Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Nach Dixi-Klo-Aufnahmen: Betroffene drehen Doku über bildbasierte sexualisierte Gewalt

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...

Keine Spannervideos, sondern Gewalt.

Wenn jemand andere Menschen heimlich auf der Toilette filmt und die Videos im Internet veröffentlicht, dann sind das keine Spanner-Videos oder Pornos, sondern eine Form von Gewalt. Genauer gesagt: bildbasierte sexualisierte Gewalt. Diese Botschaft ist Natasha Zakharova wichtig. Die 31-Jährige ist selbst eine potenziell Betroffene. Jetzt will sie einen Dokumentarfilm über das Thema drehen.

Zakharova ist eine der vielen Personen, die vor einigen Jahren das Techno-Festival Monis Rache besucht haben und dabei womöglich heimlich gefilmt wurden. Ein Mann aus dem Organisationsteam der linken Kulturveranstaltung hatte in den Jahren 2016 und 2018 offenbar kleine Kameras in Dixi-Toiletten angebracht. Die Videos, in denen Menschen mit Vulva zu sehen sind, landeten im Internet, etwa auf der Pornoplattform xHamster.

Die Videos hatten tausende Aufrufe, die unwissentlich Gefilmten waren dabei zu sehen, wie sie sich ausziehen, urinieren oder Tampons wechseln. Das öffentlich-rechtliche YouTube-Format STRG_F hatte den Fall im Jahr 2020 aufgedeckt. Bis heute erschüttert er die Festival-Community. Der mutmaßliche Täter ist bekannt und mit zahlreichen Anzeigen konfrontiert. Anfang 2021 berichtete die Zeitung Jungle World, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen ihn vorübergehend eingestellt habe, weil der Mann untergetaucht sei.

Betroffenen eine Stimme geben

Viele Betroffene sind bis heute schockiert, wie wenig einfühlsam Organisator:innen, Medien, Justiz und Online-Plattformen mit dem Thema umgehen. Ihnen will Natasha Zakharova eine Stimme geben. Betroffene sollen die Möglichkeit bekommen, in einem geschützten Raum ihre Sicht der Dinge zu schildern und so ein Stück Deutungshoheit zurückbekommen. „Monis Rache am Patriarchat“ heißt das Projekt, für das Zakharova und ihre Mitstreiter:innen gerade Unterstützung auf startnext suchen.

Die Dokumentation soll jedoch nicht nur den Fall um das Festival Monis Rache aufarbeiten und so das Phänomen der bildbasierten sexualisierten Gewalt sichtbarer machen, erklärt Zakharova im Gespräch mit netzpolitik.org. Sie will davon ausgehend auf grundsätzliche Probleme schauen. „Die Kernfrage lautet: Warum wird den Betroffenen von sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft nicht zugehört?“

Zakharova will deshalb den unzureichenden Umgang der Pornoplattformen mit dem verletzenden Material genauso thematisieren wie die Rechtslage, die Betroffene ihrer Meinung nach überhaupt nicht schützt. Auch den oft hilflosen und unvorbereiteten Umgang der Gruppen, in denen Fälle sexualisierter Gewalt bekannt werden, will sie beleuchten. „Warum gibt es in unseren Communitys keine Strukturen, mit solchen Problemen umzugehen?“, fragt sie.

Auch ein interessanter Artikel:  Häusliche Gewalt: Suchmaschine für freie Plätze in Frauenhäusern gestartet

Ein Film, der vieles anders machen soll

Auch um die Rolle der Medien soll es gehen, die bildbasierte sexualisierte Gewalt häufig verharmlosen und der Perspektive von Betroffenen zu wenig Raum geben würden, so Zakharova. Sie und ihr Team wollen den Film deshalb anders angehen. Neben der Regisseurin sollen andere Betroffene zu Wort kommen – und auch an der Produktion des Filmes beteiligt werden.

„Wer vor einer Kamera über Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt berichtet, befindet sich in einer sehr verletzlichen Position“, erklärt Zakharova. „Da sagen viele leicht mal Dinge, mit denen sie sich später nicht wohlfühlen.“ Deshalb wollen sie und ihr Team die Protagonost:innen selbst mitentscheiden lassen, was am Ende gesendet wird.

„Das Team besteht zudem nur aus FLINTA-Personen“, auch das ist Zakharova wichtig. Die Abkürzung steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche Menschen, nichtbinäre Menschen, trans Menschen und agender Menschen. Also Personen, die vom Patriarchat am meisten unterdrückt werden. Zakharova will auf diese Weise einen Raum schaffen, in dem die Betroffenen selbstbestimmt für sich sprechen können.

Damit das gelingt brauchen die Verantwortlichen Geld. Mindestens 7.000 Euro sollen durch das Crowdfunding als Startkapital zusammenkommen. Das reicht längst nicht, um den Film zu realisieren, aber es soll eine Grundlage sein, um sich bei Filmförderungen zu bewerben. Das Crowdfunding läuft bis 2. Januar 2022.


Hilf mit! Mit Deiner finanziellen Hilfe unterstützt Du unabhängigen Journalismus.

Zur Quelle wechseln
Zur CC-Lizenz für diesen Artikel

Author: Ingo Dachwitz

Mastodon