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Medizin nur für Männer? Wie Frauen im Gesundheitswesen benachteiligt werden

Medizinische Forschung hatte lange gefährliche, unwissenschaftliche Lücken. Warum Frauen häufiger zu spät diagnostiziert werden, Medikamente je nach Geschlecht anders wirken und warum bessere Forschung nicht nur Frauen hilft, sondern die Medizin für alle verbessert.

Zum Weltfrauentag sprechen wir häufig darüber, in welchen Bereichen Frauen* immer noch benachteiligt sind. Begriffe wie „Gender Pay Gap“ (beschreibt die Tatsache, dass Frauen* bei gleichen Voraussetzungen immer noch weniger verdienen als Männer) oder „Gender Care Gap“ (beschreibt die Tatsache, dass Frauen* mehr Sorgearbeit und andere unbezahlte Arbeit übernehmen“) fallen regelmäßig. Während es wichtig ist, diese Formen der Diskriminierung zu benennen und anzuprangern, blicken wir heute auf einen weiteren Bereich, der dir möglicherweise noch unbekannt ist: der Gender Health Gap. Anders als beispielsweise bei Lohnunterschieden zwischen Männern und Frauen* ist der Gender Health Gap kein messbarer Indikator, sondern ein mehrdimensionales Konzept. Ganz grundsätzlich geht es darum, dass Frauen* in verschiedensten medizinischen Bereichen immer noch benachteiligt werden. Wie genau das aussehen kann, darauf schauen wir jetzt.

Der Ansatz geschlechtersensibler Medizin

Vorab kurz zu den Begrifflichkeiten. In diesem Artikel sprechen wir grundsätzlich von Frauen*. Das Sternchen (*) hinter Frauen* ist bewusst gesetzt und steht für eine Geschlechtervielfalt, um die Konstruktion von zwei Geschlechtern/Geschlechterrollen zu überwinden. Wir verwenden das Sternchen, um alle sichtbar zu machen und anzusprechen, die von patriarchaler Benachteiligung betroffen sein können. Bei Studien oder in einem anderen Kontext, wo nicht klar ist, ob dieser Aspekt mitgedacht wurde, lassen wir das * weg.

In der Medizin gibt es einen neuen Ansatz, der versucht, damit aufzuräumen, dass Frauen* jahrzehntelang in der Medizin nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Geschlechtersensible Medizin berücksichtigt die Tatsache, dass es mehrere Geschlechterdimensionen gibt. Das biologische Geschlecht wird, zurückgehend auf den englischen Begriff, oft sex genannt, die soziokulturellen Aspekte von Geschlecht heißen dagegen gender. Wie sich die beiden Begriffe unterscheiden, zeigt dieses Schaubild:

Während das biologische Geschlecht (sex) durch Anatomie, Genetik und Hormone definiert ist, wird das soziale Geschlecht (gender) beispielsweise durch Geschlechtsidentität oder Geschlechterrollen bestimmt. Sex und gender sind nicht immer deckungsgleich. Sowohl das biologische Geschlecht (sex) als auch das soziale Geschlecht (gender) können die Krankheitsentstehung, Diagnose und Therapie beeinflussen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Intersektionalität. Intersektionalität bedeutet, dass Personen einer Gruppe (z.B. Frauen) nicht homogen sind, sondern aufgrund von Alter, Klasse, sexueller Orientierung und vielen weiteren Faktoren auf mehreren Ebenen benachteiligt sein und ihre Gesundheitserfahrungen sich somit unterscheiden können.

Frauen* bekommen zu spät eine Diagnose

Krankheiten, die erst nach einer jahrelangen Ärzt:innen-Odyssee diagnostiziert werden. Das Gefühl, von Ärzt:innen nicht ernstgenommen zu werden. „Das liegt am Stress.“ „Das bilden Sie sich ein.“ „Das hat man nun mal so als Frau.“ Von solchen Erfahrungen berichten Frauen* nicht nur gehäuft in Kommentarspalten, wie auf dem Bild unten mit anekdotischer Evidenz oder in privaten Gesprächen, es gibt dafür auch empirische Belege.

Screenshots

„Medical Gaslighting“ wird das Phänomen oft genannt, dass Symptome nicht ernst genug genommen, als übertrieben oder eingebildet dargestellt oder Symptome vorschnell als psychosomatisch diagnostiziert werden, obwohl es eine körperliche Ursache gibt.

Der Begriff „Gaslighting“ kommt von dem englischen Theaterstück „Gas Light“ (1938), in dem ein Mann seine Frau systematisch in den Wahnsinn treibt, indem er ihr das Realitätsempfinden abspricht, unter anderem mithilfe eines manipulierten Gaslichts.

Von Medical Gaslighting sind Frauen* häufiger betroffen als Männer, aber auch andere marginalisierte Menschengruppen wie People of Colour, mehrgewichtige Menschen sowie Transmenschen. Ein höheres Risiko für Medical Gaslighting besteht bei Krankheiten, die zyklisch auftreten, hormonell bedingt sind, chronisch sind und bei Symptomen, die nur schwer objektiv messbar sind.

Frauen* haben nach einem Herzinfarkt schlechtere Chancen als Männer

Die vermutlich bekanntesten Beispiele für verspätete Diagnosen bei Frauen* sind der Herzinfarkt und die Endometriose. Der Herzinfarkt gilt als typische Männerkrankheit, vielleicht auch, weil Männer sich den Risikofaktoren im Lebenswandel häufiger aussetzen. Er trifft auch tatsächlich mehr Männer als Frauen, ist aber auch eine der häufigsten Todesursachen bei Frauen.

Studien zeigen, dass Frauen nach einem Herzinfarkt im Durchschnitt eine Stunde später in die Notaufnahme kommen und danach schlechtere Chancen auf Genesung haben. Das Risiko, an dem Infarkt zu sterben, ist bei Frauen mehr als doppelt so hoch. Das liegt vor allem daran, dass die Symptome bei Frauen oft anders und unspezifischer sind. So haben Frauen seltener den typischen, starken Brustschmerz und die Symptome erinnern manchmal eher an eine Magenverstimmung.

Dass Krankheiten, die bei einem Geschlecht häufiger auftreten, beim anderen schlechter erkannt werden, ist ein weit verbreitetes Muster, sagt Sylvia Stracke, Professorin für Nephrologie (Nierenheilkunde) an der Unimedizin Greifswald, im Gespräch mit Volksverpetzer. „Mustererkennung ist eine wichtige Fähigkeit in der Medizin und erfahrene Ärzt:innen liegen natürlich auch oft richtig. Aber eben nicht immer.“

Wissenschaftliche Arbeiten werden zu wenig nach Geschlechtsaspekten ausgewertet

Deshalb sei es wichtig, dass die Forschung Geschlechtsaspekte (sowohl sex als auch gender) auswerte: „Abgefragt wird das Geschlecht überall, aber zu oft wird nicht geschlechtsgetrennt ausgewertet und berichtet.“ Denn nur so könnten Unterschiede festgestellt und später auch in Leitlinien übernommen werden – die wiederum Ärzt:innen dabei helfen, bessere Entscheidungen bei der Diagnose zu treffen.

Auch über den Herzinfarkt hinaus werden Frauen* in der Medizin oft anders behandelt als Männer: Diabetes wird bei Frauen durchschnittlich später diagnostiziert als bei Männern, laut einer US-amerikanischen Studie warten Frauen länger in der Notaufnahme, andere Studien zeigen, dass sie bei vergleichbaren Schmerzen seltener Schmerzmittel verschrieben bekommen.

Frauen* kommunizieren Symptome anders als Männer

Gründe dafür, dass Frauen* später diagnostiziert werden und mehr Medical Gaslighting erfahren, sind einerseits schlecht erforschte Unterschiede in Diagnostik und Therapie (dazu unten mehr), andererseits auch die unterschiedliche Kommunikation zwischen Patient:innen und Ärzt:innen. Frauen schildern beispielsweise Symptome oft anders als Männer. Darauf deutet auch eine japanische Studie hin, aus der hervorgeht, dass Patientinnen, die im Krankenhaus von einer Ärztin behandelt werden, eine etwas geringere Sterblichkeitsrate aufweisen, als die, die von einem Mann behandelt werden. Bei Männern machte das Geschlecht des Arztes/der Ärztin keinen Unterschied.

Diese Ergebnisse sind mit Vorsicht zu interpretieren, da die Daten von rund 700.000 Patient:innen zwar statistisch signifikant sind, der Unterschied aber trotzdem sehr gering ist. Dass Frauen die besseren Ärzt:innen sind, kann man daraus nicht schließen. Dennoch lässt sich vermuten, dass weiblich sozialisierte Menschen anders über Krankheiten kommunizieren und ihre Symptome von männlich sozialisierten Menschen leichter unterschätzt werden.

Ärztinnen ist Gender-Health-Gap bewusster

Außerdem seien Ärztinnen oft die Probleme des Gender-Health-Gap bewusster als Männern, sagt Sylvia Stracke. Deshalb sei es neben der Sensibilisierung von Medizinern in Wissenschaft und Praxis auch wichtig, Frauen* in Leitungspositionen in der Medizin zu fördern.

Ebenfalls stark von Medical Gaslighting betroffen sind Krankheiten, die nur den weiblichen Körper betreffen. Endometriose beispielsweise ist eine östrogenabhängige Krankheit, bei der sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) ähnelt, außerhalb der Gebärmutter ansiedelt. Dort kann es vielfältige Symptome auslösen, am typischsten sind extreme Schmerzen vor und während der Periode. Endometriose ist jedoch eine äußerst komplexe Krankheit.

Im Schnitt dauert es siebeneinhalb Jahre, bis Endometriose diagnostiziert wird. Betroffene berichten auch von Zeiträumen deutlich über zehn Jahren.

Medical Gaslighting ist jedoch nicht das einzige Phänomen, das belegt, dass Frauen* immer noch strukturell benachteiligt sind im Medizinbereich. Auch die Erforschung von Krankheiten und Medikamenten war lange Zeit von Männern geprägt – mit Auswirkungen bis in den heutigen Tag. Darauf schauen wir jetzt.

Wie Männer lange Zeit medizinische Studien prägten

In medizinische Studien wurden lange Zeit häufig ausschließlich Männer einbezogen. In Studien mit Frauen*-Beteiligung ist ihr Anteil oft zu niedrig. Vor allem in der Grundlagenforschung kommen häufig nur Zellen oder Tiermodelle männlichen Ursprungs vor. Oft werden die erhobenen Daten nicht nach Geschlecht ausgewertet. Das hat ganz direkte Folgen für die Gesundheit von Frauen*: verspätete oder falsche Diagnosen und häufigere Nebenwirkungen.

Schauen wir auf ein Beispiel. Für vier verschiedene Krankheitsbilder hat die Bundesstiftung Gleichstellung das Gefälle zwischen der Häufigkeit der Erkrankung bei Frauen und der tatsächlichen Einbeziehung von Frauen in klinische Studien aufgeschlüsselt. Du siehst, dass bei allen vier Krankheitsbildern viel weniger Frauen an den klinischen Studien teilnahmen, als es ihrem eigentlichen Anteil an der Allgemeinbevölkerung, der an der Krankheit erkrankt, entsprechen würde.

Screenshot Bundesstiftung Gleichstellung (Zahlen aus 2010).

Bei den neueren klinischen Studien wird auf einen adäquaten Frauen-/Männer-Anteil mehr geachtet. Oftmals sind Frauen trotzdem noch unterrepräsentiert und auf die zu Beginn des Artikels erklärten intersektionalen Faktoren wird meistens nicht eingegangen.

Ein Blick zurück in die Geschichte

Wenn du dich jetzt berechtigterweise fragst, warum Frauen* so unterrepräsentiert sind und waren, müssen wir zurückblicken auf einen der größten Skandale in der Arzneimittelgeschichte: den Contergan-Skandal, aufgedeckt zwischen 1961 und 1962. Contergan war ein Beruhigungsmittel, das den Wirkstoff Thalidomid enthielt. Es galt als sicher und wurde so auch Schwangeren empfohlen. Doch dem war nicht so: Durch die Einnahme von Contergan in der frühen Schwangerschaftsphase konnte das Arzneimittel schwere Schädigungen in der Wachstumsentwicklung des Fötus zur Folge haben. Tausende Babys waren betroffen. Wie viele Kinder tot geboren wurden, ist unbekannt.

Nach dem Skandal beschlossen Zulassungsbehörden und medizinische Gremien, dass keine Frauen im gebärfähigen Alter mehr an klinischen Studien teilnehmen sollten. Die Folge: in den 1980er bis 1990er Jahren wurden keine Medikamente an Frauen getestet, was wiederum zu unerwarteten Nebenwirkungen bei Frauen führte, von denen sie auch mehr betroffen waren. Seit Mitte der 1990er Jahre werden Frauen wieder in klinische Studien eingeschlossen, oft mit der Bedingung, dass sie eine doppelte Verhütungsmethode anwenden.

Doch es werden immer noch nicht genug Frauen einbezogen. Deutlich wird dies an einem exemplarischen Fall des Schlafmittels Zolpidem. Frauen bauen dieses langsamer ab als Männer. Die Folge ist ein potenziell erhöhtes Unfallrisiko für Frauen am nächsten Morgen. 2013 halbierte die US-Arzneibehörde FDA die zugelassene Dosierung für Frauen.

Die bittere Wahrheit: Frauen* adäquat zu berücksichtigen, kostet Geld!

Während es aus historischer Sicht vielleicht sogar nachvollziehbar ist, dass es direkt nach dem Contergan-Skandal zu einem Ausschluss von Frauen aus klinischen Studien kam, ist es genauso richtig, dass es dadurch zu einer gewaltigen Ungleichbehandlung kam, die bis heute andauert. Expert:innen sprechen von einem „historisch gewachsene[n] Desinteresse“. Der Knackpunkt ist: Frauen* sind nicht „einfach kleinere Männer“. Neben mehreren biologisch bedingten Unterschieden wie Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Größe der Organe, Körperzusammensetzung und weiteren ist vor allem auch der Zyklus der Frauen* ein Aspekt, der medizinische Studien mit Frauen* aufwändiger macht.

Wieso das? Die im Lauf des Monats schwankenden Geschlechtshormone im Körper der Frau* bestimmen schlussendlich, wie viele Enzyme bestimmte Wirkstoffe abbauen. Frauen* haben nicht nur eine andere Hormonzusammensetzung als Männer, sondern auch einen wesentlich schwankenderen Hormonhaushalt, bedingt durch den Zyklus. Die Konsequenz: Frauen* brauchen bei gewissen Medikamenten niedrigere Dosen, sonst ist die Gefahr einer Überdosierung sehr hoch (wie wir oben gesehen haben). Gewisse Medikamente können aber auch im Verlauf des Zyklus unterschiedlich wirken.

Aus diesen Gründen müsste bei Frauen* auf folgende Punkte kontrolliert werden, wie Quarks schreibt: „hormonelle Unterschiede vor und nach den Wechseljahren, hormonelle Unterschiede durch Zykus und Verhütungsmittel, Schwangerschaften.“

Um also verschiedene Gruppen von Frauen* je nach den oben beschriebenen Kriterien in klinische Studien einzubeziehen, bräuchte man viel mehr Studienteilnehmende und müsste die Studien viel komplexer aufbauen. Ich denke, du weißt, worauf wir hinauswollen: Es wäre schlussendlich viel, viel teurer! Und teuer = schlecht, auch wenn am Ende die Frauen* den Kürzeren ziehen.

Nicht alles kann mit Männerdominanz in der Medizin erklärt werden

Obwohl also seit Mitte der 1990er Jahre wieder Frauen* in Studien vorkommen, stimmt bei vielen das Geschlechterverhältnis immer noch nicht. Wie viele Frauen* in klinische Studien eingebunden werden, sollte sich übrigens an der tatsächlichen Geschlechterverteilung der Krankheit orientieren, die untersucht wird. Denn da ist die Aufteilung auch nicht immer 50:50. Von manchen Krankheiten sind mehr Männer, von anderen mehr Frauen* betroffen. Eine EU-Verordnung aus 2022 regelt übrigens, dass alle Teilnehmenden einer medizinischen Studie repräsentativ sein müssen für die Bevölkerungsgruppe, der das Medikament später auch verabreicht wird.

Auf einen sehr wichtigen Aspekt, der leider oft übersehen wird, weist Quarks hin:

„Trotzdem sollte nicht jede Erkenntnis voreilig in das weitgehend zutreffende Narrativ der männerdominierten Medizin gedrängt werden. Zwar sind die Überlebensraten von Frauen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich schlechter. Das kann aber auch daran liegen, dass Frauen daran durchschnittlich erst im höheren Alter erkranken und bis dahin auch schon Vorerkrankungen wie Typ-2-Diabetes haben. Solche Faktoren beeinflussen maßgeblich, wie gut die Chancen nach Herzproblemen aussehen.“

Von geschlechtersensibler Medizin profitieren alle – auch Männer

Fassen wir kurz zusammen: Frauen* sind in manchen medizinischen Studien immer noch unterrepräsentiert, teils mit fatalen Folgen. Da es einfacher und günstiger ist, Studien nur oder fast nur mit Männern durchzuführen, basieren viele unserer heutigen Erkenntnisse auf rein männlichen Studienergebnissen. Oft mussten Dosierungen oder Therapien in der Vergangenheit schon angepasst werden. In der Wissenschaft findet bereits ein Umdenken statt. Doch wir sind immer noch nicht da, wo wir eigentlich sein könnten: nämlich bei einer rundum geschlechtssensibleren Medizin, von der am Ende alle profitieren – nicht nur Frauen*!

Du hast richtig gehört, denn auch bei Männern werden Krankheiten aufgrund von medizinischen Klischees oder Lücken manchmal unzureichend diagnostiziert. Wie wir oben gesehen haben, kann es auch an Rollenstereotypen liegen, welche Krankheit bei welchem Geschlecht vernachlässigt wird – oder nicht. Besonders nennenswert sind Depressionen, Osteoporose und Autoimmunerkrankungen, die bei Männern manchmal nicht erkannt werden.

Von Osteoporose und Autoimmunerkrankungen sind mehr Frauen betroffen, weshalb diese Krankheiten als „Frauenkrankheiten“ gelten und bei Männern manchmal übersehen werden. Unter anderem aufgrund von tradierten Männlichkeitsnormen und Rollenbildern sind Depressionen bei Männern vermutlich unterdiagnostiziert. So nehmen Männer weniger oft professionelle Hilfe in Anspruch. Ein weiterer Erklärungsansatz besteht darin, dass die Symptome einer Depression bei einigen Männern nicht den klassischen Symptomen einer Depression entsprechen. Auch deswegen wird Expert:innen zufolge bei Männern weniger häufig eine Depression diagnostiziert.

Außerdem geben Männer bei Ärzt:innen im Falle einer Depression oft körperliche anstatt mentaler Symptome an. Die Folge von all diesen Faktoren: Weniger Depressionen werden erkannt und weniger Wissen über Depressionen bei Männern existiert. Eine Destigmatisierung von psychischen Krankheiten würde Männern und allen anderen extrem helfen. Mehr Feminismus kann da einer der Ansätze sein, denn der Kampf für mehr Gleichberechtigung aller Geschlechter rüttelt eben auch an diesen tradierten Männlichkeitsnormen und Rollenbildern, wie beispielsweise „stark sein müssen“ oder „wenig Gefühle zeigen dürfen“, unter denen auch Männer leiden können.

Was bewegt sich teilweise schon?

Während Frauen* jahrzehntelang benachteiligt wurden, immer noch werden und falsche Diagnosen oder Dosierungen aufgrund veralteter und männlich dominierter Forschungsergebnisse erhalten können, gibt es nichtsdestotrotz ein Umdenken.

Professorin Stracke sieht die größten Fortschritte darin, dass endlich über das Thema gesprochen werde und auch vermehrt Forschungsmittel fließen. Derzeit werden beispielsweise vom Bundesforschungsministerium verschiedenste Projekte gefördert, die darauf abzielen, den Gender Data Gap in der klinischen Forschung zu reduzieren. Auch zur Erforschung von Wechseljahrsbeschwerden, der patientinnenzentrierten Versorgung und Frauengesundheit gibt es aktuelle Ausschreibungen.

Das World Economic Forum entwickelte eine Plattform, die den Fortschritt bei der Schließung des gender health gaps misst. Laut eigenen Angaben handelt es sich um das erste globale Werkzeug mit diesem Ziel. Anhand verschiedenster Faktoren wird der aktuelle Stand in Praxis und Wissenschaft aufgezeigt, reinklicken lohnt sich so oder so.

Und erinnerst du dich noch an eines der Eingangsbeispiele in diesem Artikel, nämlich die unterschiedlichen Symptome bei Herzinfarkten je nach Geschlecht? Auch daran steigt das Interesse der Wissenschaft. So hat sich beispielsweise das Forschungsprojekt HeartGap mit dem Wissen von Ärzt:innen und Pfleger:innen zu Unterschieden bei Herzinfarkten beschäftigt.

Auch, dass Patient:innen, die vom Gender Health Gap erfahren, meist mehr Einbeziehung von Geschlecht in die Medizin unterstützen, und dass langsam, aber sicher mehr Frauen* in Leitungspositionen in der Medizin ankommen, macht Sylvia Stracke Hoffnung. Wenn der Weg weg von festgefahrenen Geschlechterrollen auch mühsam ist, entstehen an den Wurzeln des Problems neue Lösungen.

Artikelbild: canva.com

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