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Mehr Depressionen und Herzinfarkte? Fünf Behauptungen zu angeblichen Folgen des Lockdowns im Faktencheck

Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck / Zur Quelle wechseln

In einem viralen Facebook-Beitrag werden verschiedene Behauptungen zu angeblichen Folgen durch die Lockdown-Maßnahmen in der Corona-Pandemie aufgestellt. So habe es etwa „zwölf Prozent mehr Verstorbene durch Herzinfarkte“ gegeben, „50.000 verschobene Krebsoperationen“, „mehr Tote durch Schlaganfälle“, „drastisch“ höhere Depressions-Zahlen und einen „dramatischen Anstieg“ von häuslicher Gewalt gegen Kinder. 

Der Beitrag wurde bisher mehr als 346 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV.Faktencheck hat die fünf aufgestellten Behauptungen darin geprüft. Es gibt für keine der Aussagen Belege, bei einigen Trends weisen Expertinnen und Experten jedoch darauf hin, dass es eine große Dunkelziffer gibt.

Diese Auflistung zu angeblichen Folgen durch die Lockdown-Maßnahmen in der Corona-Pandemie kursiert aktuell in Sozialen Netzwerken. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

1. Behauptung: Es habe „zwölf Prozent mehr Verstorbene wegen Herzinfarkten“ gegeben

Bewertung: Unbelegt

Im Facebook-Beitrag steht, es habe während der Lockdowns in Deutschland „zwölf Prozent mehr Verstorbene durch Herzinfarkte“ gegeben. Als Quelle wird ein Artikel der Gießener Allgemeinen angegeben, der sich auf eine Studie von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums und der Justus-Liebig-Universität Gießen bezieht. 

Der Studie ist zwar tatsächlich zu entnehmen, dass die „kardiale Sterblichkeit“ im ersten Lockdown vom 23. März bis 26. April 2020 um etwa 12 Prozent höher lag als im selben Zeitraum des Jahres 2019 (als Grund nennt die Studie etwa weniger vorgenommene Herzkatheter-Untersuchungen). Aber: Die Studie bezieht sich ausdrücklich nur auf „central Germany“ – die Daten dafür wurden von 26 Krankenhäusern im Bundesland Hessen abgefragt, nicht für ganz Deutschland. Dieser Kontext fehlt im Facebook-Beitrag. 

Um die Lage für Deutschland besser einschätzen zu können, hat CORRECTIV.Faktencheck zu diesem Thema bei den sechs großen deutschen gesetzlichen Krankenkassenverbänden nach Zahlen gefragt: beim AOK-Bundesverband, dem Verband der Ersatzkassen (VDEK), dem BKK-Dachverband, dem IKK-Verband, der Knappschaft sowie der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG).

Antworten erhielten wir vom AOK-Bundesverband, der VDEK und der Knappschaft.

Krankenkassen haben keine oder nur zeitlich und räumlich begrenzte Daten zu Herzinfarkten

Ein Sprecher des AOK-Bundesverbands verweist auf eine Mitteilung des Wissenschaftlichen Dienstes der AOK von November 2020. Eine Auswertung der Krankenhaus-Abrechnungsdaten habe demnach gezeigt, dass in den deutschen Kliniken im Lockdown-Zeitraum von Mitte März bis Anfang April 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum „sehr viel weniger Herzinfarktpatienten (minus 28 Prozent)“ behandelt wurden. Das Fazit der Autoren: Die Angst vor einer Covid-19-Infektion könnte Patienten mit leichteren Beschwerden davon abgehalten haben, sich ins Krankenhaus zu begeben. Zur Sterblichkeit von Herzinfarkt-Patienten liegen der AOK keine Daten vor. 

Einem Sprecher des VDEK zufolge seien die Fälle der Herzinfarkte im vergangenen Jahr zwar ebenfalls zurückgegangen, zur Mortalität könne aber keine Aussage getroffen werden.

Laut eines Pressesprechers der Knappschaft seien die Herzinfarkt-Zahlen insgesamt zurückgegangen und die Herzinfarkt-Todeszahlen bei stationären Fällen leicht von 9,9 Prozent im Jahr 2019 auf 10,7 Prozent im Jahr 2020 angestiegen. „Wie Sie sehen, können wir anhand unserer Daten die Aussagen nicht komplett bestätigen“, schreibt der Sprecher. Der Anteil der Tode beziehe sich nur darauf, dass jemand im Krankenhaus mit einer Herzinfarkt-Diagnose verstorben sei. „Es deckt nicht die Fälle ab, die kurze Zeit nach Entlassung zu Hause verstorben sind. Wir sind allerdings, darauf weise ich ganz deutlich hin, nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, denn unser Versichertenbestand ist älter und auf wenige Regionen in Deutschland konzentriert.“

Das Ärzteblatt schreibt in einem Artikel vom September 2020, dass von Januar bis Mai 2020 die Zahl der stationär behandelten Herzinfarkte im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr um elf Prozent zurückgegangen sei. Das gehe aus Daten hervor, die Krankenhäuser dem Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) zur Verfügung gestellt hätten. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin, der die Zahlen laut Ärzteblatt ausgewertet hat, sagte, dass mit den Daten des InEK keine Übersterblichkeit von Nicht-Covid-19-Patienten festgestellt werden könne. 

Die Studie, auf die im Facebook-Beitrag verwiesen wird, bezieht sich also konkret auf den Zeitraum des ersten Lockdowns in Hessen. Krankenkassen haben entweder keine oder für unterschiedliche Zeiträume Daten vorliegen und das Statistischen Bundesamt liefert erst im Sommer konkrete Daten für die Todesursachenstatistik. Eine pauschale Aussage darüber, ob mehr Menschen in den Lockdown-Zeiträumen an Herzinfarkten gestorben sind, lässt sich demnach aktuell nicht treffen.

2. Behauptung: Es habe „50.000 verschobene Krebsoperationen“ gegeben

Bewertung: Unbelegt

Der Facebook-Beitrag verlinkt einen Artikel von Focus Online als Quelle für die Behauptung. In dem Artikel vom 24. Juli 2020 geht es um die Folgen des ersten Lockdowns und tatsächlich steht dort: „Rund 50.000 verschobene OPs meldet allein die Deutsche Krebshilfe bei Tumor-Patienten.“

Wir haben die Deutsche Krebshilfe kontaktiert, um zu fragen, was hinter der Zahl steckt. Ein Sprecher teilte CORRECTIV.Faktencheck mit, dass die Zahl aus einem Bericht im Ärzteblatt von Mai 2020 stammt. Darin ging es um eine internationale Studie, für die Daten von Kliniken über verschobene Operationen gesammelt wurden. Aus Deutschland nahmen demnach 34 Kliniken teil. Die Daten seien dann hochgerechnet worden. 

Das Ärzteblatt ordnet die Zahlen ein, und schreibt, dass es bei Krebs auch alternative Behandlungen zu Operationen gebe. Ein Chirurg, der an der Studie mitgearbeitet hat, sagte dem Ärzteblatt: „Die deutschen Kapazitäten werden allgemein so eingeschätzt, dass keine dringende Krebsoperation hinausgezögert werden muss.“

Studie mit 18 Krebszentren zeigt geringe Einschränkungen bei Tumoroperationen

Da diese Zahlen eine Prognose waren, fragten wir die Deutsche Krebshilfe außerdem nach Informationen darüber, ob die Schätzungen aus der Studie stimmten. Der Sprecher verwies auf eine weitere Studie, diesmal mit Beteiligung der Deutschen Krebshilfe. Die Studie untersuchte im Nachhinein, welche Effekte die Einschränkungen in der Gesundheitsversorgung in der ersten Welle der Pandemie für Krebspatienten hatten. Dafür wurden zwischen März und August 2020 Daten in 18 deutschen Krebszentren erhoben.

In der Zusammenfassung heißt es über Operationen: „Zum Bereich Tumoroperationen wurde vereinzelt in den ersten Wochen genannt, dass Termine mit geringerer Dringlichkeit verschoben worden seien, überwiegend wurde jedoch betont, dass onkologischen Patienten bei einer Triage [Anm. d. Red. Einteilung von Patienten nach der Schwere ihrer Beschwerden] grundsätzlich eine hohe Priorität eingeräumt worden sei.“

Grafik aus der Studie mit Beteiligung der Deutschen Krebshilfe, aus der sich ergibt, dass es eher geringe Einschränkungen bei Tumoroperationen gab. (Quelle: Ärzteblatt / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Wie viele Operationen insgesamt tatsächlich verschoben wurden, ist nicht bekannt.

3. Behauptung: Es habe „mehr Tote durch Schlaganfälle“ gegeben

Bewertung: Unbelegt

Zur Behauptung im Facebook-Beitrag, es habe „mehr Tote durch Schlaganfälle“ gegeben, wird eine Studie von Wissenschaftlern der Ruhr-Universität Bochum vom Dezember 2020 zum Thema Schlaganfälle angegeben. 

Für die Studie seien anonymisierte Patientendaten aus über 1.463 deutschen Krankenhäusern analysiert worden, schreiben die Autoren: „Wir verglichen Fallzahlen und Behandlungsmerkmale von pandemischen (16. März bis 15. Mai 2020) und vorpandemischen (16. Januar bis 15. März 2020) Fällen mit dem entsprechenden Zeitraum im Jahr 2019.“ 

Das Ergebnis der Studie: Insgesamt habe es in dem entsprechenden Zeitraum während der Pandemie einen starken Rückgang der Hospitalisierung von Schlaganfallpatienten gegeben. Allerdings sei die Sterblichkeit bei hospitalisierten Schlaganfall-Patienten stark erhöht gewesen.

Laut Studien: Weniger Schlaganfall-Patienten in Krankenhäusern, aber dort erhöhte Sterberate

Ähnlich lautet auch das Ergebnis einer Analyse des Wissenschaftlichen Dienstes der AOK, auf die uns ein Sprecher auf Anfrage verwies. „Sie zeigt unter anderem, dass sich bei der geringeren Zahl von Schlaganfall-Patienten, die im ersten Lockdown in den Kliniken ankamen, eine gegenüber dem Vorjahr signifikant erhöhte Sterblichkeitsrate zeigte: Die 30-Tage-Sterblichkeit stieg von zwölf Prozent im Frühjahr 2019 auf 15 Prozent in diesem Frühjahr“, schrieb uns der Sprecher. Wegen einer transitorisch ischämischen Attacke (TIA), quasi ein vorübergehender Vorbote des Schlaganfalls, seien 35 Prozent weniger Patienten behandelt worden als im Vorjahr. Demgegenüber seien die Behandlungen schwerer Schlaganfälle, durch Hirninfarkt oder Hirnblutung im gleichen Zeitraum um 15 Prozent zurückgegangen. 

Ein Sprecher des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) teilt uns mit, dass laut VDEK-Daten Schlaganfälle im Zeitraum vom 1. Januar 2020 bis 30. November 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,6 Prozent zurückgegangen seien. Zur Sterblichkeit könne der Verband jedoch keine Aussage treffen.

Obwohl es laut der Studie der Ruhr-Universität Bochum und auch laut den Zahlen der Krankenkassenverbände unter den Schlaganfall-Patienten eine höhere Sterblichkeit gegeben hat, lässt das nicht den Schluss zu, dass es während des Lockdown „mehr Tote durch Schlaganfälle“ gegeben habe als im selben Zeitraum des Vorjahres. Denn die Daten zeigen gleichzeitig auch, dass es insgesamt weniger Patienten in den Kliniken gab, was einen solchen Vergleich erschwert.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht erst im Sommer seine Todesursachenstatistik. Konkrete Vergleiche sind vorher nicht möglich.

4. Behauptung: Die Zahl der Depressionen habe „drastisch zugenommen“

Bewertung: Unbelegt

Als Quelle dafür wird im Facebook-Beitrag unter anderem ein Artikel der Berliner Zeitung von November 2020 über Einsätze der städtischen Feuerwehr angegeben. Diese hätte unter dem Stichwort „Beinahe Strangulierung/ Erhängen, jetzt wach mit Atembeschwerden“ im Jahr 2020 einen extremen Anstieg bei Einsätzen im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet. Das wurde als Anstieg möglicher Suizide und Suizidversuche interpretiert.  

Die Zeitung selbst veröffentlichte einige Wochen später einen Faktencheck zu dem Artikel. Das Ergebnis: es habe sich um eine Fehlinterpretation und falsche Schlussfolgerungen seitens der Feuerwehr gehandelt. Abgesehen davon eignen sich Einsatzstatistiken der Feuerwehr in einer einzelnen deutschen Stadt nicht, um pauschal auf stark gestiegene Depressionszahlen zu schließen. Zudem mündet nicht jede Depressionserkrankung in einen Suizid- oder Suizidversuch.

Als weitere Quelle wird ein Beitrag des Gesamtverbands Deutscher Versicherungswirtschaft (GDV) genannt, in dem es jedoch nicht um Depressionen geht, sondern um eine Umfrage, wie optimistisch Menschen in die Zukunft blicken. Viele Menschen blickten laut des Beitrags angesichts der Corona-Pandemie zwar wenig hoffnungsvoll in die Zukunft – doch mit Depression, einer ernsten psychischen Erkrankung, die diagnostiziert wird und behandelt werden sollte, hat das nichts zu tun. Der Beitrag eignet sich daher ebenfalls nicht als Beleg für die Behauptung.

Als dritte Quelle wird im Facebook-Beitrag ein Artikel der Deutschen Depressionshilfe angegeben. Darin geht es vorwiegend darum, dass die Corona-Maßnahmen zu einer Verschlechterung der Versorgung psychisch erkrankter Menschen führten. So heißt es zum Beispiel: „Aktuell berichten deshalb 44 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Depression von einer Verschlechterung ihres Krankheitsverlaufs in den letzten sechs Monaten bis hin zu Suizidversuchen. Auch für die Allgemeinbevölkerung ohne psychische Erkrankung ist die Situation aktuell deutlich belastender als im 1. Lockdown.“ Es geht in dem Artikel also um den Zustand und die Versorgung bereits erkrankter Menschen; nicht darum, wie viele neue psychisch Erkrankte es durch die Lockdowns gibt. Auch diese Quelle stellt also keinen Beleg für die Behauptung dar.

Anhaltspunkte für Anstieg psychischer Belastung gibt es – Zahlen zu neuen diagnostizierten Depressionsfällen nicht

Die Annahme, dass sich durch Lockdown-Maßnahmen und soziale Isolation bei mehr Menschen Depressionen entwickeln könnten, ist weit verbreitet, wohl vor allem durch entsprechende Überschriften verschiedener Medien wie etwa der FAZ („Lockdown verstärkt Depression“) oder des BR („Zunahme von Depressionen“). 

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Anhaltspunkte dafür: So kamen Forscher hinter der „NAKO Gesundheitsstudie“, der größten Langzeitstudie Deutschlands, Ende 2020 zu dem Ergebnis, dass Infektionen mit dem Coronavirus und die ersten landesweiten Corona-Maßnahmen im Frühjahr 2020 „vor allem junge bis mittelalte Menschen psychisch belastet“ haben. Und weiter: „Unter 60-Jährige berichteten demzufolge über zugenommene Symptome von Angst und Depressionen, junge Frauen besonders stark. Aber auch der Anteil derjenigen mit moderat bis schwer ausgeprägten depressiven Symptomen stieg insgesamt von 6,4 auf 8,8 Prozent an. Die Befragung ergab außerdem, dass selbst-empfundener Stress in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern zunahm.“

Hierbei geht es jedoch um persönliche Befragungen zu einer Zunahme von Symptomen einer Depression während des ersten Lockdowns; nicht um mehr neue, diagnostizierte Fälle von Depression im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Um hierfür Daten zu erhalten, fragten wir wieder bei allen deutschen gesetzlichen Krankenkassenverbänden an: beim AOK-Bundesverband, dem VDEK, dem BKK-Dachverband, dem IKK-Verband, der Knappschaft sowie der SVLFG.

Antworten erhielten wir vom AOK-Bundesverband, dem VDEK und dem BKK-Dachverband.

AOK: Der Trend zu längeren Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen verstärkt sich

Ein Sprecher des AOK-Bundesverband schrieb uns basierend auf einer Pressemitteilung des Wissenschaftlichen Institutes der AOK von März 2021: „Sie sehen, dass es bei den psychischen Erkrankungen im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr zwar weniger Fälle gab, dass aber die Dauer der Krankschreibungen deutlich gestiegen ist. Das gilt auch für die Depressionen und für die Diagnose ‘Burnout’.“ Damit, so der Sprecher weiter, verstärke sich der Trend der letzten Jahre zu immer längeren Krankschreibungen aufgrund von psychischen Erkrankungen.“ 

Vermutet wird laut der Pressemitteilung, dass psychisch erkrankte Beschäftigte in der ersten Lockdown-Phase „aus Angst vor Ansteckung auf einen Arztbesuch verzichtet haben“. Diejenigen, die sich an eine Praxis wandten, seien aber offenbar durch die Folgen der Pandemie „besonders belastet und über einen längeren Zeitraum“ arbeitsunfähig gewesen.

Aus einer Pressemitteilung des Wissenschaftlichen Dienstes der AOK (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Ein Sprecher der VDEK schrieb uns: „Leider liegen uns keine Daten vor, aus denen wir Aussagen über das Aufkommen von Krankschreibungen wegen Depressionen ableiten können.“ Der Sprecher verwies auf eine Mitteilung der Techniker Krankenkasse von Februar 2021. Dort wird TK-Chef Jens Baas zitiert: „Während bei fast allen Diagnosen ein Rückgang festzustellen ist, haben die Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme auch 2020 wieder leicht zugenommen. Diesen Trend beobachten wir seit mehreren Jahren, nicht erst seit Corona. Mit einem Anteil von rund 20 Prozent machen die psychischen Diagnosen damit das dritte Jahr in Folge den höchsten Anteil der krankheitsbedingten Fehlzeiten aus noch vor Rückenbeschwerden und Erkältungskrankheiten.

Eine Sprecherin des BKK-Dachverbands antwortete uns auf unsere Anfrage: „Für den angefragten Zeitraum liegen uns voraussichtlich erst Mitte 2021 valide Daten vor.“ Allerdings würden die Daten des Dachverbands nur den Teil der Betroffenen abbilden, die aufgrund Ihrer Erkrankung professionelle Hilfe in Anspruch nehmen oder genommen haben. Die Frage nach der Entwicklung der Häufigkeit und Verbreitung von psychischen Erkrankungen ließe sich anhand dieser Daten jedoch nicht beantworten. „Dies haben wir an verschiedenen Stellen (u.a. im BKK Gesundheitsreport 2019) ausführlich dargelegt.“

Die Sprecherin zieht basierend auf einer Studie zu psychischen Störungen von 2014 das Resümee: „Die Prävalenz psychischer Störungen hat sich in den vergangen 15 Jahren (trotz Euro- und Bankenkrise) nahezu nicht verändert. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich dieser Befund aufgrund einer aktuelle Krise bedeutsam verändert.“ Der Anstieg in den Versorgungskennzahlen sei der in den letzten Jahren zunehmenden Entstigmatisierung und Sensibilisierung für psychische Erkrankungen zuzurechnen. „Deshalb ist die Zunahme in den Versorgungskennzahlen eher positiv zu bewerten, da richtigerweise mehr Betroffene professionelle Hilfe suchen und auch finden.“ 

Klar scheint also: die Lockdown-Phasen haben die Situation bei bereits erkrankten Personen verschlechtert, diese nahmen vermutlich aus Angst vor Corona-Ansteckungen teils weniger ärztliche Hilfe in Anspruch. Gleichzeitig melden einige Krankenkassen, dass sich die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Probleme erhöht habe. Doch die Behauptung, dass es während der Lockdowns mehr Fälle von Depressionen, beziehungsweise mehr Menschen gegeben habe, die eine Depression entwickelten, lässt sich anhand der vorliegenden Daten der Krankenkassenverbände nicht eindeutig beantworten. Belege dafür fehlen.

5. Behauptung: Häusliche Gewalt gegen Kinder sei „dramatisch gestiegen“

Bewertung: Unbelegt

„Etwa fünf Prozent der statistisch Befragten gaben an, ihren Kindern Gewalt angetan zu haben“, steht in dem Facebook-Beitrag. Dieser Zahl fehlt Kontext – und sie stammt aus der Schweiz. Unsere Recherchen zeigen: Einen Beleg für einen „dramatischen Anstieg“ in Deutschland gibt es nicht. 

Als Quelle für die Behauptung dient ein Artikel der Schweizer Webseite 20 Minuten vom 15. November 2020. Dieser beruft sich auf eine repräsentative Befragung der Hochschule Luzern. Demnach gaben 4,5 Prozent der Befragten an, dass es zu Gewalt gegenüber ihren Kindern gekommen sei. Im Sommer sei der Wert auf 5,6 Prozent gestiegen.

Es wurden etwas mehr als 1.000 Personen in der Schweiz vom 12. bis 24. August 2020 befragt. Sie sollten schildern, wie das Familienleben war, einmal während des Lockdowns  von Mitte März bis 11. Mai 2020 und einmal während der vier Wochen vor der Befragung, also im Sommer ohne Lockdown (Kurzbericht, PDF Seite 2-3). 

Die Befragung zeigte, dass es nach dem Lockdown mehr Konflikte und Gewalt in Familien gab als während des Lockdowns. Am häufigsten sei es zu „psychischer Gewalt“ gekommen, zum Beispiel „wiederholten Beschimpfungen“. Auf Nachfrage teilte uns die Studienautorin und Gewaltforscherin Paula Krüger per E-Mail mit, das gelte auch für Gewalt gegen Kinder. 

In der Mitteilung der Hochschule steht, es sehe bisher nicht so aus, als sei es im Frühjahr „zum befürchteten starken Anstieg von innerfamiliärer Gewalt“ gekommen. Doch die Pandemie scheine „Folgen für das Familienklima“ zu haben. 

In ihrer E-Mail an uns schrieb Krüger, dass die Daten keinen Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie zulassen. Generell gehe sie aufgrund ihrer Arbeit davon aus, dass der Lockdown in der Schweiz nicht „die kritische Zeit mit Blick auf Gewalt gegen Kinder“ war, sondern die lange Dauer der Pandemie einen stärkeren Einfluss habe. 

Auszug aus der E-Mail von Paula Krüger von der Hochschule Luzern (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Daten sind nicht vergleichbar – es wird von einer großen Dunkelziffer ausgegangen

In Deutschland haben die Technische Universität München und das RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung eine ähnliche Umfrage durchgeführt. Es wurden rund 3.800 Frauen zwischen dem 22. April und 8. Mai 2020 nach dem vorangegangenen Monat befragt, also der Zeit des ersten Lockdowns in Deutschland. „In 6,5 Prozent der Haushalte wurden Kinder von einem Haushaltsmitglied körperlich bestraft.“ Bei Familien mit Kindern unter zehn Jahren seien es 9,2 Prozent. 

Risikofaktoren seien häusliche Quarantäne, finanzielle Sorgen, Kurzarbeit oder Jobverlust und bestehende Depressionen. Die Autorinnen der Studie weisen jedoch ebenfalls darauf hin, dass ein Vergleich mit Daten vor der Pandemie nicht aussagekräftig sei. Ob es zu einem Anstieg von Gewalt kam, ist also unklar. 

Wie der MDR im Dezember berichtete, ist ein Problem bei häuslicher Gewalt stets die  Dunkelziffer, also die Fälle, die nirgends gemeldet werden. Nach Einschätzung von Expertinnen, zum Beispiel bei Interventionsstellen, könnten die Folgen des Lockdowns erst später sichtbar werden. 

Eine Auswertung der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik der Technischen Universität Dortmund zeigte von Mai bis Juli 2020 keinen nennenswerten Anstieg der gemeldeten Kindeswohlgefährdungen durch die Jugendämter im Vergleich zum Vergleichszeitraum 2016-2018 (PDF, Seite 36). Zu demselben Ergebnis kam auch eine Befragung der Jugendämter durch das Deutsche Jugendinstitut von 23. April bis 12. Mai 2020. Diese Auswertungen bilden das mögliche Dunkelfeld jedoch nicht ab. Dadurch, dass Schulen und Kitas, die normalerweise häufig Fälle melden, geschlossen seien, könnte dieses Dunkelfeld gewachsen sein. Belastbare Zahlen gibt es dazu nicht.

Fazit

Unsere Recherchen zeigen: Für keine der Behauptungen im Facebook-Beitrag – mehr Verstorbene durch Herzinfarkte, 50.000 verschobene Krebsoperationen, mehr Tote durch Schlaganfälle, drastisch höhere Depressions-Zahlen und ein Anstieg von häuslicher Gewalt gegen Kinder während der Lockdowns – gibt es ausreichend Belege. Einige Fragen können erst zu einem späteren Zeitpunkt beantwortet werden, bei anderen fehlt die statistische Grundlage ganz.

Hilfe holen
Falls Sie unter Depressionen leiden oder Sie Suizidgedanken plagen, finden Sie bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Sie können sich dort anonym und vertraulich beraten lassen. Online finden Sie beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe Unterstützung. 

Redigatur: Uschi Jonas, Steffen Kutzner

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Author: Till Eckert