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Wieder eine Anti-Trans-Studie zurückgezogen – ROGD-These widerlegt

Dass die (bekannte) Zahl der Linkshänder vor einigen Jahrzehnten zunahm – und dann auf einem niedrigen Niveau stehengeblieben ist – liegt offensichtlich daran, dass es über viele Jahre negative Vorurteile gab und Kinder gezwungen wurden, trotzdem mit rechts zu schreiben. Linkshänder sein ist ganz natürlich. Offensichtlich gibt es keinen Blödsinn wie eine „Linkshänder-Ideologie“ oder einen „Linkshänder Trend“. Beim trans Sein ist es ganz genau so, zeigen Studien. Jetzt musste die nächste sog, „ROGD“-Studie, die das Gegenteil zeigen wollte, zurückgezogen werden, weil sie „fundamentale Fehler“ im Studiendesign hatte, wie über 100 Wissenschaftler:innen kritisieren.

Quelle

Trans-Sein ist ein natürlich bedingtes Phänomen. Da sind sich etliche Wissenschaftler:innen und Studien einig. Die soziale Akzeptanz von queeren Menschen ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen – und deshalb fühlen sich immer mehr sicher genug, ihre Identität offen auszuleben. Trans-Personen können dementsprechend immer selbstbestimmter und freier leben. Diese Selbstbestimmung wird in letzter Zeit aber immer wieder durch Falschinformationen von queer-feindlichen Personen gestört – die dazu auch auf pseudowissenschaftliche Argumente zurückgreifen. Und obwohl sie schon längst von der Wissenschaft widerlegt wurde, ist die sogenannte ROGD-Theorie dabei immer wieder ein großes Thema.

Die Wissenschaft sagt: Trans sein ist natürlich

Eine kürzlich durchgeführte Studie, in der mehr als 1600 mögliche Fälle eines „sozial ansteckenden Syndroms“ beschrieben wurden, wurde im Juni zurückgezogen, weil sie keine ethische Genehmigung von einem institutionellen Prüfungsausschuss erhalten hatte. Die Studie untersuchte die „plötzlich eintretende Geschlechterdysphorie“ (engl. „Rapid Onset Gender Dysphoria“ oder kurz ROGD), ein vorgeschlagenes Krankheitsbild, bei dem Kinder und Jugendliche augenscheinlich wie aus dem Nichts äußern, dass sie sich nicht mehr mit ihrem angeborenen, biologischen Geschlecht identifizieren können, und das auf Kontakt mit Transgender-Personen durch Freunde oder soziale Medien zurückführt. Die Existenz eines solchen Syndroms war in den letzten Jahren Gegenstand intensiver Debatten und hat die Argumente gegen Reformen der Transgender-Rechte angeheizt, obwohl sie von medizinischen Experten weitgehend kritisiert werden.

Ein Team aus drei kanadischen Wissenschaftler:innen veröffentlichte aber 2022 einen Artikel dazu, in dem sie aufzeigten, dass es keine Belege für die Existenz von ROGD gibt. Eine weitere US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2023 kommt zu demselben Ergebnis: Auch hier wurden keine Belege für die ROGD-Theorie gefunden – trans Sein ist ganz natürlich. Und auch die WHO erkennt seit einigen Jahren auftretende Geschlechterdysphorien als Vorkommnisse im Bereich der Geschlechtsidentität an und zeigt damit, dass eine Transidentität nichts mit einer psychischen Störung zutun hat. Durch diese Quellen zeigt sich, dass die verbreitete Theorie der „Rapid Onset Gender Dysphoria“ (ROGD) wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Immer mehr Studien widerlegen ROGD

Und eine stetig wachsende Zahl wissenschaftlicher Belege zeigt, dass sie nicht die Erfahrungen von transgender Jugendlichen widerspiegelt und dass die „soziale Ansteckung“ nicht dazu führt, dass mehr junge Menschen eine geschlechtsangleichende Behandlung suchen. Dennoch wird das Konzept weiterhin zur Rechtfertigung von Anti-Trans-Gesetzen in den USA verwendet.

Dr. Marci Bowers, Präsidentin der World Professional Association for Transgender Health, sagt außerdem gegenüber der Zeitschrift Scientific American: Bei der ROGD-Theorie handle es sich um ein angstbasiertes Konzept, das Menschen dazu bewegen soll, einschränkenden politischen Maßnahmen zuzustimmen. Es ist offenbar eine pseudowissenschaftliche Ausrede, um Transfeinden den Schein von wissenschaftlichen Argumenten zu liefern.

Die zurückgezogene Studie

Trotzdem wurde erst vor kurzem eine angebliche Studie veröffentlicht, die den Anstieg der vorkommenden Geschlechtsdysphorien mittels homophober Argumente zu erklären versuchte. Diese Studie wurde dann von Vielen genutzt, um transphobe Aussagen zu „belegen“. Nur zweieinhalb Monate später wurde sie dann aber aufgrund von erheblichen Mängeln bezüglich der Beschaffung der Daten zurückgenommen. Das erklärte der Verlag in einer veröffentlichten Rückzugsnotiz zum Artikel.

Die Studie, um die es geht, heißt Rapid Onset Gender Dysphoria: Parent Reports on 1655 Possible Cases und wurde Ende März 2023 erstmalig veröffentlicht. Hinter der Studie stehen Michael Bailey, ein amerikanischer Psychologie-Professor, und Suzanna Diaz, über die nichts bekannt ist, weil sie aus Eigenschutz ein Synonym verwendet. Die Studie ist aber eigentlich nur eine Umfrage und wurde auf der Internetseite ParentsofROGDKids.com durchgeführt. Befragt wurden Eltern, die vermuteten, dass ihre Kinder von ROGD betroffen seien. (Allein das macht die Ergebnisse schon unzuverlässig, weil es keine gemischte Befragtengruppe gab. Aber dazu gleich mehr.)

Basierend auf den Aussagen der befragten Eltern, die via E-Mail eingeholt wurden, wurden dann die Fälle von 1655 Heranwachsenden betrachtet. Untersucht wurde unter anderem, in welchem Alter die Jugendlichen den Wunsch nach einer Transition äußerten und in welchem sozialen Umfeld sie sich vor der Transition befanden. Aber: Es wurden nur die Aussagen der Eltern herangezogen und gewertet. Betroffene Heranwachsende, deren Therapeut:innen oder allgemein Menschen aus ihrem sozialen Umfeld wurden nicht befragt. Dementsprechend sind auch die Ergebnisse der Umfrage sehr un-aussagekräftig, weil sich eben nur auf die Aussagen von Eltern verlassen wurde, die die Geschlechterdysphorie ihrer Kinder für eine Krankheit halten. Kein Wunder also, dass die Ergebnisse genau das zu bestätigen scheinen, was alle Beteiligten von vornherein glaubten.

Soziale Akzeptanz von Trans-Personen gestiegen

Im Schlussteil der Studie finden sich einige Aussagen, die heftiges Stirnrunzeln auslösen können. Beispielsweise wird explizit erwähnt, dass die befragten Eltern der Meinung waren, Klinikpersonal hätte ihre Kinder zu einer Transition „gedrängt“. Ich will hier nicht abstreiten, dass die Eltern das in einigen Situationen tatsächlich so empfunden haben. Trotzdem fehlt besonders an dieser Stelle die komplette Einschätzung der Betroffenen. Möglicherweise haben die es nämlich ganz anders wahrgenommen: Vielleicht war das Verhalten des jeweiligen Klinikpersonals für das betroffene Kind genau richtig. Vielleicht hat es endlich mal jemanden gebraucht, der einfach zuhört und ihn:sie ernst nimmt. Diese – möglicherweise positive – Sichtweise fällt in der Studie aber gänzlich raus und es wird so hingestellt, als wäre ein übergriffiges Klinikpersonal der Alltag. Leser:innen bekommen damit den Eindruck, die Aussagen seien ein belegter Fakt. Dem ist aber nicht so.

Auch an einer anderen Stelle im Fazit wurde versucht, durch eine einseitige Darstellung von Situationen den Eindruck von wissenschaftlichen Tatsachen zu erzeugen: Auf Seite 1040 der Studie schreiben die Autor:innen: „There was evidence of immersion both in social media and in peer groups with other transgender-identifying youths.” Übersetzt wird hier gesagt, dass es angeblich Belege dafür gebe, dass die betroffenen Kinder Teil von digitalen Gruppen aus mehreren sich als trans-identifizierenden Jugendlichen waren. Damit wird versucht zu begründen, dass die Geschlechterdysphorie der Betroffenen möglicherweise durch den Konsum von queeren Inhalten in Social Media oder im sozialen Umfeld ausgelöst wurde. Wie wir gesehen haben und wie die Wissenschaft zeigt, ist trans Sein ganz natürlich. Trans Sein ist keine ansteckende psychische Krankheit und auch kein Social Media Trend, auf den man einfach aufspringen kann.

Trans Personen fühlen sich nur sicherer, sich zu outen

Dass vielleicht einfach nur die soziale Akzeptanz von Trans-Personen durch die zunehmende Globalisierung und Social Media gestiegen ist und sich deswegen mehr Menschen trauen, so zu leben, wie sie es sich wünschen, können sich Transphobe wahrscheinlich nicht vorstellen. In einer Studie der European Union Agency For Fundamental Rights wurde dazu festgestellt, dass im Jahr 2019 bereits 52 % der befragten LGBT-Personen offen mit ihrer Queerness umgehen konnten. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 waren es nur 36 % der LGBT-Personen, die offen als solche leben konnten.

Und auch ein Anstieg von Transidentitäten liegt übrigens nicht daran, dass es tatsächlich mehr Trans-Personen gibt, sondern nur daran, dass es heutzutage normalisierter ist, sich medizinische Unterstützung zu suchen: „[I]n the early years, only the tip of the iceberg of the actual number of transgender youth was presented to a transgender clinic and this iceberg has come to surface in recent years.“

(Deutsche Übersetzung: In den frühen Jahren wurde nur die Spitze des Eisbergs der tatsächlichen Anzahl an Transgender-Jugendlichen in Kliniken registriert und dieser Eisberg ist in den vergangenen Jahren immer weiter an die Oberfläche gekommen.)

Viele Studien: Trans Personen können freier leben

Das wurde von niederländischen Wissenschaftler:innen 2019 in einer vergleichenden Studie herausgefunden. Sie stellen fest:

„Die vorliegende Studie ergab, dass trotz des starken Anstiegs der Zahl der Überweisungen von Jugendlichen an die Amsterdamer Transgender-Klinik in den letzten Jahren die meisten demografischen und psychologischen Merkmale im Laufe der Zeit ähnlich geblieben sind.“ Sprich: Es gibt nicht mehr trans Personen als früher.

Mittlerweile wird es zum Glück immer leichter für queere Menschen, sich als solche zu erkennen zu geben, nachdem sie jahrhundertelang gewaltvoll unterdrückt und ignoriert wurden – und das auch in Deutschland! Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland hält dazu außerdem noch fest: „Eine trans*freundliche Gesellschaft führt […] nicht dazu, dass es mehr trans* Menschen gibt, sondern dazu, dass […] sich mehr Personen outen und/oder für eine Transition entscheiden.“ Trans-Sein ist also kein Trend, sondern wird gesellschaftlich einfach immer mehr akzeptiert und dadurch sichtbarer.

Befindest du oder jemand aus deinem Umfeld sich vielleicht gerade in einer Situation, in der eine Transition durchlebt oder darüber nachgedacht wird? Hier findest du Anlaufstellen, die dich unterstützen und dir Fragen beantworten können: Beratungsstellen der Deutschen Gesellschaft für  Transidentität und Intersexualität e.V.

100 Wissenschaftler protestierten gegen die Fake-Studie

Wie man also merkt, sind die Ergebnisse der Studie alles andere als verallgemeinerbar oder überhaupt wissenschaftlich. Denn dadurch, dass die Befragten nicht zufällig ausgewählt wurden, sondern Eltern über eine ROGD-Website teilnehmen konnten, zeigt bereits, dass die Antworten von vorneherein extrem einseitig waren. Und dass eine solche Auswahl an Befragten keinesfalls repräsentativ für alle Eltern geschlechterdysphorischer Kinder sein kann, stellten sogar die Autor:innen fest.

Als Reaktion auf die Studie meldeten sich dann 100 Wissenschaftler:innen in einem offenen Brief an die International Academy of Sex Research und den Springer Verlag – welche an der Publikation der Studie beteiligt waren – zu Wort. In diesem hielten sie fest, dass „Rapid Onset Gender Dysphoria: Parent Reports on 1655 Possible Cases“ auf einer laienhaft durchgeführten Umfrage basiere, die von Anfang an nicht für eine wissenschaftliche Publikation geeignet war und deshalb auch keine wissenschaftlichen Schlussfolgerungen belegen könne.

Die Wissenschaftler:innen forderten deshalb, dass die Studie zurückgezogen werden muss, da sie nicht den Standards der LGBTQ+ Forschung entspräche und bisherige Erkenntnisse in diesem Bereich diffamiere. Zusätzlich kündigten sie an, bis zum Rücktritt von Chefredakteur Dr. Kenneth Zucker nicht mehr zu Veröffentlichungen dieser Journals beizutragen. Unterstützt wurden die Wissenschaftler:innen von 229 weiteren Befürworter:innen und Organisationen, wie unter anderem dem Center for Applied Transgender Studies und dem National Center for Transgender Equality.

Am 14. Juni.2023 wurde die Studie dann auch nach enormem Druck von außen zurückgezogen – und das schon zweieinhalb Monate nach ihrer Veröffentlichung. Andere Wissenschaftler:innen werden also nicht mehr darauf verweisen oder die vermeidlichen Ergebnisse für weiterführende Forschung verwenden.

Nicht die erste zurückgezogene ROGD-Studie

Die Publikation von Diaz und Bailey war außerdem nicht die Erste, die (erfolglos) versuchte, für die ROGD-These eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen. Im August 2018 veröffentlichte die Ärztin Lisa Littman einen Artikel mit dem Titel Parent reports of adolescents and young adults perceived to show signs of a rapid onset of gender dysphoria. In diesem stellte sie die Vermutung an, dass sich ROGD durch soziale Gruppen wie beispielsweise dem Freund:innenkreis oder über Social Media verbreite. Littmans These galt für viele als Grundlage der ROGD-Forschung und wurde dementsprechend in einigen weiteren Untersuchungen zitiert. Übrigens auch in der Umfrage von Diaz und Bailey. Und genau wie diese wurde auch Littmans Untersuchung nur kurz nach der Veröffentlichung zurückgezogen.

Arjee J. Restar, eine amerikanische Sozialwissenschaftlerin, kritisierte beispielsweise in ihrem Text Methodological Critique of Littman’s (2018) Parental-Respondents Accounts of “Rapid-Onset Gender Dysphoria“ die unzureichende Methodik Littmans und kam darin zu einem eindeutigen Schluss: Besonders in der Forschung mit Transgender-Personen könnte eine solch fehlerhafte Methodik mit dürftigen Schlussfolgerungen schwerwiegende Folgen haben. Das hat man schließlich auch bei der Studie von Bailey und Diaz gesehen, die von Transphoben vielfach zitiert und als Beleg verwendet wurde. Der Artikel von Littman ist zwar heute noch online, wurde jedoch von der Autorin abgeändert, sodass er nun deutliche Disclaimer auf die lückenhafte Methodik gibt. Zusätzlich wurde von der herausgebenden Zeitschrift PLOS ONE ein Korrekturhinweis auf der Seite des Artikels sowie ein Link zu einem ausführlichen Kommentar zur Wiederveröffentlichung hinzugefügt.

Es hat fatale Folgen: Denn zurückgezogene, also schlechte Studien, werden laut einer Studie sogar ÖFTER zitiert, als gute!

Die ROGD-Theorie hat keine wissenschaftliche Grundlage

Dass in den letzten Jahren sogar zwei Untersuchungen zurückgezogen wurden, die bis dato als Basis für die ROGD-Theorie dienten, zeigt deutlich: Sie hat keine wissenschaftliche Grundlage und ist damit nicht haltbar. Solche schlechten Studien sollen also offensichtlich nur dazu dienen, irreführende und falsche Informationen über Trans-Personen zu verbreiten.

Vox Jo Hsu, ein:e amerikanische:r Assistenzprofessor:in, schreibt in einem wissenschaftlichen Aufsatz von 2022 über die Theorie: Die ROGD-Argumentation sei dieselbe, wie jene, die verwendet wurde, um beispielsweise mentale Krankheiten oder PoC zu stigmatisieren und damit zu diskreditieren. Und laut Jurist:in und Aktivist:in Florence Ashley sei die ROGD-Theorie sogar ein Vorhaben, bestehende Forschung zur Wichtigkeit von Gender Affirmation zu umgehen, indem man versucht, sich durch wissenschaftlich-klingende Sprache Seriosität zu verschaffen. Damit wird deutlich, dass es einfach wieder darum geht, die ach so geliebte Heteronormativität zu wahren, indem man alles davon Abweichende marginalisiert.

Trans-Sein ist ganz natürlich und normal. Da sind sich etliche Wissenschaftler:innen und Studien einig. Genau wie es nie einen „Linkshänder“-Trend gab, sondern Stigma abgebaut wurden, und sich mehr Menschen als das outen konnten, was sie sind, ist es mit trans Personen nicht anders.

Artikelbild: canva.com

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