[{"@context":"https:\/\/schema.org\/","@type":"NewsArticle","@id":"https:\/\/www.bachhausen.de\/was-die-polizeiliche-kriminalstatistik-aussagt-und-was-nicht\/#NewsArticle","mainEntityOfPage":"https:\/\/www.bachhausen.de\/was-die-polizeiliche-kriminalstatistik-aussagt-und-was-nicht\/","headline":"Was die Polizeiliche Kriminalstatistik aussagt \u2013 und was nicht","name":"Was die Polizeiliche Kriminalstatistik aussagt \u2013 und was nicht","description":"Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck \/ Zur Quelle wechseln Hinweis: In diesem Text werden unter anderem Fallzahlen zu sexualisierter Gewalt genannt. Es werden aber keine Einzelf\u00e4lle oder grafische Details geschildert. Das Bundeskriminalamt will Mitte April 2026 die bundesweite Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) f\u00fcr das vorherige Jahr ver\u00f6ffentlichen. 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Es werden aber keine Einzelf\u00e4lle oder grafische Details geschildert.Das Bundeskriminalamt will Mitte April 2026 die bundesweite Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) f\u00fcr das vorherige Jahr ver\u00f6ffentlichen. Hier listet die Polizei gemeldete m\u00f6gliche Straftaten auf, die an die Staatsanwaltschaft \u00fcbergeben wurden. Sie erfasst die Anzahl von F\u00e4llen, Opfern und (auch minderj\u00e4hrigen) Tatverd\u00e4chtigen.Die Statistik f\u00fchrt jedoch oft zu Missverst\u00e4ndnissen, denn sie ist in erster Linie ein Arbeitsnachweis f\u00fcr die Polizei und l\u00e4sst nur begrenzt R\u00fcckschl\u00fcsse auf die reelle Entwicklung von Kriminalit\u00e4t in Deutschland zu: Einerseits, weil nicht bei jedem in der PKS gelisteten Fall ein Gerichtsprozess folgt. Andererseits, weil sie nur den Teil der Straftatbest\u00e4nde darstellt, der in der Zust\u00e4ndigkeit der Polizei liegt. F\u00e4lle von Steuerhinterziehung oder Staatsschutzdelikte geh\u00f6ren nicht dazu. Dazu kommt au\u00dferdem: Gesetzes\u00e4nderungen k\u00f6nnen dazu f\u00fchren, dass F\u00e4lle in der PKS anders erfasst werden \u2013 nicht alle Daten sind also im R\u00fcckblick vergleichbar.Faktencheck im \u00dcberblickWie mehrere Faktenchecks zeigen, wird die Statistik oder Zahlen daraus immer wieder herangezogen, um Desinformation oder Falschbehauptungen zu verbreiten. So kursierte im Dezember 2019 online die Behauptung, die meisten M\u00f6rder in Deutschland seien Menschen mit Migrationshintergrund \u2013 dabei wird dies in der PKS nicht erfasst. Oder: Im November 2025 behauptete einige AfD-Bundestagsabgeordnete, ein Anstieg der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sei auf Migranten zur\u00fcckzuf\u00fchren \u2013 dabei lie\u00dfen sie aus, dass \u00c4nderungen im Strafrecht die Zahlen verzerrten.CORRECTIV.Faktencheck ordnet g\u00e4ngige irref\u00fchrende oder falsche Behauptungen zur PKS ein.Fakt 1: Die PKS zeigt nicht, wie viele Menschen in Deutschland kriminell sindEinordnung: Die PKS bildet Kriminalit\u00e4t in Deutschland nur teilweise ab. Sie f\u00fchrt F\u00e4lle, die die Polizei der Staatsanwaltschaft \u00fcbergeben hat \u2013 werden Ermittlungen eingestellt, tauchen sie trotzdem in der PKS auf.\u00a0Die wichtigste Einschr\u00e4nkung, die bei der Betrachtung und Berichterstattung \u00fcber die Statistik klar sein muss, ist, dass sie keine Aussage \u00fcber Straft\u00e4ter machen kann. Benennt die Polizei einen Tatverd\u00e4chtigen, der dann auch in die PKS einflie\u00dft, liegt es erstmal bei der Staatsanwaltschaft, Ermittlungen einzuleiten. Das hei\u00dft, zu diesem Zeitpunkt hat noch kein Gericht \u00fcber die Schuld oder Unschuld der tatverd\u00e4chtigen Person entschieden.Tats\u00e4chlich ist es auch abwegig anzunehmen, dass alle Tatverd\u00e4chtigen verurteilt w\u00fcrden: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2024 rund 60 Prozent der Ermittlungsverfahren eingestellt. Das hei\u00dft: In sechs von zehn F\u00e4llen kommt es gar nicht erst zu einem Prozess.Erst wenn Untersuchungen der Staatsanwaltschaft den Tatverdacht der Polizei best\u00e4tigen, kann Anklage erhoben und der Fall vor Gericht verhandelt werden. Der Statistische Bericht der Staatsanwaltschaften gibt Aufschluss dar\u00fcber, wie h\u00e4ufig das passiert und wie viele Ermittlungen eingestellt wurden. Auch eine Anklage-Erhebung kommt noch keinem Beweis der Schuld gleich \u2013 ob diese vorliegt, entscheidet ein Gericht am Ende des Prozesses.Die bundesweite Polizeiliche Kriminalstatistik wird auf Grundlage von Daten der Landeskriminal\u00e4mtern erstellt. Das Foto zeigt Daten aus der PKS 2024 f\u00fcr Nordrhein-Westfalen (Foto: Henning Kaiser \/ DPA \/ Picture Alliance)PKS zwar wichtige Informationsquelle, aber nur eingeschr\u00e4nktes \u201eAbbild der Wirklichkeit\u201cVorab zum Verst\u00e4ndnis: Es gibt keine Statistik, die die einzelnen F\u00e4lle von der Polizeiwache bis in den Gerichtssaal verfolgt. Laut Fachleuten fehlen zuverl\u00e4ssige Daten, die Auskunft dar\u00fcber geben, wie viele F\u00e4lle aus der PKS eingestellt werden oder zu einer Verurteilung f\u00fchren, doch dazu gleich mehr.Am Beispiel zeigt sich der Flickenteppich der existierenden Statistiken: Wird etwa ein Diebstahl bei der Polizei angezeigt, die einen Tatverd\u00e4chtigen ermittelt, flie\u00dft der Fall in die PKS ein. Sieht die Staatsanwaltschaft den Verdacht als begr\u00fcndet leitet sie ein Ermittlungsverfahren gegen den Tatverd\u00e4chtigen ein \u2013 der taucht dann nicht nur in der PKS auf, sondern auch im Statistischen Bericht der Staatsanwaltschaften. Es kann sein, dass das Ermittlungsverfahren mangels Beweisen eingestellt wird \u2013 oder der Fall endet in einer Anklage. Erst vor Gericht entscheidet sich dann, ob der Tatverd\u00e4chtige als T\u00e4ter gez\u00e4hlt wird: Muss er schlie\u00dflich ins Gef\u00e4ngnis, landet der Fall zus\u00e4tzlich in der Statistik zum Strafvollzug.Niklas Harder, Co-Leiter der Abteilung Integration vom Deutschen Zentrum f\u00fcr Integrations- und Migrationsforschung kritisierte in einem Kommentar von 2025 die fehlende Verkn\u00fcpfung der PKS mit den Statistiken von Staatsanwaltschaften und Strafgerichten \u2013 sie f\u00fchre dazu, dass es in Deutschland keine geeignete Grundlage f\u00fcr seri\u00f6se, datenbasierte kriminologische Forschung gebe. \u00d6ffentliche Spekulationen zu kriminologischen Fragen w\u00fcrden zeigen, dass in der Gesellschaft ein gro\u00dfer Informationsbedarf insbesondere f\u00fcr die Frage nach dem Zusammenhang von Migration und Kriminalit\u00e4t bestehe, schreibt er. Und weiter: \u201eDiesen auf Grundlage der PKS herzustellen, ist angesichts der eingeschr\u00e4nkten Datenlage bestenfalls spekulativ und schlimmstenfalls bewusst irref\u00fchrend.\u201c Harder riet schon damals, dass die Bundesregierung und das Bundeskriminalamt die gesondert hervorgehobene Pr\u00e4sentation der PKS-Daten hinterfragen sollten.Auch Dietrich Oberwittler, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalit\u00e4t, Sicherheit und Recht, sagt: \u201eDie PKS darf nicht als reales Abbild der Wirklichkeit gesehen werden\u201c. Aber auch: \u201eDie PKS ist grunds\u00e4tzlich eine wichtige Informationsquelle zur Kriminalit\u00e4tslage.\u201c Seiner Meinung nach gebe es durchaus verf\u00e4lschende Aspekte, wie h\u00f6here Anzeigebereitschaft, die unter anderem zu einer \u00dcberrepr\u00e4sentation von Personen mit Migrationshintergrund in der Statistik f\u00fchre. Mit ihm sprach CORRECTIV.Faktencheck im Juli 2025 \u00fcber die Entwicklung von Gewaltkriminalit\u00e4t und Migration.Fakt 2: Mehr Tatverd\u00e4chtige in der PKS hei\u00dfen nicht, dass es mehr Kriminalit\u00e4t in Deutschland gibt\u00a0Einordnung: H\u00e4ufig wird die Tatverd\u00e4chtigenzahl f\u00fcr pauschale Aussagen \u00fcber die Entwicklung von Kriminalit\u00e4t herangezogen. Sie sollte aber im Verh\u00e4ltnis betrachtet werden, um zu ber\u00fccksichtigen, dass die Zahlen allein aufgrund des Bev\u00f6lkerungswachstums steigen.Steigt die Zahl der Tatverd\u00e4chtigen in der PKS, bedeutet das nicht unbedingt, dass bestimmte Personengruppen krimineller werden. Die Statistik existiert nicht in einem Vakuum: Mehr Tatverd\u00e4chtige von einem Jahr auf das andere hei\u00dft nicht notwendigerweise, dass ein gr\u00f6\u00dferer Anteil der Menschen kriminell wird \u2013 etwa kann die absolute Tatverd\u00e4chtigenzahl schon allein durch das j\u00e4hrliche Bev\u00f6lkerungswachstum leicht ansteigen.\u00dcbrigens: Die Anzahl der Tatverd\u00e4chtigen in der PKS ging trotz des Bev\u00f6lkerungswachstums von 0,12 Prozent zwischen 2023 und 2024 um 2,76 Prozent zur\u00fcck.Um den Faktor der wachsenden Bev\u00f6lkerung mit einzubeziehen, wird in der PKS zus\u00e4tzlich die \u201eTatverd\u00e4chtigenbelastungszahl\u201c (kurz: TVBZ) aufgef\u00fchrt. Sie gibt an, wie viele Personen aus einer Gruppe von 100.000 mit genau diesen Merkmalen von der Polizei verd\u00e4chtigt werden. Die Zahl wird immer anhand einer Gruppe mit den gleichen Merkmalen berechnet \u2013 es gibt also beispielsweise eine TVBZ f\u00fcr die Gruppe deutscher M\u00e4nner unter 21 Jahren, eine f\u00fcr Kinder zwischen 8 und 14 Jahren oder f\u00fcr Nicht-Deutsche (dazu hier mehr).Das folgende Diagramm zeigt, dass die TVBZ zwischen 2009 und 2024 zusammen mit der absoluten Tatverd\u00e4chtigenzahl steigt und f\u00e4llt. Es werden aber auch Unterschiede klar: So erreichte die absolute Zahl der Tatverd\u00e4chtigen insgesamt 2024 fast das gleiche Niveau wie 2009 (2.184.834 Personen 2024, 2.187.217 2009, ein Unterschied von etwa 0,1 Prozent). Die TVBZ \u00fcber alle Altersgruppen und Geschlechter hinweg, also f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung, lag 2024 aber deutlich niedriger als 2009 \u2013 sie sank um 11,3 Prozent.Das bedeutet, obwohl die absolute Zahl der Tatverd\u00e4chtigen in den vergangenen Jahren zwischendurch gestiegen ist (etwa zwischen 2013 und 2015 oder zwischen 2021 und 2023): Der Anteil der Menschen in der Gesellschaft, die von der Polizei eines Verbrechens verd\u00e4chtigt wurden, ist seit 2009 insgesamt gesunken.Fakt 3: Die Statistik zeigt nicht unbedingt deshalb mehr Sexualstraftaten, weil mehr davon ver\u00fcbt werdenEinordnung: Die absoluten Zahlen zur Entwicklung der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung unterliegen verzerrenden Faktoren, etwa weil sich Gesetze ver\u00e4ndert haben.Wenn wir von der PKS sprechen, beziehen wir uns zwar auf eine umfassende Statistik, publiziert wird diese allerdings in verschiedenen Tabellen, sortiert und aufgeteilt nach bestimmten Betrachtungskriterien. Das Bundeskriminalamt stellt auch immer Zeitreihen zur Verf\u00fcgung, die teilweise bis 1987 zur\u00fcckgehen. Solche \u00dcbersichten sind wichtige Anhaltspunkte, um \u00fcbergreifende Entwicklungen zu beobachten. Aber: Auch hier gibt es Einschr\u00e4nkungen.Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung \u2013 so hei\u00dft die Oberkategorie, unter die die meisten Sexualstraftaten fallen \u2013 steigt deren Anzahl von 1987 auf 2024 sehr stark: von 34.200 auf 127.775 F\u00e4lle, also um etwa 274 Prozent. Daraus l\u00e4sst sich aber nicht schlie\u00dfen, dass es 2024 mehr sexuelle \u00dcbergriffe gab, als im Jahr 1987. Wer das untersuchen will, muss eine Reihe von Faktoren ber\u00fccksichtigen \u2013 allein der zeitliche Vergleich der PKS-Daten ist unsinnig.Absolute Zahlen unterliegen verzerrenden Faktoren \u2013 H\u00e4ufigkeitszahl nutzenZun\u00e4chst: Die Fallzahlen von 1987 beziehen sich nur auf die westdeutschen Bundesl\u00e4nder. Erst die Zahlen ab 1993 bilden auch die ostdeutschen Bundesl\u00e4nder nach der Wende mit ab. Durch die Wiedervereinigung wuchs Deutschlands Bev\u00f6lkerungszahl sprunghaft um etwa 16,5 Millionen Menschen. Bei so einem Anstieg ist auch bei gleichbleibender Kriminalit\u00e4tsrate eine h\u00f6here Fallzahl zu erwarten. Die Statistik bietet daf\u00fcr die sogenannte H\u00e4ufigkeitszahl, kurz HZ, als Gr\u00f6\u00dfe an. Damit wird die H\u00e4ufigkeit einer Straftat pro 100.000 Einwohnende angegeben.Die H\u00e4ufigkeitszahl wird nicht so schnell von Schwankungen in der Bev\u00f6lkerungszahl beeinflusst: Wird in einer Gruppe von 200.000 Personen eine Straftat 50 Mal, in einer Gruppe von 150.000 Personen die gleiche Tat 37,5 Mal und in einer Gruppe von 375.642 Personen 93,9 Mal begangen, ist die H\u00e4ufigkeitszahl immer die gleiche: 25.Zur\u00fcck zu den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung: F\u00fcr 1987 lag die H\u00e4ufigkeitszahl hier bei 55,9, f\u00fcr 2024 bei 150,9. Aus dem Anstieg von 274 Prozent in den absoluten Zahlen wird so ein deutlich geringerer Anstieg um knapp 170 Prozent. Weniger, aber immer noch mehr als eine Verdopplung der F\u00e4lle pro 100.000 Einwohnende. Wir erkl\u00e4ren, wie es dazu kommt.F\u00e4lle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung steigen deutlich \u2013 Grund daf\u00fcr sind auch neue GesetzeWir haben die Entwicklung der H\u00e4ufigkeitszahlen von 1987 bis 2024 grafisch abgebildet. Wie deutlich wird, blieb die Entwicklung f\u00fcr diese Art von Straftaten nach der Wiedervereinigung zun\u00e4chst zun\u00e4chst weitestgehend stabil \u2013 der Einfluss durch die steigende Bev\u00f6lkerungszahl ist bereinigt.Im Diagramm ist erst ab 2017 ein starker Anstieg zu sehen (rosa Kurve) \u2013 ein Hinweis, dass bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung auch externe Faktoren eine Rolle spielen, die in der PKS nicht direkt erfasst werden.Ab dem Jahreswechsel 2016\/2017 stieg die H\u00e4ufigkeitszahl von 58 auf 68 F\u00e4lle pro 100.000 Einwohnende. Was aus der PKS nicht hervorgeht: 2016 versch\u00e4rfte der Bundestag das Sexualstrafrecht und \u00e4nderte Paragraf 177 im Strafgesetzbuch. Er nahm damit den Grundsatz \u201eNein hei\u00dft Nein\u201c auf \u2013 seitdem ist jede sexuelle Handlung strafbar, die gegen den erkennbaren Willen der anderen Person begangen wird.Au\u00dferdem wurde unter anderem mit Paragraf 184i der Straftatbestand der sexuellen Bel\u00e4stigung neu eingef\u00fchrt: 2017 waren von den 56.047 F\u00e4llen allein 9.619 diesem Paragrafen zuzurechnen (17 Prozent). Dies deckt sich fast vollst\u00e4ndig mit dem Anstieg in der H\u00e4ufigkeitszahl (etwa 19 Prozent). Ganz konkret: Greift jemand einer Person an die Brust ohne deren Einverst\u00e4ndnis, kann das als Fall sexueller Bel\u00e4stigung strafbar sein.Unabh\u00e4ngig von den Gesetzes\u00e4nderungen, macht Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut auch auf einen weiteren Faktor aufmerksam: Etwa erkl\u00e4re sich der Anstieg der Sexualstraftaten in der Statistik auch durch eine \u201edeutlich gestiegene Sensibilit\u00e4t [\u2026] von jungen Frauen\u201c f\u00fcr \u00dcbergriffe, so der Experte. Hei\u00dft konkret: Ob Betroffene einen \u00dcbergriff anzeigen, wird auch davon beeinflusst, dass Gesetze mehr Klarheit schaffen und die Gesellschaft sensibler damit umgeht.Fakt 4: Die PKS zeigt nicht, ob Menschen mit Migrationshintergrund krimineller sindEinordnung: In der PKS wird Migrationshintergrund nicht aufgef\u00fchrt. Aufgef\u00fchrt werden Zahlen zu Nicht-Deutschen \u2013 darunter fallen alle Personen ohne deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft, etwa Touristen oder Gefl\u00fcchtete.Mitunter sind es nicht die Zahlen der PKS, sondern die darin genannten Kategorien, die zu falschen Schl\u00fcssen verleiten. Das BKA unterscheidet in der Statistik zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen. In einer \u00dcbersicht zur PKS 2024 schreibt das Bundesinnenministerium: Die PKS differenziere zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen (TV) \u2013 Kriterium daf\u00fcr sei die Staatsangeh\u00f6rigkeit einer Person. Ein eventueller Migrationshintergrund werde nicht erfasst.Aussagen, wie diese beiden Behauptungen von 2019, die \u00fcber einen Migrationshintergrund von T\u00e4tern spekulieren, k\u00f6nnen sich also nicht auf die PKS beziehen, denn darin wird der Migrationshintergrund nicht erfasst (und ohnehin werden nur Tatverd\u00e4chtige benannt). Wer die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft besitzt, wird als Deutscher gef\u00fchrt, unabh\u00e4ngig von Herkunft, Geburtsland oder weiteren Staatsb\u00fcrgerschaften.Gruppe der Nicht-Deutschen in der PKS umfasst nicht nur Gefl\u00fcchtete, sondern auch TouristenAu\u00dferdem zu beachten: Die Gruppe der Nicht-Deutschen umfasst alle Personen, die keinen deutschen Pass haben: Darunter fallen neben Gefl\u00fcchteten oder Asylbewerberinnen auch Touristen oder Grenzpendler.Konkrete Zahlen zu Gefl\u00fcchteten als Tatverd\u00e4chtige oder Opfer stellt das Bundeskriminalamt in gesonderten Lagebildern dar. In diesen begleitenden Ver\u00f6ffentlichungen werden bestimmte Daten aus der PKS herausgegriffen. Die Lagebilder bieten neben blanken Zahlen auch etwas mehr Einordnung als die PKS. So wies das BKA etwa 2017 auf die ver\u00e4nderte Gesetzeslage zur sexualisierten Gewalt und auf eine ge\u00e4nderte Definition des Begriffs \u201eZuwanderer\u201c hin.Kriminalit\u00e4t im Kontext von Zuwanderung wird im Bundeslagebild seit 2015 erfasst. Auch hier geht es aber nicht um den Migrationshintergrund einzelner Personen, sondern um Kriminalit\u00e4t in und an der Gruppe der Zuwanderer, die keinen deutschen Pass haben. 2017 \u00e4nderte sich die Definition dieser Gruppe \u2013 das \u201ef\u00fchrt zu einer eingeschr\u00e4nkten Vergleichbarkeit mit den PKS-Zahlen der Vorjahre\u201c, hei\u00dft es im Lagebild von 2017.Denn: Aufgrund der \u00c4nderung wurde die Gruppe der Menschen, die als Zuwanderer in der Statistik aufgef\u00fchrt werden, zwischen den Berichtsjahren 2016 und 2017 gr\u00f6\u00dfer. Vergleiche, die \u00fcber diese Jahre hinausgehen, sind also nicht sinnvoll.Fakt 5: Die PKS zeigt nicht, dass seit 2015 die Zahl der Messerangriffe, besonders durch Ausl\u00e4nder, steigtEinordnung: Messerangriffe werden in der PKS erst seit 2024 vollst\u00e4ndig erfasst \u2013 Vergleiche mit den Jahren davor sind nicht sinnvoll. Nicht-Deutsche sind in der Kategorie zwar \u00fcberrepr\u00e4sentiert, doch laut Fachleuten spielt dabei auch eine Rolle, dass sie h\u00e4ufiger angezeigt werden.Eine Falschbehauptung, die uns h\u00e4ufig im Kontext von Kriminalit\u00e4tsstatistiken begegnet, ist die Aussage, Messerkriminalit\u00e4t sei in den vergangenen Jahren in Deutschland \u201eexplodiert\u201c. Entsprechend \u00e4u\u00dferten sich etwa die AfD-Bundessprecherin Alice Weidel oder der \u00f6sterreichische Verschw\u00f6rungssender Auf1.Wir zeigten schon im September 2024, dass die Auf1-Behauptung falsch war: In der PKS f\u00fcr das Jahr 2023, um die es damals ging, waren zwar gegen\u00fcber dem Vorjahr mehr Messerangriffe gelistet \u2013 definiert als \u201eTathandlungen, bei denen der Angriff mit einem Messer unmittelbar gegen eine Person angedroht oder ausgef\u00fchrt wird\u201c. Allerdings wird diese Kategorie erst seit dem 1. Januar 2024 \u00fcberhaupt vollst\u00e4ndig erfasst. Ein Vergleich mit den Jahren davor ergibt also keinen Sinn.Auch bei der Ver\u00f6ffentlichung der PKS 2025, die Mitte April ansteht, ist damit zu rechnen, dass solche Behauptungen wieder auftauchen. W\u00e4hrend dann Aussagen \u00fcber ein\u00a0 \u201eRekordhoch\u201c oder \u201eRekordtief\u201c von Messerangriffen je nach Datenlage formal korrekt sein k\u00f6nnten, sollten sich diese nicht auf einen Vergleich zwischen etwa 2015 und 2024 st\u00fctzen. Langfristige Trends und Entwicklungen lassen sich nicht an nur zwei Vergleichsjahren in der PKS festmachen. Daf\u00fcr braucht es mehr Daten und differenzierte Studien.Kriminologin ordnet ein: Nicht-Deutsche sind \u00fcberrepr\u00e4sentiert, aber Studien liefern umfassenderes BildImmer wieder warnen zivilgesellschaftliche Organisationen, dass Begriffe wie \u201eAusl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\u201c oder \u201eMessermigrant\u201c gezielt eingesetzt werden, um rechtspopulistische Narrative zu normalisieren und ausl\u00e4nderfeindliche Stimmung zu verbreiten. Daf\u00fcr wird h\u00e4ufig auf die PKS verwiesen, die solche Behauptungen allein jedoch nicht st\u00fctzen kann.Der Mediendienst Integration hat die Zahlen aus der PKS eingeordnet: Tatverd\u00e4chtige bei Messerangriffen seien in \u201eknapp 90 Prozent der F\u00e4lle\u201c deutsche und nicht-deutsche M\u00e4nner beziehungsweise Erwachsene \u00e4lter als 21 Jahre. Der Anteil der nicht-deutschen Tatverd\u00e4chtigen insgesamt lag 2023 \u2013 je nach Bundesland \u2013 bei einem Drittel bis der H\u00e4lfte, obwohl Nicht-Deutsche im Gesamtvergleich nur etwa 15 Prozent der Bev\u00f6lkerung ausmachen. Es ist also korrekt, bezogen nur auf das Kriterium der Staatsangeh\u00f6rigkeit, von einer \u00dcberrepr\u00e4sentation zu sprechen.Doch warum ist das so? Kriminologin Gina Wollinger ordnet dies gegen\u00fcber dem Mediendienst Integration ein \u2013 sie verweist auf mehrere Faktoren:Erstens, das Anzeigeverhalten. Studien h\u00e4tten gezeigt, dass migrantisch gelesene Personen h\u00e4ufiger angezeigt werden und bestimmte Tatkontexte, also etwa ein Vorfall in einer Gefl\u00fcchtetenunterkunft, h\u00e4ufiger angezeigt werden als etwa in einer Privatwohnung.Zweitens, die Definition der Kategorien in der PKS. Die Kategorien Deutsch und Nicht-Deutsch suggerieren demnach homogene Gruppen, die so aber nicht existierten: Nicht-Deutsch kann eine Person sein, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, ohne die Staatsb\u00fcrgerschaft zu haben, w\u00e4hrend ein Deutscher im Sinne der PKS auch erst vor verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzer Zeit eingewandert sein kann. \u201eEs gibt f\u00fcr das Konstrukt \u201aAusl\u00e4nder\u2018 kein gemeinsames Merkmal, das relevant w\u00e4re f\u00fcr die Kriminalit\u00e4t\u201c, so die Expertin.Und schlie\u00dflich drittens, der Blick auf die Ursachen: \u201eKriminalit\u00e4tsf\u00f6rdernde Umst\u00e4nde liegen \u2013 da ist sich die Forschung einig \u2013 in den jeweiligen Lebensumst\u00e4nden begr\u00fcndet: Vor allem Armut und Bildungsteilhabe sind zentrale Faktoren\u201c, so Wollinger. Auch zum Beispiel rigidere M\u00e4nnlichkeitsnormen oder eigene Gewalterfahrungen seien unter Menschen mit bestimmten Migrationsgeschichten weiter verbreitet. Pauschale Aussagen greifen also zu kurz.Fazit: Vorsicht bei rei\u00dferischen Behauptungen \u00fcber die PKSDie Polizeiliche Kriminalstatistik gibt als umfangreiche Statistik Aufschluss \u00fcber die Arbeit der Polizei in Deutschland. Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut beschreibt sie so: \u201eDie PKS [\u2026] ist das Ergebnis vieler Definitions- und Selektionsprozesse, angefangen mit der Wahrnehmung der Opfer, [\u2026] ob eine Straftat stattgefunden hat, und dann der Entscheidung einen Fall anzuzeigen (meistens durch das Opfer) und zu registrieren (von der Polizei).\u201c Man \u201esch\u00fctte das Kind mit dem Bade aus\u201c, wenn man ihr jede Validit\u00e4t abspreche. Beides sei zutreffend: \u201eDie PKS ist [\u2026] konkurrenzlos als fl\u00e4chendeckende, systematische Vollerhebung\u201c, es gebe aber eben auch gro\u00dfe Einschr\u00e4nkungen.In den Tagen und Wochen nach Ver\u00f6ffentlichung der neuen PKS sollte man skeptisch werden bei Aussagen, die diese Einschr\u00e4nkungen ignorieren. Absolute Aussagen \u00fcber \u201eT\u00e4ter\u201c, \u201eAusl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\u201c und \u201e\u00dcberrepr\u00e4sentation\u201c oder \u201eexplodierende\u201c Zahlen bestimmter Delikte sind erste Warnzeichen.L\u00e4sst sich die Behauptung nicht schon von vornherein als falsch identifizieren \u2013 zum Beispiel weil von \u201eMigrantenkriminalit\u00e4t\u201c die Rede ist \u2013 sollte man Aussagen dazu zumindest hinterfragen und einen Blick auf den Kontext der Zahlen werfen.Redigatur: Steffen Kutzner, Sarah ThustDie wichtigsten, \u00f6ffentlichen Quellen f\u00fcr diesen Text:Polizeiliche Kriminalstatistik 2024, Bundeskriminalamt, 2025: LinkStatistischer Bericht der Staatsanwaltschaften, Statistisches Bundesamt: LinkStatistischer Bericht des Strafvollzugs, Statistisches Bundesamt: LinkBundeslagebilder \u201eKriminalit\u00e4t im Kontext von Zuwanderung\u201c, Bundeskriminalamt: Link\u201eDie wichtigsten Fragen zur Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\u201c, Mediendienst Integration, 2. April 2025: Link (archiviert)\u201eFalscher Verdacht? Die Kriminalstatistik der Polizei l\u00e4sst viele Fehlschl\u00fcsse zu\u201d, Deutsches Zentrum f\u00fcr Integrations- und Migrationsforschung, 2. April 2025: Link (archiviert)\u201e950 900 offene staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren am Jahresende 2024\u201d, Statistisches Bundesamt, 6. Oktober 2025: Link (archiviert)CORRECTIV im PostfachLesen Sie von Macht und Missbrauch. Aber auch von Menschen und Momenten, die zeigen, dass wir es als Gesellschaft besser k\u00f6nnen. T\u00e4glich im CORRECTIV Spotlight.Zur Quelle wechselnAuthor: Sara Pichireddu"},{"@context":"https:\/\/schema.org\/","@type":"BreadcrumbList","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Was die Polizeiliche Kriminalstatistik aussagt \u2013 und was nicht","item":"https:\/\/www.bachhausen.de\/was-die-polizeiliche-kriminalstatistik-aussagt-und-was-nicht\/#breadcrumbitem"}]}]