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Wir folgen Euch nicht mehr!

Die Aggressivität der Hauptstadtkorrespondenten wird immer irrationaler.
Sie haben ein anderes Ergebnis vorhergesagt. Und sie haben ein anderes gefordert.
Doch die Mehrheit der SPD-Mitglieder wollte nicht folgen. Dafür werden sie jetzt mit „Analysen“ bestraft.
Einmal mehr wird dabei deutlich, dass die meisten Korrespondenten mit viel Bauchgefühl aber mit wenig Hintergrundwissen „analysieren“. Sie sind Experten für Netzwerke, Machtverhältnisse, Bündnisse und Ränke.
Aber das ist für die Erklärung des Ergebnisses und für Rückschlüsse auf das Wahlverhalten nutzloses Wissen. Von Wahl- und Parteiensoziologie haben die meisten Kommentatoren keine Ahnung. Was leider zu wenige daran hindert, ihre Bauchgefühle in die Öffentlichkeit zu kippen.
Die SPD ist von 34% (2005) auf 13% (Umfrage 11/2019) abgestürzt. Es ist also alles noch viel schlimmer gekommen als die Groko-Gegner 2017 befürchtet hatten. Und noch schlimmer als die Groko-Befürworter der SPD für den Fall androhten, sie trete nicht in die Regierung ein.
Die Gründe dafür bekomme ich seit Jahren regelmäßig in Form von Umfragen, Studien und Fokusgruppen auf meinen Schreibtisch. Es ist ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, entstanden durch die Agenda 2010 und genährt und vergrößert durch die Große Koalition.
Die SPD ist in den Augen ihrer ehemaligen Wähler nicht mehr die Alternative zur Union, sondern ihr kleiner Mehrheitsbeschaffer. Ihr Verhältnis zu Inhalten gilt als taktisch; ihr Nimbus als Anwältin des unteren und mittleren Einkommensdrittels ist stark beschädigt. Das alles ist empirisch gut belegt. Das alles könnte man wissen, sogar als Hauptstadtkorrespondent.
Stattdessen ist nun zu lesen, dass am SPD-Niedergang nur die Kritiker schuld seien, gegen die Regierung und Parteiapparat mit ihren Millionenreichweiten nicht ankommen. Das ist aber weniger ein Argument als eine Schutzbehauptung von konsternierender Einfalt. Fairerweise muss ich aber auch einräumen, dass die meisten dieser Artikel kostenlos sind. Die SPD-Mitglieder für ein Team entschieden, das eine gescheiterte und existenzgefährdende Strategie nicht fortführen will.
Und für ein Team, dass das Jahrhundertthema Klimaschutz nicht fahrlässig der Konkurrenz überlassen will. Sehr rational eigentlich. Warum dann diese irrationale Panik der Hauptstadtkorrespondenz? Die Wahl von Nowabo/Esken scheint eine intellektuelle Kränkung zu sein, ein Verstoß gegen die eigenen Schemata der Realitätskonstruktion, ein Fall von pathologischem Gruppendenken. Und so kommt es, dass in Berlin Untergangsphantasien veröffentlicht werden, während einfache SPD-Mitglieder Anrufe und SMS von Nicht-Mitgliedern und Ex-SPD-Wählern erhalten, die zur Wahl gratulieren.
Meine These: Wenn das neue Duo scheitert, dann nicht an den Wähler*innen, sondern an den mikropolitischen Machtspielen, für die es in der Hauptstadt reichlich Expertise gibt.

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