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Migration: Über diese Herausforderungen sollten wir wirklich sprechen

Geht es um Migration, sind die Debatten oft hitzig und die Themen meist vorprogrammiert. Rechte, die vorgeben, über „verschwiegene Probleme“ von Migration zu reden, machen durch Rassismus und Desinformation die Debatte um diese Probleme unmöglich. Die Folge: Wir vernachlässigen oder vergessen Herausforderungen im Zusammenhang mit Migration und Integration, die es eigentlich anzupacken gilt.

Alljährlich beschäftigen wir uns umfassend mit Debatten über die Polizeiliche Kriminalstatistik, in denen häufig Fehlannahmen und manchmal latenter oder offener Rassismus dominieren. Seit Friedrich Merz’ rassistischer Stadtbild-Aussage letztes Jahr diskutierten wir auch darüber. Es ist wichtig, über diese Themen zu sprechen und die vielen Fake News in diesen Bereichen aufzudecken, keine Frage. Doch darum soll es heute nicht gehen. 

Denn wenn wir den Rechten das Agenda-Setting überlassen, laufen wir Gefahr, dass wichtige soziale Missstände ignoriert werden, unter denen sowohl Ausländer:innen als auch Deutsche leiden. Konkret geht es heute um sechs Brennpunkte – bei einigen werden wir merken, dass Zuwanderung oft bestehende soziale Engpässe sichtbarer macht, ohne ursächlich für sie zu sein. Schauen wir auf die Details. 

Brennpunkt 1: Wohnungsmarkt

Der erste Brennpunkt beleuchtet das Recht auf Wohnen – ein Menschenrecht. Doch der Wohnungsmarkt in Deutschland ist vor allem in Ballungsräumen stark angespannt. Das ist kein neues Phänomen, sondern spätestens seit den 2010er Jahren spürbar. Probleme beim Finden einer Wohnung betreffen sowohl Deutsche als auch Zugewanderte. Letztere kämpfen aber zusätzlich mit struktureller Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt – ein Phänomen, das schon mehrfach belegt wurde.

Im Hinblick auf Fluchtmigration in Deutschland zeichnet sich schon länger eine Entschärfung der angespannten Unterbringungslage in den Kommunen ab. Die überwiegende Mehrheit der von Forscher:innen befragten Kommunen schätzt die Unterbringung Geflüchteter als „herausfordernd, aber machbar“ ein. Seit Jahren machen Forscher:innen jedoch auf das Phänomen der sogenannten „Auszugskrise“ aufmerksam. Viele Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften verweilen dort seit vielen Jahren, obwohl sie längst ausziehen dürften (auch wenn also die sogenannte Residenzpflicht für Asylbewerber:innen nicht mehr greift) – einfach aus dem Grund, weil sie keine Wohnungen finden. Diese Plätze in den Gemeinschaftsunterkünften sind dann lange belegt und werden so nicht frei für Neuankömmlinge, was zu den Unterbringungsengpässen der Kommunen beiträgt. 

Die Gründe, warum Geflüchtete nur schwer eine eigene Wohnung finden, können vielfältig sein. Allgemeine Wohnungsnot, die Bevorzugung von Menschen mit höherem Einkommen sowie strukturelle Diskriminierung und Rassismus auf dem Wohnungsmarkt gehören dazu.

Mehr sozialer Wohnungsbau würde also allen helfen: Kommunen, die wieder mehr Plätze in Gemeinschaftsunterkünften zur Verfügung haben, Zugewanderten, die in ihrer eigenen Wohnung leben können (was übrigens auch Voraussetzung für einige Aufenthaltstitel ist), und Deutschen, die sich zuvor keine Wohnung leisten konnten. 

Brennpunkt 2: Schulen

Wir bleiben bei sozialen Engpässen und blicken direkt auf das zweite Brennpunktthema: Schulen. In oben genannter Expertise für den Mediendienst Integration schreiben die Forscher:

“[…] Schulen stehen seit längerem aus verschiedensten Gründen strukturell unter Druck. Sie haben – ähnlich wie Kindertagesstätten, Beratungsstellen, Jobcenter und Ausländerbehörden – zusätzlich mit anderen Formen von Migration zu tun: Die Zahlen der zuwandernden Fachkräfte steigen und auch der Zuzug von EU-Bürger:innen bleibt relevant.”

Schulen sind also für die Bildungsintegration verschiedener Gruppen Zugewanderter in Deutschland zuständig. Wenngleich die Arbeitsmigration nach Deutschland in den letzten Jahren gesunken ist, bleibt die Herausforderung hoch. 

Die „Migrationswende“ geht nach hinten los

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration macht darauf aufmerksam, dass “vor allem Kinder aus bildungs- und ökonomisch benachteiligten Familien, mit einer anderen Familiensprache als Deutsch, und insbesondere Geflüchtete […] in ihrer Kompetenzentwicklung deutlich hinter der ihrer Gleichaltrigen zurück [liegen].” Größere Klassen- und Leistungsunterschiede zwischen den Kindern, die es zu schließen gilt, sind zentrale Herausforderungen für die Schulen in Deutschland. Für geflüchtete Jugendliche haben vor allem ein unsicherer Aufenthaltsstatus und lange Wartezeiten vor dem Schulbeginn negativen Einfluss auf ihre Sprachkenntnisse, aber auch von deutschen Kindern separierte Vorbereitungsklassen haben laut einer Studie einen leicht negativen Einfluss.

Apropos Studie: wenn du Lust auf leicht zugängliche Wissenssnacks in den Bereichen Forschung, Medien und Desinformation hast, dann schau dich doch mal auf unserer frisch gelaunchten Plattform Prüfpunkt um:

Studie: Sprachkenntnisse von geflüchteten Jugendlichen verbessert durch Bleiberecht und schnelle Integration

Verschiedene Stellschrauben: Personal, gemeinsamer Unterricht 

Wie kann den beschriebenen Herausforderungen an Schulen begegnet werden? Es gibt verschiedene Stellschrauben, an denen oft auch schon gedreht wird. Viele Lehrkräfte sagen selbst, einen hohen Fortbildungsbedarf in Bezug auf die hohe Diversität unter ihren Schüler:innen zu haben. Systematische Fortbildungsangebote sollten vorangetrieben und von Anfang an auch in der Ausbildung mitgedacht werden. Gleichzeitig herrscht auch im Lehrerberuf ein deutlicher Fachkräftemangel

Dieser könnte durch gezielte Arbeitsmarktintegration zugewanderter Pädagog:innen abgemildert werden. Das hätte gleichzeitig den Vorteil, dass Menschen, die selbst Migrationserfahrung haben, das System Schule von innen heraus reformieren und modernisieren und mit ihren eigenen Erfahrungen bereichern könnten. Dafür ist es aber nötig, die teils sehr langwierigen Anerkennungsverfahren von ausländischen Bildungs- und Qualifikationsabschlüssen zu vereinfachen und zu beschleunigen – ein Problem, das nicht nur im Bildungssektor zu beobachten ist. 

Gleichzeitig sollten neuzugewanderte Kinder und Jugendliche besonders gefördert werden. Am besten wäre es, möglichst früh einen gemeinsamen Unterricht mit deutschen Kindern in Regelklassen zu gewährleisten, mit zusätzlicher Sprachförderung. 

Brennpunkt 3: Duldung

Wir gehen von der Bildungsintegration weiter zur aufenthaltsrechtlichen Integration. Ein hausgemachtes Problem, auf das bereits seit Jahren hingewiesen wird, ist der Duldungsstatus. Eine Duldung erhalten in Deutschland unter anderem abgelehnte Asylsuchende, die aber aus verschiedenen Gründen nicht abgeschoben werden können. Das sind vor allem fehlende Reisedokumente und viele Gründe mehr. Doch auch andere Drittstaatsangehörige, die keinen Asylantrag gestellt haben, sondern nach Ablauf ihres Visums in Deutschland geblieben sind, können Geduldete sein. Rund 180.000 Menschen leben mit einem Duldungsstatus, die meisten aus dem Irak und der Türkei, gefolgt von Russland, Syrien und Nigeria. Rund 41 Prozent der Geduldeten leben seit mehr als fünf Jahren in Deutschland. 

Eine Duldung ist kein regulärer Aufenthaltstitel. Im Gegensatz zu anerkannten Asylbewerber:innen können Geduldete theoretisch jederzeit abgeschoben werden, auch wenn das rechtlich und praktisch oft nicht möglich ist, wie wir hier ausführlich analysiert haben: 

So realitätsfern ist die AfD: Wir können nicht mehr abschieben

Menschen mit Duldung leben in ständiger Angst, abgeschoben zu werden. Wie lange die Duldungsbescheinigung gültig ist, liegt vor allem im Ermessen der zuständigen Ausländerbehörde. Die Gültigkeit ist aber in der Regel sehr kurz, zwischen einigen Wochen und einem halben Jahr. Geduldete können aber auch schon vor Ablauf der Gültigkeitsdauer abgeschoben werden. Vermehrt wird berichtet, dass Geduldete bei ihren Terminen in der Ausländerbehörde festgenommen und anschließend abgeschoben werden.

Neben der psychischen Belastung von sogenannten „Kettenduldungen“, also der wiederkehrenden Verlängerung von Duldungen ohne Aussicht auf eine Regularisierung des Aufenthaltstitels, sind die Rechte von Geduldeten stark eingeschränkt. Die Reisefreiheit sowie der Familiennachzug sind für Geduldete unterbunden. Um arbeiten zu dürfen, muss eine Arbeitserlaubnis beantragt werden, die oft verzögert oder verweigert wird. Geduldete Personen aus den sogenannten „sicheren Herkunftsländern“ dürfen meist per se nicht arbeiten. 

Wege aus der Duldung

Es gibt Möglichkeiten, aus einem Duldungsstatus heraus einen regulären Aufenthaltstitel zu erhalten. Besonders nennenswert ist dabei das Chancen-Aufenthaltsrecht, eingeführt von der Ampelkoalition. Ein solches konnte von Geduldeten, die zum Stichtag 31. Oktober 2022 fünf Jahre oder länger in Deutschland lebten, gemeinsam mit ihren Angehörigen beantragt werden. Im Anschluss wurde eine Aufenthaltserlaubnis „auf Probe“ für 18 Monate ausgestellt. Wenn sie innerhalb dieser Zeit die Voraussetzungen für ein dauerhaftes Bleiberecht erfüllen, wird die Aufenthaltserlaubnis im Anschluss verlängert. Zu den Voraussetzungen gehören, dass sie überwiegend selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen können, ausreichende Deutschkenntnisse haben und ihre Identität geklärt ist.  

Diese vielversprechende Möglichkeit, einen regulären Aufenthaltstitel zu erhalten, ist nun ausgelaufen. Auf Wunsch der Schwarz-Roten Koalition war der letzte mögliche Termin für einen Antrag auf das Chancen-Aufenthaltsrecht am 31.12.2025. Eine Übergangsregelung ist in Kraft.

Da anscheinend kein politischer Wille besteht, am hausgemachten Duldungsproblem wirklich etwas zu ändern, ist es absehbar, dass weiterhin viele Menschen in Deutschland jahrelang in rechtlicher und tatsächlicher Prekarität leben werden. Es gibt zwar andere Wege aus der Duldung, wie beispielsweise die Ausbildungsduldung oder die Beschäftigungsduldung. Doch die Voraussetzungen sind teilweise sehr hoch, Anträge werden teils trotz „Vorzeige-Integrationsleistungen“ abgelehnt. Oft werden Ausbildungsduldungen trotz erfüllter Voraussetzungen nicht erteilt. Nur wenige Menschen halten sich derzeit im Rahmen einer Ausbildungs- oder Beschäftigungsduldung in Deutschland auf. 

Auch im nächsten Brennpunkt geht es um die Frage, wie sehr Deutschland oft das Potenzial von Zugewanderten für den Arbeitsmarkt vergeudet.

Brennpunkt 4: Brain Waste

Wusstest du, dass insbesondere zugewanderte Frauen oft in Helferberufen hängen bleiben, obwohl sie eine höhere Qualifikation hätten? Einer neuen Analyse zufolge suchen fast sechs von zehn arbeitslosen, nichtdeutschen Frauen mit akademischer Ausbildung einen Job, der nicht an ihr Qualifikationsniveau anschließt. Obwohl sie studierten, suchen sie beispielsweise eine Helfertätigkeit. Doch warum ist das so? Die Autor:innen der Studie schreiben: 

“Gründe hierfür können sein, dass Abschlüsse nicht in Deutschland anerkannt sind, eine Tätigkeit in einem anderen als dem ursprünglich erlernten Beruf angestrebt wird oder eine Tätigkeit im erlernten Beruf nicht mit Betreuungspflichten vereinbar ist (z. B. aufgrund fehlender Kita-Plätze, Ganztagsbetreuung an Schulen oder nicht flexibler Arbeitszeiten im Zielberuf). Auch längere Erwerbsunterbrechungen können zu einer gefühlten oder auch tatsächlichen Entwertung der erworbenen Qualifikation führen.”

Gerade unter nichtdeutschen Frauen gibt es also noch sehr viel Fachkräftepotenzial. Ein weiteres Plus: Nichtdeutsche Frauen sind im Durchschnitt jünger als deutsche Frauen. 

Auf Fluchtmigration bezogen zeigt eine Analyse des Instituts für Berufs- und Arbeitsforschung (IAB) aus dem Jahr 2024, dass die Erwerbstätigenquote von geflüchteten Männern nach acht und mehr Jahren Aufenthalt höher ist als die durchschnittliche männliche Bevölkerung in Deutschland. Diese Quote liegt bei Frauen deutlich niedriger, wie du an der grünen Linie sehen kannst:

Geflüchtete Frauen, die ohne Partner und ohne Kinder leben, nehmen häufiger am Erwerbssystem teil als Frauen mit Partner oder mit Kindern oder mit beidem. Erwerbstätige, also Teilnehmende am Erwerbssystem, können sowohl Arbeitnehmer als auch Selbstständige sein. 

Arbeitsmarktintegration läuft grundsätzlich sehr gut, aber nicht gleich gut für Frauen

Insgesamt läuft die Arbeitsmarktintegration in Deutschland viel besser, als es uns vielleicht bewusst ist. Die aktuellen Beschäftigungsquoten siehst du hier:

Dennoch gibt es gerade bei der Arbeitsmarktintegration von zugewanderten Frauen viel Nachholbedarf. Wichtige Stellschrauben sind vor allem mehr Kinderbetreuungsangebote sowie eine vereinfachte Anerkennung von ausländischen Abschlüssen und Qualifikationen. Von beiden Faktoren sind Frauen mehr betroffen als Männer. Zur bitteren Realität gehört nämlich, dass es immer noch Frauen sind, die meistens die Kinder betreuen. Zusätzlich „sind Frauen in ihren Herkunftsländern nicht nur seltener als Männer erwerbstätig, sondern bei Erwerbstätigkeit häufiger in Berufen, deren Zugang in Deutschland stark reglementiert ist, etwa im Medizin- oder Erziehungssektor“, wie das IAB schreibt

Das Brain-Waste-Problem (also die Nichtanerkennung sowie das „Vergeuden“ von Qualifikationen und Fähigkeiten) betrifft sowohl deutsche als auch nichtdeutsche Frauen. Auch in Deutschland betreuen mehr Frauen als Männer die gemeinsamen Kinder – gleichzeitig sind auch für deutsche Familien Kita-Plätze knapp. Auf zugewanderte Frauen kommt jedoch zusätzlich noch das Problem der fehlenden Anerkennung von Abschlüssen zu. Während wir vor allem auch im Medizin- und Erziehungssektor über Fachkräftemangel klagen, machen wir es zugewanderten Frauen oft durch strukturellen Kinderbetreuungsmangel sowie durch komplizierte Bürokratie sehr schwer, im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. 

Brennpunkt 5: Ausländerbehörden im Notfallmodus

In der in Brennpunkt 1 erwähnten Befragung von Kommunen wurde auch nach weiteren Bereichen und deren eingeschätzter Auslastung gefragt. Am stärksten überlastet sind demnach weiterhin die Ausländerbehörden.

Vor allem Städte geben an, dass ihre Ausländerbehörden im Notfallmodus sind. Zusätzlich zur Fluchtmigration haben diese mit anderen Formen der Migration, wie beispielsweise EU-Binnenmigration und Fachkräftemigration, zu tun. 

Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Ausländerbehörden zusätzlich überlastet sind mit immer neuen Gesetzesreformen und Aufgaben. Die Verschärfungswut von Asylgesetzen in den letzten zehn Jahren haben wir hier bereits ausführlich analysiert:

Asylpolitik: Immer weiter verschärfen, immer mehr AfD?

Immer kompliziertere Rechtslage 

Migrationsforscher:innen befragten 2023 für eine Studie 90 Ausländerbehörden. 92 Prozent des Personals gaben an, dass die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren stark gestiegen sei. Gründe sind gestiegene Einwanderungszahlen, aber auch eine zunehmend komplizierte Rechtslage. Viele Mitarbeitende fühlen sich alleingelassen, Einarbeitung und Supervision würden an vielen Stellen fehlen. Zudem sei die Ausbildung mangelhaft.

Eine Übersicht über alle Bereiche, die in die Zuständigkeit der Ausländerbehörden fallen und in denen ein Aufgabenzuwachs angegeben wurde, siehst du hier:

Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, dass das Tempo der Neuerungen im Aufenthaltsrecht zu hoch sei. Gleichzeitig leiden auch die Ausländerbehörden unter Fachkräftemangel und fehlender Attraktivität des Jobs. 

Was kann gegen diese Vielzahl an Problemstellungen getan werden? Lösungsansätze gibt es viele – zentral ist die Frage, wie die Ausländerbehörden entlastet werden können. Der Sachverständigenrat für Integration und Migration schlägt unter anderem eine stärkere Zentralisierung bei den Zuständigkeiten für die Fachkräfteeinwanderung vor. Wenn das Auswärtige Amt, die deutschen Auslandsvertretungen sowie die Bundesagentur für Arbeit mehr Aufgaben übernehmen könnten, würde sich möglicherweise weniger Stau in den Ausländerbehörden ergeben. 

Kritik an „hyperaktiver Gesetzgebung“ der Regierung

Gleichzeitig kommt es auch bei den deutschen Botschaften und Konsulaten im Ausland häufig zu sehr hohen Wartezeiten im Visumsprozess – das ist stark standortabhängig. Die Tendenz ist aber klar: Je ärmer das Land, desto länger ist die Wartezeit. Auch eine Aufstockung des Personals sowie eine bessere Ausbildung und Supervision könnten zur Lösung des Problems beitragen. Migrationsforscher Schammann weist aber darauf hin, dass es damit nicht getan ist. Ihm zufolge bräuchte es Änderungen im Verwaltungsverfahrensrecht, damit unnötige Doppelarbeit beim Überprüfen von Dokumenten wegfallen würde. Auch bestimmte Aufenthaltstitel könnte man länger gültig sein lassen und somit den Aufwand der Ausländerbehörden reduzieren. 

Gleichzeitig sollte die Bundesregierung von “hyperaktiver Gesetzgebung” absehen, die lediglich auf Signalwirkung setzt und weder durchdacht ist, noch Expertise aus den Ausländerbehörden einbezieht.

Brennpunkt 6: Psychologische Versorgung

Kommen wir im letzten Brennpunkt zu einem Thema, das ebenfalls nicht vernachlässigt werden darf: die psychologische Versorgung von Geflüchteten. Der Bundeshaushalt 2026 sieht massive Kürzungen für die psychische Unterstützung von Geflüchteten vor. Zum Hintergrund: Asylbewerber:innen haben in Deutschland per Gesetz keinen vollen Zugang zum Gesundheitswesen. Das regelt das Asylbewerberleistungsgesetz. Die Wartezeit, bis Asylbewerber:innen vollen Zugang haben, wurde in den letzten Jahren immer weiter erhöht und liegt zurzeit bei vollen drei Jahren. In der Regel werden nur akute Krankheiten behandelt, eine psychotherapeutische Versorgung wird normalerweise nicht gewährt. 

Genau da kommen die psychosozialen Zentren (PSZ) in Deutschland ins Spiel, die diesen staatlich geschaffenen Versorgungsengpass versuchen abzumildern. Die PSZ sind die einzigen spezialisierten Einrichtungen für schwer traumatisierte Geflüchtete und versorgen jährlich 30.000 Klient:innen. Nur 3,1 % des Bedarfs können sie jedoch decken. Dabei sind die PSZ kein nice to have, sondern ein essentieller Bestandteil einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung, wie eine Referentin der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren unterstreicht:

„Viele von uns haben erlebt, wie Klient*innen durch die Hilfe der Psychosozialen Zentren erstmals wieder Hoffnung fassen: Hoffnung darauf, dass ihre Überlebenskämpfe gesehen werden und das Unrecht, das sie erfahren haben, als falsch anerkannt wird. Für manche bedeutet das: endlich wieder schlafen können. Für andere: Vertrauen in Menschen und in Institutionen. All das ist kein Luxus – es ist überlebensnotwendig.”

Doch nun sollen den PSZ die Mittel massiv eingekürzt werden

2026 sollen den PSZ nur noch 7,1 Millionen Euro durch den Bund zur Verfügung stehen (siehe Bundeshaushalt > Familienministerium > Sonstige Bewilligungen). Nötig wären aber mindestens 27 Millionen Euro an Bundesmitteln. Mit der geplanten Kürzung könnten nur noch 0,5 % der potenziell betroffenen Personen versorgt werden. Das wäre noch unterirdischer als die sowieso schon angespannte und wenig planbare aktuelle Versorgungslage. 

Die Folgen sind absehbar:

„Durch die Kürzungen drohen bundesweit Aufnahmestopps und Therapieabbrüche. Die Wartelisten der verbleibenden Einrichtungen werden ins Unerträgliche wachsen, Erkrankungen chronifizieren, Krisen werden sich zuspitzen und die Versorgungslast verschiebt sich in den akutstationären Bereich, also die Notaufnahmen der Kliniken.”

Selbst aus einer rein ökonomischen Sicht sinnvoll

Wem das Argument noch nicht ausreicht, dass durch psychosoziale Zentren das Leid von Menschen gemildert werden kann: In PSZ zu investieren hat sogar ökonomische Vorteile. Durch Präventionsarbeit werden in Zukunft Kranken- und Rentenversicherung entlastet und Arbeitgebern stehen produktivere Arbeitnehmer zur Verfügung, was gut für die Wirtschaft ist. Forschende gehen davon aus, dass jeder Euro, der in die psychosoziale Versorgung Geflüchteter investiert wird, 2,5 bis 3 Euro an volkswirtschaftlichem Gewinn generieren kann. 

Schauen wir uns dafür die Kosten psychischer Erkrankungen genauer an:

Klar ist, dass indirekte Kosten und insbesondere intangible Kosten, also schwer monetarisierbare Kosten in Form von verminderter Lebensqualität bei Betroffenen, grundsätzlich schwer messbar sind. Die 2,5 bis 3 Euro volkswirtschaftlicher Gewinn pro Euro Investition beziehen sich übrigens nur auf die Verminderung von Produktivitätsausfällen. Der positive Effekt von Investitionen in die Behandlung psychischer Erkrankungen auf die Sozialversicherungen wurde da noch gar nicht berücksichtigt. Nochmal erhöhen würde sich die Rendite von Investitionen in psychische Gesundheit bei Berücksichtigung der intangiblen Kosten (s. Bericht S. 40). 

Auch hier zeigt sich ein Muster, das wir bereits gesehen haben: Dass Deutschland mit Psychotherapieplätzen massiv unterversorgt ist, ist kein Geheimnis mehr – das betrifft sowohl Deutsche als auch Nichtdeutsche. Bei Geflüchteten ist die Unterversorgung zusätzlich noch staatlich gewollt und Alternativangebote bekommen immer weniger Finanzierung.

Migration als “Brennglas” 

Migrationsforscher Schammann sagte einmal in einem Interview:

„Migration wirkt wie ein Brennglas, unter dem Probleme, die wir als Gesellschaft ohnehin haben, noch größer erscheinen. Aber Migration ist nicht ursächlich für die Probleme.“

Auch andere Forschende verwenden den Brennglas-Vergleich. Ein paar dieser Probleme unserer Gesellschaft haben wir oben beleuchtet: Wohnungsmangel, Lehrermangel, Fachkräftemangel. Wir dürfen diese Missstände nicht “kleinreden” oder gar versuchen, sie wegzuwischen. Migration jedoch als Ursache für unsere  Probleme anzusehen, wäre genauso falsch. Für Fehler in der Wohnungspolitik können Zugewanderte nichts, genauso wenig wie für Deutschlands demographisches Problem, das zu einer Überalterung der Gesellschaft führt und Lücken auf dem Arbeitsmarkt hinterlässt. 

Von mehr Sozialpolitik würden am Ende alle profitieren – Deutsche sowie Zugewanderte. 

Studien: mehr Sozialpolitik verhindert die AfD, nicht Rechtspopulismus

Wie es auch gehen kann

Eine Problemanalyse darf natürlich nicht enden, bevor wir uns mutmachende Best Practice Beispiele angeschaut haben. Und davon gibt es einige. 

Bezogen auf die angespannte Unterbringungslage versucht ein Programm in Baden-Württemberg Abhilfe zu schaffen. Das Netzwerk “Raumteiler” bringt ehrenamtlich Engagierte, private Vermieter und Wohnungssuchende zusammen. Leerstehender Wohnraum soll so durch unkomplizierte Vermittlung gefunden und zur Verfügung gestellt werden. Auch in anderen Bundesländern gibt es ähnliche Projekte. Klar ist aber auch, dass private Initiativen staatliche Bemühungen, die Unterbringungslage zu verbessern, nur ergänzen und nicht ersetzen können.

Beim Thema Schulen fördern Bund und Länder seit 2024 rund 4.000 Schulen in besonders benachteiligter Lage. Das Startchancen-Programm investiert in die schulische Infrastruktur und in bedarfsgerechte Maßnahmen der Unterrichtsentwicklung. Der Sachverständigenrat für Integration und Migration empfiehlt, auch Schulen im Blick zu behalten, die über das Programm keine Förderung erhalten haben.  

Klar ist: Es besteht noch viel Aufholbedarf in den verschiedensten Bereichen – wir haben uns einige, aber nicht alle davon angeschaut. Es ist wichtig, über diese Probleme, die im Zusammenhang mit Migration und Integration aufkommen können, zu reden, ohne in verkürzende Erklärmuster zu verfallen. Wie wir gesehen haben, werden verschiedenste Probleme durch Migration erst sichtbarer, ohne ursächlich für sie zu sein. Gleichzeitig dürfen wir aber nicht in die Falle des rechten Agenda-Settings fallen und nur über vermeintliche Probleme mit Kriminalität oder im Stadtbild sprechen. Denn so fallen Themen unter den Tisch, die es anzupacken gilt. Am Ende profitiert von mehr öffentlichen Investitionen und Sozialpolitik jede:r einzelne von uns. 

Artikelbild: Canva

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