Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Nein, das Tragen von Alltagsmasken führt nicht zu Sauerstoffmangel im Gehirn

Eine Frau, die sich selbst als Neurologin vorstellt, suggeriert in einem Video, beim Maskentragen käme es zu Sauerstoffmangel im Blut und dadurch würde das Gehirn geschädigt – besonders bei Kindern und Jugendlichen. Zudem behauptet sie, dass es sich bei Covid-19 nur um eine „mittelschwere Grippe“ handele. Das Video wurde mehr als 21.000 Mal auf Facebook geteilt und auch auf Youtube mehrfach hochgeladen. Auch die Seiten Journalistenwatch und Epoch Times berichteten darüber.

Wir haben bereits mehrere ähnliche Behauptungen in Faktenchecks überprüft, zum Beispiel hier, hier und hier

Unsere Recherchen ergaben: Die Behauptungen der Frau im Video sind größtenteils falsch. Das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen wirkt sich nicht auf die Sauerstoffversorgung im Gehirn aus – auch nicht bei Kindern und Jugendlichen. Zudem unterscheidet sich Covid-19 wesentlich von der Grippe. Beide Erkrankungen lassen sich nicht miteinander vergleichen. 

Wirkt sich das Tragen von Alltagsmasken auf die Sauerstoffversorgung im Gehirn aus? Das wird immer wieder im Internet behauptet, doch es stimmt nicht.
Wirkt sich das Tragen von Alltagsmasken auf die Sauerstoffversorgung im Gehirn aus? Das wird immer wieder im Internet behauptet, doch es stimmt nicht. (Quelle: Facebook / Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV)

Angebliche Neurologin behandelt in ihrer Praxis keine Krankheiten 

Die Frau stellt sich gleich am Anfang des Videos vor (Minute 0:26): „Mein Name ist Margareta Griesz-Brisson. Ich bin Neurologin mit Gutachterpraxis in Müllheim in Deutschland und neurologischer Praxis in London.“ 

Wir haben sie am 12. Oktober über ihre E-Mail-Adresse in Deutschland kontaktiert, erhielten darauf aber bis zur Veröffentlichung dieses Textes keine Antwort. Wir haben außerdem versucht sie telefonisch zu erreichen, doch die auf der Internetseite aerzte.de angegebene Nummer ist laut Ansage nicht vergeben.

Über eine Google-Suche zu ihrem Namen fanden wir keine Angaben zu einer „Gutachterpraxis“. Auch die Suche beim Bundesverband Deutscher Sachverständiger und Fachgutachter sowie bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg ergab keine Treffer. Den Namen Margareta Griesz-Brisson finden wir aber in einer Liste der Interdisziplinären Gesellschaft für Umweltmedizin e.V., wo sie 2005 als „Neurologin“ mit Sitz in Müllheim genannt wurde. Sie war dort offenbar bis 2015 Vorstandsmitglied, wie mehrere Veröffentlichungen des Vereins zeigen.

In London leitet Griesz-Brisson als medizinische Direktorin die „London Neurology & Pain Clinic“. Das private Unternehmen bietet Behandlungsmethoden wie Schmerztherapien an. CORRECTIV erfuhr auf Nachfrage bei der Regulierungsbehörde für Gesundheits- und Sozialfürsorgedienste in England, der Care Quality Commission (CQC), dass das Unternehmen dort offenbar nicht registriert ist. „Das könnte daran liegen, dass dort keine sogenannten ‘Reglementierten Aktivitäten‘ durchgeführt werden“, schrieb uns ein Sprecher der CQC per E-Mail. Unternehmen, die zum Beispiel die Behandlung von Krankheiten oder medizinische Vorsorge anbieten, müssen sich in England bei der CQC registrieren lassen. 

Auszug aus der E-Mail eines Sprechers der Regulierungsbehörde für Gesundheits- und Sozialfürsorgedienste in England.
Auszug aus der E-Mail eines Sprechers der Regulierungsbehörde für Gesundheits- und Sozialfürsorgedienste in England. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Internetseite der „London Neurology & Pain Clinic“ wird explizit darauf hingewiesen, dass dort keine Krankheiten behandelt würden. „Die Behandlungsmethoden richten sich nicht an die Pathologie, sondern ausschließlich an die menschliche Physiologie.“ Als Pathologie wird die Krankheitslehre bezeichnet, Physiologie ist die Wissenschaft von Funktionen und Abläufen im Organismus.

Laut Internetseite können Patienten dort auch „SARS-CoV-2/Covid-19-Immunitätstests“ sowie „Immunitätszertifikate“ erhalten.

Erste Behauptung: Beim Tragen eines Mundschutzes atmet man zu viel CO2 ein

Im Video behauptet Griesz-Brisson in Bezug auf die Mund- und Nasenbedeckung (ab Minute 3:02): „Die Rückatmung unserer Ausatemluft oder bei Rückatmung oder durch Rückatmung unserer Ausatemluft [sic] entsteht unvermeidbar Sauerstoffmangel und eine Kohlendioxidüberflutung [gemeint ist hier CO2]. Wir wissen aber, dass das menschliche Gehirn sehr empfindlich auf Sauerstoffmangel reagiert.“ Der Sauerstoffmangel würde „degenerative Prozesse“ im Gehirn verstärken.

Belege für ihre Behauptung nennt die Neurologin nicht. Bereits zuvor hat CORRECTIV mehrere Experten befragt, die solchen Behauptungen widersprachen. 

Dominic Dellweg ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und Chefarzt der Pneumologie & Intensivmedizin im Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft. Er schrieb uns im Mai auf Anfrage: „Die Maske ändert die Zusammensetzung der eingeatmeten Luft nicht. Alle Moleküle der Raumluft; und das sind im wesentlichen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid; können die Maske passieren und werden nicht abgefiltert.“ Eine eng anliegende Maske habe keinen „wesentlichen Totraum“. Totraum meint die Menge an Luft, die nach der Ausatmung in der Maske bleibt und wieder eingeatmet wird. Da dieser kaum vorhanden sei, komme es nicht zu einem Anstieg von CO2 im Blut, schrieb Dellweg weiter.

Auch die München Klinik, ein Verbund städtischer Krankenhäuser in der Landeshauptstadt, hat die Behauptung zu Kohlendioxid in einem Facebook-Beitrag als falsch bewertet. CO2 sei ein Gas, das nicht am Stoff hängen bleibe. Mit jedem Atemzug komme genug frische, sauerstoffreiche Luft in die Lungen, heißt es in dem Beitrag vom 19. Mai.

Die München Klinik erklärte am 19. Mai 2020 auf Facebook: Die Behauptung, unter Masken sammele sich gefährliches CO2, sei falsch.
Die München Klinik erklärte am 19. Mai 2020 auf Facebook: Die Behauptung, unter Masken sammele sich gefährliches CO2, sei falsch. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schrieb auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail: „Dass man mehr CO2 einatmet, stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon.“ Gerade das Tragen von mehrlagigen, sehr dichten und eng anliegenden Mund-Nasen-Bedeckungen könne beispielsweise für ältere Menschen oder für Menschen mit chronischen Lungenkrankheiten sehr anstrengend sein.

Und: Wie wir hier in einem Faktencheck berichtet haben, verhindern auch die DIN-Normen für Masken, dass man zu viel CO2 einatmet. 

Zwischenfazit: Es stimmt nicht, dass es beim Masketragen zu Sauerstoffmangel und einer Kohlendioxidüberflutung im Blut kommt. Folglich gibt es auch keine Auswirkungen auf die Sauerstoffversorgung im Gehirn. 

Zweite Behauptung: Kinder und Jugendliche dürften keine Maske tragen

Griesz-Brisson stellt eine weitere Behauptung auf (ab Minute 8:48): Kinder und Jugendliche dürften auf keinen Fall eine Maske tragen, weil der Sauerstoffmangel ihre Entwicklung beeinträchtigen würde. „Für Kinder und Jugendliche sind Masken ein absolutes Nono! […] Das Gehirn eines Kindes oder eines Jugendlichen dürstet nach Sauerstoff. […] Sauerstoffmangel hemmt die Entwicklung des Gehirns – und der dadurch entstandene Schaden kann nicht rückgängig gemacht werden.“

Wir haben bei dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Till Reckert, nachgefragt, ob das Tragen einer Maske zu Sauerstoffmangel im Gehirn führen könne. Er schrieb uns in einer E-Mail am 15. Oktober: „Nein. Das ist nicht relevant. Die Kollegin [im Video] bringt auch keinerlei Belege für Ihre Behauptungen. Stark immunsupprimierte Kinder auf der Onkologie genauso wie Ärzte, Chirurgen etc. tragen schon immer OP-Masken.“

E-Mail-Antwort an CORRECTIV von Till Reckert, Kinderarzt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. (Quelle: E-Mail von Till Reckert / Screenshot: CORRECTV)
E-Mail-Antwort an CORRECTIV von Till Reckert, Kinderarzt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. (Quelle: E-Mail von Till Reckert / Screenshot: CORRECTV)

Reckert wies aber auch daraufhin, dass Masken bei sehr kleinen Kindern nicht nötig und auch nicht praktikabel seien. Diesbezüglich schrieb er: „Masken können die Entwicklung beeinträchtigen, weil das Wahrnehmen menschlicher Mimik beeinträchtigt wird. Dies ist insbesondere für kleine Kinder wichtig. Daher ist es gut, dass der Kindergarten maskenfrei ist.“

Der Experte Herbert Grundhewer betonte bereits im April in einer gemeinsamen Stellungnahme des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: „Bei gesunden, wachen Kindern geht von einer MNB [Mund-Nasen-Bedeckung] keine Gefahr der Anschoppung von CO2 aus, wenn die MNB nicht als Knebel verwandt wird.“ 

Schutzmasken dürften jedoch nicht bei Säuglingen oder Kindern eingesetzt werden, die nicht in der Lage sind, die Maske jederzeit zu entfernen. Kinder unter sechs Jahren sind in den meisten Bundesländern aber ohnehin von der Maskenpflicht befreit.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Maskenpflicht ab dem Schulalter in zeitlich begrenztem Umfang vertretbar“

Laut der Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gelte aus medizinischer Sicht „eine Maskenpflicht ab dem Schulalter in zeitlich begrenztem Umfang als vertretbar“. 

Sie bezieht sich auf eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin vom 24. April 2020. Demnach sei es „sinnvoll und auch längerfristig zumut- und umsetzbar, wenn Kinder ab dem Grundschulalter im öffentlichen Raum […] eine Maske tragen“. Es wird aber darauf hingewiesen, dass Vorsicht geboten sei, wenn das Kind „aufgrund einer akuten oder chronischen Erkrankung der Atemwege oder des Herzkreislaufsystems“ in seiner Lungenfunktion eingeschränkt sei.

Kurzfristige Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zum Tragen von Masken bei Kindern zur Begrenzung der Ausbreitung von SARS-CoV-2.
Kurzfristige Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zum Tragen von Masken bei Kindern zur Begrenzung der Ausbreitung von SARS-CoV-2. (Quelle: DGKJ, Screenshot: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Mehrere Kinder- und Jugendverbände bezeichnen das Tragen einer Maske bei gesunden Kindern ab sechs Jahren als unbedenklich. 

Dritte Behauptung: Corona ist angeblich nur eine mittelschwere Grippe

Die Frau stellt in ihrem Video eine weitere Behauptung auf, die sie aber nicht weiter ausführt. Bei Minute 0:46 sagt sie: „Corona hat sich als mittelschwere Grippe entpuppt“. Damit suggeriert sie, dass es sich bei Covid-19 und der Grippe (Influenza) um die gleiche Erkrankung handele. 

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreite sich die Influenza wegen ihrer kürzeren Inkubationszeit schneller als Covid-19. Gleichwohl deuteten die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse darauf hin, dass es bei Covid-19 mehr schwere Infektionsverläufe gebe als bei einer Influenza-Infektion. 

Ende August veröffentlichte das Robert-Koch-Institut die Information, dass sich Covid-19 durch „eine höhere Letalität und lange Beatmungsdauer“ von schwer verlaufenden Atemwegsinfektionen in Grippewellen unterscheiden würde.

Grundsätzlich seien Covid-19 und Influenza zwei unterschiedliche Atemwegserkrankungen, wie die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) schreibt. Demnach unterscheiden sich die Krankheiten nicht nur in Symptomen und Verlauf, sondern werden auch durch unterschiedliche Viren verursacht. Der Vergleich lässt sich auch auf den Seiten der WHO und der Johns-Hopkins-Universität nachlesen.

Fazit: Die Aussagen der Frau führen in die Irre, bei Covid-19 handelt es sich nicht um eine mittelschwere Grippe. Zudem haben uns mehrere Experten bestätigt, dass das Tragen von Alltagsmasken nicht zu Sauerstoffmangel im Gehirn führt. 

Redigaturen: Bianca Hoffmann, Steffen Kutzner

The post Nein, das Tragen von Alltagsmasken führt nicht zu Sauerstoffmangel im Gehirn appeared first on correctiv.org.

Auch ein interessanter Artikel:  Ich lag falsch. (Bildung ist nicht alles)

Kommentare sind deaktiviert.