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Wie sich Nius mit den Zahlen zum Kindergeld für Ausländer blamiert

Das Fake-News-Portal „Nius“ regt sich künstlich über Kindergeldzahlungen an ausländische Konten auf. Die Fakten zeichnen ein viel nüchterneres Bild. Nur ein Prozent des deutschen Kindergelds geht an Kinder im Ausland. Und zwar fast ausschließlich an Kinder von Arbeitskräften aus anderen EU-Staaten, die in Deutschland arbeiten. Außerdem sinkt seit 2021 sogar der Anteil der Kinder, für die ins Ausland Kindergeld gezahlt wird! Arbeiten EU-Bürger:innen steuerpflichtig in Deutschland, können sie ganz legal für ihre Kinder im Ausland Kindergeld beantragen. Das sagt sowohl das EU-Recht als auch das deutsche Einkommensteuergesetz. Will Julian Reichelt etwa beides abschaffen? 

Weil Reichelts Geschäftsmodell jedoch nur mit Fakes, künstlich erzeugter Aufregung und Hass überleben kann, muss er mit bedrohlich klingenden Narrativen nur so um sich werfen. „Unser Sozialstaat ist Beute“, „Jeder vorstellbare Betrug existiert“, „weltweit einzigartig“ – wenn Nius-Chef Julian Reichelt morgens um halb 7 im Livestream schon so aufgekratzt ist, muss er wohl einem wichtigen Thema auf der Spur sein. Er habe das zwar „nicht im letzten Detail überprüft“. Aber das können wir ja für ihn machen. So viel schon mal: Die Aufregung ist künstlich. Die Zahlen sagen etwas anderes. Und es wäre sogar gut, wenn mehr Kindergeld ins Ausland gehen würde. 

Weniger Eltern bekommen Kindergeld ins Ausland überwiesen

Worum geht’s? Das Fake-News-Portal Nius meldete diese Woche ein „neues Rekordniveau“ bei Kindergeld, das auf ausländische Konten überwiesen wird. „528 Millionen an Kindergeld gingen 2025 ins Ausland“. „Rasant gestiegen“ seien die Zahlungen. Dazu wird ein AfD-Politiker zitiert. Die Welt schwurbelt von „Verdacht auf Sozialbetrug“. Die Wahrheit ist: Weniger Eltern bekommen Kindergeld ins Ausland überwiesen.

In einer aktuellen Recherche hat der Mediendienst Integration gezeigt: Die Zahl der Kinder, für die Kindergeld ins Ausland überwiesen wird, geht zurück. Es sind so wenige wie zuletzt 2018. Übrigens gehen weniger als 1 Prozent aller Kindergeldzahlungen ins Ausland, ein Wert, der sich seit Jahren kaum verändert hat.

Wie kann das sein? Um zu verstehen, warum Focus, Nius und Welt vom Kindergeld so getriggert werden, muss man wissen: Als Aufreger-Thema sind die Kindergeldzahlungen ins Ausland ein Klassiker. Jedes Jahr seit ungefähr 2014 wird einmal im Jahr die Empörungskeule rausgeholt (zum Beispiel hier, hier oder hier) – über die vermeintlichen Sozialbetrüger im Ausland, die das ganze Kindergeld bekommen. Nur ist daran so gut wie nichts wahr. Der Reihe nach.

Warum wird Kindergeld ins Ausland gezahlt?

Kindergeld ins Ausland bekommen „in der Regel in Deutschland sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus der EU, deren Kinder im Heimatland leben“, so die Bundesagentur für Arbeit auf Anfrage. Es sind also ausländische Arbeitskräfte, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen – auf dem Bau, in der Pflege oder in anderen Berufen. Wer hier die gleiche Arbeit macht, kriegt auch dasselbe Kindergeld. So einfach ist das.

Es ist also eigentlich ein gutes Zeichen, wenn mehr Kindergeld ins Ausland geht – denn das heißt, dass dringend benötigte Arbeitskräfte aus dem Ausland zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Selbst wenn sie dafür ihre Familie im Heimatland zurücklassen müssen. Das bestätigen auch die Statistiken: Weil Deutschland immer älter wird, ging das Job-Wachstum der letzten Jahre ausschließlich auf ausländische Arbeitskräfte zurück. Rund anderthalb Millionen zusätzliche EU-Arbeitskräfte kamen seit 2010.

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Mehr Kindergeld geht ins Ausland – aus einem einfachen Grund 

Obwohl sie es besser wissen könnten, stürzen sich rechte Medien und Fake-News-Portale dennoch seit Jahren auf das „Kindergeld-ins-Ausland“-Thema. Und die Zahlen, die sie verwenden, sind nicht komplett falsch: Tatsächlich ist die Summe der ins Ausland gezahlten Beträge in den letzten Jahren gestiegen – auch wenn der Anteil der Kinder im Ausland zurückgeht. Der Grund dafür ist einfach: Die Höhe des Kindergelds pro Kind ist gestiegen – für alle Kinder, im In- und Ausland. Während 2021 und 2022 noch 219 Euro Kindergeld ausgezahlt wurden, lag der Betrag bei 250 Euro in den Jahren 2023 und 2024. Letztes Jahr waren es 255 Euro, seit Jahresbeginn 2026 gibt es 259 Euro pro Kind.

„Der Anstieg erklärt sich mit der Erhöhung des Kindergelds pro Kind um fünf Euro monatlich in diesem Jahr [bezogen auf den Anstieg von 250 Euro im Jahr 2024 auf 255 Euro im Jahr 2025, Anm. d. Red.]. Insgesamt sind die Ausgaben für das Kindergeld dadurch um mehr als eine Milliarde Euro gestiegen“, erklärt die Bundesagentur auf Anfrage. Und damit auch die Zahlungen ins Ausland, die, wie gesagt, etwa ein Prozent ausmachen.

Wenn Reichelt & Co. also den „rasanten Anstieg“ kritisieren – dann fordern sie in Wirklichkeit eins: Weniger Kindergeld für alle! Keine besonders populäre Forderung. Aber das merken sie vermutlich nicht.

Dieses Jahr ist das Kindergeld übrigens um 4 Euro höher als 2025. Und natürlich wird Nius versuchen, daraus wieder einen Skandal zu machen, um Zuwanderung, Sozialbetrug oder sonst was. Es wäre schön, wenn eigentlich seriöse Medien (und damit meinen wir offensichtlich nicht Nius) da nicht mit aufspringen.

Artikelbild: Canva & Screenshot

Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Artikels haben wir die Erhöhung des Kindergelds auf 259€ ab Jahresbeginn 2026 noch nicht beachtet. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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