Warum das Interview von Ken Reise alias Julie Voyage nicht nur enttäuschend, sondern politisch gefährlich ist
Der Christopher Street Day war nie dafür da, dass sich queere Menschen möglichst harmlos, angepasst und mehrheitsfähig präsentieren. Er war nie eine Schönwetterveranstaltung für jene, die gerade noch in das Weltbild der bürgerlichen Mitte passen. Der CSD ist entstanden aus Wut, aus Ausgrenzung, aus Polizeigewalt, aus Diskriminierung und aus dem entschlossenen Nein derjenigen, die nicht länger unsichtbar sein wollten.
Deshalb hat mich das Interview von Ken Reise alias Julie Voyage im Express nicht nur irritiert, sondern regelrecht getroffen. Wenn dort sinngemäß beklagt wird, der CSD verkomme zu einer „Fetisch-Parade“, wenn von „wilden, feiernden Horden“ die Rede ist, die „die Sau rauslassen“ wollten, dann ist das mehr als nur eine persönliche Geschmacksäußerung. Es ist eine Abwertung von Menschen, die ebenfalls Teil dieser Community sind.
Und genau darin liegt die bittere Ironie.
Ausgerechnet jemand, der beruflich als Travestiekünstler auftritt, also selbst mit Geschlechterrollen, Kleidung, Darstellung und Erwartungen spielt, stellt sich hin und erklärt anderen queeren Menschen, sie seien zu schrill, zu sichtbar, zu peinlich oder politisch nicht passend genug. Ausgerechnet jemand, der davon lebt, dass frühere Generationen erkämpft haben, dass Männer in Kleidern auf Bühnen stehen können, ohne sofort kriminalisiert, verfolgt oder gesellschaftlich vernichtet zu werden, zieht nun eine neue Grenze: Bis hierhin ist Sichtbarkeit akzeptabel, ab da wird sie störend.
Das ist nicht nur widersprüchlich. Das ist arrogant.
Denn genau diese Argumentation kennen wir. Vor 40 Jahren sagten manche Schwule: Bitte keine Männer in Frauenkleidern auf unseren Demonstrationen, das bestätigt doch nur Vorurteile. Bitte keine Drag Queens, keine Tunten, keine Lederkerle, keine zu lauten, zu bunten, zu offensiven Menschen. Man wollte seriös wirken, angepasst, ungefährlich. Man wollte der Mehrheitsgesellschaft beweisen: Wir sind eigentlich ganz normal.
Aber queere Befreiung ist nie dadurch entstanden, dass alle brav um Erlaubnis gebeten haben.