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TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT: WAS HÄLT UNS WIRKLICH ZUSAMMEN?

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Wenn die Wohnung über uns brennt, fragen wir dann, ob der Feuerwehrmann aus Sachsen oder aus Schwaben kommt? Wenn unser Kind auf dem Operationstisch liegt, interessiert uns die Hautfarbe der Ärztin oder welche Partei sie wählt? Wir hoffen einfach, dass jemand helfen kann. Warum fällt uns im Alltag so schwer, was in der Not selbstverständlich ist?

Am Tag der Deutschen Einheit werden Fahnen aufgehängt und unsere Nationalhymne gesungen. Doch wenn die Musik verstummt, bleibt die Frage, wie wir miteinander umgehen. Was bedeutet Heimatliebe, wenn wir den Nachbarn verachten und das Vertrauen zwischen uns beschädigen?
„Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Diese Worte sind für mich der Maßstab für Patriotismus. Als Hoffmann von Fallersleben das Deutschlandlied 1841 schrieb, war Deutschland zersplittert. Die Freiheitsbewegung verband nationale Einheit mit Bürgerrechten. Schwarz-Rot-Gold wurde zum Zeichen dieser Hoffnung. Die Grundrechte von 1848 verlangten Gleichheit vor dem Gesetz, persönliche Freiheit sowie Meinungs-, Presse-, Glaubens- und Versammlungsfreiheit. Frauen wie Louise Otto-Peters kämpften für politische Teilhabe. Diese Bewegung war unvollkommen. Ihr Erbe verpflichtet uns dennoch.
EINIGKEIT beginnt beim Zuhören. Hinter „Ost“ und „West“ stehen Lebensgeschichten. Menschen haben
Unfreiheit erlebt, für Veränderung gekämpft, Arbeit verloren, neu angefangen und Familien versorgt. Wie viel Vertrauen zerstören wir, wenn wir einen Lebenslauf mit „Jammerossi“ oder „Besserwessi“ abtun?
Über Ungerechtigkeiten müssen wir sprechen. Wer Benachteiligungen benennt, spaltet deshalb noch lange nicht. Aber wer Verletzungen benutzt, um Ost gegen West aufzuhetzen, baut eine neue Mauer in den Köpfen. Wer Deutschland liebt, sollte helfen, sie abzutragen.
Für mich gibt es keine Deutschen erster und zweiter Klasse. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist Deutscher. Artikel 116 unseres Grundgesetzes erkennt diese Zugehörigkeit an. Hautfarbe, Religion oder die Herkunft der Eltern machen sie nicht geringer. Artikel 3 schützt die Gleichheit vor dem Gesetz und verbietet Benachteiligungen unter anderem wegen Abstammung, Herkunft und Glauben.
Ein deutscher Christ, eine deutsche Muslima, ein deutscher Jude und eine Deutsche ohne Religion gehören gleichermaßen dazu. Niemand muss sich seine Gleichwertigkeit durch besondere Leistungen verdienen. Die Würde eines Menschen hängt ohnehin nicht von seinem Pass ab.
Wer sich zu Deutschland bekennt, seine Gesetze und seine freiheitliche Demokratie achtet und zum gemeinsamen Leben beiträgt, zeigt für mich Heimatliebe. Wir können unsere Vorfahren nicht wählen. Aber wir können entscheiden, wie wir miteinander leben.
RECHT bedeutet, dass dieselben Regeln für alle gelten. Für Regierung und Opposition, Minister und Demonstranten. Rechte sind keine Belohnung für Zustimmung. Unabhängige Gerichte verdienen auch dann Respekt, wenn uns ihre Entscheidungen missfallen.
FREIHEIT bedeutet, dass andere ebenfalls frei sein dürfen. Die Journalistin, die unbequem nachfragt. Der Nachbar mit einem anderen Glauben. Der Mensch, der anders liebt. Wer Meinungsfreiheit beansprucht, muss Widerspruch aushalten. Der politische Gegner bleibt unser Mitbürger.
Dabei muss die Trennlinie deutlich sein: Links ist nicht automatisch linksextrem. Rechts ist nicht automatisch rechtsextrem. Mehr Umverteilung und stärkere Arbeitnehmerrechte zu fordern, macht niemanden zum Extremisten. Traditionen bewahren, Eigenverantwortung stärken oder Zuwanderung strenger regeln zu wollen, ebenfalls nicht. Demokratische Linke und demokratische Rechte gehören selbstverständlich zu unserem Land.
Die Grenze verläuft bei den gleichen Rechten und der demokratischen Freiheit. Akzeptiert jemand freie Wahlen, unabhängige Gerichte und eine Opposition? Darf der politische Gegner seine Meinung vertreten und eine Wahl gewinnen? Scharfe Kritik, friedlicher Protest und weitreichende Reformforderungen gehören zur Demokratie.
Extremistisch wird eine Haltung, wenn sie deren grundlegende Freiheiten und Rechte bekämpft. Rechtsextremismus wertet Menschen insbesondere wegen ihrer Abstammung oder Herkunft ab. Linksextremismus strebt im Namen eines vermeintlich gerechten Gesellschaftsmodells die Überwindung der freiheitlichen demokratischen Ordnung an. Die Vorstellungen unterscheiden sich. Keine rechtfertigt Entrechtung, Einschüchterung oder politische Gewalt. Extremismus beginnt nicht erst mit eigenen Gewalttaten.
Wie glaubwürdig klingt das gesungene Wort „Einigkeit“, wenn anschließend Menschen gegeneinander aufgehetzt werden? Die größte Deutschlandfahne verdeckt diesen Widerspruch nicht.
Patriotismus zeigt sich im Alltag. Bei der Pflegekraft, die einem verängstigten Menschen die Hand hält. Beim Lehrer, der ein Kind nicht aufgibt. Beim Nachbarn, der bemerkt, dass nebenan seit Tagen niemand die Tür geöffnet hat. Das geschieht oft ohne Fahne und Beifall. Trotzdem hält es Deutschland zusammen.
Wir brauchen einen handlungsfähigen Staat und Hilfe für Menschen in Not. Doch der Staat besteht auch aus uns. Wir beklagen Einsamkeit. Klingeln wir beim Nachbarn? Wir wünschen uns lebendige Vereine. Helfen wir mit? Verantwortung bedeutet auch, ehrlich Steuern zu zahlen, wählen zu gehen und sich zu informieren. Nicht jeder kann alles. Aber viele können etwas.
Die Vergangenheit verdient einen ehrlichen Blick. Im Fotoalbum sind die schönen Sonntage eingeklebt. Kalte Wohnungen, versperrte Bildungswege und politische Unfreiheit sieht man seltener. Wir dürfen frühere Leistungen würdigen und anerkennen, dass heute vieles besser ist.
Deutschland hat große Probleme. Menschen sorgen sich um ihre Existenz, Personal fehlt, Infrastruktur verfällt. Doch unser Land besteht ebenso aus engagierten Menschen, guten Betrieben und klugen Forschern. Wer ein undichtes Dach reparieren will, muss das Loch erkennen. Er muss deshalb nicht das ganze Haus für wertlos erklären.
Auch unser schönes Europa verdient Fürsorge. Seine Landschaften, Städte und Menschen. Die Freundschaften über Grenzen hinweg, wo frühere Generationen als Feinde aufeinandertrafen. Heimatliebe und die Verantwortung für unseren gemeinsamen Frieden gehören für mich zusammen. Am Tag der Deutschen Einheit wünsche ich mir, dass wir hinter einer anderen Meinung wieder einen Menschen erkennen. Wir dürfen die Regierung kritisieren und abwählen. Unsere moralische Verantwortung bleibt: aus Mitbürgern keine Feinde zu machen. Wer bewusst Ost gegen West aufhetzt oder Deutschen wegen ihrer Wurzeln die gleichberechtigte Zugehörigkeit abspricht, widerspricht „Einigkeit und Recht und Freiheit“ und ist für mich kein Patriot.
Was hält uns wirklich zusammen? Wir selbst, wenn wir einander achten, unsere Freiheit schützen und
Verantwortung dafür übernehmen, dass Deutschland für uns alle ein Zuhause bleibt.
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