Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Abgehängt in Köln – Wenn die Postleitzahl entscheidet: Geht in diesen Hochhäusern die Demokratie kaputt?

18 min geschätz­te Lese­dau­er

War­um Vla­di­mir Titov sein Ver­trau­en in den Staat ver­lo­ren hat, lässt sich wohl am bes­ten an den Wän­den sei­ner Woh­nung able­sen. Dicke Trop­fen hän­gen an der Decke des Bade­zim­mers. In gleich­mä­ßi­gem Rhyth­mus fal­len sie in einen Eimer auf dem Boden. Ein mod­rig-fau­ler Geruch liegt in der Woh­nung. Gestützt auf eine Krü­cke hum­pelt Titov durch die Zim­mer, bleibt immer wie­der ste­hen, flucht in einer Mischung aus Rus­sisch und Deutsch, fuch­telt mit der Geh­hil­fe und zeigt auf dunk­le, feuch­te Stel­len an Wän­den und Decken sei­ner Zwei-Zim­mer-Woh­nung im 15. Stock eines Hoch­hau­ses an der Oslo­er Stra­ße, Köln-Chor­wei­ler. „Foto­gra­fie­ren Sie das alles!“, ruft er der Foto­gra­fin zu. „Alles sol­len Sie sehen!“

„Hier auch!“, ruft Titov und hum­pelt in Rich­tung Koch­ni­sche. „Funk­tio­niert nicht mehr gut“, sagt Titov und zeigt auf die von schwar­zem Schim­mel über­zo­ge­ne Spü­le. Dann lacht er bit­ter. Es wird das letz­te Mal sein, dass man ihn an die­sem Tag lachen hört.

Hochhäuser auf der Osloer Straße seit Jahren berüchtigt

Unter den Men­schen in Chor­wei­ler sind die drei Hoch­häu­ser an der Oslo­er Stra­ße 2–6 berüch­tigt. Mehr als 900 Men­schen leben dort in etwa 400 Haus­hal­ten. Seit Jah­ren berich­ten Mie­te­rin­nen und Mie­ter von Schim­mel, der nicht besei­tigt wird, von Kaker­la­ken, von Auf­zü­gen, die aus­fal­len und nicht repa­riert wer­den. Ein­ge­zäunt ragen die drei Häu­ser direkt am Stadt­teil­zen­trum in den Him­mel. Wie lan­ge das Gerüst ihnen schon die Sicht in den Köl­ner Nor­den nimmt, kön­nen vie­le Bewoh­ner nicht mehr sagen.

Vla­di­mir Titov lebt seit Jah­ren mit Schim­mel in sei­ner Woh­nung.

Copy­right: Mar­ti­na Goy­ert

Alles zum Thema Ordnungsamt Köln


The­ma:Stadt­rat Köln

Die­se Redak­ti­on hat mehr­fach über die Häu­ser berich­tet. Immer wie­der waren die Pro­ble­me The­ma in der Bezirks­ver­tre­tung, in Aus­schüs­sen, sogar im Land­tag. Für die Mie­te­rin­nen und Mie­ter ver­bes­sert hat sich kaum etwas. Was macht es mit Men­schen wie Vla­di­mir Titov, wenn sie seit Jah­ren unter sol­chen Bedin­gun­gen leben — teils in Woh­nun­gen, die krank machen kön­nen? Wie gehen sie damit um, dass sich schein­bar nie­mand dau­er­haft zustän­dig fühlt? Und was bedeu­tet das für ihren Blick auf die Demo­kra­tie, auf die viel­be­schwo­re­ne Hand­lungs­fä­hig­keit des Staa­tes?

bdeae a c b ca
Abge­hängt in Köln. Wenn die Post­leit­zahl ent­schei­det. Eine Recher­che über eine geteil­te Stadt – und die gro­ßen Fra­gen an den Sozi­al­staat

Copy­right: Gra­fik: Flo­ri­an Sum­me­rer

In kei­nem Köl­ner Stadt­teil war die Wahl­be­tei­li­gung bei der ver­gan­ge­nen Kom­mu­nal­wahl so nied­rig wie in Chor­wei­ler: 24,5 Pro­zent. Nir­gend­wo sonst bekam die AfD so vie­le Stim­men (27,4 Pro­zent). Chor­wei­ler war das ein­zi­ge Veedel Kölns, in dem die AfD stärks­te Par­tei wur­de. Gibt es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Schim­mel in Vla­di­mir Titovs Woh­nung und der Zustim­mung zum Rechts­po­pu­lis­mus?

ecbd cd df adbdfa
Nir­gend­wo sonst stadt­weit bekam die AfD so vie­le Stim­men (27,4 Pro­zent) bei der Kom­mu­nal­wahl wie in Chor­wei­ler.

Copy­right: Gra­fik Sum­me­rer

Fest steht jeden­falls: Armut nährt Miss­trau­en. Umso mehr, wenn das Grund­recht Woh­nen zur Ware wird und nie­mand hilft, wenn Inves­to­ren ihre Woh­nun­gen ver­wahr­lo­sen las­sen. Für Köln bestä­tigt eine aktu­el­le Unter­su­chung des Poli­tik­wis­sen­schaft­lers Sebas­ti­an Kur­ten­bach die­se Ten­denz. Er befrag­te Men­schen in Chor­wei­ler, Kalk, Sülz und Wei­den unter ande­rem dazu, wie groß ihr Zutrau­en in die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen ist. In Chor­wei­ler sag­te jeder Drit­te, er habe in den Staat über­haupt kein Zutrau­en. In Kalk sag­te das nur jeder Sieb­te.

defe d e b bfdc
In der Woh­nung von Vla­di­mir Titov wucht­ert über­all der Schim­mel.

Copy­right: Mar­ti­na Goy­ert

Wer mit Julia Ecker und Mari­on Küp­pers vor­bei am Liver­poo­ler Platz, hin­ein in die Sei­ten­stra­ßen, ent­lang der Hoch­haus­schluch­ten läuft, gewinnt einen ande­ren Ein­druck von Chor­wei­ler. Ecker arbei­tet im Büro für Gemein­we­sen­ar­beit der katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de, Küp­pers in der dazu­ge­hö­ri­gen Mie­ter­kon­takt­stel­le; bei­de ken­nen die Pro­ble­me des Stadt­teils. Und trotz­dem sagen sie: Chor­wei­ler ist nicht das Zerr­bild, das vie­le im Kopf haben. „Die­ses Kli­schee vom armen, gefähr­li­chen Hoch­haus­vier­tel greift viel zu kurz“, sagt Küp­pers. „Die meis­ten Men­schen, denen ich begeg­ne, leben ger­ne hier.“ Ecker sagt: „In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat sich wirk­lich etwas bewegt.“

Vor rund zehn Jah­ren kauf­te die GAG in Chor­wei­ler etwa 1200 Woh­nun­gen im Zen­trum von Chor­wei­ler, sanier­te sie und wer­te­te die Bestän­de auf. Rund um die Hoch­häu­ser an der Oslo­er Stra­ße, der Flo­ren­zer Stra­ße und der Stock­hol­mer Stra­ße ent­stan­den Spiel­plät­ze und klei­ne grü­ne Oasen, durch die Küp­pers und Ecker lau­fen. Der Kauf der Wohn­blocks beför­der­te Kölns Image als sozia­le Stadt, zumal er gegen den erbit­ter­ten Wider­stand von Klein­ak­tio­nä­ren durch­ge­foch­ten wur­de, die ihre Ren­di­te in Gefahr sahen.

cbbdaa c a e bffaaa
Mari­on Küp­pers (l.) und Julia Ecker arbei­ten als Sozi­al­ar­bei­ter in Chor­wei­ler.

Copy­right: Uwe Wei­ser

Schu­le gemacht hat das Leucht­turm­pro­jekt nicht. „Woh­nen ist und bleibt das gro­ße Reiz­the­ma hier“, sagt Ecker. Die GAG habe mit ihren Sanie­run­gen viel für das Veedel getan. „Aber eini­ge Hoch­häu­ser gehö­ren wei­ter pri­va­ten Immo­bi­li­en­fir­men, die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kaum oder gar nicht geküm­mert haben.“

Beson­ders groß ist der Frust in der Oslo­er Stra­ße 2–6. Seit Jah­ren beglei­ten Ecker und Küp­pers Mie­te­rin­nen und Mie­ter, deren Woh­nun­gen ver­fal­len — wäh­rend sie teils ähn­lich hohe oder sogar höhe­re Mie­ten zah­len als Nach­barn im nächs­ten Hoch­haus, die in einem sanier­ten GAG-Bestand leben. „Da ist eine Zwei-Klas­sen-Gesell­schaft ent­stan­den“, sagt Ecker. „Und die Men­schen sehen die­sen Unter­schied jeden Tag, wenn sie aus dem Fens­ter schau­en.“

Auch interessant:  Suchthilfe in Chorweiler: Brücken bauen und Unterstützung sichern

Anwohner blicken skeptisch auf neuen Eigentümer

Jetzt gibt es Hoff­nung: Ende 2025 ver­kauf­te die Zen­tral Boden Immo­bi­li­en­grup­pe die Hoch­häu­ser an die I‑Wohnen, es gibt einen neu­en Haus­ver­wal­ter, der umfang­rei­che Sanie­rungs­ar­bei­ten ange­kün­digt hat. Ers­te Arbei­ten haben im Mai tat­säch­lich begon­nen.

Doch dass sich mit dem neu­en Eigen­tü­mer wirk­lich etwas ändert, glau­ben vie­le Bewoh­ner nicht. Läuft man durch die Flu­re der drei Hoch­häu­ser, schlägt einem Skep­sis und Groll ent­ge­gen. Eine Bewoh­ne­rin sagt, dass es für die Zeit der Arbei­ten für sie kei­ne Ersatz­woh­nung gebe. Statt­des­sen sol­le sie wäh­rend der Sanie­rung Sani­tär­an­la­gen in Con­tai­nern im Erd­ge­schoss nut­zen. „Eine Zumu­tung“, sagt sie. Ande­re berich­ten von mas­si­ven Miet­stei­ge­run­gen.

i

Hans Jörg Depel vom Köl­ner Mie­ter­ver­ein nennt die Häu­ser an der Oslo­er Stra­ße „Schrott­im­mo­bi­li­en“: „Ich gehe mit die­sem Begriff nicht leicht­fer­tig um, aber hier trifft er zu.“ Dass es mit dem neu­en Eigen­tü­mer bes­ser wer­de, bezwei­felt er. Auch die Stadt sieht er in der Pflicht. Sie hät­te frü­her und ent­schie­de­ner ein­grei­fen kön­nen. „Man hät­te frü­her prü­fen müs­sen, inwie­weit ord­nungs­recht­lich ein­ge­schrit­ten wer­den kann.“

Sowohl der frü­he­re als auch der neue Eigen­tü­mer der Hoch­häu­ser ant­wor­ten nicht auf Fra­gen zu den Pro­ble­men in den Häu­sern. Die Stadt Köln teilt mit, die Män­gel an der Oslo­er Stra­ße sei­en ihr „seit meh­re­ren Jah­ren“ bekannt. Die Woh­nungs­auf­sicht füh­re dort zahl­rei­che Ver­fah­ren, unter ande­rem wegen Feuch­tig­keit und Schim­mel, Hei­zungs- und Warm­was­ser­aus­fäl­len sowie defek­ter Auf­zü­ge.

Man ste­he in engem Aus­tausch mit der neu­en Haus­ver­wal­tung; der vor­ge­leg­te Sanie­rungs­plan sei aus Sicht der Stadt „schlüs­sig“. Den Vor­wurf, nicht ent­schie­den genug ein­ge­grif­fen zu haben, weist die Stadt zurück: Man mache von Ord­nungs­ver­fü­gun­gen, Zwangs­mit­teln und Buß­geld­ver­fah­ren „regen Gebrauch“.

ecf a dd ad fdf
Ein­ge­zäunt ragen die drei Häu­ser an der Oslo­er Stra­ße in den Him­mel. Wie lan­ge das Gerüst ihnen schon die Sicht in den Köl­ner Nor­den nimmt, kön­nen vie­le Bewoh­ner nicht mehr sagen.

Copy­right: Mar­ti­na Goy­ert

Die Fra­ge ist, wie ener­gisch die Stadt gegen Eigen­tü­mer vor­geht, die ihre Immo­bi­li­en ver­nach­läs­si­gen. Auch in der Glas­hüt­ten­stra­ße in Porz, in Fin­ken­berg und Mesche­nich gibt es immer wie­der Beschwer­den über Auf­zü­ge, die mona­te­lang nicht saniert wer­den, Brand­schä­den, die nicht beho­ben wer­den, Woh­nun­gen, in den 13 statt drei Men­schen woh­nen, Unrat und Unge­zie­fer in Flu­ren und Vor­gär­ten, Mie­ter, die sich allein­ge­las­sen füh­len. Wäre das in Sülz, Klet­ten­berg, Dell­brück oder Lin­den­thal denk­bar?

Wäh­rend der Sanie­rung in der Oslo­er Stra­ße in Chor­wei­ler sol­len Sani­tär­con­tai­ner und Was­ser­ka­nis­ter bereit­ste­hen, für älte­re, kran­ke oder mobi­li­täts­ein­ge­schränk­te Mie­te­rin­nen und Mie­ter sei­en Aus­weich­woh­nun­gen sowie Tro­cken- und Bio­toi­let­ten vor­ge­se­hen. Der­zeit gebe es „kei­nen Anhalts­punkt, an der Ernst­haf­tig­keit der Pla­nun­gen und Rea­li­sie­rungs­ab­sicht zu zwei­feln“, teilt die Stadt mit.

Lea Brud­na bleibt skep­tisch. Sie wohnt ein paar Stock­wer­ke unter Vla­di­mir Titov. Brud­na wur­de als jüdi­scher Kon­tin­gent­flücht­ling in Deutsch­land auf­ge­nom­men, wie so vie­le Men­schen hier im Vier­tel. Drei Rohr­brü­che hat die 85-Jäh­ri­ge in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erlebt, erzählt sie. Zwei­mal ver­lor sie dabei ihre Möbel. Ein Jahr lang konn­te sie nicht in ihrer eige­nen Woh­nung schla­fen und leb­te bei ihrer Toch­ter Maria­na. Erst als ein wei­te­rer Rohr­bruch ihre Woh­nung über­flu­te­te, habe der Ver­mie­ter ein­ge­lenkt und ihr Ersatz zwei Häu­ser wei­ter ange­bo­ten.

bfcacc fb f cf
Lea Brud­na bleibt wie vie­le hier skep­tisch, ob sich wirk­lich etwas mit dem neu­en Eigen­tü­mer ändert.

Copy­right: Mar­ti­na Goy­ert

Ihre Toch­ter Maria­na, 56 Jah­re alt, wird wütend, wenn sie dar­an denkt. „Nicht nur mei­ne Mut­ter — in den Häu­sern woh­nen über­all alte Leu­te. Die hat­ten Angst und Panik. Und nicht jeder von ihnen hat Kin­der, die sich küm­mern kön­nen.“

Fühlt sie sich allein­ge­las­sen? Brud­na sagt: „Alle, mit denen ich gespro­chen habe, lächel­ten und waren nett zu mir. Aber pas­siert ist nichts.“ Brie­fe, Anträ­ge, per­sön­li­che Vor­spra­chen bei Ämtern und Ver­mie­tern habe es zur Genü­ge gege­ben. „Alles. Aber es hat nichts funk­tio­niert.“

Den Glau­ben an die Poli­tik habe ich schon lan­ge ver­lo­ren.

Maria­na Brud­na

Von Poli­tik wol­len Mut­ter und Toch­ter nichts wis­sen. Dass die AfD in Chor­wei­ler so erfolg­reich ist, ver­wun­dert sie nicht. Grund sei nicht die Zustim­mung zur Ideo­lo­gie der Par­tei, glaubt Maria­na Brud­na, son­dern die Erschöp­fung von Men­schen, die das Gefühl haben, dass sich nie­mand zustän­dig fühlt. „Das ist Frust“, sagt sie. „Wenn stän­dig etwas in der Woh­nung ist und du immer wie­der fragst, aber nur ver­trös­tet wirst und nie­mand Ver­ant­wor­tung über­nimmt, dann hast du irgend­wann genug. Den Glau­ben an die Poli­tik habe ich schon lan­ge ver­lo­ren“, sagt sie.

Auch interessant:  Müll und Ratten im Kölner Norden: Meldungen müssen endlich Folgen haben

Es könn­te noch einen wei­te­ren Grund für die Stär­ke der AfD in Chor­wei­ler geben. Immer wie­der wird Men­schen aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on, ins­be­son­de­re soge­nann­ten Russ­land­deut­schen, eine Nähe zu den extrem Rech­ten nach­ge­sagt — teils wegen kon­ser­va­ti­ver Ein­stel­lun­gen, teils, weil die AfD demons­tra­tiv Nähe zu Russ­land zeigt. Und der Anteil der Migran­ten aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on ist in Chor­wei­ler sehr hoch. Rund 12.000 Men­schen mit Wur­zeln aus dem post­so­wje­ti­schen Raum leben im Stadt­be­zirk, dar­un­ter soge­nann­te Russ­land­deut­sche, Spät­aus­sied­ler und jüdi­sche Kon­tin­gent­flücht­lin­ge. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren kamen vie­le Men­schen aus Syri­en, Afgha­ni­stan und vor allem aus der Ukrai­ne hin­zu.

Ein wich­ti­ger Anker­punkt für die Men­schen aus Ost­eu­ro­pa ist das Begeg­nungs­zen­trum der Syn­ago­gen-Gemein­de, kaum hun­dert Meter von der Oslo­er Stra­ße ent­fernt. Hin­ter der blau­en Fas­sa­de des Flach­baus ver­dich­ten sich nicht nur die Kon­flik­te des Vier­tels, son­dern auch glo­ba­le Kri­sen: der Krieg im Nahen Osten, der Krieg in der Ukrai­ne. Wie bri­sant die Fra­ge nach der Stär­ke der AfD ist, zeigt sich dar­an, dass zum Gespräch mit dem Lei­ter des Zen­trums, Ilya Rivin, kurz­fris­tig auch Abra­ham Leh­rer kommt, Vor­sit­zen­der der Köl­ner Syn­ago­gen-Gemein­de und Vize­prä­si­dent des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land.

edae abf c aeaa
Ilya Rivin in der Biblio­thek sei­nes Beg­nungs­zen­trums in Chor­wei­ler

Copy­right: Alex­an­der Schwai­ger

Als 2022 der Krieg in der Ukrai­ne begann, war die Syn­ago­gen-Gemein­de in Chor­wei­ler eine der ers­ten Anlauf­stel­len für Geflüch­te­te, erklärt Rivin. „Wir kön­nen Rus­sisch und Ukrai­nisch, wir sind aus­ge­bil­de­te Sozi­al­ar­bei­ter“, sagt er. „Und wir haben Erfah­rung mit trau­ma­ti­sier­ten Men­schen, weil wir seit Jah­ren mit Holo­caust-Über­le­ben­den arbei­ten.“

Doch im Vier­tel leben auch vie­le Men­schen, die sich als Rus­sen ver­ste­hen – und nun in der Syn­ago­gen-Gemein­de auf Men­schen tref­fen, die vor rus­si­schen Bom­ben geflo­hen sind. Der Krieg, der Tau­sen­de Kilo­me­ter ent­fernt tobt, sitzt in Chor­wei­ler mit am Küchen­tisch, im Trep­pen­haus, auf dem Markt­platz. Rivin gibt sich alle Mühe, dass er nicht auch in den Räu­men der Gemein­de tobt. „Wir sag­ten, dass wir auf kei­nen Fall Unter­stüt­zung anbie­ten für Men­schen, die ande­re Men­schen selek­tie­ren.“ Wer in das Begeg­nungs­zen­trum kommt, lässt den Krieg vor der Tür.

Nähe von russischsprachigen Einwanderern zur AfD?

Dass rus­sisch­spra­chi­gen Ein­wan­de­rern pau­schal eine Nähe zur AfD unter­stellt wird, hält Abra­ham Leh­rer für zu ein­fach. Ja, es gebe Men­schen, auch in der Gemein­de, die an der alten Hei­mat hin­gen und über rus­si­sches Fern­se­hen und Inter­net beein­flusst wür­den. „Aber dass das durch­gän­gig für unse­re Gemein­de­mit­glie­der gilt, glau­be ich nicht.“

Den Grund für die AfD-Stär­ke in Chor­wei­ler sieht er etwa in den ver­nach­läs­sig­ten Hoch­häu­sern. „Die Men­schen, die hier woh­nen, mit Eigen­tü­mern, mit Ver­wal­tungs­ge­sell­schaf­ten, die sich über­haupt nicht geküm­mert haben — die­se Frus­tra­ti­on, ich wür­de nicht aus­schlie­ßen, dass des­we­gen jemand AfD wählt.“ Dann wird Leh­rer grund­sätz­li­cher: „Wenn der sozia­le Auf­stieg gelingt, wird Chor­wei­ler schnell ver­las­sen. Es sind meis­tens Men­schen, die kaum eine Alter­na­ti­ve haben. Und die suchen dann wahr­schein­lich bei der AfD eine Lösung. Was in mei­nen Augen tota­ler Quatsch ist. Aber Extre­me fan­gen schnell Leu­te ein, die unzu­frie­den sind.“

ecab cdf b bfb cfeec
Abra­ham Leh­rer im Begeg­nungs­zen­trum Chor­wei­ler

Copy­right: Alex­an­der Schwai­ger

Den schlech­ten Ruf von Chor­wei­ler hält Rivin inzwi­schen für unbe­grün­det: „Als ich 2016 ange­fan­gen habe, habe ich viel öfter mit der Poli­zei kom­mu­ni­ziert. Aber seit der Coro­na-Zeit ist es hier ruhi­ger.“ Leh­rer sieht es nüch­ter­ner: „Was stimmt, ist die pre­kä­re Situa­ti­on hier. Die meis­ten Men­schen, die in die­sen Hoch­häu­sern woh­nen, sind auf öffent­li­che Hil­fe ange­wie­sen.“

Von den vie­len Men­schen, mit denen die­se Redak­ti­on in Chor­wei­ler gespro­chen hat, sag­te nie­mand, dass er das Vier­tel ver­las­sen wol­le. Nicht ein­mal Vla­di­mir Titov, der in sei­ner schim­mel­be­fal­le­nen Woh­nung im 15. Stock der Oslo­er Stra­ße lebt. Natür­lich, sagt er, möch­te er end­lich raus aus die­ser Woh­nung. Aber am liebs­ten in eine Senio­ren­woh­nung in der Nähe. „Das Haus hier soll­te am bes­ten abge­ris­sen wer­den. Das ist alles eine Kata­stro­phe, da lässt sich nichts mehr machen.“

Frü­her, sagt Titov, sei Chor­wei­ler ein schö­nes Vier­tel gewe­sen, bevor er ein Kli­schee ver­wen­det, das Popu­lis­ten auch gern nut­zen: Seit Jah­ren gehe es berg­ab. Nicht nur hier, son­dern im gan­zen Land. „Die gan­zen Men­schen, die hier­hin gekom­men sind, aus der Ukrai­ne oder aus Afri­ka, die kön­nen sich nicht beneh­men“, schimpft Titov. Des­we­gen wäh­le er die AfD. „Damit end­lich wie­der Ord­nung herrscht in die­sem Land und sich jemand um die Pro­ble­me küm­mert.“ Mit den Pro­ble­men, so scheint es, meint Titov vor allem auch sei­ne eige­nen vier Wän­de.

Gefällt Ihnen unse­re Bericht­erstat­tung?
Tei­len Sie Goog­le mit, dass Sie in Ihren Such­ergeb­nis­sen mehr von uns sehen möch­ten.
Mission News Theme by Compete Themes.