Die neue Steuerschätzung verschärft die Finanzlage der Stadt Köln deutlich. Bis 2029 muss die Stadt nach aktueller Einschätzung mit fast 250 Millionen Euro weniger Steuereinnahmen rechnen als bisher geplant. Für Lindweiler und den gesamten Stadtbezirk Chorweiler könnte das besonders harte Folgen haben.
Köln steht finanziell noch stärker unter Druck als bisher angenommen. Nach den im Finanzausschuss vorgelegten Zahlen muss die Stadt in den Jahren 2026 bis 2029 mit insgesamt 247,7 Millionen Euro weniger Steuereinnahmen rechnen als bislang im Haushalt eingeplant.
Das bedeutet nicht, dass Köln „nur“ ein neues Loch von 247,7 Millionen Euro hat. Es bedeutet vielmehr: Zu den ohnehin schon geplanten Defiziten kommt voraussichtlich noch einmal fast eine Viertelmilliarde Euro hinzu.
Die Grundlage dafür ist die neue Steuerschätzung vom Mai 2026. Das Bundesfinanzministerium hat die Ergebnisse der 170. Steuerschätzung am 7. Mai 2026 veröffentlicht; bundesweit wird gegenüber der vorherigen Schätzung mit einer schwächeren Entwicklung der Steuereinnahmen gerechnet. Als Gründe werden unter anderem schwächere Wachstumserwartungen, höhere Energiepreise und große wirtschaftliche Unsicherheiten genannt. Für 2026 erwartet die Bundesregierung nur noch ein reales Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. (Bundesministerium der Finanzen)
Köln war schon vorher tief im Minus
Die neue Schätzung trifft eine Stadt, deren Haushalt bereits vorher angespannt war. Im beschlossenen Haushaltsplan 2025/2026 stehen für 2025 Erträge von rund 6,06 Milliarden Euro Aufwendungen von rund 6,46 Milliarden Euro gegenüber. Für 2026 plant Köln mit Erträgen von rund 6,21 Milliarden Euro und Aufwendungen von rund 6,70 Milliarden Euro; nach Abzug eines globalen Minderaufwands von 45 Millionen Euro bleiben immer noch rund 6,66 Milliarden Euro an Aufwendungen.
Vereinfacht gesagt: Die Stadt hat bereits eingeplant, mehr Geld auszugeben, als sie einnimmt. Nun fällt die Einnahmeseite noch schlechter aus als gedacht.
Nach den vorgelegten Zahlen verschlechtert sich die Planung gegenüber dem bisherigen Haushalt voraussichtlich um:
2026: minus 59,6 Millionen Euro
2027: minus 52,0 Millionen Euro
2028: minus 63,0 Millionen Euro
2029: minus 73,1 Millionen Euro
Zusammen ergibt das die genannten 247,7 Millionen Euro weniger als bislang erwartet.
Besonders problematisch: die Gewerbesteuer
Der größte Unsicherheitsfaktor ist die Gewerbesteuer. Sie gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen der Stadt. Unternehmen zahlen sie an die Kommune, in der sie wirtschaftlich tätig sind. Wenn Gewinne sinken oder die Konjunktur schwächelt, spüren Städte das oft direkt.
Für 2026 hatte Köln bei der Gewerbesteuer mit rund 1,803 Milliarden Euro gerechnet. Nach der neuen Schätzung werden nur noch rund 1,685 Milliarden Euro erwartet. Allein für 2026 ergibt sich damit ein Minus von 118,2 Millionen Euro. Bis 2029 summiert sich die Lücke bei der Gewerbesteuer nach den vorgelegten Zahlen sogar auf 556,3 Millionen Euro gegenüber der bisherigen Planung.
Dass das Gesamtminus am Ende bei 247,7 Millionen Euro liegt, hängt damit zusammen, dass andere Steuerarten teilweise besser ausfallen. So werden beim städtischen Anteil an der Umsatzsteuer höhere Einnahmen erwartet. Diese können die Verluste bei der Gewerbesteuer aber nicht ausgleichen.
Was heißt das für Lindweiler und Chorweiler?
Für Lindweiler und den gesamten Stadtbezirk Chorweiler ist diese Entwicklung besonders gefährlich. Denn hier geht es nicht nur um abstrakte Haushaltszahlen. Hier geht es um Schulgebäude, Kitas, Jugendangebote, soziale Einrichtungen, Verkehr, Grünflächen, Sicherheit, Sauberkeit und die Frage, ob ein ohnehin benachteiligter Stadtbezirk weiter abgehängt wird.
Chorweiler gehört zu den Stadtbezirken, in denen soziale Belastungen besonders deutlich sichtbar sind. Die Stadt Köln weist für den Stadtbezirk Chorweiler im Dezember 2025 eine Arbeitslosenquote von 10,3 Prozent aus. Im Stadtteil Lindweiler lag sie bei 13,9 Prozent, im Stadtteil Chorweiler sogar bei 16,8 Prozent. (Stadt Köln)
Auch bei der sozialen Grundsicherung zeigt sich die besondere Lage: Im Stadtbezirk Chorweiler bezogen im Dezember 2024 17,4 Prozent der Bevölkerung Regelleistungen der sozialen Grundsicherung. In Lindweiler lag die Quote bei 22,3 Prozent, im Stadtteil Chorweiler bei 35,3 Prozent. (Stadt Köln)
Gerade Lindweiler ist seit Jahren auf gezielte Unterstützung angewiesen. Die Stadt Köln beschreibt den Stadtteil selbst als deutlich isoliert, weil er durch Autobahnen und Eisenbahnlinien begrenzt wird. Außerdem seien überdurchschnittlich viele Menschen in Lindweiler auf Leistungen des Jobcenters angewiesen; besonders betroffen seien Alleinerziehende und ihre Kinder. (Stadt Köln)
Warum Kürzungen hier härter treffen als anderswo
Wenn Köln sparen muss, trifft das nicht alle Stadtteile gleich. In wohlhabenderen Vierteln können manche Lücken eher privat aufgefangen werden: durch starke Fördervereine, Spenden, stabile Vereinsstrukturen oder Familien, die Nachhilfe, Freizeitangebote oder Mobilität selbst bezahlen können.
In Lindweiler, Chorweiler, Seeberg, Blumenberg oder Volkhoven/Weiler ist das deutlich schwieriger. Hier sind viele Menschen stärker auf funktionierende öffentliche Infrastruktur angewiesen. Wenn Jugendangebote wegfallen, wenn Sanierungen verschoben werden, wenn soziale Projekte nicht verlängert werden oder wenn die Stadt bei Stadtteilentwicklung, Bildung und Beratung kürzt, entstehen hier weitaus größere Probleme als in ohnehin gut versorgten Stadtvierteln.
Deshalb könnte die neue Steuerschätzung für den Stadtbezirk Chorweiler katastrophale Auswirkungen haben, wenn die Stadt nicht klar priorisiert. Gerade Stadtteile mit hohen sozialen Belastungen dürfen bei Einsparungen nicht nach dem Rasenmäherprinzip behandelt werden.
Chorweiler braucht Schutz vor dem Sparkurs
Die Stadt Köln steht vor schwierigen Entscheidungen. Das ist unbestritten. Doch aus Sicht von Lindweiler muss klar sein: Wer bei den Schwächsten spart, verschärft die Probleme von morgen.
Der Stadtbezirk Chorweiler braucht Investitionen in Bildung, Betreuung, Jugendarbeit, soziale Infrastruktur, Verkehrsanbindung, Aufenthaltsqualität und bezahlbares Wohnen. Fehlende Finanzmittel werden hier nicht einfach nur „spürbar“. Sie können dazu führen, dass sich bestehende Benachteiligungen weiter verfestigen.
Die neue Steuerschätzung ist deshalb mehr als eine schlechte Nachricht für den Kölner Haushalt. Sie ist ein Warnsignal für den Kölner Norden.
Wenn Köln jetzt sparen muss, dann darf das nicht zulasten der Stadtteile gehen, die ohnehin schon zu lange warten.
