Ein Debattenbeitrag von Dirk Bachhausen, Volt-Landtagskandidat für Köln IV
Wer über Deutschlands wirtschaftliche Zukunft spricht, landet schnell bei einer Forderung: Die Menschen sollen mehr arbeiten. Längere Wochenarbeitszeiten, weniger Teilzeit, später in Rente. Ich halte diese Debatte für unvollständig. Bevor wir zusätzliche Arbeitsstunden verlangen, sollten wir fragen, wie viel der vorhandenen Arbeitszeit wir durch schlechte Organisation, unnötige Bürokratie und fehlende Investitionen verschwenden.
Der Ökonom Carsten Knappe-Finger hat diese Frage in einem Beitrag für Makronom in den Mittelpunkt gestellt: Wohlstand hängt auch davon ab, wie viel Wertschöpfung aus einer Arbeitsstunde entsteht. Für mich folgt daraus ein politischer Auftrag. Wir müssen die Bedingungen verbessern, unter denen Menschen ihre Arbeit gut und wirksam erledigen können.
Das betrifft Unternehmen ebenso wie Behörden. Wer dieselben Angaben mehrfach erfassen muss, auf eine Entscheidung wartet oder zwischen unzuständigen Stellen hin- und hergeschickt wird, arbeitet möglicherweise viel. Ein besseres Ergebnis entsteht dadurch noch lange nicht.
Als gelernter Bankkaufmann ist mir wichtig, zwischen Aufwand und Ergebnis zu unterscheiden. Für die politische Debatte sollte das genauso gelten.
Produktivität darf dabei kein freundlicheres Wort für Arbeitsverdichtung werden. Es geht mir nicht darum, Beschäftigten immer mehr Aufgaben in dieselbe Stunde zu pressen. Es geht darum, vermeidbare Arbeit zu reduzieren und Zeit für das zu gewinnen, worauf es ankommt: gute Produkte, verlässliche Dienstleistungen und funktionierende öffentliche Einrichtungen.
Gerade in sozialen Berufen zeigt sich außerdem, warum wir sorgfältig über Produktivität sprechen müssen. Ein gutes Pflegegespräch lässt sich nicht beliebig beschleunigen. Unterricht wird nicht automatisch besser, wenn eine Lehrkraft mehr Kinder gleichzeitig betreut. Hier muss Technik vor allem von Verwaltungsarbeit entlasten und Raum für menschliche Zuwendung schaffen. Qualität gehört zum Ergebnis.
Für Nordrhein-Westfalen wünsche ich mir deshalb eine Wirtschaftspolitik, die Investitionen, Verwaltungsmodernisierung und die Fähigkeiten der Beschäftigten gemeinsam betrachtet.
Unternehmen brauchen eine Infrastruktur, auf die sie sich verlassen können. Dazu gehören Verkehrswege, leistungsfähige Energie- und Datennetze sowie gut ausgestattete Schulen und Berufskollegs. Wer private Investitionen ermöglichen will, muss die öffentlichen Voraussetzungen dafür ernst nehmen. Unterlassene Modernisierung verschiebt Kosten in die Zukunft und kann schon heute Zeit und wirtschaftliche Möglichkeiten kosten.
Gleichzeitig reicht es nicht, Geld bereitzustellen. Entscheidend ist, ob aus einer bewilligten Summe tatsächlich eine nutzbare Brücke, ein funktionierender Netzanschluss oder eine bessere Verwaltungsleistung wird. Politik muss sich stärker daran messen lassen, was bei Menschen und Unternehmen ankommt.
Bei der Digitalisierung wird dieser Unterschied besonders deutlich. Ein Formular als PDF ins Internet zu stellen, ist noch keine grundlegende Verbesserung. Wenn anschließend Daten ausgedruckt, erneut eingegeben und zwischen Stellen weitergereicht werden, bleibt der Aufwand bestehen.
Mein Anspruch wäre eine Verwaltung, in der Informationen im rechtlich zulässigen Rahmen nur einmal eingereicht werden müssen, Zuständigkeiten erkennbar sind und der Bearbeitungsstand nachvollziehbar ist. Dafür müssen Abläufe überprüft und vereinfacht werden, bevor man sie digitalisiert. Beschäftigte in den Behörden gehören von Anfang an an den Tisch. Sie kennen die praktischen Hindernisse und müssen mit den Lösungen arbeiten können.
Auch künstliche Intelligenz sollte an ihrem konkreten Nutzen gemessen werden. Sie kann beispielsweise helfen, Informationen zu finden oder Routineaufgaben vorzubereiten. Ob daraus eine tatsächliche Entlastung entsteht, hängt aber von der Qualität der Systeme, geeigneter Schulung und klarer Verantwortung ab. Eine zusätzliche Anwendung allein ist noch kein Fortschritt.
Ein weiterer Schwerpunkt muss der Zugang kleiner und mittlerer Unternehmen zu Wissen und Innovation sein. Ein Handwerksbetrieb hat andere Möglichkeiten als ein Konzern mit eigener Entwicklungsabteilung. Deshalb sollten Beratung, Weiterbildung und der Austausch mit Hochschulen so gestaltet sein, dass sie im Betriebsalltag erreichbar und nutzbar sind. Förderangebote sollten sich daran bewähren, ob sie eine konkrete Verbesserung ermöglichen.
Als europäische Partei bringt Volt dabei eine Perspektive ein, die ich für besonders wertvoll halte: Wir müssen gute Lösungen nicht überall neu erfinden. Wir sollten systematisch prüfen, welche Ansätze in anderen europäischen Regionen funktionieren und unter welchen Bedingungen sie sich übertragen lassen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, eigene Verfahren zu verändern.
Für Köln und Nordrhein-Westfalen würde ich den Erfolg einer solchen Politik an verständlichen Fragen messen: Werden Verfahren schneller abgeschlossen, ohne ihre Qualität zu verschlechtern? Müssen Unternehmen und Bürger weniger Angaben doppelt liefern? Erreichen Investitionen rechtzeitig ihren Zweck? Haben Beschäftigte mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben?
Dabei dürfen notwendige Schutzstandards nicht pauschal zum Hindernis erklärt werden. Arbeitnehmerrechte, Datenschutz und Umweltschutz erfüllen wichtige Aufgaben. Gute Politik organisiert ihre Umsetzung so klar und praktikabel wie möglich. Unnötige Verfahrensschritte abzubauen und Schutz zu gewährleisten, gehört zusammen.
Auch die Verteilung der Gewinne muss Teil der Debatte sein. Höhere Produktivität schafft Spielräume. Ob daraus bessere Löhne, mehr Weiterbildung, gute öffentliche Leistungen oder zusätzliche zeitliche Freiräume werden, entscheidet sich jedoch nicht automatisch. Beschäftigte müssen an den Verbesserungen beteiligt werden, zu denen ihr Wissen und ihre Arbeit beitragen.
Selbstverständlich bleiben Erwerbsbeteiligung, qualifizierte Zuwanderung und verlässliche Kinderbetreuung wichtig. Wer mehr arbeiten möchte, sollte das auch können. Eine ernsthafte Wohlstandsdebatte muss aber über die Forderung nach zusätzlichen Stunden hinausgehen.
Ich möchte eine Politik, die die Zeit der Menschen als wertvolle Ressource behandelt. Die in Infrastruktur und Bildung investiert, Abläufe verbessert und Fortschritt an seiner Wirkung misst. Unser Ziel sollte sein, dass Menschen mit ihrer Arbeit mehr erreichen können – für sich selbst und für die Gesellschaft.
Die entscheidende politische Frage lautet für mich deshalb: Was müssen wir verändern, damit gute Arbeit weniger ausgebremst wird?
Ausgangspunkt dieses Debattenbeitrags ist der Artikel „Deutschland muss seine Wohlstandsdebatte stärker über Produktivität führen“ von Carsten Knappe-Finger, veröffentlicht am 13. Oktober 2026 bei Makronom.
