
Nach dem US-Angriff auf Venezuela am 3. Januar und der Entführung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro gab es viel Kritik am Vorgehen Donald Trumps. Bereits die US-Angriffe auf vermeintliche Drogenboote in der Karibik in den Monaten zuvor, die zur Eskalation des Konflikts beitrugen, wurden von vielen Expert:innen als völkerrechtswidrig eingestuft. Auch die Entführung von Diktator Nicolás Maduro bewerten Expert:innen durch die Bank als klaren Verstoß gegen das Völkerrecht.
Während es wichtig ist, über Verstöße des Völkerrechts seitens der US-Regierung zu sprechen, sollten sich vor allem westliche Medien nicht dazu hinreißen lassen, den Konflikt nur aus einer Trump-Perspektive zu analysieren. Denn während es richtig ist, dass es sehr gefährlich werden könnte, wenn Trump von nun an vermehrt auf das Recht des Stärkeren setzt, und dass er es vor allem auf das Öl des Landes abgesehen hat, ist es genauso richtig, dass es sich bei Nicolás Maduro um einen Diktator handelte, der die letzten Präsidentschaftswahlen verloren hat und Venezuela schon seit Jahren unterdrückte. Das ist keine Verteidigung von Trumps rechtswidrigem Vorgehen – jedoch ist es wichtig, zusätzliche Hintergründe und Kontextinformationen zu kennen, die in Debatten genauso wichtig sind wie das klare Benennen von Völkerrechtsverstößen.
Ein Plädoyer für mehr Ambiguitätstoleranz und eine Einladung, mehr über die Hintergründe zu erfahren.
Nicolás Maduro war ein Diktator und hat die Präsidentschaftswahlen 2024 verloren
Zunächst müssen wir die Fakten betonen, die in der Debatte um Venezuela gerade häufig untergehen oder gar nicht erst erwähnt werden: Erstens, Nicolás Maduro, der jetzt in New York im Gefängnis sitzt, war ein Diktator. Warum?
Es gibt in Venezuela keine funktionierende Gewaltenteilung. Das Militär, die Gerichte und der gesamte Staatsapparat sind regierungstreu. Oppositionelle werden eingeschüchtert, teilweise verhaftet und gefoltert. Pressefreiheit gibt es fast nicht, die Regierung ist korrupt und jahrzehntelange Misswirtschaft, fehlende Investitionen und eine extrem erdölabhängige Wirtschaft führten, gepaart mit der gewaltsamen Unterdrückung von Protesten, zu einer der größten Migrationsbewegungen der Welt. Seit 2014 haben fast acht Millionen Menschen das Land verlassen. Fast 70 % der Menschen im Land leben in mehrdimensionaler Armut. Von den Öleinnahmen profitiert nur die regierungstreue Elite.
Mehr als 300 Menschen wurden bei den vielen Protesten gegen Maduro getötet, viele von ihnen bei den Protesten im Jahr 2017. Mehr als 18.000 Menschen wurden seit 2014 als politische Gefangene eingesperrt. Am berüchtigsten ist das große Foltergefängnis El Helicoide mitten in der Hauptstadt Caracas. Mindestens 863 politische Gefangene sollen immer noch eingesperrt sein.
Der größte Wahlbetrug in der Geschichte Lateinamerikas
Zweitens: Wenn wir über „Präsident Maduro“ sprechen, klingt das so, als wäre er der rechtmäßige Präsident Venezuelas gewesen. Doch das ist falsch. Nicolás Maduro ist spätestens seit den Präsidentschaftswahlen 2024 kein rechtmäßiger Präsident mehr. Er hat die Wahlen verloren und die Macht trotzdem nicht abgegeben. Doch der nationale Wahlrat ist regierungstreu und erklärte Maduro damals dennoch zum Sieger.
Nur durch einen enormen Kraftakt der Opposition und mutiger Venezolaner:innen konnte der Wahlbetrug bewiesen werden. Sie trugen die echten Auszählungsergebnisse zusammen und veröffentlichten sie.
Die Echtheit der Auszählungsergebnisse wurde von mehreren unabhängigen Analysen bestätigt. Experten sprechen vom größten Wahlbetrug in der Geschichte Lateinamerikas, gemessen an der Anzahl der gestohlenen Stimmen.
María Corina Machado
Millionen Exil-Venezolaner:innen meldeten, dass es ihnen unmöglich gemacht wurde, aus dem Ausland zu wählen. Mit ihren Stimmen wäre González’ Sieg wohl noch deutlicher ausgefallen. González war übrigens der Ersatzkandidat der Opposition, nachdem Maduro der Oppositionspolitikerin María Corina Machado untersagt hatte, zu kandidieren.
María Corina Machado, Friedensnobelpreisträgerin 2025 und wichtige, aber auch umstrittene Oppositionspolitikerin, wurde übrigens genau wegen dieses Einsatzes für die Demokratie ausgezeichnet. Das norwegische Nobelpreiskomitee begründete den Preis so:
„She is receiving the Nobel Peace Prize for her tireless work promoting democratic rights for the people of Venezuela and for her struggle to achieve a just and peaceful transition from dictatorship to democracy. […] Despite the risk of harassment, arrest and torture, citizens across the country held watch over the polling stations. They made sure the final tallies were documented before the regime could destroy ballots and lie about the outcome.“
Man kann Machado kritisieren, keine Frage. Zur Wahrheit gehört aber eben auch, dass sie sich schon seit Beginn des autoritären Umbaus Venezuelas durch Hugo Chávez für mehr Transparenz einsetzte. Denn nicht erst seit 2024 ist Venezuela eine waschechte Diktatur. Und auch diesen geschichtlichen Hintergrund sollte man kennen, um die gesamte Situation heute verstehen zu können.
Der autokratische Umbau Venezuelas begann bereits vor über 25 Jahren
Blicken wir also erst einmal ein paar Jahrzehnte zurück. Um zu verstehen, wofür die Regierung Maduros steht, müssen wir auf seinen Vorgänger schauen: Hugo Chávez. Der Ex-Präsident Venezuelas war ein ehemaliger Offizier, der sich vor seiner ersten Präsidentschaft an die Macht putschen wollte und nach einem misslungenen Versuch zwei Jahre im Gefängnis saß, bevor er begnadigt wurde und wie Phönix aus der Asche zurückkam.
Unter anderem aufgrund seines charismatischen Charakters, seines Medientalents und großer Versprechungen für mehr Sozialprogramme wurde er 1998 zum demokratisch gewählten Präsidenten. Bereits 1999 änderte er per Referendum die Verfassung. Die Amtszeit des Präsidenten wurde von vier auf sechs Jahre verlängert und eine Kammer der Legislative, nämlich der Senat, wurde abgeschafft. Viel Macht wurde schon sehr früh auf den Präsidenten konzentriert. 2000 ließ er sich durch erneute Wahlen als Präsident bestätigen.
Während seiner Präsidentschaft gab es mehrere Versuche der Opposition, ihn abzusetzen. Unter anderem ein Putsch im Jahr 2002. Chávez kam kurz in Militärhaft, schließlich scheiterte der Putsch aber. Auch bei den Präsidentschaftswahlen 2006 und 2012 wurde Chávez wiedergewählt.
Verstaatlichungen und weitere Stärkung der Exekutive
Unter seinen Amtszeiten wurden zahlreiche Unternehmen verstaatlicht. 2007 wurde die venezolanische Ölindustrie verstaatlicht, Ölprojekte mit ausländischen Firmen wurden in Joint Ventures umgewandelt, in denen die staatliche venezolanische Erdölgesellschaft PDVSA (Petróleos de Venezuela S.A.) die Kapitalmehrheit hält. Bereits unter Vorgängerregierungen wurden Ölprojekte verstaatlicht. Bereits 2002/2003 hatte Chávez 40 % des PDVSA-Personals nach einem Streik gefeuert und es mit regierungstreuen Chavisten ersetzt. Die Auswirkungen des massiven Verlustes von Know-how spürt PDVSA bis heute.
Die Pressefreiheit wurde unter Chávez zunehmend beschränkt. So wurde beispielsweise dem beliebten Fernsehsender RCTV 2007 die Lizenz nicht verlängert. Weitere Medien wurden zensiert oder zensierten sich aus Angst selbst. Unter Chávez ist die Zahl nicht staatlich kontrollierter Medien stark zurückgegangen.
Bei einem Referendum im Jahr 2009 erreichte Chávez, dass die Beschränkung von zwei Amtszeiten bei politischen Ämtern aufgehoben wurde. Während seiner Amtszeiten regierte er oft per Dekret und setzte Gesetze, die die Exekutive stärkten, mit der Mehrheit seiner Partei im Parlament durch.
2013 starb Hugo Chávez an Krebs, zuvor hatte er Nicolás Maduro zu seinem Wunschnachfolger erklärt. Er ließ ein Land zurück, das wie schon vor seinen Amtszeiten stark von der Erdölförderung abhängig war. Seine Sozialprogramme waren so unter dem Strich eher ein Tropfen auf den heißen Stein, die ihm zwar Stimmen und Popularität brachten und kurzfristig vielen Menschen halfen, jedoch strukturell an der kaum diversifizierten Wirtschaft nichts änderten. Die Ölgewinne aus den Boom-Jahren 2004-2013 sparte Chávez nicht an.
So war es kaum verwunderlich, dass die Wirtschaft nach einem starken Verfall der Erdölpreise nach 2014 einbrach. Es kam zu Hyperinflation. Chronische Unterinvestitionen in die Infrastruktur und Misswirtschaft schraubten das Ölangebot deutlich zurück. Wirtschaftssanktionen (unter anderem seitens der USA) und der eingeschränkte Zugang zu ausländischen Investitionen wirken sich später negativ auf die Exportmärkte und die finanzielle Unterstützung aus.
Ein Mythos um die US-Sanktionen
Es ist übrigens ein Mythos, dass die US-Sanktionen der primäre Grund für den wirtschaftlichen Niedergang Venezuelas sind. Das Bruttoinlandsprodukt brach zusammen mit dem Ölpreis 2014 ein. Die Liste der US-Sanktionen gegen Venezuela ist zwar lang, die ersten Sanktionen hatten aber nichts mit der Ölwirtschaft zu tun. 2006 wurde US-Firmen der Waffenverkauf nach Venezuela untersagt. 2015 gab es unter Präsident Obama Sanktionen gegen sieben venezolanische Offiziere und Spitzenbeamte, denen unter anderem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden.
2016 verlängerte Obama die Sanktionen, unter Trump kamen ab 2017 viele umfassendere hinzu, die auch die Ölindustrie betreffen. Unbestritten ist, dass die Wirtschaftssanktionen sich negativ auf die Exportmärkte und auf den Zugang zu ausländischen Investitionen und Krediten für Venezuela ausgewirkt haben. Ursächlich für die desolate Lage sind aber mehrere Faktoren, die dem Chavismus zuzuschreiben sind und die Expert:innen als „Fluch der Ressourcen“ beschreiben: starke Erdölabhängigkeit und eine kaum diversifizierte Wirtschaft, Unfähigkeit, ausreichende Dollarreserven anzulegen, um einem Ölpreissturz begegnen zu können, und schwache demokratische Institutionen, gepaart mit Misswirtschaft und Korruption.
Aufstände und Militarisierung
Proteste von Studierenden und Oppositionellen in den Jahren 2014, 2017 und 2019 schlug das Maduro-Regime regelmäßig brutal nieder. Es kam 2015 zum Beginn des großen Exodus aus Venezuela. Dass sich Maduro dennoch an der Macht halten konnte, liegt unter anderem daran, dass die Gerichte und sämtliche Staatsapparate regierungstreu sind, dass die Opposition oft selbst zersplittert war, dass Wahlen und Volksabstimmungen verfassungswidrig verschoben wurden und dass das Militär hinter Maduro steht. Unter seinen Amtszeiten militarisierte er das Land noch mehr und setzte unter anderem auch auf paramilitärische Akteure, darunter sogenannte colectivos – Maduro-treue Gangster, die die Bevölkerung schikanieren.
2018 gab es wieder Präsidentschaftswahlen, deren Legitimität ernsthaft angezweifelt wurde. Sowohl die EU als auch die USA erkannten damals den Interimspräsidenten Juan Guaidó an, der auf das Militär setzte, um Maduro loszuwerden. Das gelang nicht. Unter Biden versprach Maduro demokratische Wahlen im Gegenzug zu gelockerten Sanktionen. Das hielt er jedoch nicht ein. Wie wir oben schon gesehen haben: Maduro hat die Präsidentschaftswahl 2024 haushoch verloren und ließ sich trotzdem zum Sieger erklären. Spätestens seitdem ist er nicht mehr der legitime Präsident Venezuelas.
Ein kurzes Zwischenfazit also: Bereits unter Chávez begann der autoritäre Umbau Venezuelas. Beobachter:innen sprachen von einem „kompetitiven Autoritarismus“, der sich unter Maduro zu einem „postelektoralen Autoritarismus“ entwickelte. All diese geschichtlichen Hintergründe sind wichtig, um zu verstehen, was Maduro und jahrzehntelanger Chavismus in Venezuela angerichtet haben. Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt seit 2021 zu mutmaßlichen Menschenrechtsverstößen der venezolanischen Regierung.
Am 3. Januar entführten die USA Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores, ebenfalls eine wichtige Drahtzieherin im Chavismus. Sie sitzen nun in New York im Gefängnis, ihnen wird der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Maduro habe Kokain in die USA geschmuggelt. Mehr dazu weiter unten.
Uns ist wichtig zu betonen, dass auch wir – wie so viele andere Medienschaffende in Deutschland – leider keine venezolanischen Teammitglieder haben. Dabei wäre das bitter nötig, um die teils sehr eurozentristischen Analysen des Konflikts mit Perspektiven von Venezolaner:innen zu bereichern. Wir wollen hier also keinesfalls „für die Venezolaner:innen sprechen“ oder behaupten, es gäbe eine einstimmige Positionierung zur US-Intervention. Genauso wie in Deutschland gibt es auch unter „den (Exil-)Venezolaner:innen“ keine einheitliche Meinung, sondern verschiedene politische Strömungen und Tendenzen.
Wir haben aber versucht, uns ein paar Stimmen von Exil-Venezolaner:innen anzuschauen. Ein viral gegangener Post eines Exil-Venezolaners in den USA weist darauf hin, dass zwei Dinge gleichzeitig richtig sein können:
Übersetzung: „An meine nicht-venezolanischen Freunde: Auch wenn ihr die Ereignisse der letzten Nacht vielleicht als unnötige ausländische Einmischung betrachtet, bedeutet sie für uns Venezolaner:innen den möglichen Beginn vom Ende eines jahrzehntelangen Albtraums.
Wir sprechen hier von einer kriminellen Diktatur, die die Menschenrechte der Venezolaner:innen systematisch ausgehöhlt hat. Ein Regime, das Studierende in unterirdischen Zellen gefoltert, ein reiches Land in die Armut getrieben und Tausende, die ihre Stimme erhoben haben, zum Schweigen gebracht oder ermordet hat.
Ich bin extrem gegen Trump, aber wenn ihr die Ereignisse der letzten Nacht verurteilt, ohne die Realität Venezuelas anzuerkennen, sagt ihr den Opfern ungewollt, dass ihr Unterdrücker in Ruhe gelassen werden sollte, um den Missbrauch fortzusetzen.
Lasst euch durch eure politische Ideologie nicht blind für das Leid der Menschen machen. Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein: Ihr könnt gegen die derzeitige Regierung sein [Trump, Anm. d. Red.] UND erleichtert sein, dass ein Monster [Nicolás Maduro, Anm. d. Red.] nicht mehr an der Macht ist. Bitte lassen Sie sich durch Ihre politische Ideologie nicht zu einem unbeabsichtigten Apologeten eines Tyrannen machen.
Hören Sie heute den Venezolaner:innen zu, die diesen Albtraum seit Jahrzehnten durchleben müssen.”
Eine renommierte venezolanische Exil-Politologin, derzeit in Buenos Aires, sagt:
Übersetzung: „Nichts davon wäre notwendig gewesen, wenn Maduro die Präsidentschaftswahlen des 24. Juli [Anm. d. Red.: Am 24. Juli 2024 verlor Nicolás Maduro die Wahl und ließ sich trotzdem zum Sieger erklären] respektiert hätte.”
Wo du dich noch informieren kannst
Lesenswert ist auch dieser Beitrag einer venezolanischen Journalistin, die für Nicht-Venezolaner:innen erklärt, warum sie am 3. Januar feierte. Sie erklärt auch viele weitere Hintergründe auf ihrem Instagram-Profil (auf Englisch).
Wenn du dich (auf Englisch) über venezolanische Politik informieren möchtest, können wir auch diese unabhängige Nachrichten- und Analyseorganisation empfehlen: Caracas Chronicles, mit Analysen von venezolanischen Journalist:innen.
Die Bilder zahlreicher spontaner Feiern von Exil-Venezolaner:innen in diversen Städten weltweit sprachen Bände. Große Kundgebungen fanden natürlich vor allem in Städten und Regionen mit einer großen Exil-Community statt, wie beispielsweise in Florida, Buenos Aires, Madrid, Lima, Quito und Santiago de Chile. Es gab aber auch kritische Einschätzungen gegenüber der US-Intervention. Wir können hier auch nicht alle Reaktionen monitoren. Venezolaner:innen in den USA, über deren Asylanträge noch nicht entschieden wurde, machen sich Sorgen.
In Venezuela selbst herrschen Sorge und anhaltende staatliche Repression
In Venezuela selbst fielen die Reaktionen bei weitem gemischter aus und sind von Sorge geprägt. Dort geht der Kampf ums Überleben weiter. Die wenigen Lokaljournalist:innen, die noch vor Ort sind und aus dem Untergrund arbeiten, berichten von leeren Straßen und langen Schlangen bei den wenigen geöffneten Supermärkten. Die Chavisten haben den Ausnahmezustand verhängt und die Polizei wurde angehalten, jede:n zu finden und einzusperren, der die US-Intervention unterstützte. Berichten zufolge überprüfen paramilitärische Maduro-Unterstützer (die sogenannten colectivos) die Handys von Passanten auf der Straße und suchen nach „Beweisen“ für eine Unterstützung der US-Intervention. Es gibt bereits Berichte über verhaftete Journalist:innen nach dem 3. Januar.
Im Moment ist es sehr schwer einzuschätzen, wie es jetzt vor Ort weitergehen wird. Es bleiben sehr, sehr viele Fragen offen. Kurz nach der US-Intervention kündigte Trump an, dass die USA Venezuela zunächst verwalten wollen – er deutete sogar eine jahrelange US-Präsenz an. Die Einnahmen aus venezolanischen Öllieferungen möchte er selbst kontrollieren. Sollte die Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, die unter Maduro Vizepräsidentin war, bei den US-Plänen zum Ölgeschäft nicht kooperieren, drohte er mit einem erneuten, härteren US-Angriff. Der Elefant im Raum bleibt also die Frage: Hat sich wirklich das Fenster hin zu einer realen Chance auf eine demokratische Transition in Venezuela geöffnet? Wird es Neuwahlen geben und wenn ja, wann?
Chavismus verschwindet nicht über Nacht
Fest steht, dass der Chavismus über Nacht nicht einfach „verschwindet“. Es gibt weiterhin mehrere Schlüsselfiguren des Maduro-Regimes, die sich nach wie vor an die Macht klammern. Darunter sind vor allem nennenswert:
Vladimir Padrino López, er ist Verteidigungsminister und hat die Kontrolle über das Militär. Delcy Rodríguez, sie war Vizepräsidentin unter Maduro und ist jetzt Interimspräsidentin. 2018 übernahm sie die Kontrolle über den Geheimdienst (SEBIN), dem unter anderem Folter von Oppositionellen, Journalist:innen und Aktivist:innen vorgeworfen wird. Ihr Bruder Jorge Rodríguez ist unter anderem für die chavistische Propaganda zuständig. Nicht vergessen oder unterschätzen sollte man Diosdado Cabello, einen der schlimmsten Hardliner der Chavisten.
Heute ist der beste Zeitpunkt, als Unbeteiligte unsere Ambiguitätstoleranz zu üben
Als Unbeteiligte in dem Konflikt und Beobachter von außen, erst recht, wenn manche von uns erst vor kurzem mit der Geschichte Venezuelas in Berührung gekommen sind, ist es wichtig, zunächst Betroffenen zuzuhören, zu versuchen, venezolanische Perspektiven zu verstehen, und unsere Ambiguitätstoleranz zu trainieren.
Was genau ist Ambiguitätstoleranz?
Ganz kurz gesagt kann es dank Ambiguitätstoleranz also möglich sein, die US-Intervention in Venezuela als völkerrechtswidrig zu verurteilen, und gleichzeitig anzuerkennen, dass Maduro ein brutaler Diktator und illegitimer Präsident war. Kontext ist wichtig. Immer. Im Fall von Venezuela ist zwar die US-Intervention eindeutig völkerrechtswidrig, doch der Kontext rund um die Geschichte und politischen Hintergründe des Landes ist äußerst komplex.
Deutsche, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, und Deutsche jüngerer Generationen, haben keine Diktaturerfahrung – das ist in unserer Redaktion genauso. Während zum Glück viele Menschen in Deutschland keine Diktatur selbst miterleben mussten, ist es wichtig, das als Privileg anzuerkennen und dementsprechend zumindest zu versuchen, das Leben und die Realität von Millionen Menschen unter einer Diktatur nachzuvollziehen und Empathie zu zeigen.
Wo war die internationale Gemeinschaft?
Gleichzeitig ist es auch wichtig anzuerkennen, dass Venezuela lange Zeit nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die vielleicht notwendig gewesen wäre, um Maduros Diktatur vehementer anzuprangern. Daher sollten wir uns auch folgende Fragen stellen: Wo war die internationale Gemeinschaft, als Maduro systematisch Oppositionelle und die Zivilgesellschaft unterdrückte, folterte und umbrachte? Wo war die Solidarität der internationalen Linken, als Maduro rechtswidrig die Präsidentschaftswahl 2024 stahl? Wo war Deutschland und seine „humanitäre Verantwortung“, während 85 % der Asylanträge von Venezolaner:innen, über die das BAMF 2025 entschied, abgelehnt wurden?
Deepdive: Dobrindts Migrationspolitik zerstört in 10 Punkten
Vorschnelle Meinungen von außen abzugeben, ist leicht. Die venezolanische Zivilgesellschaft hat alles versucht: friedvolle Proteste, immer und immer wieder, Streiks, Sammlung der Beweise der Niederlage Maduros, Warnungen und Hilferufe an die internationale Community. Haben wir ihnen damals zugehört?
Auf Social Media war in hitzigen Debatten nach der US-Invasion oft die schnelle Einschätzung zu lesen, Trump gehe es nur ums Öl und die Demokratie in Venezuela sei ihm egal. Während diese Einschätzung sehr wahrscheinlich stimmt, braucht es auch hier mehr Kontext. Der westliche Fokus auf das Öl und die geostrategischen Ziele ist wichtig, das ist unbestritten. Doch um die Perspektive der betroffenen Menschen zu verstehen, reicht er nicht aus. Die einzigen, die bislang nicht vom venezolanischen Öl profitierten, sind die Venezolaner:innen selbst. Blicken wir auf die Details.
Drogenschmuggel war Vorwand für US-Intervention, ist aber nicht komplett von der Hand zu weisen
Venezuela hat die größten gesicherten Erdölreserven der Welt. Doch bei Erdöl geht es nicht nur um den Rohstoff selbst, sondern auch um die Art des Erdöls. Venezuela hat vor allem Schweröl, auf dessen Aufbereitung US-Raffinerien spezialisiert sind. Um Schweröl aus dem Boden zu holen und weiterzuverarbeiten, braucht man besonders viel Energie und weiteres spezielles Equipment und Chemikalien. Es ist ergo also besonders teuer. Der Großteil der venezolanischen Ölindustrie wurde gemeinsam mit US-Ölfirmen aufgebaut. Die Zusammenarbeit geht also viel weiter zurück.
Oft wird derzeit analysiert, dass Trump Maduros vermeintliche Verwicklungen in Drogenschmuggel (wofür er jetzt unter anderem in New York vor Gericht steht) nur als Vorwand nutzte, um an Venezuelas Öl zu kommen. Trump selbst hat keinen Hehl daraus gemacht, dass die USA wieder mehr venezolanisches Öl wollen. Zwar wurden auch über Venezuela Drogen in die USA geschmuggelt, aber bei weitem nicht so viele wie über andere Routen. Gleichzeitig muss auch gesagt werden, dass es unmöglich ist, alle Drogenschmuggelrouten zu kennen, und wir daher nicht zu 100 % sicher sein können, welche die Hauptdrogenrouten sind.

Das Cartel de los Soles
Obwohl der Drogenschmuggel wohl tatsächlich eine eher nebensächliche Rolle bei der US-Intervention spielte, ist der Vorwurf dennoch nicht komplett von der Hand zu weisen. (Was nicht bedeutet, dass es Trump aus völkerrechtlicher Perspektive berechtigt, Maduro zu entführen, das war weiterhin unzweifelhaft völkerrechtswidrig). Dass Militärangehörige in das Drogengeschäft in Lateinamerika verstrickt sind, ist „so alt wie das Verbrechen selbst“, so Caracas Chronicles. Drogen könnten ohne die Zusammenarbeit korrupter Beamt:innen und hochrangiger Militärs gar nicht aus den Erzeugerländern von Kokain (das sind Kolumbien, Peru und Bolivien) ins Ausland geschmuggelt werden. Um ein spezielles Kartell geht es den USA konkret: das Cartel de los Soles.
Berichte über das Kartell gab es bereits vor dem Chavismus. Es besteht aus Gruppen innerhalb der venezolanischen Streitkräfte, die in kriminelle Aktivitäten verwickelt sind, insbesondere den Drogenhandel. InSight Crime hat 123 aktive und pensionierte hochrangige Offiziere dokumentiert, die in den Kokainschmuggel verwickelt sind.
Ob Maduro selbst der Kopf des Kartells ist, ist unklar – ob es überhaupt eine feste Struktur hat, genauso wenig. Das venezolanische Militär ist aber in großen Teilen chavistisch, und um es bei Laune zu halten und den Geldfluss nicht zu unterbrechen, hat Maduro vermutlich nichts unternommen, um das Drogengeschäft in den Händen von Banden, Militär, Polizei, Geschäftsleuten und Staatsbeamten zu unterbinden. Wie auch, wenn er davon vermutlich selbst profitierte und seine Macht stabilisierte. Mehr Informationen zu Maduros Rolle innerhalb des Kartells sind wohl im Zuge seines Gerichtsprozesses in New York zu erwarten. Mehr zum Cartel de los Soles kannst du hier und hier nachlesen.
„It’s the oil, stupid!“ Na klar, aber bislang haben andere Diktaturen Venezuelas Öl erhalten
Aber zurück zum Öl. Nachdem sich viele US-Ölfirmen 2007 unter Chávez und seiner Verstaatlichungspolitik aus Venezuela zurückzogen und nur noch Chevron mit signifikanten Anteilen zurückgeblieben ist, erhielt zuletzt China den Großteil der Ölexporte aus Venezuela – 2023 waren es 69 %. Im Gegenzug flossen hohe Kreditsummen von China, dem Hauptkreditgeber von Venezuela, in das südamerikanische Land.
Doch China ist nicht die einzige Diktatur, mit der Venezuela verbandelt ist. Hauptlieferant von Rüstung ist Russland. Es gibt auch Beziehungen in den Iran und nach Kuba. Kuba bestätigte, dass unter den Toten nach dem US-Angriff auf Caracas am 3. Januar 32 kubanische Militärs waren.
Venezuela produziert bei weitem nicht so viel Öl, wie es mit einer funktionierenden Industrie könnte. Warum die Ölindustrie brachliegt, ist zunächst hausgemacht, wie wir weiter oben im Artikel gesehen haben. Jahrzehntelange Misswirtschaft, Unterinvestitionen und Korruption trugen zum Niedergang bei, später erschwerten Sanktionen den Zugang zu ausländischen Märkten und Krediten. Bis die venezolanische Ölwirtschaft ihre Kapazitäten wieder voll ausschöpfen könnte, wird es Jahre dauern.
In der Debatte ums Öl werden die Menschen vor Ort vergessen
Was in der Debatte um das Öl häufig vergessen wird, aber unglaublich wichtig ist zu betonen: Die einzigen, die bislang nicht vom venezolanischen Öl profitierten, sind die Venezolaner:innen selbst. Gewinne flossen ans chavistische Regime, das sich selbst bereicherte und an befreundete Diktaturen. Die Schweiz fror am 5. Januar mutmaßliche Vermögenswerte Maduros (der früher übrigens Busfahrer war, sich dann aber auf Kosten der venezolanischen Bevölkerung enorm bereicherte) und anderer mit ihm verbundener Personen ein.
Gabriela Mesones Rojo, venezolanische Journalistin in Caracas, sagt:
“The government mismanaged what was once one of the strongest oil industries in the world and practically bankrupted it. Yes, oil matters. But it’s a mistake to think Venezuela had sovereignty over its oil before this moment. Oil has long been used to finance a brutal dictatorship. So the oil discussion is important and worrying, but without nuance, it misses the real human cost.”
Wenn wir aus einer westlichen und geopolitischen Perspektive hauptsächlich über das Öl diskutieren und verständlicherweise besorgt sind, dass Trump es sich anscheinend persönlich unter den Nagel reißen will, laufen wir Gefahr, dabei Perspektiven von Betroffenen außen vor zu lassen.
Wer von den Öleinnahmen hauptsächlich profitieren sollte, ist die venezolanische Bevölkerung. Das war unter Maduro nicht der Fall. Ob sich das unter einer Trump-Verwaltung Venezuelas ändert, bleibt unklar. Laut Trump soll sich Venezuela dazu verpflichten, mit den Einnahmen aus den Ölgeschäften nur in US-Produkte zu investieren.
Fazit: Ungewissheit ist groß und Sorgen sind nachvollziehbar
Dass Trump das Völkerrecht mit Füßen tritt, ist brandgefährlich, keine Frage. Dass er es auch nicht wegen einer Liebe zur Demokratie gemacht hat, ebenso. Er sprach bereits Drohungen gegenüber weiteren Staaten in Lateinamerika aus. Die weltweit große Sorge vor einem Flächenbrand ist mehr als berechtigt.
Gleichzeitig hat sich für Venezuelas Zukunft ein mögliches Fenster aufgemacht. Vieles ist noch maximal unklar: Wird sich der Chavismus in Venezuela halten oder wird es zu einer internen Fragmentierung des Regimes kommen? Wird es demokratische Neuwahlen geben? Werden alle politischen Gefangenen endlich freigelassen? Werden Millionen Exil-Venezolaner:innen endlich wieder ihre Liebsten besuchen oder gar ganz zurückkehren können, wenn gewünscht? Oder wird es zu neuen Militärangriffen der USA kommen, wenn die chavistische Übergangsregierung nicht nach Trumps Vorstellungen kooperiert?
Vieles bleibt abzuwarten, doch eine Sache bleibt gewiss: Mehrere Fakten können gleichzeitig wahr sein. Man kann und sollte Trump kritisieren und gleichzeitig anerkennen, dass Maduro ein illegitimer Diktator war. Man kann völkerrechtswidriges Vorgehen kritisieren und gleichzeitig Bewusstsein dafür entwickeln, dass die Menschenrechte von Millionen Venezolaner:innen jahrelang und systematisch missachtet wurden.
Und am allerwichtigsten: Wir sollten auch versuchen, den Kontext und die Perspektiven von Betroffenen zu verstehen. Viele von uns waren noch nie mit der Situation konfrontiert, kein Essen auf dem Tisch zu haben, nicht zu wissen, ob es Strom, Wasser und Internet auch morgen geben wird, für Proteste ins Gefängnis gesteckt zu werden oder schlimmer, Angst vor freier Meinungsäußerung haben zu müssen und Familienmitglieder im Ausland jahrelang nicht sehen zu können.
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