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Interview zu Bildprotesten: „Jedes Meme kann politisiert werden“

Dieser Artikel stammt von Netzpolitik.org.Der Autor ist...
Regenschirme sind seit den Demonstrationen in Hongkong ein wiederkehrendes Protestmotiv, hier in Japan. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / ZUMA WireEines der Bilder von den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2018, das viele bewegte, war eine Person auf einem Räumpanzer. Sie steht allein auf dem schweren Polizeigerät. In Glitzerleggins und T-Shirt, während behelmte Polizisten ihr Pfefferspray auf sie sprühen. „Ein Symbol der Verletzlichkeit in all der Gewalt wollte ich sein“, sagte sie später. Das Bild verbreitete sich weit.
Welche Rolle Bilder bei Protesten spielen und ob sie sogar selbst Proteste auslösen können, untersucht ein Forscherinnen-Team der Technischen Universität Dresden. Kerstin Schankweiler, Professorin für Bildwissenschaft im globalen Kontext, Verena Straub und Tanja-Bianca Schmidt wollen in den nächsten drei Jahren in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt herausfinden, wie Bildproteste in Sozialen Medien funktionieren. Wir haben dazu mit Kerstin Schankweiler und Verena Straub gesprochen.
netzpolitik.org: Worum geht es in ihrer Forschung zu Bildprotesten und was ist das eigentlich?
Schankweiler: Bilder sind in politischen Protestbewegungen sehr wichtig geworden. Das hat natürlich mit der Omnipräsenz von Handykameras zu tun, aber auch mit einer Reihe von neuen Bildpraktiken in Sozialen Medien, die auch die Protestkultur geprägt haben.
Wir schauen uns an, wie Bilder, Protest und Soziale Medien zusammenhängen. Der Begriff Bildproteste meint aber nicht nur die Darstellung von Protest im Bild, sondern auch, wie Bilder zum Anlass von Protesten werden, wie Proteste mit Bildern geführt werden und wie Bilder auch eine Eigendynamik entwickeln und fast schon selbst zu Akteuren in Protesten werden können.
netzpolitik.org: Gab es solche Bildproteste bereits, bevor es Soziale Medien gab?
Schankweiler: Ja, unbedingt. Unter dem Begriff „Tactical Media“ werden ganz allgemein Praktiken des Medienaktivismus gefasst. Diese sind oft von Bildern geprägt gewesen, etwa im Videoaktivismus der 80er Jahre. Ein Beispiel dafür stammt aus dem Jahr 1988: Ein Videokünstler hatte damals in New York bei den sogenannten Tompkins Square Park Riots gefilmt. Er ist zufällig vorbeigekommen, als die Polizei den Park geräumt hat und hatte eine tragbare Videokamera dabei. Das sind ziemlich dramatische, turbulente Bilder im Dunkeln.
Man sieht Polizeigewalt, Paul Garrin wird sogar selber angegriffen. Auch die Kamera wird angegriffen. Diese Bilder hat er später ans Fernsehen gegeben und sie haben sich dadurch sehr weit verbreitet. Das wäre ein frühes Beispiel von Bildprotesten.
Straub: Man könnte auch sagen, dass politische Plakate eine frühe Form von Bildprotesten darstellen. Die haben in Protestbewegungen schon immer eine Rolle gespielt, etwa im Libanon. Dort wurden Bilder und Plakate zu Bühnen und Austragungsorten für politische Konflikte. Während des libanesischen Bürgerkriegs haben solche politischen Plakate stark den Stadtraum geprägt.
Je mehr Poster eine Partei in einem bestimmten Viertel Beiruts plakatierte, desto größer auch der Machtanspruch, der damit formuliert wurde und sich in diesem Fall ganz sichtbar in den Stadtraum einschrieb.
netzpolitik.org: Ab wann wird ein Bild oder ein Meme zu Protest?
Straub: Jedes Meme kann politisiert werden – es gibt nicht das politische und das unpolitische Meme. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Pepe the Frog. Diese Froschfigur stammt eigentlich aus einem unpolitischen Kontext, einem Comic, und hat eine bemerkenswerte Karriere als Meme durchlaufen.
Insbesondere während des US-Wahlkampfs 2016 wurde Pepe stark von Donald Trump und seinem Wahlkampfteam sowie von der Alt-Right-Bewegung instrumentalisiert. Dann hat aber wiederum die Gegenseite versucht, sich die Figur zurückzuerobern und sie von der Alt-Right-Symbolik zu befreien, beispielsweise durch ironische Memes, die verkündet haben: „Make Pepe Great Again“.
Pepe wurde aber auch in ganz anderen Protesten vereinnahmt, etwa in Hongkong. Während der Demokratieproteste 2019 tauchte Pepe the Frog als Meme wieder vermehrt auf, aber mit einer völlig anderen Bedeutung und Symbolik, etwa als Protestfigur mit gelbem Helm.
Pepe the Frog als Bild für Demokratieproteste in Hongkong - Alle Rechte vorbehalten IMAGO / ZUMA Wire
An diesem Beispiel sieht man gut, wie ambivalent ein Meme sein und wie es durch ganz unterschiedliche politische Kontexte wandern kann. Es hängt also stark von diesen Kontexten ab, wann ein Meme oder Bild zu Protest wird.
netzpolitik.org: Welche Eigenschaften muss ein Bild haben, damit es zum Protestsymbol wird? Bilder von Polizeigewalt beispielsweise gab es ja rund um den G20-Gipfel in Hamburg viele. Aber manche sind dabei besonders viral gegangen und haben mobilisiert, etwa die Person auf dem Räumpanzer.
Schankweiler: Man kann beobachten, dass Bilder viral gehen, die besonders starke Gefühle auslösen. Das sind oft Bilder von Gewalt. Und man kann auch feststellen, dass es bestimmte tradierte Bildformeln gibt, die immer wieder auftauchen und die deshalb einen hohen Wiedererkennungswert haben.
Das trifft auch auf die Gegenüberstellung von Macht zu, also wie hier eine einzelne Protestierende gegen einen Panzer. Das ist eine ganz klassische David-gegen-Goliath-Bildformel, die man immer wieder antrifft. Genau wie bestimmte Protestsymbole, etwa eine erhobene Faust. Solche Motive kommen oft vor, sie lösen entsprechend Gefühle und Assoziationen aus und verbreiten sich weit.
netzpolitik.org: Lassen sich verschiedene Formen von Bildprotesten unterscheiden?
Schankweiler: Unser Forschungsprojekt besteht aus drei Teilen: Ein Teil betrachtet Memes als politische Praxis. Ein anderer beschäftigt sich mit Videos von Polizeigewalt, mit einem Fokus auf Polizeigewalt gegen Geflüchtete. Und im dritten Teil geht es um Kunst, die wiederum diese Phänomene aufgreift.
Zugespitzt könnte man sagen, das sind drei sehr verschiedene Strategien von Bildprotest: Memes sind eher propagandistisch, die Videos von Polizeigewalt dokumentarisch und das dritte Forschungsfeld untersucht künstlerische Strategien. Uns interessiert aber auch, wie diese Grenzen eigentlich verschwimmen und welche Wechselbewegungen es zwischen diesen drei Fällen gibt.
Straub: Uns geht es also immer auch darum zu untersuchen, inwiefern Bilder in einem politischen Protestkontext verbreitet werden, dann aber auch in einen künstlerischen Modus umschlagen können oder andersherum.
Bei den Demonstrationen gegen die EU-Urheberrechtsreform waren viele Memes auf Protestschildern zu finden. - CC-BY-SA 4.0 Andreas Schwarzkopf
In Bezug auf Memes könnte man erstmal sagen, dass diese eigentlich einem klassischen Verständnis von Kunst entgegenstehen, da sie die Idee der Autorschaft im Grunde unterlaufen. Wir haben es meist nicht mit Einzelbildern zu tun, die auf einen einzigen Autor oder eine Autorin zurückverfolgt werden können, sondern mit ganzen Netzwerken von Bildern, bei denen es eben oft nicht mehr darum geht, von wem sie stammen. Gerade in Protestkontexten werden Memes oft anonym gepostet.
In der heutigen Netzkultur gibt es bei den sogenannten Original-Content-Memes wiederum eine Art Gegenbewegung, bei der wieder mehr Wert darauf gelegt wird, dass die Herkunft eines Memes angegeben ist. Wir stellen uns auch die Frage: Inwiefern sind das eigentlich noch Memes, wenn die Idee der Kollektivität aufgegeben wird? Oder inwiefern ist es einfach eine andere Spielart von Memes und wie prägt das wiederum Protestkulturen?
netzpolitik.org: Welche Rolle spielen Bilder bei der Vernetzung und Gemeinschaftsbildung von Protestbewegungen?
Schankweiler: Über Bilder können Vergemeinschaftungsprozesse stattfinden, die auch durch Emotionen wie Solidarität oder Wut geprägt sind. Wenn mit Bildern auf Bilder reagiert wird, also ganze Kaskaden und Netzwerke von Bildproduktion stattfinden, erklärt man sich allein durch das Mitmachen solidarisch und bildet eine Gemeinschaft.
Bilder können aber auch polarisieren. Bei einem Vorfall in einem Supermarkt in Arnsdorf hatte eine sogenannte „Bürgerwehr“ einen geflüchteten Mann, der einen Konflikt mit der Kassiererin hatte, körperlich angegriffen, ihn aus dem Supermarkt geschleppt und an einen Baum gefesselt. Davon gab es eine Handyaufnahme, die sich verbreitet hat.
Eine Seite hat daraufhin gesagt: „Gut, dass wir die Bürgerwehr haben, die die Kassiererin geschützt hat.“ Die andere Seite hat gesagt, dass das überhaupt nicht in Ordnung ist, dass der Person Gewalt angetan wurde und ein Fall von Selbstjustiz vorliegt. So können Bilder auch einen polarisierenden Effekt haben, weil sich Gemeinschaften um eine bestimmte Deutung herum gruppieren. Der Fall wurde übrigens von dem Künstler Mario Pfeifer in einer Videoarbeit aufgegriffen.
netzpolitik.org: Gibt es auch Hindernisse, wenn sich Bilder über Ländergrenzen verbreiten und es unterschiedliche Lesarten und Symboldeutungen gibt?
Schankweiler: Bilder können sehr weit zirkulieren, aber manchmal braucht es viel kulturelles Wissen, um sie zu interpretieren. Das ist etwa bei den Gezipark-Protesten in der Türkei passiert.
Dort sind Pinguine zum Protestsymbol avanciert, weil der nationale Fernsehsender während der Proteste eine Pinguindoku gezeigt hat, während im Netz Videos von Gewalt zirkulierten. Daraufhin wurden diese Pinguine überall aufgegriffen. Das kann man natürlich nur verstehen, wenn man diesen Kontext kennt und das weiß – fast wie bei einer Geheimsprache.
Fußballfans in Deutschland greifen den Pinguin aus den Gezi-Protesten auf. - Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Revierfoto
Straub: Wir wollen im Projekt Bildproteste also einerseits als transnationale Phänomene untersuchen, weil die Sozialen Medien begünstigen, dass sich Proteste und Netzwerke über Ländergrenzen hinweg verbreiten. Gleichzeitig ist es uns aber extrem wichtig, immer auch die lokale Verankerung in den Blick zu nehmen: Es sind ja nicht nur sprachliche Barrieren und Hindernisse, sondern auch bestimmte Symboliken, die dann je nach kulturellem Vorwissen und Kontext anders interpretiert und gelesen werden – wie beim vorherigen Beispiel von Pepe the Frog in Hongkong und den USA.
netzpolitik.org: Wie bewerten Sie es, wenn Bilder gefakt oder in einen falschen Kontext gesetzt werden, um sie für Empörung zu instrumentalisieren?
Schankweiler: Natürlich können Bilder gefälscht oder falsch kontextualisiert werden. Für uns steht aber etwas anderes im Vordergrund. Denn auch gefälschte Bilder verfolgen Ziele und dann müssen wir uns anschauen: Wofür werden sie eingesetzt und welche Dynamiken ergeben sich daraus?
Straub: Die Frage hat auf unterschiedliche Arten von Protestbildern unterschiedliche Auswirkungen. Darstellungen von Polizeigewalt sind mit einem starken Anspruch auf Authentizität verbunden und operieren in einem dokumentarischen Modus. Bei Memes führt die Frage nach der Echtheit jedoch ins Leere, da es gerade um Remixe und bearbeitete Bilder geht.
netzpolitik.org: Auf welchen Plattformen breiten sich Bildproteste besonders aus?
Straub: Welche Bildproteste sich über welche Plattformen besonders verbreiten, kann auch mit bestimmten Biografien, mit bestimmten sozialen Hintergründen und bestimmten Communitys zusammenhängen. Während zum Beispiel Imageboards wie 4chan vor allem für rechte Inhalte bekannt sind, hat sich Tumblr eher als linke Plattform etabliert. Auf Instagram wiederum hat sich eine ganz eigene Ästhetik entwickelt.
Wir wollen daher auch untersuchen, inwiefern einerseits die Algorithmen, aber auch die Ästhetiken der Plattformen bestimmte Bildproteste mitprägen. Eine Frage dabei ist: Warum verbreiten sich manche Proteste über mehrere Plattformen hinweg, während andere vielleicht nur auf einer Plattform stattfinden?
Bei den Gezi-Protesten in der Türkei wurden die Personen aus ikonographischen Bildern als „Actionfiguren“ dargestellt. - Alle Rechte vorbehalten unbekannt (via metronaut.de)
netzpolitik.org Bei Protesten auf der Straße gibt es bekannte Formen von Repression wie Festnahmen auf Demos. Gibt es äquivalente Praktiken von Protesterschwerung auch bei Bildern?
Schankweiler: Es gibt natürlich im Netz ganz viel Zensur. Ein Beispiel ist das chinesische Netzwerk Sina Weibo, dort sind alle Bilder vom Massaker auf dem Tiananmen-Platz zensiert und auch das Gedenken an diesen Aufstand und das Massaker von 1989 werden unterdrückt. Menschen finden aber immer wieder Möglichkeiten, diese Zensur kreativ zu umgehen, ganz oft mit Memes oder anderen Bildern. Dabei nutzen sie die Uneindeutigkeit von Bildern gezielt aus.
Bildaktivismus wird aber nicht erst im Netz erschwert, sondern bereits auf der Straße. Es werden etwa Menschen mit Handykameras angegriffen, um die Entstehung und Verbreitung von Bildern zu unterdrücken.
netzpolitik.org: Vielen Dank für das Gespräch!

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Author: Anna Biselli

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