Der Vorstoß zur Tolerierung von Mikrohandel in betreuten Drogenhilfeeinrichtungen ist mutig, richtig und längst überfällig. Wer Drogenpolitik ernst nimmt, darf nicht länger so tun, als ließe sich Sucht mit Wegschauen, Verdrängung und Strafverfolgung lösen.
Köln und Düsseldorf wollen beim Umgang mit offenen Drogenszenen neue Wege gehen. Die beiden Städte sprechen sich dafür aus, den sogenannten Mikrohandel mit harten Drogen in medizinisch und sozial betreuten Einrichtungen zu tolerieren – also den Verkauf oder Tausch kleinster Mengen unter schwer suchtkranken Menschen. Das klingt für manche zunächst provokant. Tatsächlich ist es aber vor allem eines: realistisch.
Denn die bisherige Strategie ist gescheitert. Wer offene Drogenszenen nur mit Polizeidruck beantwortet, verlagert das Problem von einem Platz zum nächsten. Der Neumarkt wird geräumt, die Szene wandert weiter. Am Ende ist niemandem geholfen: nicht den Anwohnerinnen und Anwohnern, nicht der Polizei, nicht der Justiz und erst recht nicht den suchtkranken Menschen, die dringend Hilfe brauchen.
Das Vorbild Zürich zeigt seit Jahren, dass eine pragmatische Drogenpolitik funktionieren kann. Dort beruht die Strategie nicht auf Naivität, sondern auf einer klaren Kombination aus Prävention, Therapie, Schadensminderung und Regulierung. Organisierte Kriminalität wird bekämpft, aber schwer suchtkranke Menschen werden nicht aus dem öffentlichen Raum gejagt, sondern in Hilfestrukturen eingebunden. Die Stadt Zürich beschreibt ihre Drogenpolitik ausdrücklich als pragmatisch und integrativ; Ziel ist die Minimierung negativer Folgen für Gesellschaft und Betroffene.
Genau diese Ehrlichkeit brauchen wir auch in Deutschland. Natürlich darf der Staat den illegalen Drogenhandel nicht einfach akzeptieren. Natürlich müssen organisierte Strukturen, Gewalt, Ausbeutung und kriminelle Netzwerke konsequent verfolgt werden. Aber der Mikrohandel unter schwerstabhängigen Menschen in betreuten Räumen ist nicht dasselbe wie organisierter Drogenhandel auf offener Straße. Wer beides gleichbehandelt, macht Politik an der Lebenswirklichkeit vorbei.
Die Legalisierung von Cannabis hat bereits gezeigt, dass Entkriminalisierung wirken kann. Sie hat nicht alle Probleme gelöst, und sie war auch nicht frei von Umsetzungsproblemen. Aber sie hat einen wichtigen Grundsatz bestätigt: Es ist falsch, Konsumentinnen und Konsumenten pauschal mit dem Strafrecht zu verfolgen. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt das Cannabisgesetz als Legalisierung des privaten Eigenanbaus und des gemeinschaftlichen nicht-gewerblichen Eigenanbaus für Erwachsene. Die ersten Evaluationsergebnisse zeigen zudem, dass die Polizei im Jahr 2024 bei Cannabisdelikten über 100.000 Fälle weniger verzeichnete als im Vorjahr; zugleich mahnen die Forschenden an, dass für abschließende Bewertungen noch weitere Daten nötig sind.
Das ist genau der Punkt: Entkriminalisierung entlastet nicht automatisch über Nacht jedes System. Aber sie verschiebt den Fokus. Weg von der sinnlosen Verfolgung konsumbezogener Bagatelldelikte, hin zu Gesundheitsschutz, Prävention, Beratung und der Bekämpfung wirklich gefährlicher krimineller Strukturen. Davon profitieren das Sozialsystem, das Justizsystem und die Gesellschaft insgesamt.
Köln und Düsseldorf gehen nun gemeinsam mutig voran. Das verdient Unterstützung. Beide Städte wissen, dass die Lage in den offenen Drogenszenen nicht besser wird, wenn man die Realität leugnet. Crack, Kokain, Heroin und synthetische Drogen verschwinden nicht, weil Politik sie nicht sehen will. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob uns diese Realität gefällt. Die entscheidende Frage ist, ob wir endlich bereit sind, vernünftig mit ihr umzugehen.
Der geplante Umgang mit Mikrohandel in betreuten Einrichtungen ist kein Freifahrtschein für Drogen. Er ist ein Instrument, um Menschen aus unkontrollierten Szenen herauszuholen. Er schafft Kontaktpunkte, an denen Sozialarbeit, medizinische Hilfe, Beratung und Ausstiegsperspektiven überhaupt erst greifen können. Wer das ablehnt, muss erklären, welche Alternative er anbietet – und warum die bisherigen Antworten offenkundig nicht ausgereicht haben.
Nordrhein-Westfalen und der Bund sollten diesen Vorstoß deshalb nicht ausbremsen, sondern rechtlich ermöglichen. Es braucht klare Regeln, eng begrenzte Modellprojekte, wissenschaftliche Begleitung und eine deutliche Trennung zwischen toleriertem Mikrohandel unter Schwerstabhängigen in betreuten Einrichtungen und konsequenter Strafverfolgung organisierter Drogenkriminalität.
Köln und Düsseldorf wollen Pionierstädte sein. Das ist gut so. Drogenpolitik braucht nicht mehr Symbolpolitik, sondern mehr Realitätssinn. Sie braucht Mut, Menschlichkeit und den Willen, aus Erfahrungen zu lernen. Dieser Weg ist richtig. Und er muss weiter gegangen werden.

… hat dies repostet!
… gefiel dies!
… gefiel dies!