wahl Wolf­gang Kubi­ckis zum FDP-Vor­sit­zen­den ist kein Auf­bruch, son­dern ein Nach­ruf. Die Par­tei, die ein­mal für Frei­heit, Fort­schritt und Ver­ant­wor­tung ste­hen woll­te, ent­schei­det sich für Kra­wall, Krän­kung und Talk­show-Libe­ra­lis­mus. Damit ist der klas­si­sche Libe­ra­lis­mus in Deutsch­land par­tei­po­li­tisch hei­mat­los gewor­den.

Es gibt Par­tei­ta­ge, die eine neue Zeit eröff­nen. Und es gibt Par­tei­ta­ge, die nur noch bestä­ti­gen, dass etwas zu Ende gegan­gen ist. Die Wahl Wolf­gang Kubi­ckis zum Vor­sit­zen­den der FDP gehört zur zwei­ten Kate­go­rie. Sie ist nicht die Ret­tung einer Par­tei, die sich nach ihrem Absturz neu erfin­den will. Sie ist das Ein­ge­ständ­nis, dass die­se Par­tei dazu nicht mehr in der Lage ist.

Die FDP hat mit Kubicki kei­nen libe­ra­len Auf­bruch gewählt, son­dern die bequems­te Form ihres eige­nen Nie­der­gangs: den Rück­zug in Pose, Trotz und Selbst­mit­leid. Aus­ge­rech­net eine Par­tei, die sich Libe­ra­lis­mus auf die Fah­nen schreibt, hat sich für einen Vor­sit­zen­den ent­schie­den, der vor allem für eine poli­ti­sche Hal­tung steht, die mit klas­si­scher Libe­ra­li­tät nur noch wenig zu tun hat. Kubicki ver­kör­pert nicht die Frei­heit des Bür­gers, der Ver­ant­wor­tung über­nimmt. Er ver­kör­pert die Frei­heit des Lau­ten, der sich von jeder Zumu­tung des Gemein­sinns beläs­tigt fühlt.

Das ist mehr als ein Per­so­nal­wech­sel. Es ist ein sym­bo­li­scher Schluss­strich.

Nach 1989 hat­te der Libe­ra­lis­mus in Deutsch­land ein­mal einen gro­ßen Klang. Er stand für offe­ne Gesell­schaft, Bür­ger­rech­te, Rechts­staat, Bil­dung, wirt­schaft­li­che Dyna­mik und die Hoff­nung, dass Men­schen ihr Leben selbst gestal­ten kön­nen. Libe­ra­lis­mus war damals nicht nur ein Pro­gramm gegen Bevor­mun­dung. Er war ein Ver­spre­chen: Jeder Mensch soll­te die Mög­lich­keit haben, aus sei­nem Leben etwas zu machen. Frei­heit soll­te nicht nur den Star­ken gehö­ren, son­dern allen.

Die­ses Ver­spre­chen ist heu­te beschä­digt. Und die FDP, die es eigent­lich erneu­ern müss­te, trägt zu sei­ner Beschä­di­gung bei.

Denn die Kri­se des Libe­ra­lis­mus besteht nicht dar­in, dass zu weni­ge Men­schen über Frei­heit reden. Im Gegen­teil: Das Wort ist über­all. Die AfD redet von Frei­heit. Impf­geg­ner rede­ten von Frei­heit. Rech­te Kul­tur­kämp­fer reden von Mei­nungs­frei­heit. Platt­form-Mil­li­ar­dä­re reden von Frei­heit, wäh­rend ihre Algo­rith­men Öffent­lich­keit sor­tie­ren, Auf­merk­sam­keit beloh­nen und Radi­ka­li­sie­rung pro­fi­ta­bel machen. Frei­heit ist zu einem Kampf­be­griff gewor­den, oft benutzt von Men­schen, die nicht Frei­heit für alle mei­nen, son­dern Ent­hem­mung für sich selbst.

Genau hier hät­te eine libe­ra­le Par­tei ihre his­to­ri­sche Auf­ga­be. Sie müss­te erklä­ren, wor­in der Unter­schied liegt zwi­schen Frei­heit und Rück­sichts­lo­sig­keit. Zwi­schen Wider­spruch und Nie­der­tracht. Zwi­schen Bür­ger­rech­ten und blo­ßer Recht­ha­be­rei. Zwi­schen Skep­sis gegen­über dem Staat und Ver­ach­tung für das Gemein­we­sen.

Die FDP aber tut das Gegen­teil. Sie hat den Libe­ra­lis­mus ver­engt auf eine Mischung aus Steu­er­re­flex, Anti-Grün-Affekt, Kul­tur­kampf und belei­dig­ter Männ­lich­keit. Frei­heit bedeu­tet bei ihr zu oft: Tem­po­li­mit ver­hin­dern, öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk beschimp­fen, gegen Gen­der­zei­chen wet­tern, den Staat pau­schal ver­höh­nen und sich anschlie­ßend wun­dern, dass immer weni­ger Men­schen dar­in eine ernst­haf­te poli­ti­sche Idee erken­nen.

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Mit Wolf­gang Kubicki wird die­se Ver­en­gung nun zur offi­zi­el­len Par­tei­li­nie. Kubicki ist kein Erneue­rer. Er ist eine Erin­ne­rung an die alte Bun­des­re­pu­blik, aller­dings nicht an ihre bes­ten Sei­ten. Er steht für den Sound einer FDP, die noch glaubt, poli­ti­sche Rele­vanz ent­ste­he dadurch, dass man in Talk­shows sitzt und mög­lichst kan­tig klingt. Doch Kan­tig­keit ist kein Kon­zept. Schlag­fer­tig­keit ist kein Pro­gramm. Und das per­ma­nen­te Koket­tie­ren mit dem Tabu­bruch ist noch kein Libe­ra­lis­mus.

Beson­ders ent­lar­vend war der Umgang mit sei­ner inner­par­tei­li­chen Kon­kur­ren­tin Marie-Agnes Strack-Zim­mer­mann. Wer nach einer Kampf­ab­stim­mung eine Par­tei füh­ren will, müss­te inte­grie­ren. Er müss­te zei­gen, dass Libe­ra­lis­mus auch heißt, Geg­ner aus­zu­hal­ten, Min­der­hei­ten zu respek­tie­ren und Wider­spruch nicht als Majes­täts­be­lei­di­gung zu behan­deln. Kubi­ckis Bot­schaft klang anders: Jetzt wis­se man, „wo der Ham­mer hängt“.

Das mag als Spruch gemeint gewe­sen sein. Poli­tisch aber war es eine Bank­rott­erklä­rung. Wo der Ham­mer hängt, weiß man nun tat­säch­lich: nicht im Werk­zeug­kas­ten eines libe­ra­len Neu­an­fangs, son­dern über dem Sarg einer Par­tei, die den Unter­schied zwi­schen Füh­rung und Macht­de­mons­tra­ti­on nicht mehr kennt.

Der klas­si­sche Libe­ra­lis­mus war nie nur die Leh­re vom mög­lichst klei­nen Staat. Er war auch eine mora­li­sche Idee. Er frag­te nicht nur: Was darf der Staat nicht? Son­dern auch: Was braucht der Mensch, um frei sein zu kön­nen? Bil­dung. Sicher­heit. Infra­struk­tur. Rechts­staat. Zugang zu Chan­cen. Schutz vor Will­kür, nicht nur durch Behör­den, son­dern auch durch Macht­kon­zen­tra­tio­nen in Wirt­schaft, Medi­en und digi­ta­len Räu­men.

Eine libe­ra­le Par­tei müss­te heu­te über die Macht von Tech­kon­zer­nen spre­chen, über digi­ta­le Abhän­gig­keit, über Mei­nungs­frei­heit in einer Platt­form­öf­fent­lich­keit, über sozia­le Ein­schüch­te­rung, über die Angst vie­ler Men­schen, in klei­nen Orten über­haupt noch offen zu reden. Sie müss­te fra­gen, wie Frei­heit aus­sieht, wenn der Bus nicht mehr fährt, der Arzt geschlos­sen hat, die Schu­le ver­fällt, die Bahn aus­fällt und die Brü­cke gesperrt ist. Denn dort, wo der Staat sich zurück­ge­zo­gen hat, ist nicht auto­ma­tisch Frei­heit ent­stan­den. Oft ist dort nur Ver­las­sen­heit gewach­sen. Und aus Ver­las­sen­heit wird Wut.

Die­se Wut bewirt­schaf­tet längst die AfD. Sie hat den Frei­heits­be­griff geka­pert und in sein Gegen­teil ver­kehrt. Frei­heit heißt dort nicht Selbst­be­stim­mung in Ver­ant­wor­tung, son­dern das Recht, sich nicht mehr zusam­men­zu­rei­ßen. Frei­heit heißt: gegen „die da oben“, gegen Min­der­hei­ten, gegen Zumu­tun­gen, gegen Kom­ple­xi­tät. Eine libe­ra­le Par­tei müss­te die­ser fal­schen Frei­heit eine bes­se­re ent­ge­gen­set­zen.

Doch die FDP wirkt nicht wie eine Kraft, die die­sen Kampf auf­neh­men will. Sie wirkt wie eine Par­tei, die selbst am Rand die­ser Wut ent­lang­schrammt, in der Hoff­nung, noch ein paar Fun­ken Auf­merk­sam­keit abzu­grei­fen.

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Das ist ihr eigent­li­ches Dra­ma. Die FDP wird nicht unter­ge­hen, weil Deutsch­land kei­nen Libe­ra­lis­mus mehr braucht. Sie wird unter­ge­hen, weil Deutsch­land ihn drin­gen­der bräuch­te denn je – und die FDP ihn nicht mehr glaub­wür­dig ver­kör­pert.

Deutsch­land steht vor Jah­ren tief­grei­fen­der Ver­än­de­rung: Alte­rung, Migra­ti­on, Digi­ta­li­sie­rung, geo­po­li­ti­sche Unsi­cher­heit, wirt­schaft­li­cher Umbau, eine über­for­der­te Infra­struk­tur, eine ner­vö­se Öffent­lich­keit. In einer sol­chen Lage müss­te Libe­ra­lis­mus groß den­ken. Nicht klein­lich. Nicht belei­digt. Nicht als Dau­er­kla­ge über die Zumu­tun­gen der Gegen­wart, son­dern als Ange­bot: Wie kön­nen Men­schen frei blei­ben in einer Zeit, in der sie sich ohn­mäch­tig füh­len? Wie ent­steht Auf­stieg, wenn Her­kunft wie­der stär­ker zählt? Wie schützt man Indi­vi­dua­li­tät, ohne den sozia­len Zusam­men­halt zu zer­stö­ren? Wie begrenzt man staat­li­che Über­grif­fig­keit, ohne den Staat dort zu ver­höh­nen, wo er drin­gend funk­tio­nie­ren muss?

Das wären libe­ra­le Fra­gen. Die FDP aber beant­wor­tet sie nicht. Sie beschäf­tigt sich lie­ber mit der eige­nen Krän­kung.

Dar­um bedeu­tet Kubi­ckis Wahl mehr als nur die Rück­kehr eines alten Hau­de­gens an die Spit­ze einer geschwäch­ten Par­tei. Sie bedeu­tet das Ende der FDP als ernst­zu­neh­men­der Trä­ge­rin des Libe­ra­lis­mus in Deutsch­land. Die Par­tei mag orga­ni­sa­to­risch wei­ter­exis­tie­ren. Sie mag noch Lan­des­ver­bän­de haben, Man­da­te, Talk­show­plät­ze, Spen­der, Geschäfts­stel­len, Beschlüs­se. Aber poli­tisch ist etwas Ent­schei­den­des erlo­schen.

Mit Kubicki ent­schei­det sich die FDP gegen die Zukunft und für die Kari­ka­tur ihrer selbst. Gegen Libe­ra­li­tät und für Laut­stär­ke. Gegen Ver­ant­wor­tung und für Pose. Gegen den Ver­such, Frei­heit neu zu begrün­den, und für das alte Ritu­al des Schimp­fens.

Viel­leicht wird es irgend­wann wie­der eine libe­ra­le Kraft in Deutsch­land geben, die die­sen Namen ver­dient. Eine Kraft, die Frei­heit nicht mit Ego­is­mus ver­wech­selt, die Bür­ger­rech­te ver­tei­digt, ohne Gemein­sinn lächer­lich zu machen, die Markt­wirt­schaft nicht als Aus­re­de für sozia­le Blind­heit benutzt und die Mei­nungs­frei­heit nicht nur dann ent­deckt, wenn sie dem eige­nen Milieu nützt.

Die FDP ist die­se Kraft nicht mehr.

Mit der Wahl Wolf­gang Kubi­ckis hat sie nicht nur einen Vor­sit­zen­den bestimmt. Sie hat den klas­si­schen Libe­ra­lis­mus, den sie einst zu ver­tre­ten behaup­te­te, par­tei­po­li­tisch beer­digt. Und das Tra­gi­sche ist: Sie scheint den Unter­schied zwi­schen einem Auf­bruch und einer Beer­di­gung nicht ein­mal mehr zu bemer­ken.

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