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Neues aus dem Fernsehrat (76): Böhmermann kooperiert mit „Whotargets.me“ – wo bleiben öffentlich-rechtliche Crowd-Recherchen?

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...

Mehr Crowd-Recherchen durch den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk

Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.

Eigentlich ging es in der jüngsten Folge des ZDF Magazin Royale am 30. April 2021 um die deutsche Filmförderlandschaft, gekonnt verwoben mit Ausschnitten der verunglückten Schauspieler-Aktion „#Allesdichtmachen“. Nur gegen Ende warb Jan Böhmermann kurz für die Installation der Browser-Erweiterung „whotargets.me“, begleitet von diesem Tweet:

Böhmermann kündigte an, bis zur Bundestagswahl im Herbst „ein Auge auf den Wahlkampf im Internet“ zu werfen. Konkret soll mit Hilfe von Whotargets.me das Mikrotargeting politischer Parteien auf Facebook analysiert und ausgewertet werden. Denn im Unterschied zu klassischer Wahlwerbung auf Plakaten oder mit Fernsehspots bekommen beim Mikrotargeting nur ganz genau ausgewählte Teilzielgruppen möglichst genau auf diese abgestimmte Botschaften zu Gesicht. Bei den Botschaften muss es sich nicht unbedingt um klassische Wahlwerbung handeln. Denkbar wären beispielsweise auch Strategien zur asymmetrischen Demobilisierung, bei der es nicht darum geht, Stimmen zu gewinnen, sondern potenzielle Wähler:innen anderer Parteien zum Verzicht auf eine Stimmabgabe zu bewegen. 

Beispiele und Potenziale für Crowd-Recherche

Für mich stellt sich aber die Frage, warum eigentlich ein Satiremagazin wie das ZDF Magazin Royale und nicht klassische Nachrichtenformate und -portale wie Heute.de oder Tagesschau.de mit Partnern wie Whotargets.me für Recherchen kooperieren? Was, wenn nicht Recherche und Berichterstattung über (neue und digitale) Wahlwerbestrategien politischer Parteien fällt in den Kernbereich des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrags? Und wer sollte besser als Plattform für Crowdsourcing im Journalismus geeignet sein, als öffentlich-rechtliche Medien?

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Die Idee, das Publikum in Rechercheprojekte einzubinden, ist keine neue. Schon seit 2014 (!) wertet die investigative Rechercheplattform Bellingcat systematisch via Crowdsourcing und Social-Media-Daten gewonnene Hinweise aus (vgl. einen Tagesschau-Bericht vom Februar, der auch kritischen Stimmen Raum gibt). In Deutschland wurde das Crowd-Rechercheprojekt „Wem gehört Hamburg?“ von Correctiv 2019 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Beim Correctiv-Projekt ist besonders die Aufbereitung der Daten sehr gut gelungen, die Datenbasis mit 1.023 Teilnehmer:innen scheint allerdings ausbaufähig. Angesichts der viel größeren Reichweite öffentlich-rechtlicher Nachrichtensendungen würde sich für solche Projekte eine Kooperation geradezu aufdrängen.

Symptom für fehlende Publikumseinbindung

Letztlich ist das Fehlen von öffentlich-rechtlichem Crowd-Journalismus bzw. Crowd-Rechercheprojekten unter öffentlich-rechtlicher Trägerschaft auch ein Symptom für ganz allgemein fehlende Publikumseinbindung. Das Internet wird immer noch vor allem als zusätzlicher, vielleicht anderen Regeln folgender, aber primär als Ausspielkanal verstanden. Es ist aber viel mehr als das. Das Internet ist immer auch ein Rückkanal – wenn nicht auf der eigenen Plattformen, dann via Social Media. Und im Internet wird aus dem Publikum potenziell eine Quelle für (auch: investigative) Recherchen. 

Insofern ist es kein Zufall, dass gerade Böhmermanns ZDF Magazin Royale in Sachen Crowd-Recherche voranschreitet. Schließlich ist es auch seine Show ein Paradebeispiel dafür, wie über soziale Medien und YouTube gezielt Publikumsinteraktion forciert und auch inhaltlich genutzt werden kann. Dennoch wäre es hoch an der Zeit, dass die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen Crowd-Recherche nicht mehr einem Satireformat überlassen.


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