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Trans und nicht-binäre Personen in der Wikipedia: Die editierte Identität

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...
Ein Outing kann auch in der Wikipedia Konsequenzen haben. – CC-BY-SA 3.0 Screenshot: Wikipedia, Foto: Mercedes Mehling, Logo: penubagNur wenige Minuten nachdem sich Elliot Page in Sozialen Medien als trans geoutet hatte, begannen Nutzer:innen der deutschsprachigen Wikipedia, die Informationen im Artikel über den kanadischen Schauspieler zu aktualisieren. Gleich mehrere Personen versuchten, den Eintrag auf den aktuellen Stand zu bringen, der zuvor mehr als 3 Monate lang keine Beachtung bekommen hatte. Andere setzten die Änderungen wieder zurück. Auf der Dikussionsseite zum Artikel stritten die Wikipedianer:innen um die richtigen Formulierungen.
Genügt der Instagram-Post einer Person als Quelle für die Online-Enzyklopädie? Ändert sich die Situation, wenn Medien darüber berichten? Welche Pronomen sollen genutzt werden? Wie werden Erwähnungen in anderen Artikeln aktualisiert?
Solche und ähnliche Diskussionen findet man bei mehreren Wikipedia-Artikeln zu trans und nicht-binären Personen. Sie zeigen, dass die Community hinter der Online-Enzyklopädie sich manchmal schwer tut: Regeln clashen mit der Realität, die Diskussionen können für die Betroffenen verletzend sein.
„Jascha. Pronomen er/ihn“
So berühmt wie Elliot Page ist Jascha Urbach nicht, doch auch er machte Erfahrungen damit, dass ein Coming-Out in der Wikipedia für Aufregung sorgen kann. Über Jascha gibt es seit 2014 einen Artikel in der Enzyklopädie. Er war bei den Netzaktivist:innen von Telecomix aktiv, die etwa während des arabischen Frühlings Infrastuktur bereitstellten, um Zensur zu umgehen. Heute setzt sich Jascha für HIV-Aufklärung und queeren Aktivismus ein.
Ende November gibt er auf Twitter und seinem Blog bekannt, dass man ihn nie wieder bei seinem vorherigen Namen nennen solle, sondern :“@herrurbach geht, tomate geht natürlich auch. Ansonsten: Jascha. Pronomen er/ihn, Geschlechtseintrag (wenn es denn machbar ist) keiner, Gender Demimale.“ Demimale ist eine nicht-binäre Geschlechtsidentiät. Ein Teil der Identität ist männlich, der andere wiederum unbestimmt. An den Wikipedia-Eintrag über ihn denkt er dabei erstmal nicht.
„Für mich war es am wichtigsten, erstmal den Menschen zu sagen, wie ich heiße, mit denen ich interagiere: meinen Freund*innen, Leuten aus meiner Stammkneipe“, sagt Jascha im Gespräch. „Das ist jedes Mal ein aufregendes, neues Outing.“
Namenskonventionen und Lemmata
Etwa einen halben Monat später will Schmittlauch den Wikipedia-Eintrag aktualisieren, persönlich kennen sich die beiden nicht. Schmittlauch, der unter diesem Namen seit 2011 im Netz unterwegs ist, studiert Informatik und sieht eine willkommene Möglichkeit, das Schreiben seiner Diplomarbeit zu prokrastinieren, erzählt er. „Ich habe das Lemma geändert, den Artikel verschoben, eine Weiterleitung eingerichtet und 1-2 Sätze zur Erklärung geschrieben.“
Lemma bezeichnet in der Wikipedia-Welt den Titel eines Artikels. Wie dieser aufgebaut sein soll, regeln die Namenskonventionen. Auf der Diskussionsseite hinterlässt Schmittlauch einen Hinweis, dass die Änderung auf der Ankündigung Jaschas beruht, aber noch keine rechtliche Änderung stattgefunden hat. Das heißt, in Jaschas Ausweis steht noch sein abgelegter Name, der sogenannte Deadname. „Ich finde es aber wichtig, selbstbestimmte Namensänderungen auch im Artikel abzubilden“, schreibt Schmittlauch auf der Seite.
Er sei von seinen bisherigen Erfahrungen in der OpenStreetMap-Community geprägt, sagt er: „Wenn ich irgendwo sehe, dass eine Bäckerei nicht mehr da ist, dann ändere ich das einfach auf der Karte. Und genau so bin ich mit dem Artikel zu Jaschas Namen umgegangen: Ich sah im Wikipedia-Artikel einen für mich klar falschen Fakt und habe ihn – inklusive Beleg – korrigiert.“
Doch später macht ein anderer Wikipedianer die Änderung rückgängig. Am angegebenen Beleg – Jaschas eigener Aussage – entzündet sich eine Diskussion. Ist die eigene Aussage einer Person eine Quelle für die Wikipedia? Entspricht der Titel den Namenskonventionen? Ist der Name relevant?
In der Regel soll „ein amtlich registrierter Name“ für den Titel verwendet werden, heißt es in den Namenskonventionen. Oder der Name, der „überwiegend in Gebrauch ist“. Jascha nutzt seinen Namen noch nicht lange, es gibt also noch nicht viele Quellen, in denen er genannt ist.
Wer bestimmt, wie ich heiße?
„Wikipedia schreibt Geschichte nur auf, nicht neu oder um, die muss erst in Quellen niedergeschrieben sein“, sagt die langjährige Wikipedianerin Grizma. „Wenn eine für das Lexikon relevante Person ihre neue Identität über Twitter öffentlich macht, wird es früher oder später von Medien und einschlägigen Publikationen aufgegriffen – auch wenn das ein paar Wochen dauern kann“, sagt sie.
Doch die Diskussion um den Titel des Artikels zu Jascha läuft da bereits. Grizma gehört zum Femnetz-Gründungsteam, einem feministischen Netzwerk in der Wikipedia, und setzt sich für mehr Diversität in der Online-Enzyklopädie ein. Sie weist auf der Diskussionsseite darauf hin, dass Jascha in einem Eintrag im Queer-Lexikon benannt ist und schreibt: „Über die Identität bestimmt nur die Person, die es betrifft, ganz selbst und ganz allein. Die Erklärung steht im Netz und ist damit gültig, zumal bei einem Netzaktivisten. Ob das behördlich eingetragen ist oder nicht.“
Dass die Person selbst die beste Quelle ist, findet auch Schmittlauch: „Auch Medien beziehen ihre Information direkt von der Person, oder sie verbreiten aktiv falsche, veraltete Informationen. Warum also auf eine Drittquelle warten, die entweder die Primärquelle abschreibt oder falsch ist?“, sagt er.
Besondere Regeln für den Umgang mit dem Namenswechsel im Zusammenhang mit Änderungen der Geschlechtsidentität gibt es in der deutschsprachigen Wikipedia noch nicht, es greifen die allgemeinen Namenskonventionen für Personen. Grizma sagt: „Die Vielfalt möglicher Geschlechtsidentitäten ist enorm. Das in eine Regel zu gießen, ist schwierig und könnte im Einzelfall sogar kontraproduktiv sein.“ Ihrer Meinung nach funktioniert das existierende Regelwerk grundsätzlich, strittige Fragen müssten basisdemokratisch diskutiert werden.
Doch diese Diskussion kann verletzend sein, gerade wenn die betroffene Person sie mitbekommt. Jascha weist in der Diskussion darauf hin, dass er mitliest. „Ich fand es verletzend, dass Menschen meine Aussage, wer ich bin, nicht akzeptieren wollen“, sagt er. Ihn erinnere das an die Verfahren nach dem Transsexuellengesetz, sagt er im Gespräch mit netzpolitik.org. Denn um ihren Vornamen und den Geschlechtseintrag amtlich ändern zu lassen, müssen Personen in Deutschland einen langwierigen Prozess durchlaufen – mit Gutachten und gerichtlichen Beurteilungen. Schon lange gibt es Kritik daran, dass dieses Verfahren für Betroffene entwürdigend ist, es soll durch ein Selbstbestimmungsgesetz abgelöst werden.
In Jaschas Fall gab es schließlich ein Meinungsbild, ein Werkzeug zur Konfliktlösung auf der Wikipedia. Die meisten Nutzer:innen sprachen sich für das Lemma „Jascha Urbach“ aus. Doch auch wenn der Artikel über Jaschas am Ende unter seinem richtigen, eigenen Namen steht, findet er ein Meinungsbild den falschen Weg. „Meine Identität ist keine Meinung, sondern ein Fakt“, sagt Jascha. „Die einzige Person, die wissen kann, wer ich bin, bin ich.“
„Wie unter einem Brennglas“
Ähnliche Erfahrungen hat die Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer von den Grünen gemacht. Sie outete sich 2018, damals war sie noch Abgeordnete im Bayerischen Landtag. „Ich habe mich nie sonderlich um den Wikipedia-Artikel über mich gekümmert“, sagt sie gegenüber netzpolitik.org. „Die Diskussion nach meinem Coming-Out habe ich am Rande mitbekommen und jedesmal schmerzlich den Laptop zugeklappt“, sagt Ganserer.
Auch hier diskutierten Wikipedianer:innen über Formulierungen, die Verschiebung des Artikels und Ganserers Deadname. Für sie zeigen solche Diskussionen „wie unter einem Brennglas, welchen schweren Stand trans* und nicht-binäre Personen in unserer Gesellschaft haben. Es zeigt, wie wir uns ständig rechtfertigen und um Akzeptanz kämpfen müssen“.
Im Jahr 1996 hatte das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil festgestellt, dass die Frage, welchem Geschlecht sich ein Mensch zugehörig empfindet, seinen Sexualbereich und damit seine Privatsphäre betrifft. „Jedermann kann daher von den staatlichen Organen die Achtung dieses Bereichs verlangen. Das schließt die Pflicht ein, die individuelle Entscheidung eines Menschen über seine Geschlechtszugehörigkeit zu respektieren“, so das Urteil weiter.
„Nach diesem Urteil kann ich auch vor der amtlichen Personenstandsänderung von allen staatlichen Organen verlangen, dass Sie meine Geschlechtszugerhörigkeit inklusive korrekter Anrede respektieren“, sagt Ganserer. Für sie ist der Moment klar, ab wann ein Artikel angepasst werden können sollte: „Wenn eine Person ein öffentliches Coming-Out hatte, muss dass reichen, dass ein Artikel aktualisiert werden kann. Jede Person kann nur für sich selbst Auskunft geben.“
Kursiv, fett, gar nicht, versteckt
Neben Namen und Geschlechtsidentität ist auch der Umgang mit dem Deadname oft ein Streitpunkt. Der Begriff Deadname „bezeichnet bei einer Person, die einen neuen Vornamen angenommen hat, den alten, von der betreffenden Person nicht mehr verwendeten Vornamen“, heißt es im entsprechenden Wikipedia-Artikel. Personen, die einen neuen Namen haben, „ziehen es in der Regel vor, wenn nur noch der neue gewählte Name verwendet wird, und zwar auch in Bezug auf die Vergangenheit, in der die Person den Deadname noch nicht abgelegt hatte“, so der Artikel weiter.
In vielen Wikipedia-Artikeln über trans Personen findet sich der Deadname trotzdem. Bei anderen wiederum nicht. Bei manchen steht er nach dem Geburtsdatum, manchmal kursiv, manchmal ohne Hervorhebung. Bei manchen gefettet vor dem richtigen Namen, bei anderen mitten im Artikel, fast versteckt. Einen einheitlichen Umgang mit Deadnames gibt es offenbar nicht.
„Wenn es darum geht, ob der Deadname erwähnt werden sollte oder nicht, muss abgewägt werden“, sagt Grizma. „Ist der Deadname für die Historie irrelevant, weil es keine Quellen gibt, die ihn nennen oder die Person unter diesem Namen nichts öffentlich getan hat, ist die Sache klar: Er wird nicht genannt.“
Das ist etwa beim Buchhändler und Autoren Linus Giese der Fall. Doch nicht immer scheint das zu funktionieren. So etwa bei der „Germany’s next Topmodel“-Teilnehmerin Alex Mariah Peter. Vor ihrer Teilnahme bei der Casting-Show stand Peter nicht in der Öffentlichkeit, dennoch war ihr Deadname bis zu unserem Hinweis darauf im Artikel aufgeführt. Mehrmals versuchten Personen vorher, den Namen aus dem Artikel zu entfernen, die Änderung wurde stets zurückgesetzt. Ein Hinweis auf der Diskussionsseite blieb bis vor kurzem unbeantwortet.
Wird der Deadname ohne Einverständnis der Betroffenen erwähnt, kann das auch rechtliche Konsequenzen haben. § 5 des Transsexuellengesetzes besagt, dass die früheren Namen ohne Einverständnis „nicht offenbart oder ausgeforscht werden“ dürfen. Rechtliche Auseinandersetzungen zu Namen von trans Personen habe es zur deutschsprachigen Wikipedia noch nicht gegeben, sagt John Weitzmann, Justiziar bei Wikimedia Deutschland. Gerichtlich gestritten wurde hingegen mehrfach um Künstlernamen, etwa im Fall von Atze Schröder, der seinen bürgerlichen Namen nicht im Internet lesen wollte.
Ganserer kritisiert, dass andere bestimmen, ob der Deadname im Artikel auftaucht: „Die cis-geschlechtliche Mehrheit nimmt sich heraus, darüber zu urteilen, wann der Deadname verwendet werden kann“, so die Politikerin. „Es geht hier um Menschen und deren Gefühle. Was Deadnaming für Betroffene bedeutet und warum mensch es nicht machen soll, kann auf Wikipedia nachgelesen werden.“
Der neutrale Standpunkt
Im Fall von Jascha Urbach hat Jascha selbst auf der Diskussionsseite geäußert, dass er mit der Erwähnung des Deadnames einverstanden ist. „Dadurch kann weitere Verwirrung ausgeschlossen werden, wenn jemand über den Deadname auf den Artikel kommt“, schreibt er in der Diskussion. Doch dass sich Betroffene selbst äußern oder gar gefragt werden, ist nicht die Regel. „Die Person selbst zu fragen, wie sie dargestellt werden will, ist in der Wikipedia verpönt, das widerspricht dem Prinzip des Neutralen Standpunkts“, sagt Grizma.
Der neutrale Standpunkt ist eines der vier Grundprinzipien der Enzyklopädie. Daraus leitet sich auch ab, dass Personen mit Interessenskonflikten grundsätzlich nicht direkt in Artikel eingreifen sollten. Doch ist eine Änderung von Namen und Geschlechtsidentität damit vergleichbar, seine Biografie aufzupolieren?
„Es geht dabei nicht darum, meinen Lebenslauf zu schönen oder fälschlicherweise zu behaupten, ich wäre Professor an einer Universität, um daraus Vorteile zu ziehen“, sagt Jascha. „Es geht darum, dass da die Wahrheit steht. Und die bringt mir keinen persönlichen Vorteil, sondern das Outing setzt mich eher noch mehr Diskriminierung aus.“
Die Wikipedia bewegt sich
Die Diskussionen um seinen und andere Artikel vorher bewegen etwas in der Community. „Derzeit gibt es Bestrebungen, aus den bisherigen Diskussionen Kriterien zu destillieren, um daraus mögliche allgemeingültige Regeln für den Umgang mit Namensänderungen und Änderungen der Geschlechtsidentität abzuleiten“, sagt Grizma. Das basisdemokratische Prinzip des Projekts macht es grundsätzlich möglich, dass sich der Umgang in Zukunft ändert. „Doch der Weg zu einem in der Breite diskutierten Konsens ist dort bekanntermaßen lang“, sagt die erfahrene Wikipedianerin.
„Es ist die Stärke der Wikipedia, Dinge schnell abdecken zu können“, sagt Jascha. Er wünscht sich, dass die Community eine breite Diskussion darüber führt, wie sie mit lebenden Menschen und deren Identität umgeht. In vielen Ecken der Online-Enzyklopädie passiert das bereits. Im Februar 2021 gab es zum Beispiel ein Werkstattgespräch mit trans und queeren Aktivist:innen. Auf Diskussionsseiten versuchen Wikipedianer:innen immer wieder, Regeln zu formulieren und einen Konsens zu finden. Das Thema beschäftigt viele.
Und vielleicht werden dann Personen, die sich nach Jascha und Tessa Ganserer outen, in Zukunft nicht mehr mitlesen müssen, wie über ihre Identität gestritten wird. Zumindest nicht auf der Wikipedia.

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Author: Anna Biselli

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