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So dreist täuscht BILD über Long-Covid für Querdenker-Klicks!

So manipulativ ist die BILD-Darstellung einer Studie zu Long-Covid

Eine Studie hat herausgefunden, dass 95% aller derjenigen, die kein Long-Covid bekommen haben, im Vorjahr einen Arzt oder eine Ärztin besucht haben. Und bei denjenigen, die Long-Covid bekommen haben, waren es 97%. Was macht das Desinformationsblatt BILD daraus? Am 13.07. titelte sie: „Fast alle Long-COVID-Patienten bereits vorher krank“. Damit hat sie technisch gesehen recht, es ist aber eine dreist einsteige Darstellung (Quelle).

Weil sie die wichtigen Punkte der zitierten Studie verschwiegen hat. Denn wie gesagt: auch „fast alle“ Personen der Kontrollgruppe waren bereits vorher in ärztlicher Behandlung (Quelle). Einleitend rekapituliert BILD noch einige Aussagen, mit denen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) das Risiko eines langwierigen Long-COVID-Verlaufs betonte (Quelle). Nur um diese Warnung dann mithilfe der einseitig dargestellten Studienergebnisse zu negieren.

Kontrollgruppe wird von BILD einfach unterschlagen

Die besagte Fall-Kontroll-Studie hat sich die Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen von 2020 und 2021 angesehen, um das Verhalten von Long-COVID-Patient:innen in Bezug auf medizinische Versorgungsleistungen zu untersuchen. Für die Kontrollgruppe wurden Menschen ohne Post-COVID-Diagnose ausgewählt, die zudem bis dato keine bestätigte Corona-Infektion hatten (Quelle). Die Studie fand heraus: In punkto Inanspruchnahme der Versorgungsleistungen in 2020 unterscheiden sich Fall- und Kontrollgruppe nicht maßgeblich. Bei den Long-COVID-Patient:innen beläuft sich der Anteil derer, die bereits im Vorjahr in ärztlicher Behandlung waren auf 97 Prozent, bei der Kontrollgruppe auf knapp 95 Prozent (Quelle). Dennoch erwähnt BILD eben diese Kontrollgruppe mit keinem Wort.

Quelle: aerzteblatt.de

Bestimmte Vorerkrankungen sind eher mit Long-COVID in Verbindung zu bringen

Das Boulevardblatt bemerkt dann aber ganz richtig, dass Vorerkrankungen wie Depressionen, Adipositas und Bluthochdruck häufiger in der Fallgruppe zu finden sind. In den Ergebnissen führt die Studie zudem Rücken- und Bauchschmerzen sowie Anpassungs- und somatoforme Störungen auf (Quelle). Doch auch hier ist die Kontrollgruppe nicht gänzlich unbelastet: 34 Prozent leiden an Bluthochdruck, 12,6 Prozent an Adipositas, 13,3 Prozent an Depressionen.

Quelle: aerzteblatt.de

Dennoch kommen auch die Autor:innen der Studie zu dem Schluss: „Die vorliegende Sekundärdatenanalyse ergab eine höhere Wahrscheinlichkeit von Post-COVID-19 bei Patienten mit somatischen und psychischen Vorerkrankungen, worauf auch frühere Studien hingewiesen haben.“ (Quelle). Der Tenor der BILD lautet daraufhin: Man müsse der Angst vor einer potentiell schwerwiegenden Post-COVID-Erkrankung entgegentreten. Auch „den Fall der jungen Frau, die noch nie etwas hatte und dann nach Infektion unter massiven Long-Covid-Komplikationen leidet“ sei laut dem Chef des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung „sehr, sehr selten“ (Quelle).

Vorerkrankungen bleiben häufig unerkannt

Was dabei womöglich aus den Augen geriet: Auch mit Vorerkrankung kann Long-COVID plötzlich und überrumpelnd auftreten. Denn einige der Erkrankungen, die die Studie in Zusammenhang mit Long-COVID stellt, bleiben häufig unerkannt. In Deutschland leidet beispielsweise jeder fünfte Mann und jede zehnte Frau unter Bluthochdruck – ganz ohne es zu ahnen (Quelle). Auch Menschen mit Depressionen wissen nicht immer über ihren psychischen Zustand Bescheid. Laut epidemiologischen Untersuchungen wird die Erkrankung nur bei etwa der Hälfte der Betroffenen richtig diagnostiziert (Quelle).

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So verhält es sich übrigens mit den meisten psychischen Erkrankungen (Quelle). Doch genau jene macht der Neurologe Christoph Kleinschnitz in der BILD zum Hauptverantwortlichen: „Psychiatrische Vorerkrankungen sind der größte Risiko-Faktor bei Long Covid.“ (Quelle) Vielleicht ist der sehr überraschende Long-COVID-Verlauf dann also doch nicht so selten?

Übrigens: Neben BILD hat auch das Zentralinstitut der kassenärztlichen Versorgung die Ergebnisse der Fall-Kontroll-Studie sehr einseitig ausgelegt. Auch hier hieß es in einem Tweet: „96% der #LongCovid-Fälle waren im Jahr zuvor bereits in ärztl. Behandlung.“ (Quelle) Angehängt befand sich besagter Artikel der BILD-Zeitung.

Die Angst sollte keinem Leichtsinn weichen

Die Intention, irrationale Ängste vor einem Long-COVID-Verlauf zu nehmen und ängstliche Personen ein wenig zu beruhigen, ist erstmal nicht verwerflich. Doch sind die Ängste mit Blick auf viele anekdotische Berichte von unerklärlichen schweren Verläufen nicht gänzlich unbegründet (Quelle, Quelle). Und bei all den beruhigenden (und leider einseitigen) Worten sollte die Vernunft nicht über Bord geworfen werden – letztlich schützt ein wachsamer Umgang mit dem Virus und dem eigenen Körper am besten vor einem schweren, langwierigen Verlauf. Doch diese Info bringt der BILD-Zeitung wohl nicht genügend Klicks. Die Darstellung, dass „gesunde“ Menschen (und ein Arztbesuch macht einen nicht „krank“, sonst sind wir alle „krank“), keine Sorgen haben müssten, ist schlicht falsch. Dürfte Corona-Verharmloser:innen wie von „Querdenken“ aber gefallen. Aber was erwartet man auch von BILD?

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Artikelbild: shutterstock.com / Screenshots

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