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Profite mit sexueller Gewalt: Visa landet mit Pornhub vor Gericht

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...
Das Kreditkartenunternehmen hat weiter Zahlungen für die Pornoplattform Pornhub abgewickelt, obwohl es mutmaßlich wusste, dass es dort vor Aufnahmen Minderjähriger wimmelt. Die Klage gegen Visa in dem Fall ist deswegen zulässig, urteilt ein kalifornischer Richter.
Visa soll gewusst haben, womit Pornhub seine Profite macht. – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Bild: cardmapr.nl, Screenshot: Pornhub, Montage: netzpolitik.orgDas Urteil ist 33 Seiten lang und liest sich über weite Teile wie ein Vortrag, den Eltern vor einem renitenten Teenager halten. Ein kalifornischer Richter urteilte vergangene Woche, dass das Kreditkartenunternehmen Visa weiterhin Angeklagter in dem Fall bleibt, den Betroffene von Missbrauch gegen das Unternehmen Mindgeek eingebracht haben. Mindgeek steht hinter der Pornoseite Pornhub.
Mehr als 30 Betroffene gehen seit dem vergangenen Jahr mit einer Zivilklage gegen Mindgeek und Visa vor. Die Unternehmen sollen wissentlich von Videos profitiert haben, die sexuellen Missbrauch von Kindern, mutmaßliche Vergewaltigungen und ohne Einverständnis geteilte Nacktaufnahmen zeigen.
Als einzige mit Namen wird dabei Serena Fleites genannt. Sie war laut Anklage 13 Jahre alt, als im Jahr 2014 ein Video von ihr auf Pornhub veröffentlicht wurde. Ihr damaliger Freund hatte den Clip gegen ihren Willen hochgeladen. Mindgeek teilte das Video wochenlang auf mehreren seiner Porno-Webseiten, auch nachdem es benachrichtigt wurde, dass es eine 13-Jährige zeigt. Zudem verdiente es an der Werbung, die daneben gezeigt wurde, so die Vorwürfe. Gebucht wurden die Anzeigen über das zu Mindgeek gehörende Werbenetzwerk TrafficJunky, die Zahlungen liefen über Visa.
Ohne Zahlungsnetzwerk kein Geld
Visa hatte beantragt, den Teil der Klage gegen das Unternehmen abzuweisen – mit dem Argument, Fleites Leiden sei ausschließlich auf die Handlungen von Mindgeek und ihres Ex-Freundes zurückzuführen. Das Gericht sah die Sache anders: Ohne die Unterstützung von Visa hätte Mindgeek das Verbrechen – die Monetarisierung von Kindesmissbrauchsmaterial, denn Fleites war damals ein Kind – gar nicht begehen können.
„Visa lieh Mindgeek ein dringend benötigtes Instrument – sein Zahlungsnetzwerk – mit dem mutmaßlichen Wissen, dass es auf den MindGeek-Websites eine Fülle von monetarisierten Kinderpornos gab“, heißt es in dem Urteil. Damit trage Visa mutmaßlich eine entscheidende Rolle bei dem Verbrechen – anders als etwa Google, das Videos von Pornhub in seinen Suchtreffern listet.
Visa hatte auch argumentiert, es hätte gar nicht die Macht, Mindgeek oder andere Kund:innen von bestimmten Handlungen abzuhalten. „Die Ansprüche des Klägers/der Klägerin gegen Visa beruhen alle auf der unbegründeten Annahme, dass Visa MindGeek zwingen könnte, anders zu handeln.“
Auch dieses Argument wies der Richter zurück. Nachdem die New York Times Ende 2020 über den Fall von Serena Fleites berichtete, hatte Visa reagiert und Pornhub zwischenzeitlich seine Dienste entzogen. Pornhub hat daraufhin binnen kurzer Zeit rund 10 Millionen nicht-verifizierte Videos von seiner Seite gelöscht, 80 Prozent aller Inhalte. Es war die größte Aufräumaktion in der Geschichte der Plattform, deren Geschäftsmodell zuvor darauf basierte, dass Nutzer:innen anonym und ungeprüft Videos hochladen dürfen. Daneben ließen sich dann Anzeigen zu Schlagwörtern wie „13yearoldteen“ oder „not18“ schalten, schreibt der Richter.
„Visa steht am Ventil“
Zur Ausweichtaktik des Finanzdienstleisters heißt es im Urteil plakativ: „Visa hat MindGeek im wahrsten Sinne des Wortes gezwungen, anders zu handeln, und zwar deutlich, zumindest eine Zeit lang.“ Und die „erstaunlich starke Reaktion“ stehe im Einklang mit der Aussage von ehemaligen Mitarbeiter:innen des Unternehmen, dass Mindgeek sich ständig Sorgen um die Geneigtheit seiner Zahlungsdienstleister mache und Entscheidungen auf dieser Basis treffe.
„Also ja, Visa ist vielleicht nicht direkt in das Tagesgeschäft von MindGeek involviert“, heißt es in der Entscheidung. Trotzdem ziehe Visa die informellen Grenzen. „Wenn MindGeek die Grenze überschreitet, oder zumindest, wenn MindGeek sehr öffentlich für das Überschreiten der Grenze ermahnt wird, lässt Visa die Peitsche knallen und MindGeek reagiert energisch. Doch hier steht Visa am Ventil und beharrt darauf, dass es nicht für den Wasseraustritt verantwortlich gemacht werden kann, weil jemand anderes den Schlauch bedient.“
Keine Entscheidung über Schuld
Die Entscheidung zur Zulassung der Klage ist noch kein Urteil über Schuld oder Unschuld von Visa. Das wird sich erst in der eigentlichen Gerichtsverhandlung zeigen. Es ist allerdings ein Signal – zur Verantwortung, die Zahlungsdienstleister tragen, wenn ihre Kund:innen mit illegalen Inhalten Geld verdienen.
In einem Statement gegenüber Variety nannte ein Visa-Sprecher das Urteil „enttäuschend“, es stelle die Rolle von Visa falsch dar. „Visa duldet nicht, dass unser Netzwerk für illegale Aktivitäten genutzt wird. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass Visa in diesem Fall ein unzulässiger Beklagter ist.“
Unter der Lupe
Pornhub ist eines der größten Pornoimperien der Welt. Die Seite steht besonders unter Beobachtung, seit die New York Times Ende 2020 eine Serie von Artikeln zu Missbrauchsaufnahmen auf der Plattform veröffentlichte. Serena Fleites war damals auf dem Aufmacherbild zu sehen. In der Folge mussten sich die damaligen Geschäftsführer von Mindgeek unter anderem vor dem kanadischen Parlament erklären – das Unternehmen hat sein größtes Büro in Kanada. Später zogen sie sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück.
Die Kritik und Kampagnen gegen die Seite kommen einerseits von Betroffenen digitaler Gewalt, deren Aufnahmen ohne Einverständnis auf Pornhub einem Millionenpublikum zugänglich gemacht wurden. Andererseits lobbyieren erzkonservative Aktivist:innen gegen das Unternehmen, weil sie Pornografie und kommerzielle Sexarbeit als Ganzes abschaffen wollen.
Dahinter steht die Überzeugung, dass Sexarbeit immer eine Form von Ausbeutung und Gewalt darstellt und niemand freiwillig sexuelle Dienstleistungen anbieten kann. Das ist inhaltlich falsch, wie Verbände von Sexarbeiter:innen immer wieder betonen, und verletzt unter anderem das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Doch vor allem in den USA ist der Einfluss der Aktivist:innen inzwischen groß.

Auch ein interessanter Artikel:  Chronik KW 31: Rechte Gewalt in dieser Woche

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Author: Chris Köver

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