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Zentrale Impfregister: Der EU-Impfpass ist ein riskanter Schnellschuss

Seit über 50 Jahren gibt es einen internationalen Impfausweis der Weltgesundheitsorganisation WHO, der international anerkannt ist. In diesen Pass sind Impfungen verzeichnet – mit Datum, einem Aufkleber von der Impfdosis samt Chargen-Nummer sowie mit Stempel und Unterschrift des Arztes. Wer beispielsweise nach Ghana reisen möchte, braucht eine Gelbfieberimpfung. Reisende zeigen ihren dazu ihren Impfpass vor und können ihre Immunisierung nachweisen. Das bestehende System ist datenschutzfreundlich und dezentral – und es funktioniert.

Corona bringt nun eine neue Situation. Die kommenden Monate werden vermutlich dazu führen, dass wir beim Einkauf, beim Friseur, vor dem Fliegen, dem Reisen in bestimmte Länder, vor dem Musikfestival, im Fitnessstudio, Schwimmbad und beim Club-Besuch eine Immunisierung gegen das Coronavirus vorweisen müssen. Wenn alle die Chance hatten, sich impfen zu lassen, wäre das ein Weg zurück zu einer Normalität. Das werden dann nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Geimpften selbst fordern. Zurecht. Denn niemand will und muss auf Grundrechte und ein schönes Leben mit Reisen, Kultur und Geselligkeit verzichten, nur weil einige wenige impfpolitischer Geisterfahrer sich der Vernunft verweigern.

Vorzeigen des Impfpasses wird alltäglicher

Für einen beinahe täglichen Einsatz war der internationale Impfpass allerdings nie vorgesehen und plötzlich würde er von einem im Schrank verstaubenden Dokument zu einem Dauernachweis, den wir immer mitführen und dann auch verlieren könnten. Wer heute den Impfpass verliert, hat hoffentlich schon lange nicht mehr die Hausärztin gewechselt und kann vieles nachtragen lassen. Aber liegen Impfungen schon länger zurück und gibt es keine dazugehörigen Dokumente mehr, muss man im Zweifel Impfungen nachholen. Es gibt kein ewiges Backup. 

Diese mangelnde Praktikabilität und das fehlende Backup des gelben Papiers führen Befürworter:innen eines digitalen Impfpasses an, genauso wie sie die Fälschungssicherheit bemängeln. Letztere ließe sich allerdings einfach mit Hologrammen auf den Impfstoff-Aufklebern deutlich und zeitnah erhöhen. Und bei bleibenden Zweifeln könnte der Arzt um Bestätigung gebeten werden.

Man muss und kann davon ausgehen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen geimpft sein will gegen die gefährlichsten Seuchen der Welt – und nur ein kleiner irrlichternder Teil motiviert durch Fake-News, Panikmache und Egoismus sich dem Impfen verweigert. Die Verweigerung ist das eine, einen Impfnachweis zu fälschen braucht zusätzlich kriminelle Energie. Die Zahl derjenigen, die dazu am Ende bereit wären, dürfte zu vernachlässigen sein und taugt nicht als Argument, noch mehr zentrale Datenbanken mit Gesundheitsdaten unbescholtener Bürger:innen anzulegen.

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Falsches Versprechen für den Sommer

Der EU-weite digitale Impfpass ist ein gefährlicher Alleingang der EU, er soll laut Berichten auf nationalen Datenbanken basieren, in denen sensible Gesundheitsdaten gespeichert sind und ausgetauscht werden. Darauf sollen laut Süddeutscher Zeitung nicht nur Ärzt:innen oder Grenzbeamt:innen Zugriff bekommen, sondern auch etwa an der Rezeption eines Hotels soll die Information abgerufen werden können.

Kommen soll der digitale Impfpass im Sommer, impliziert Angela Merkel gegen alle Erfahrungen der unerträglichen Langsamkeit der Digitalisierung in Deutschland. Versprechen gibt die Kanzlerin wohlweislich nicht ab.

Wenn wir uns das Versagen bei der Digitalisierung der Gesundheitsämter, der Verwaltung oder des Bildungssystems anschauen, ist niemals zu erwarten, dass ein digitaler EU-weiter Impfpass in Deutschland diesen Sommer, wenn überhaupt dieses Jahr kommen wird. Der digitale Impfpass ist also ein falsches Versprechen von Erleichterung in der Corona-Pandemie, der das Versagen etwa bei der Beschaffung und Verteilung von Impfstoff und der Bekämpfung der Pandemie verschleiern soll.

Mit der Hoffnung auf Reisen und Normalität könnten nun ohne tiefergehende Debatte weitere Datenbanken entstehen, welche die Bürger:innen gegenüber Staat und Wirtschaft noch durchleuchtbarer machen. Das ist nicht nötig, denn es gibt ein System, das funktioniert. Auch wenn es etwas angestaubt und unpraktisch daherkommt.

Den WHO-Impfpass weiterentwickeln und verbessern

Statt diesem Schnellschuss wäre es also besser, erst einmal den bisherigen internationalen Impfpass weiter zu nutzen, den Menschen bei der Corona-Impfung noch ein weiteren Papier-Beleg – gerne auch mit QR-Code – als Backup mitzugeben und dann zusammen mit der internationalen Gemeinschaft in der WHO zu überlegen, wie man sicher, datenschutzfreundlich, kompatibel und dezentral den Impfpass weiterentwickelt für die heutige Zeit. Auch wenn das etwas länger dauert.

Damit wäre mehr geholfen, als jetzt überall nationale Datenbanken hochzufahren, die am Ende zu mehr Überwachung, Begehrlichkeiten, Chaos und Datenverlusten führen können. Bis zu einer besseren Lösung ist mir das gelbe Stück Papier, das uns seit Jahrzehnten treue Dienste geleistet hat, tausend Mal lieber. Auch wenn es ein bisschen antiquiert und unpraktisch ist.


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