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Video reißt Aussagen von Christian Drosten aus dem Kontext

Der Virologe Christian Drosten hat die PCR-Tests auf das neuartige Coronavirus mitentwickelt. Im „Coronavirus-Update“ – einem Podcast des NDR – schätzt er zudem seit dem 26. Februar 2020 das Geschehen rund um die Pandemie ein. Doch in einem auf Youtube und Facebook veröffentlichten Video wird dem Virologen unterstellt, dass er finanzielle Interessen verfolge. In der Beschreibung unter dem Video auf Facebook heißt es: „Christian Drosten entlarvend ehrlich!! Hören Sie genau zu, was der ‘Star-Virologe’ von sich gibt!!“

Das Youtube-Video der Express-Zeitung vom 14. April hat inzwischen mehr als 191.600 Aufrufe. Bei dem auf Facebook hochgeladenen Video handelt es sich um das gleiche Video, es wurde in der Gruppe „So werden wir dumm gehalten“ allerdings erst am 17. Juli hochgeladen. Inzwischen wurde es dort 4.900 Mal geteilt. 

Unsere Recherchen haben ergeben, dass das Video fast ausschließlich aus eingespielten Zitaten von Drosten besteht, die André Barmettler, Herausgeber der Express-Zeitung, mit kurzen Meinungsäußerungen kommentiert. Die Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen oder verkürzt. Es wird suggeriert, dass Drosten Impfstoffe anpreise, weil er davon profitieren wolle, wofür es keine Belege gibt. 

Drosten-Zitate stark verkürzt

Das Video vom 14. April 2020 auf Youtube behandelt eine Folge der NDR-Podcast-Serie „Das Coronavirus-Update“ vom 18. März mit Christian Drosten. Darin spricht der Institutsleiter der Charité unter anderem über die Kritik an den von ihm mitentwickelten PCR-Tests für die Erkennung von SARS-CoV-2. 

Zitate aus dieser Podcast-Folge werden – teilweise wiederholt – in dem Video der Express-Zeitung verwendet. Einige Zitate von Drosten wurden stark verkürzt und sind wenig aussagekräftig wie der Satz: „Es ist wirklich schlimm“. Er kommt in dem 22-minütigen Video dreimal vor (Minuten 0:03, 0:53, 21:35).

André Barmettler (links) kritisiert den Virologen Christian Drosten (rechts)
André Barmettler (links) kritisiert den Virologen Christian Drosten (rechts) in einem Video auf Youtube, indem er ihm finanzielles Interesse unterstellt. (Screenshot: CORRECTIV)

Zitate zu Covid-19-Studie aus dem Zusammenhang gerissen

Wir haben uns das Transkript des NDR-Podcasts mit Christian Drosten angesehen (Folge 16 vom 18. März). Einige Aussagen von Drosten werden im Video der Express-Zeitung als angebliche Belege für die Behauptungen von Barmettler angeführt, doch sie sind aus dem Kontext gerissen. 

Drosten sprach in der Podcast-Folge zum Beispiel über eine damals neu erschienene Modellierungsstudie vom Imperial College in London, die zum damaligen Zeitpunkt mehr Aufschluss über Sterbefälle und Infektionswege gebracht hat. Er erklärte, dass es sich um eine „wichtige Studie“ handele, auch wenn er selbst „Reserviertheiten gegen solche Modellierungen“ habe. 

Drosten sagte auch, dass er diese Studie für eine der besten halte, die bis dato verfügbar waren. „Diese Worte haben mich schon eher etwas überrascht“, kommentierte Barmettler (ab Minute 03:26 im Video). Eine halbe Stunde zuvor habe Drosten noch gesagt: „Diese Studie ist so neu, dass kaum jemand bis jetzt überhaupt Zeit hatte, die ganz zu lesen und zu verstehen.“ Er unterstellt Drosten also, dass dieser etwas loben würde, was er bis zum damaligen Zeitpunkt weder gelesen noch verstanden habe. 

Was Barmettler auslässt: Drosten reagierte auf die Frage der Journalistin, wie er und seine Kollegen die Studie beurteilen würden – und sagte, er wisse nicht, was seine Kollegen denken, da die Studie so neu sei, dass kaum jemand Zeit gehabt habe, sie zu lesen. „Aber ich halte das auch für eine sehr wichtige Studie.“ 

Drosten sagte, er habe die Studie am selben Morgen gelesen und machte deutlich, dass er nur eine erste Einschätzung dazu abgibt. Er erklärte auch, weshalb er sie für gut halte, obwohl er solchen Modellierungen sonst skeptisch gegenüberstehe. Im richtigen Kontext klingt das so: 

Drosten: „Also, ich habe immer meine Reserviertheiten gegen solche Modellierungen, weil, wie ich das vorhin schon mal sagte, immer grobe Annahmen getroffen werden. Also man hat da ein hoch diffiziles System, aber irgendwo ist dann plötzlich eine ganz grobe Schraube dran, und irgendjemand kommt einfach und dreht da mal dran rum, so wie er gerade meint. Während andere Sachen, die ganz feinen Zahnrädchen – die justieren sich alle gegenseitig selbst. Und man kann da wirklich auch skeptisch sein. Aber man muss auch sagen, ich glaube nicht mehr, dass diese epidemiologischen Modellierungen so grobe Fehler machen, wie sie die noch vor 15 Jahren oder vor 20 Jahren gemacht haben. […] da ist so viel dazugelernt worden, dass wir einfach als Wissenschaftler sagen müssen, dass wir das ernst nehmen. Und wenn wir das ernst nehmen… Diese Studie halte ich für eine der besten Studien, die bisher verfügbar ist.“

Barmettler behauptet, Christian Drosten wolle die „Notwendigkeit eines Impfstoffes regelrecht verkaufen“

Ab der 56. Sekunde im Video sagt der Herausgeber der Express-Zeitung, dass er den Eindruck habe, dass Drosten „die unumgängliche Notwendigkeit eines Impfstoffes regelrecht verkaufen“ wolle. Zudem solle dieser Impfstoff nicht gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Testverfahren eingeführt werden.

Die erste Aussage suggeriert, Drosten würde die Situation als gefährlich darstellen, um von der Herstellung von Impfstoffen finanziell zu profitieren. Dafür gibt es keine Belege.

Christian Drosten ist nicht direkt beteiligt an der Entwicklung eines Impfstoffes. Er ist zwar Mitglied beim Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), wo derzeit unter anderem an einem potenziellen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 geforscht wird. Doch dabei handelt es sich um einen gemeinnützigen Verein, für den laut der Internetseite mehr als 500 Ärzte und Naturwissenschaftler aus Deutschland arbeiten. Drosten wird bei der Covid-19-Forschung nur in Zusammenhang mit Diagnosen und PCR-Tests genannt. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Virusnachweis und Pandemieprävention“.

Laut der Projektbeschreibung des DZIF sind weder Drosten noch die Berliner Charité an der Impfstoff-Entwicklung beteiligt. Die Geschäftsstelle des DZIF verneinte am Telefon die Frage, ob Drosten an der Entwicklung von Impfstoffen beteiligt sei. 

Drosten schlug vor, Entwicklung von Impfstoffen zu beschleunigen – wies aber auf Risiken hin

Dennoch spricht der Virologe öfter über das Thema Impfstoffe. In der Podcast-Folge vom 18. März sagt er, man müsse darüber nachdenken, „vielleicht regulative Prozesse in dieser Ausnahmesituation für eine Spezialgruppe in der Bevölkerung zu erleichtern“. Seine Aussage bezieht sich auf die ältere Bevölkerung, die durch das neuartige Coronavirus besonders gefährdet ist. Von einem vollständigen Verzicht auf Testverfahren spricht er allerdings nicht, und er betonte, es sei ein Risiko. 

An dieser Stelle fragt die Moderatorin im Podcast nach: „Also die Regularien ein bisschen zu lockern im Hinblick auf: Wir nehmen notfalls auch ein kleines Risiko in Kauf, dass noch nicht komplett durchgetestet wurde auf Nebenwirkungen zum Beispiel.“ Drosten antwortet: „Ja. Und für so ein Risiko müsste dann auch der Staat haften. Und das sind alles ganz schwere Entscheidungen und Überlegungen, weil das dann am Ende eben doch viele Personen betreffen würde, und das ist alles gar nicht ins Reine gedacht – ich sage das jetzt hier einfach so ins Mikrofon.“ 

Den ersten Teil dieser Passage hat Barmettler in seinem Video verwendet, den letzten Teil des Zitats („Und das sind alles ganz schwere Entscheidungen….“) aber weggeschnitten.

Seine Überlegungen stellte Drosten im Kontext der Studie des Imperial Colleges an. Die Modellierungsstudie hat damals ermöglicht, unterschiedliche Szenarien für die Ausbreitung von Sars-CoV-2 durchzuspielen. Der Virologe nahm diese zum Anlass und sprach im Interview darüber:

„Wir können es jetzt durchaus schaffen, die Kurve zu kriegen und diese Fallzahlen in den nächsten Monaten, also in den frühen Sommermonaten, so weit senken, dass wir […] nicht in diese Situation eines überstrapazierten Gesundheitssysstems reinlaufen […]. Das können wir schaffen, aber wir müssen zusätzlich etwas anderes finden. Wir müssen einen Impfstoff finden oder irgendein Medikament, das man den älteren Personen geben könnte. Wir müssen natürlich nicht die ganze Bevölkerung mit irgendetwas versorgen, aber zumindest die Risikogruppen und vor allem die älteren Personen, für die muss man jetzt irgendetwas machen.“

Drosten begründete die schnelle Suche nach einem Impfstoff also damit, dass Risikogruppen und ältere Menschen geschützt werden müssten. 

Umfassende klinische Tests für Impfstoffe weiter nötig

Wie unsere Recherchen ergaben, müssen klinische Testverfahren für Covid-19-Impfstoffe in Deutschland weiterhin eingehalten werden. Laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) durchlaufen Impfstoffe hierzulande „ein umfassendes Zulassungsverfahren“. Zwingende Voraussetzung dafür sind laut PEI eine konsistente Herstellung, eine hohe Qualität und klinische Prüfungen in drei Phasen. Nur wenn der Nutzen eindeutig die Risiken überwiege, werde ein neuer Impfstoff die Zulassung erhalten. Das schreibt auch das RKI auf seiner Internetseite

Die Zulassung eines Impfstoffes dauert in der Regel viele Jahre. Darum hat die Europäische Union in der Covid-19-Pandemie einige bürokratische Hürden für die Entwicklung eines Impfstoffes zu ausgesetzt. Im Juni veröffentlichte die EU eine Strategie für Covid-19-Impfstoffe, um „unter Einhaltung der Standards für die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit von Impfstoffen die Entwicklung, Zulassung und Verfügbarkeit von Impfstoffen zu beschleunigen“. In diesem Kontext wurde unter anderem eine Umweltverträglichkeitsprüfung für bestimmte Impfstoffe ausgesetzt. 

Christian Drosten stellte in Podcast klar, dass er kein finanzielles Interesse bei Herstellung der PCR-Tests habe

Christian Drosten wird in dem Video der Express-Zeitung unterstellt, er verfolge mit seinen „Forderungen“ ein Eigeninteresse. André Barmettler stellt auf Youtube die Frage (ab Minute 09:50): Gehe es Drosten darum, „dasselbe düstere Bild“ wie in Italien auch auf Deutschland zu übertragen und dadurch seine „Forderungen“ zu rechtfertigen? Barmettler bezeichnet Drosten unter anderem als „angehenden Verkäufer“, der „sich übler Verkaufstricks“ bediene.

Zu ähnlichen Vorwürfen hat sich Drosten allerdings selbst in der gleichen Podcast-Folge geäußert. Da ging es um die Herstellung der PCR-Tests, die sein Team entwickelt hatte. Drosten sagte, damit verdienten sie „keinen Cent“. 

Dieses Zitat wurde von Barmettler in seinem Video ebenfalls nicht verwendet. 

Auszug aus einem Interview mit Christian Drosten
So antwortete Christian Drosten in dem NDR-Podcast auf die Frage, ob er Geld verdiene. Die Frage bezieht sich auf die PCR-Tests. (Quelle: NDR / Screenshot: CORRECTIV)

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