Die AfD machte gleich mehrfach mit angeblichen „Angriffen“ auf sie Schlagzeilen, für die sie Linke oder “die Antifa” beschuldigte – beide Male wurde sie der Lüge überführt. Ein Mitglied zündete sogar sein eigenes Auto an, um Linke zu beschuldigen, wofür er jetzt aus der Partei ausgeschlossen werden soll. Doch das sind keine Einzelfälle. Die Falschbehauptungen der Rechtsextremen haben System. Wir haben 15 Fälle gesammelt, in denen ein Angriff vorgespielt wurde, die AfD selbst der Aggressor war oder “Linke” zu Unrecht beschuldigt wurden.
Als vor einigen Tagen herauskam, dass ein AfD-Mitglied im bayrischen Uffenheim einen Brandanschlag samt Drohbrief der „Antifa“ vorgetäuscht hatte, da war es Stephan Protschka wichtig, zu betonen, dass dies ein Einzelfall gewesen sei. Eine pauschale Übertragung auf die ganze Partei verbiete sich. Jetzt möchte die Partei ihn auch rauswerfen. Man hat wohl Angst, dass es mehr Menschen dämmert, dass so ein Verhalten vielleicht doch kein Einzelfall ist.
AfD-Mitglied hat Auto selbst angezündet – Nächster Fake-„Antifa-Anschlag“ aufgeflogen!
Denn ganz ohne pauschale Übertragungen ist es sehr auffällig, wie regelmäßig sich die AfD reichweitenstark über Angriffe „von links“ beklagt, die sich später als Fakes herausstellen. Denn das vom Eigentümer selbst angezündete Auto ist eben kein Einzelfall.
Kein Einzelfall: AfD erfand „linksextremen Angriff“ in Rosenheim
Anfang März behaupteten Wahlkämpfende der AfD Rosenheim, an einem Infostand von „Linksextremen“ angegriffen worden zu sein. Ihr Bürgermeisterkandidat Michael Maurer sei von drei jungen Menschen verletzt worden.
Die Polizei leitete zunächst auf Basis der Angaben der AfDler Ermittlungen gegen drei Aktivist:innen wegen des Verdachts auf Körperverletzung ein. Dann tauchte aber ein Video auf, das der Erzählung vom „linksextremen Angriff“ widerlegt: Hier sieht man, wie die AfD-Leute versuchen, den Aktivist:innen ein Banner zu entreißen, es gibt ein längeres Zerren daran, dann stürzt Maurer ohne direkt erkennbaren Grund. Keine Schläge, keine Tritte sind zu sehen.
Wie die zuständige Staatsanwaltschaft Volksverpetzer mitteilt, laufen die Ermittlungen “wegen des Anfangsverdachts eines Körperverletzungsdelikts gegen drei Personen” noch. Das Video soll dabei hinzugezogen und ausgewertet werden. Eine Anzeige wegen falscher Verdächtigung sei bisher nicht gestellt worden, werde aber nach Vorlage der ursprünglichen Anzeige und des Videos geprüft. Auch, ob es wegen des Gerangels um das Banner zu einer Anzeige kommen wird, ist noch nicht klar.
Opfergeschichten der AfD prägen öffentliche Wahrnehmung
Egal, was dabei herauskommt: Ihre Opfergeschichte konnte die AfD bereits in die Welt setzen. Wie wir bereits berichteten, übernahmen viele Medien vorschnell die Darstellung von Polizei und AfD und titelten: “AfD-Kandidat wird an Wahlkampfstand in Rosenheim angegriffen“. In den sozialen Netzwerken nutzen AfD und Umfeld das für Stimmungsmache: Bilder des gestürzten Kandidaten mit der Überschrift „Wo bleibt der Aufschrei?” sowie Vorwürfe, Medien würden den Vorfall verheimlichen.
Auch wenn all das eindeutig widerlegt werden kann, prägt das Framing der AfD die öffentliche Wahrnehmung. Bei politischer Propaganda geht es nicht um die Wahrheit. Es geht nur darum, als erste:r ein Narrativ, eine Geschichte anzubieten, die möglichst gut verfängt. Alle späteren Richtigstellungen erreichen viel weniger Menschen, auch, weil sie oft nicht so eine gute, emotionale Geschichte erzählen.
Auch andere Rechtsextreme und Russland nutzen False-Flag-Aktionen
Die False-Flag-Strategie, also Angriffe zu inszenieren oder umzudeuten, um sie den politischen Gegner:innen in die Schuhe zu schieben, ist keine Erfindung der AfD: So gab es beispielsweise nach dem Anschlag eines Pegida-Redners 2016 auf die Dresdner Fatih-Moschee ein gefälschtes Bekennerschreiben einer angeblichen Antifa-Gruppe. 2023 behauptete ein Rechtsextremist gar, Linksextreme hätten ihm drei Finger abgehackt; wie sich herausstellte, hatte er sich freiwillig verstümmeln lassen.
Auch die Autokraten-Freunde der AfD, der russische Auslandsgeheimdienst SWR, wissen um die Macht solcher False-Flag-Aktionen. Dem macht die nachlassende Unterstützung für Viktor Orbán anscheinend solche Sorgen, dass er ein offenbar inszeniertes Attentat auf den ungarischen Präsidenten und Putin-Freund geplant hatte.
Es hat also System, wenn Rechtsextremist:innen, Autokraten und Diktatoren Anschläge inszenieren oder bei allem, was passiert, sofort „Linksextremisten“ schreien. Irgendetwas von den ständigen Anschuldigungen wird schon hängen bleiben, und wenn es nur ein diffuses Gefühl ist, dass die AfD ja so oft von „Linken“ angegriffen wird.
Weidel weilt aus Sicherheitsgründen auf Mallorca
Und auf genau diesen Effekt baut die AfD seit Jahren. Einer der bekanntesten Fälle ist sicherlich der angebliche “Spritzen-Angriff” auf Tino Chrupalla: 2023 fantasierte die AfD (natürlich kurz vor den bayrischen Landtagswahlen!) von einem vermeintlichen Attentat auf den AfD-Chef. Nachweisen ließ sich kaum etwas, die Blutuntersuchungen waren unauffällig. Was auch immer Chrupalla gespürt hat, ein Attentat war es nicht, wie sogar ein Gericht feststellen musste.
Auch Chrupallas Mit-Vorsitzende Alice Weidel hat schon mit einer vorgeblichen Bedrohungslage Schlagzeilen gemacht: Sie brach eine Wahlkampfveranstaltung ab. Ein Sprecher teilte mit, dass es Hinweise auf einen Anschlag auf ihre Familie gegeben habe. Ein Redner auf der Veranstaltung behauptete, Weidel sei in einem Safehouse untergebracht, das sie nicht verlassen dürfe. Das dementierte ein Sprecher später und sagte, Weidels Familie sei an einem sicheren Ort untergebracht.
Dieser sichere Ort war Recherchen des Spiegel zufolge Mallorca, wo die Familie Weidel Urlaub machte. Wer für die Falschinformationen über das Safehouse verantwortlich war, darüber stritten Weidel und Redner Norbert Kleinwächter später noch. Beide Fälle nutzte die AfD ausgiebig im Wahlkampf, um sich als Opfer von politischer Gewalt zu inszenieren.
Lügen zu echten Verletzungen und Angriffen
Nicht-existente Angriffe zu erfinden und daran festzuhalten, selbst wenn die Behauptungen offensichtlich nicht stimmen, ist eine der False-Flag-Strategien der AfD. Andererseits werden aber auch echte Verletzungen und Angriffe instrumentalisiert. Große Aufmerksamkeit bekam 2019 ein Überfall auf AfD-Politiker Frank Magnitz, nachdem die AfD behauptete, Magnitz sei mit einem “Kantholz” bewusstlos geschlagen und gegen den Kopf getreten worden sein.
Fall Magnitz: Helfender Handwerker widerspricht der AfD-Darstellung
All das waren reine Erfindungen von Parteikollegen, die aber zunächst von Polizei und Medien übernommen wurden. Videoaufnahmen zeigten, dass Magnitz von drei Männern angesprungen und ungebremst auf den Kopf gefallen ist, daher die schweren Verletzungen am Kopf. Die AfD blieb auch nach der Richtigstellung der Staatsanwaltschaft größtenteils bei ihrer Version – klar, das Opfernarrativ wollte weiter gefüttert werden.
Falsche Angriffe haben in der AfD Tradition
Für den angeblichen Überfall auf den Augsburger AfD-Politiker Andreas Jurca im Jahr 2023 gibt es gar keine Beweise. Er behauptete, aus einer Gruppe junger Männer heraus auf seine Landtagskandidatur für die AfD angesprochen worden und daraufhin niedergeschlagen worden zu sein. Gegen zwei zunächst Verdächtigte konnten keine Beweise gefunden werden, weder über die DNA an Jurca noch über ihre Handydaten. Zeugen gab es für den Vorfall keine, die Ermittlungen wurden eingestellt.
Das Aufbauschen solcher Vorfälle hat in der AfD Tradition – schon 2013 wurde aus einem Sturz des damaligen Vorsitzenden Bernd Lucke ein erfundener Messerangriff –, aber in den letzten Monaten und Jahren sind wirklich erstaunlich viele dieser Fälle bei der AfD zusammengekommen. Sie zeigen die Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit vieler AfD-Mitglieder – und eben, dass sie jede Möglichkeit nutzen, ihre Opfererzählung weiter aufzubauen.
AfD-Politiker wird von früherem Mieter zusammengeschlagen und sieht politisches Motiv
Übel zugerichtet wurde Philip Steinbeck, Mitglied der AfD im Kreistag Ludwigslust-Parchim, im Februar 2026. Das sieht man deutlich auf Bildern, die Steinbeck nach einem tätlichen Angriff postet. Der Täter ist schnell identifiziert: ein ehemaliger Mieter von Steinbeck, der sich mit Mietschulden davongemacht hatte. Die Polizei sieht keine Anzeichen für eine politisch motivierte Tat.
Steinbeck aber behauptet, der Angreifer habe sich “aufhetzen” lassen. Und Parteikollege Maximilian Krah postete, solche Angriffe seien “die Folge des mit Hunderten Millionen Steuereuro gepäppelten ‚Kampf gegen rechts‘“. Es ist relativ deutlich, dass hier der Wunsch der Vaters des Gedankens ist. Aber wie rechtfertigt er diese absurden Anschuldigungen?
Grundlage für diese Anschuldigungen ist ein NDR-Beitrag, der im Dezember ausgestrahlt wurde. Dabei geht es um Aufnahmen, die zeigen, wie Steinbeck Jugendliche drangsaliert, die in seiner Immobilie unerlaubt Party machten. Zu sehen ist, dass Steinbeck die Jugendlichen auf den Knien nach draußen kriechen lässt; Sie zwingt, eine Deutschlandfahne abzulecken, und einen von ihnen am Ohr packt. Gefilmt hat er die Aufnahmen selbst, dem NDR wurden sie von einer unbekannten Person zugespielt. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung.
Dem NDR gegenüber wollte sich Steinbeck nicht äußern, er beklagt aber im Gespräch mit t-online, dass nicht ausreichend über die Umstände berichtet worden sei. Und behauptet, bis jetzt ohne Belege, der ehemalige Mieter habe ihn deshalb zusammengeschlagen.
Nach der Veröffentlichung der Videos wollte die AfD Steinbeck aus der Partei werfen. Zu Redaktionsschluss war er allerdings noch als Kreistagsabgeordneter der Fraktion gelistet.
AfD-Ortsvorsitzender stößt Mann am Wahlstand zu Boden und spricht von dann von einem Überfall
Ein ganz ähnlicher Vorfall wie der angebliche Angriff in Rosenheim spielte sich im Februar 2025 vor der Bundestagswahl im brandenburgischen Borgsdorf ab. AfD-Kommunalpoltiker:innen fühlten sich an ihrem Wahlkampfstand bedroht und sprechen von einem Angriff. Sie seien beschimpft worden, ein Mädchen und ein Mann hätten versucht, “FCK NZS”-Sticker auf ihrem Stand und ihrer Kleidung zu verteilen. Als der Mann ihre Flyer habe beschädigen wollen, sei es zu einem Gerangel gekommen. Außerdem habe man sich eingekreist gefühlt, aus drei Richtungen seien Menschen gekommen, sagt die AfD-Stadtverordnete Annett Franck.
Die Polizei, die dazugerufen wurde, konnte hingegen keine Bedrohungssituation feststellen. Es habe beidseitige Beleidigungen und eine “Schubserei” zwischen dem AfD-Ortsvorsitzenden Frank Stielow und einem Mann gegeben. Ansonsten sei die Situation aber nicht so dramatisch gewesen, wie von den AfD-Politiker:innen dargestellt. Auch eine Einkesselung oder Bedrohung von mehreren Seiten hat es aus Sicht der Polizei nicht gegeben; vielmehr hätten sich nunmal Schaulustige eingefunden.
Ein Video von dem Vorfall zeigt dann, wer mit der körperlichen Auseinandersetzung angefangen hat: Ein Mann bückt sich, es ist nicht eindeutig, ob er einen Sticker anbringen will oder sich nach etwas am Boden bückt, wird aber auf jeden Fall von Stielow zu Boden geworfen und als er versucht aufzustehen, ein zweites Mal zu Boden geschubst. Ein Angriff oder Gegenangriff ist nicht zu erkennen.
Annett Franck bleibt trotz des Videos bei ihrer Version der Geschichte und erklärt den körperlichen Einsatz damit, dass Stiekow sie “als Frau” und den Stand habe schützen wollen. Selbst der Angreifer sein, aber trotzdem das Opfer spielen – anscheinend ganz normal bei der AfD.
AfD-Abgeordneter soll Prügelei angefangen haben
Ebenfalls fragwürdig ist ein Videoclip des AfD-Bundestagsabgeordneten Julian Schmidt, der auf dem Weg zur Gründungsveranstaltung der neuen AfD-Jugend in Gießen im Dezember 2025 entstand. Schmidt sagt, die Prügelei in dem Video, sein blaues Auge und die gebrochene Nase, das sei angeblich alles Schuld der linken Gegendemonstrant:innen. Er behauptet, ein Demonstrant habe versucht, einem seiner Begleiter das Notebook zu klauen, dann sei es zu einem Gerangel gekommen.
In dem Video sieht man ein aggressives Handgemenge. Schmidt wird von vermummten Gegendemonstranten zurückgedrängt, es fliegen Fäuste in die Richtung seines Gesichts. Er will zurückschlagen, stürzt, und daraufhin schlägt einer seiner Begleiter einem der Gegendemonstranten brutal ins Gesicht. Wie es zu der Prügelei kam, wird aus der Aufnahme nicht ersichtlich.
Allerdings berichteten fünf Augenzeug:innen der taz, dass die Aggressionen von den AfDlern ausgegangen seien. Diese seien am Rand der Gegendemo aufgetaucht und hätten provozieren wollen. Zwei Frauen, die sich ihnen in den Weg stellten, seien grundlos von Schmidt und seinen Begleitern attackiert worden. Die Augenzeugen hatten sich nicht bei der Polizei gemeldet, weil sie Angst hatten, dass die beschuldigten AfDler ihre Daten erhalten.
Wieder aggressive AfD-Mitglieder
Auch, wenn nicht endgültig geklärt ist, wer die Prügelei angefangen hat: Zweifelsohne instrumentalisierte Schmidt das Video direkt im Nachgang. In einem Statement auf Instagram sagte er: “Wir kämpfen weiter, weil wir ganz einfach im Recht sind – für ‚unsere Kinder, unsere Zukunft und Deutschland‘ – und blendet danach den Schwinger seines Kollegen gegen den Gegendemonstranten ein. Dass er zwischenzeitlich von der Polizei festgehalten wurde, erklärt er damit, dass die Situation für diese unübersichtlich gewesen sei.
Hier wurde also mindestens ein Vorfall (in dem Schmidt und seine Begleiter auch in keinem Fall deeskalierend agiert haben) instrumentalisiert, um die Gegendemos zu delegitimisieren, wenn er nicht sogar bewusst provoziert und angezettelt wurde. Und wieder bleibt, auch durch den passend ausgewählten Videoausschnitt, vor allem das Opfernarrativ der AfD hängen.
AfD-Politiker beißt Demonstranten (Ja, wirklich.)
Auch beim AfD-Parteitag in Essen 2024 stießen AfD-Politiker und Demonstrant:innen aufeinander. Ganz besonders widerlich ging es bei zwei Attacken vom Delegierten Stefan Hrdy zu: Zuerst bespuckte er die stellvertretende Juso-Vorsitzende Patricia Seelig und die NRW-Landesvorsitzende der Jusos, Nina Gaedike.
Dann versuchte er, durch eine Polizeiabsperrung zum Parteitag zu gelangen. Seiner Schilderung nach sei er von Demonstrant:innen, die sich ihm in den Weg stellten, in die Wade getreten worden sein und gestürzt. Zwei oder drei Demonstrant:innen seien dann auf ihn gefallen, er habe einen Tritt abbekommen und sich aus “Notwehr” in einem der Beine verbissen, um nicht noch einen Tritt abzubekommen.
Hrdy bestreitet den Biss nicht, er stellt ihn als aber Notwehr dar. Nur: Es gibt ein Video von Bild TV. Legt man Hrdys Schilderung der Situation darüber, wird es fast schon komisch. Von einem Angriff gegen Hrdy ist nichts zu sehen, Demonstrant:innen laufen sogar eher weg von dem Tumult. Ein Tritt in die Wade ist nicht zu erkennen, auch scheint niemand günstig für einen solchen Tritt zu stehen.
Die AfDler feiern ihre Gewalt
Plötzlich stürzt Hrdy auf die Demonstrant:innen vor ihm, die erschrocken zurückweichen. Hrdy tritt um sich – und hat dafür auch viel Platz, weil höchstens ein Bein auf ihm landet. Nichts zu sehen von zwei oder drei Menschen, die auf ihm gelegen haben sollen. Dafür verbeißt er sich intensiv in der Wade des Demonstranten, bis ihn die Polizei anspricht.
Von AfD-Kollegen wurde Hrdy später als „Zeckenbeißer von Essen” und “bester Mann der AfD” gefeiert. Parteiintern hat diese verrückte Inszenierung also gefruchtet und, wie immer, wird auch etwas vom Opfernarrativ in der Gesellschaft hängen geblieben sein – auch nach diesem völlig absurden Auftritt.
“Notwehr” besonders beliebt als False Flag
Sich nach Angriffen auf den politischen Gegner auf “Notwehr” zu berufen, scheint besonders beliebt in der AfD. Im Fall von Felix Cassel, früherer Landesvorsitzender der Jungen Alternative NRW und AfD-Bezirksverordneter in Bonn, wurde die bewusste Opferrolle sogar gerichtlich festgestellt. Cassel fuhr 2019 mit seinem Auto in eine Gruppe Gegendemonstrant:innen bei einer Wahlkampfveranstaltung in Köln. Eine der Personen landete dabei auf seiner Motorhaube. Cassel berief sich in dem Jahre andauernden Verfahren darauf, aus Notwehr gehandelt zu haben. Das Verfahren zog bis vors Oberlandesgericht Köln, bis schließlich rechtskräftig festgestellt wurde, dass dies “eine unwahre Schutzbehauptung” sei.
Der Soester AfD-Lokalpolitiker Mirko Fischer schlug 2021 der Linken-Bundestagskandidatin Martina Schu am Rande einer Wahlkampfveranstaltung mit Björn Höcke in Paderborn mit dem Ellenbogen ins Gesicht. Fischers Verteidiger versuchte zuerst, die Glaubwürdigkeit des Opfers und ihrer Verletzungen anzugreifen, und wollte dann anhand eines “feindlichen Umfelds” eine Notwehr-Situation heraufbeschwören. Nun ja, die Richterin sah all das anders und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von insgesamt 600 Euro.
Gleich zweimal stand AfD-Lokalpolitiker Sven Ebert aus Sachsen-Anhalt wegen Angriffen mit Pfefferspray vor Gericht. Bei dem Angriff in Halle auf zwei Studenten, die ihn auf sein falsch geparktes Auto aufmerksam machten, verteidigt er sich mit einer Notwehrsituation. Die Studenten hätten ihn angreifen wollen. Diese Behauptung wies das Gericht zurück. Nach einer eingelegten Revision kommt er aber mit einem gegen Geldauflage eingestellten Strafverfahren davon. Pfefferspray scheint für Ebert generell das Mittel der Wahl gegen politische Gegner:innen zu sein. 2021 wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Er hatte zwei Frauen, die AfD-Wahlplakate mit Farbe besprühten, getreten, geschlagen und mit Pfefferspray besprüht. Ebert hat gegen dieses Urteil Revision eingelegt.
AfD-Anhänger sind die gewaltbereitesten
Und auch wenn sich nicht auf Notwehr berufen wird, bekämpfen AfD-Politiker:innen Menschen, die ihre Gesinnung nicht teilen, immer wieder gewaltvoll. Ob Messerdrohungen nach einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des NS-Regimes in Strausberg, ein weiterer Auto-Angriff, bei dem vier Gegendemonstrant:innen in Henstedt-Ulzburg verletzt wurden, eine rassistische Beiß-Attacke auf eine schwarze Musikjournalistin durch einen Berliner Bezirksverordneten der AfD oder Angriffe von AfD-Mitgliedern auf Journalist:innen – mit ihren Gegner:innen setzt sich die AfD immer wieder gewaltvoll auseinander.
Das Opfernarrativ ist extrem wichtig für die Täter der AfD und wird bewusst bedient. Die Gewaltbereitschaft in den eigenen Reihen könnte aber ein weiterer Grund dafür sein, dass AfD-Mitglieder diese Methoden ständig auch bei anderen vermuten. Studien zeigen auch, dass unter AfD-Anhängern die größte Gewaltbereitschaft herrscht von allen Parteien. Es war auch ein AfD-Anhänger, der Walter Lübcke ermordete. Viele Fälle von Gewalt und Terror in und um die AfD lassen befürchten, dass sie immer mehr zum politischen Arm des Rechtsterrorismus wird.
Die Täter-AfD lügt, das Opfer zu sein
Dabei sollten all die Lügen gar nicht notwendig sein, glaubt man den gern von der AfD zitierten Statistiken zu Angriffen auf Politiker:innen. Demnach erfährt die Partei nach den Grünen die meisten Angriffe und von allen Parteien die meisten Gewaltangriffe (die Grünen führen deutlich bei Äußerungsdelikten wie Beleidigungen und Beschimpfungen).
Diese Statistik muss man kritisch hinterfragen, wie es die Kolleg:innen von Übermedien getan haben: Zum Beispiel zählen in die Statistik anscheinend auch Straftaten gegen Polizeibeamt:innen, die von Gegendemonstrant:innen zu AfD-Demos verübt werden. Außerdem ist es eine Eingangsstatistik, das heißt, auch Anfangsverdachtsfälle landen in ihr, selbst wenn sich kein Angriff nachweisen lässt, wie das Beispiel eines angeblichen Luftwehrgeschosses gut zeigt.
Etliche der hier aufgeführten Fälle, die nie Angriffe auf die AfD waren, gingen in die Statistik ein. Auch wird die Statistik natürlich davon beeinflusst, wie konsequent Parteien Äußerungsdelikte und Angriffe anzeigen. Und wie wir gesehen haben, zeigt die AfD sogar dann andere an, wenn sie selbst der Aggressor ist. Oft sind übrigens “Angriffe auf Politiker” einfach nur Sachbeschädigungen oder Diebstahl von Wahlplakaten.
Gestohlen, zerknüllt, verunstaltet: Politiker teilen Schicksal ihrer Wahlplakate
Vorsicht vor dem AfD-Opfernarrativ
Solche Statistiken sind also sehr fehleranfällig. Was sie aber definitiv zeigen, ist, wie absurd das ständige Erfinden von Opfergeschichten der AfD ist. Wenn es wirklich so viele Angriffe gäbe, wie die Statistiken den Anschein erwecken, warum muss die AfD dann dauernd welche erfinden, statt das auszuschlachten, was da ist? Oder sind doch ein Großteil dieser Fälle nur Hirngespinste? Wer weiß, wie viele andere Fälle noch Fake waren, es aber kein Video gab, das den wahren Sachverhalt zeigte?
In jedem Fall nützt jeder erfundene wie echte Angriff der AfD, weil sie genau weiß, wie sie ihn zu ihren Gunsten ausschlachten kann. Für Medien und Polizei gilt deshalb: Hinterfragt Darstellungen von Vorfällen, die auf Angaben der AfD basieren, immer genau. Auch müssen Journalist:innen die Polizei kritisch hinterfragen, die einfach nur die Anzeigen der AfD wiedergibt, selbst wenn diese einseitig und falsch sind, wie sich in Rosenheim zeigte.
Schreibt sie nicht unhinterfragt in Überschriften oder Meldungen, kommuniziert Unsicherheiten und noch ausstehende Ermittlungen. Und für uns alle, die Nachrichten mit ihrem Umfeld teilen: Wartet Ermittlungen ab, übernehmt die Opfernarrative der AfD nicht vorschnell. Helft ihnen nicht auch noch dabei, sich als größere Opfer darzustellen, als sie sind.
Artikelbild: canva.com (Symbolbild).