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Seit drei Jahren tobt im Sudan ein Bürgerkrieg mit hunderttausenden Toten. Die UNO nennt die humanitäre Lage die schlimmste weltweit. Angeheizt wird der Krieg zwischen zwei gnadenlosen Generälen durch die Rohstoffe im Land, allen voran Gold. Experten wie der ehemalige UN-Sonderbeauftragte Volker Perthes fordern, den Handel mit dem Konfliktgold aus dem Sudan zu verbieten. Bislang erfolglos. Das Gold, das beiden Seiten den Krieg finanziert, gelangt weiter auf den Weltmarkt. Reingewaschen wird es, mit einem Umweg über Dubai, mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Schweiz.
Zolldaten, die CORRECTIV.Schweiz ausgewertet hat, zeigen: 2025 kam so viel Gold aus Dubai wie seit Jahren nicht. Insgesamt über 400 Tonnen im Wert von fast 39 Milliarden Franken. Mehr als doppelt so viel wie noch im Jahr 2024: Da waren es rund 155 Tonnen.
Und das, obwohl die Schweizerische Edelmetallvereinigung von Goldimporten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten abrät, wie Christoph Wild, Präsident des Verbands, sagt: „Wir wollen kein Gold aus zweifelhaften oder gar illegalen Quellen in unseren Produktionsstätten.” Er attestiert: Mitglieder des Verbands importieren kein Gold aus Dubai. Vier der fünf Schweizer Raffinerien, alle Mitglieder, bestätigen das gegenüber CORRECTIV.Schweiz.
Die grösste Raffinerie, die ihre Mitgliedschaft 2023 kündigte, hat ihre Importe aus Dubai erhöht.
Gold der Welt in Schweizer Fabriken
Graue Mauern, darauf ein Sicherheitszaun, in den Ecken 360-Grad-Kameras: Das schmucklose Firmengebäude an der Via Passeggiata in Balerna verrät nichts von dem Schatz, den es beherbergt. Dort, nahe dem Grenzübergang nach Italien, befindet sich die Schmelzhalle der grössten Schweizer Raffinerie: Valcambi. Hier werden jährlich bis zu 2’000 Tonnen Gold und andere Edelmetalle eingeschmolzen und in Form gebracht: In 12,5 Kilogramm schwere, ziegelsteingrosse Barren für die Reserven europäischer Zentralbanken oder knapp 30 Gramm leichte Platten für Privatanleger.
2025 war darunter auch Gold aus Dubai – auf jeden Fall ein grosser Teil der über 400 Tonnen. Gold, von dem alle anderen Raffinerien nach eigenen Angaben die Finger lassen.
Insgesamt haben knapp 20 Unternehmen in der Schweiz eine offizielle Schmelzbewilligung des Bundes, doch nur fünf davon raffinieren und schmelzen laut dem Branchenverband tatsächlich industriell Gold: Metalor und PX Precinox in der Westschweiz sowie Argor-Heraeus, MKS Pamp und Valcambi im Tessin. Laut einer Studie des WWF aus dem Jahr 2021 werden jährlich 3’300 Tonnen Gold weltweit abgebaut, wovon die Hälfte bis zwei Drittel von den Schweizer Raffinerien verarbeitet werden.
Kritik an Gold aus Dubai
Das Gold der Welt fliesst also durch die Schweizer Fabriken: 2025 kam es etwa aus Argentinien, Kanada oder Saudi-Arabien. Nur weil es von diesen Orten importiert wurde, heisst jedoch nicht, dass das Gold auch von dort stammt. Von der Mine bis in die Schweizer Raffinerie nimmt das Gold verschiedene Wege. Oft wird es unterwegs bereits mit Gold anderer Herkunft verschmolzen und raffiniert. Das Problem: Ab diesem Moment lässt sich die Herkunft des Goldes nicht mehr bestimmen.
Genau das ist der grosse Kritikpunkt am Gold aus Dubai, erklärt Marc Ummel, Rohstoffexperte bei Swissaid: Das Edelmetall werde meist von Handelsunternehmen in die Vereinigten Arabischen Emirate importiert und dort über ein komplexes Geflecht aus Zwischenhändlern an lokale Raffinerien weiterverkauft. „Die schmelzen das Edelmetall ein und setzen ihren Stempel darauf. So wird es zu Gold aus Dubai.“
Doch woher stammt dieses Gold wirklich? Eine Datenanalyse von Swissaid zeigt: 2024 importierten Händler in den Emiraten 29 Tonnen aus dem Sudan sowie weitere 54 Tonnen aus Ägypten, dem Tschad und Libyen – alles Nachbarländer des Sudan, die Teil der Schmuggelroute der Rapid Support Forces sind. Jene Rebellengruppe und Kriegspartei, die den Westen des Sudan beherrscht. Und auch aus Russland gelangt massenhaft Gold nach Dubai: 2024 waren es 66 Tonnen im Wert von 3,3 Milliarden Franken.
Schmutziges Gold wird gewaschen
In den Dubaier Raffinerien wird alles zusammengeschmolzen und in Barren gepresst. Am Ende, so Marc Ummel, kann niemand mehr nachweisen, wo das Gold abgebaut wurde. Man könnte sagen: Im ersten Waschgang wird das schmutzige Gold schon einmal vorgewaschen.
Das Problem der Goldwäsche hat auch die Finanzaufsichtsbehörde der Vereinigten Arabischen Emirate erkannt. „Unternehmen, die mit Edelmetallen handeln, sind möglicherweise am Goldschmuggel aus Konflikt- und Krisengebieten oder am illegalen Transport von Gold durch andere Hochrisikoländer beteiligt“, heisst es in einer Analyse vom Oktober 2022. Laut der Behörde habe es Hinweise gegeben, dass Raffinerien Gold von Bergbauunternehmen bezögen, ohne sie nach den Regeln der Sorgfaltspflicht zu prüfen.
Im Januar 2023 verschärfte die Regierung der Emirate die gesetzlichen Vorgaben, auch als Reaktion auf die Kritik europäischer Staaten, der USA und der Financial Action Task Force (FATF), einer zwischenstaatlichen Organisation für die Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung. Letztere hatte das Land im März 2022 auf seine „graue“ Risikoliste gesetzt, zwei Jahre später jedoch wieder davon entfernt. Da hatten die Vereinigten Arabischen Emirate, mittlerweile zweitgrösster Gold-Umschlagplatz der Welt nach der Schweiz, versprochen, die Kontrollen zu verbessern.
Schweizer Waschgang: Gold wird rein
Rohstoffexperte Marc Ummel hält das für ein Lippenbekenntnis. Es sei unwahrscheinlich, dass all die Handelsunternehmen und Raffinerien die Standorte der Bergbauunternehmen, von denen sie Gold beziehen, wirklich kontrollieren, geschweige denn besichtigen könnten: „Insbesondere weil ein Grossteil des Goldes aus Afrika aus dem handwerklichen Kleinbergbau stammt. Allein im Sudan gibt es Hunderte solcher Minen.“
Die Schweizerische Edelmetallvereinigung teilt offenbar Ummels Zweifel. Für sie gilt weiterhin: Hände weg vom Gold aus Dubai. Gelangt Gold zweifelhaften Ursprungs in eine Schweizer Raffinerie, erhält es dort das Schweizer Gütesiegel – und damit das Qualitätszertifikat der London Bullion Market Association (LBMA), einer einflussreichen, unabhängigen Edelmetallvereinigung. Im zweiten, Schweizer Waschgang würde Gold aus zweifelhaften Quellen nicht nur sauber, sondern rein.

Die Vereinigung legt Qualitätsstandards fest und prüft Unternehmen daraufhin. Wer sich an die Vorgaben, unter anderem zur nachhaltigen Beschaffung, hält, kommt auf die sogenannte „Liste der empfohlenen Lieferanten“. Und gehört zum Gold-Standard der Industrie. Alle Schweizer Raffinerien stehen auf der Liste. Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten: Keine einzige.
Man könnte also zurecht sagen: Wenn eine Schweizer Raffinerie Gold aus Dubai importiert, riskiert sie beim Reinwaschen von Konfliktgold zu helfen.
Wer importiert das ganze Gold?
Die Schweizer Zollstatistik gibt an, welche Mengen Gold zu welchen Werten importiert wurden – und auch zu welchem Zweck. 2025 kamen insgesamt 420,3 Tonnen Gold aus Dubai, davon 418,4 Tonnen zur Weiterverarbeitung. Das bedeutet: Über 99 Prozent des Goldes aus den Emiraten wurde an Raffinerien geliefert, wie der Schweizer Zoll auf Nachfrage von CORRECTIV.Schweiz nochmals bestätigt.
Zudem wird der Zustand des Edelmetalls mit einer Nummer gekennzeichnet: Alles Gold aus Dubai, das 2025 in der Schweiz landete, wurde zuvor bereits verarbeitet. Auch das bestätigt der Zoll.
Vier von fünf Schweizer Raffinerien geben an, kein Gold aus Dubai importiert zu haben. Nur Valcambi, als einzige Raffinerie nicht mehr Teil des hiesigen Branchenverbands, räumt das ein. Ist das Tessiner Unternehmen also alleine für die massive Steigerung des Importvolumens verantwortlich, von knapp 11 Milliarden Franken im Jahr 2024 auf 38,7 Milliarden im Jahr 2025?
Goldbarren mit Schweizer Gütesiegel
Gegenüber CORRECTIV.Schweiz möchte ein Kommunikationsberater im Auftrag von Valcambi keine Auskunft zu Importzahlen des Unternehmens geben. Er betont: Es sei zutreffend, dass Valcambi 2025 mehr Gold aus den Emiraten importiert hat, aber definitiv nicht doppelt so viel wie im Jahr zuvor.
Was aber ist dann mit dem restlichen Gold geschehen, das importiert wurde? Und laut Zoll an Schweizer Raffinerien ging?
Fest steht: Das Gold aus Dubai, das Valcambis Produktionshallen verliess, besass Schweizer Gütesiegel und LBMA-Zertifizierung. „Sauberer” kann Gold nicht sein.
Fest steht auch: Die Valcambi-Raffinerie steht seit Jahren in der Kritik. Bereits 2023 wurde das Unternehmen laut Medienberichten von der hiesigen Edelmetallkontrolle gerügt: Wegen zweifelhafter Geschäfte mit der Rohstofffirma Kaloti. Die sitzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten und wird verdächtigt, Gold aus dem Sudan zu beziehen.
Kein Gold aus sanktionierten Ländern
Auf Anfrage schreibt der Kommunikationsberater, Valcambi akzeptiere ausschliesslich Gold aus den Emiraten, wenn es von zwei eigens ausgewählten und regelmässig geprüften Raffinerien bearbeitet worden sei. Mit jeder Lieferung erhalte Valcambi die schriftliche Zusicherung der Partner-Raffinerien, dass zur Herstellung der gelieferten Barren kein Gold aus Herkunftsländern benutzt wurde, die auf den Sanktionslisten der Schweiz, der UNO, der EU, der USA oder des Vereinigten Königreichs stehen.
Zudem arbeite Valcambi mit einem Blockchain-System, einer Hochsicherheits-Datenbank, die Daten der Partner-Raffinerien mit Zeitstempel erfasse. Damit überwache man die Unternehmen und könne eine lückenlos dokumentierte Herkunft gewährleisten.
Insgesamt, so der Sprecher, arbeite Valcambi lieber mit zuverlässigen Partnern zusammen, anstatt Länder vom Handel auszuschliessen. Denn: Gold aus Dubai könne auch auf anderen Wegen in die Schweiz gelangen, beispielsweise über Zweit- oder Drittländer.
Kontrolle der Lieferkette
Das stimmt: noch. Denn im Juni 2025 beschloss das Parlament eine Totalrevision des Zollgesetzes, einschliesslich des Edelmetallgesetzes. Schweizer Raffinerien sollen künftig gezwungen werden, ihre gesamte Lieferkette zu kontrollieren, nicht nur ihre direkten Lieferanten.
Bis dahin kann weiterhin Gold aus Dubai importiert werden, direkt oder indirekt. Im ersten Quartal 2026 waren es bereits knapp 93 Tonnen, wovon 92 Tonnen direkt zur Raffinerie gingen.
Text & Recherche: Janina Bauer
Redaktion: Marc Engelhardt
Faktencheck: Hanna Fröhlich
Grafiken: Janina Bauer
Kommunikation: Charlotte Liedtke
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Author: Janina Bauer