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Sinkende Bewerberzahlen, viele Durchfaller bei den Aufnahmeprüfungen und nach begonnener Ausbildung teils hohe Abbrecherquoten: Eine Abfrage von CORRECTIV unter den Bundesländern hatte kürzlich ergeben, dass die Polizeibehörden der Bundesländer um ihren Nachwuchs fürchten müssen.
Auf eine neue Anfrage von CORRECTIV teilten die Innenministerien, Polizeibehörden und Ausbildungseinrichtungen ausgewählter Länder nun mit, wie sie die Abbrecherquoten so gering wie möglich halten wollen – und welche Maßnahmen sie ergreifen, damit mehr Auszubildende und Studierende ihren Abschluss erlangen.
Klausuren im Grundstudium „besonders herausfordernd“
In Nordrhein-Westfalen lag die Quote der Abbrecher während des Polizeistudiums im Jahr 2022 bei knapp 23 Prozent. Das Landesinnenministerium verwies diesbezüglich nun darauf, dass es nicht nur bei der Polizei, sondern in allen Studiengängen vorkomme, dass Studierende nicht den angestrebten Abschluss erreichen.
Im Studium für den Polizeiberuf hätten sich vor allem die Klausuren im Grundstudium als „besonders herausfordernd“ erwiesen. Die Landesregierung und die Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung hätten daher etliche Unterstützungsangebote entwickelt. Für Studierende, die im ersten Klausurversuch keine ausreichenden Ergebnisse erzielen konnten, würden ergänzende Lehrveranstaltungen angeboten.
Zur Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit müssten Studierende neben den Sportprüfungen im Studium jährlich das Sportabzeichen oder das Polizeileistungsabzeichen ablegen.
Studierende mit mangelnden Deutsch-Kenntnissen könnten Online-Kurse zu Rechtschreibung und Zeichensetzung belegen. Seit 2023 würden Studierende von sogenannten Jahrgangsbetreuerinnen und -betreuern begleitet. Und die neu eingeführte „Jokerregelung“ ermögliche Studierenden im Grundstudium im Bereich Fachtheorie einen zusätzlichen Prüfungsversuch.

In Hamburg lag die Abbrecherquote bei der Ausbildung für den Polizeiberuf zuletzt je nach Jahrgang und Laufbahn bei bis zu 38 Prozent. Zur Frage nach Gegenmaßnahmen verweist die Hansestadt in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage pauschal auf ein 2022 eingeführtes Teambuilding-Konzept, auf eine Neukonzeption des Deutsch-Unterrichts. Die Quote „notwendiger Entlassungen und eigenmotivierter Kündigungen“ habe sich „zumindest konsolidiert“.
Begrüßungsfest mit hochrangigen Führungskräften
Das Land Hessen antwortet mit Blick auf seine Abbrecherquote für den Polizeiberuf (zuletzt 12,4 Prozent), es sei „derzeit kein Bedarf zur Verbesserung der polizeilichen Ausbildung“.
Um „eine frühzeitige Bindungswirkung zu erreichen und somit auch einem Studienabbruch entgegen zu wirken“, veranstalte die Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit beispielsweise ein Begrüßungsfest. Bei diesem sollen Erstsemester mit hochrangigen Führungskräften in Austausch treten können. Ein Einführungsprogramm soll Studierende dabei unterstützen, sich fachlich, organisatorisch und sozial zu integrieren.
Sachsen-Anhalt (Abbrecherquote 2025: 14,4 Prozent) bietet Durchfallern bei der Zwischenprüfung Intensivkurse und eine Wiederholungsprüfung an. Seit März dieses Jahres werden Studienanfängerinnen und -anfänger an der Fachhochschule zudem von bereits ausgebildeten jungen Polizeikräften als Mentorinnen und Mentoren betreut. Der Einstieg in Ausbildung und Studium wird praxisorientierter gestaltet.
Schleswig-Holstein (Abbrecherquote rund 19 Prozent) verweist auf „vielfältige Unterstützungsangebote bei Leistungsdefiziten, etwa in Form von Nachhilfe oder gezielter Förderung“. Auszubildenden und Studierenden könnten sich an feste Ansprechpersonen wenden, etwa Ausbildungsgruppenleitungen und Tutoren.
Baden-Württemberg (Abbrecherquote 2024 bei 14 Prozent) verweist darauf, dass die Abbrecherquote (2021-2025 durchschnittlich 13,7 Prozent) „deutlich unter dem im Ausbildungsreport 2025 genannten Vergleichswert von rund 30 Prozent für die berufliche Ausbildung“ liege.
Als Gründe für ein vorzeitiges Ausscheiden würden Anwärterinnen und Anwärter beispielsweise einen angestrebten Berufswechsel nennen oder Pläne für einen neuen Bildungsweg. Die Polizeiausbildung folge typischerweise unmittelbar an die Schulausbildung und somit in einem Lebensphase, „in der sich die Betroffenen vielfach noch in einer Phase der Orientierung befinden“.
Durch die Kampagne „Du verdienst ein Wir“ könnten Bewerbende bereits seit April 2023 Details des Polizeiberufs noch vor Ausbildungsbeginn kennenlernen. Um die Gründe für vorzeitig beendete Ausbildungen besser zu erfassen, würden Abbrecher auf freiwilliger Basis zu den Gründen des Ausscheidens befragt.
Sanierte Gebäude und einsatzbezogener Sportunterricht
In Bremen (Abbrecherquote ca. 15 Prozent) wurden Gebäude nach Aussage der Bremer Innenverwaltung „aufwendig saniert, um hier moderne Ausbildungsbedingungen zu schaffen“. Beim Einsatztraining würden Virtual-Reality-Brillen genutzt. Damit habe „modernste Technik“ Einzug gehalten.
Im Bereich der Fachpraxis im Studium seien Umstrukturierungen geplant. Der Sportunterricht im Studium solle „einsatzbezogener“ werden. Für einige ausgewählte Klausuren habe man zudem einen Drittversuch eingeführt. Angepasst worden seien auch die sportlichen Anforderungen im Studium, „so wurden in der Studienordnung die Laufzeiten des Ausdauerlaufs verlängert“.
In Brandenburg brechen im Bachelor-Studiengang etwa 25 Prozent das Polizeistudium ab; in der Ausbildung für den mittleren Dienst sind es rund 30 Prozent. Laut Innenministerium dürfen Prüfungen innerhalb eines Jahres einmal wiederholt werden. Auf Antrag könne ein einmaliger Drittversuch gewährt werden. Anwärterinnen und Anwärter könnten Betreuungs- und Beratungsangebote wahrnehmen, etwa zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Prüfungsangst.
Ein im März 2026 neu eröffnetes Wohnheim der Hochschule der Polizei trage ebenfalls dazu bei, die Attraktivität der Ausbildung zu erhöhen und die Abbrecherquote durch verbesserte Rahmenbedingungen zu verringern, heißt es aus dem Landesinnenministerium.

In Bayern (Abbrecherquote zuletzt bei 18 Prozent) werden Ausbildungsinhalte und -strukturen laut dem dortigen Innenministerium derzeit von einer Arbeitsgruppe grundlegend geprüft. Schwerpunkte seien „die Stärkung der praxisorientierten Ausbildung, die individuelle Förderung und die Betreuung der Anwärterinnen und Anwärter sowie der Erhalt bewährter Standards“.
In Mecklenburg-Vorpommern (Abbrecherquote 2023: ca. 18 Prozent) wurde zur Verringerung der Abbrecherquote in den vergangenen Jahren unter anderem eine Klasse speziell für Minderjährige mit besonders intensiver Betreuung eingeführt.
Lehrveranstaltungen werden in Polizeidienststellen, Behörden und Gedenkstätten abgehalten, sowie in Einrichtungen, „die die gesellschaftliche Verantwortung der Polizei verdeutlichen“. Zum Erfahrungsaustausch kooperiert die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Polizei nach eigenen Angaben zudem mit anderen Polizeihochschulen und Akademien.
Vorbereitungskurse gegen Prüfungsangst
Die Polizeiakademie Niedersachsen führt nach eigenen Angaben ein Monitoring der Abbrecherquoten durch. Die Gestaltung des Bachelor-Studiums sei dadurch aber nicht in Frage gestellt worden.
Studierende würden nicht nur durch Lehrende begleitet, sondern auch durch Studierende aus höheren Jahrgängen. Zur Prüfungsvorbereitung gebe es Vorbereitungskurse, um „die Prüfungsbelastung der Studierenden zu verringern, ihre Arbeitszufriedenheit zu erhöhen und zugleich das Risiko des Ausscheidens aus dem Studium wegen des Nicht-Bestehens von Prüfungsleistungen zu verringern“.
Rheinland-Pfalz verwies auf das seit Ende 2018 geltende Konzept „Fordern und Fördern, Studienerfolg und Studienabbrecher“. Konkrete Maßnahmen seien unter anderem Repetitorien und Sport-Fördertraining zur Erfüllung von Leistungsnachweisen. Studierende könnten sich bei Schwierigkeiten zudem individuell an Vertrauensdozenten wenden.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte angesichts der Nachwuchsprobleme bei den Länderpolizeien in dem ersten CORRECTIV-Bericht eine „dramatische Entwicklung“ beklagt. Um ausreichend Nachwuchs zu gewinnen, müsse sich der öffentliche Dienst stärker anstrengen, Der GdP-Vorsitzende Jochen Kopelke hatte hinsichtlich der teils hohen Abbrecherquoten während Ausbildung und Studium gefordert, die „berechtigten Erwartungen der Auszubildenden“ zu erfüllen.
Text: Ulrich Kraetzer
Mitarbeit: Samira Joy Frauwallner
Redigatur und Faktencheck: Isabel Knippel
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Author: Ulrich Kraetzer